neue musik im spiegel der weltpresse

hihi. die korrekturen von moritz scheinen wohl gefruchtet zu haben. und jetzt wissen wir auch wirklich, was solche konzertankündigungen bedeuten: jetzt schafft es die neue musik sogar auf die startseite der bild-zeitung. also jungs und mädels: mehr missen, titten, fritten, dann wird das auch wieder was mit unserem publikum.

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echter aufreger: stangentanz. die gitarre hält ihr loch in die kamera. und der geiger reibt, äh, streicht, was das kollophonium hält.

echter aufreger: stangentanz. die gitarre hält ihr loch in die kamera. und der geiger reibt, äh, streicht, was das kollophonium hält.

ergänzung 17.11.: hier kommentiert das fzml in unseren kommentarspalten seine aktion.

Liebe Kollegen, (-innen debatieren ja, glaube ich nicht mit),

Danke erst mal für die vielen spannenden, merkwürdigen, geschmäcklerischen, reißerischen, verärgerten und insbesondere anregenden Kommentare.
Ein bisschen schade finde ich, dass auch hier das Bordellkonzert so im Fokus steht und zwar aus folgendem Grund: Das Konzert ist Teil einer Reihe die den Titel »FreiZeitArbeit« trägt und aus der Idee heraus entstanden ist, die (zeitgenössische) Musik dorthin zu tragen, wo sich das Publikum (während der Freizeit, der Arbeit oder auch auf dem Weg dorthin) aufhält – nachdem es ja recht offensichtlich die Konzerthallen verlassen hat, die wir (die KomponistInnen) so gerne gefüllt gesehen hätten.
Unbedingter Bestandteil der Konzeption ist, dass zwischen dem Ort und der Musik eine künstlerische Wechselwirkung entstehen muss und dass die Menschen, die vor Ort arbeiten mitmachen müssen.
Nun kann man das sicherlich ziemlich »old school« als als »Die Kunst geht zum Volke« im Sinne interventionistischer Projekte der 60er und 70er bezeichnen, aber ich denke, das ist allemal noch besser als mit den 10 Angehörigen der Musizierenden im Konzertsaal zu sitzen.
Ich kann einfach nichts negatives daran finden, wenn insbesondere Menschen, die vorher nicht oder kaum mit zeitgenössischen Inhalten in Berührung gekommen sind, sich plötzlich mit Ihnen beschäftigen – und das funktioniert ja nun schon seit geraumer Zeit.
Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass
-wir das Publikum sehr sehr ernst nehmen,
-bei der Konzeption keine Kompromisse machen,
-vielleicht nicht die KomponistInnen aufführen, die uns nützlich sein können,
-Ein Kuratoren/Dramaturgen-Team aus ganz unterschiedlichen Bereichen (auch jenseits der Neuen Musik) sind,
-keine öffentlichen institutionellen Gelder bekommen, sondern ausschließlich Aktivität an Hand von Projekten generieren und trotzdem als Institution seit Jahren funktionieren (müssen)?

Übrigens durchzieht diese vermittelnde Grundidee alle unsere Projekte: wir gehen auch an so genannte »Problemschulen«, arbeiten mit Flüchtlingen und Asylbewerbern und, ja, ja: auch mit Bordellbesitzern, Striptease-Tänzerinnen, Friedhofswächtern, Bademeistern und Co zusammen. Das ist natürlich nicht jedermanns Sache, das verstehe ich schon und ich verstehe auch aus der selbstauferlegten, inhaltlichen und strukturellen Strenge des (nicht nur) Neue Musik-Betriebs heraus, dass das manchem übel aufstößt. Ich finde es aber einfach unsinnig, heutzutage noch die Formate gegeneinander auszuspielen nach dem Motto: »was lassen die sich in Leipzig nicht alles einfallen, um die Leute in Neue Musik-Konzerte zu locken«.

Wie dem auch sei, ich finde es gut, dass es den Diskurs darüber gibt, wie und wo sich die Zeitgenössische Musik verorten soll. Weniger gut finde ich, dass die Skandalisierung sich ausgerechnet an diesem Projekt vollzieht. Das ist dann schnell nicht weit von den Benutzer-Kommentaren auf Bild.de (http://www.bild.de/community/bild/remoteArticles/10466958/comments/main) entfernt. Ich persönlich fand unser »Arbeitsamtskonzert« wesentlich diskussionswürdiger-obwohl ich natürlich befangen bin…

Liebe Grüße
Thomas

PS: weil das auch Thema war: hier der Artikel aus der Dresdner Morgenpost: http://www.fzml.de/files/mopo2.jpg

Musikjournalist, Dramaturg