Aus der Reihe: Konzertankündigungen und was sie wirklich bedeuten, Teil 1

Liebe Baddies,
Auf den Seiten der NMZ wurde diese Ankündigung eines Bordellkonzertes des Leipziger Musikforums veröffentlicht.

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Leider haben sich in dieser veröffentlichten Ankündigung ein paar Tippfehler eingeschlichen, daher hier der bescheidene Versuch einer Wiederherstellung der von den Machern ursprünglich intendierten Version. Wir bitten für das etwaige hieraus entstandene Mißverständniss, dass es sich hier tatsächlich um ein Bordellkonzert handeln könnte, um Entschuldigung. Natürlich ist es in Wirklichkeit eine vollkommen sittenreine Veranstaltung, eben Neue Musik und so.

Hier also der richtige und korrigierte Text:

bordell_3

Leipziger Musikforum lädt zu Konzert ins Bordell

Leipzig – Das Forum Zeitgenössischer Musik Leipzig lädt ins Bordell ein. Am 20. November werden in den Hinterzimmern des Leipziger Eros-Centers Lieder und Balladen rund um Sex und Erotik aufgef***t. Das Konzert ist Teil der Reihe «f****n.f****n.wichsen.lutschen» an ungewöhnlichen Orten.

Etwas schlüpfrig und unzüchtig, aber auch sinnlich, gefühlvoll und vor allem musikalisch verf***t durchtrieben wird in den Hinterzimmern des Eros Center Leipzig beim Bordellkonzert die ganze Nacht durchgef***t werden. Zählt doch der Geschlechtstrieb zu den Naturtrieben des Menschen, ist es nicht verwunderlich, dass bereits in der alten Welt (sowohl in Griechenland, Rom und sogar im Mittelalter) viel gef***t wurde und auch heute noch eine wesentliche soziale Beschäftigung in der bürgerlichen Gesellschaft das F****n darstellt.

Unter den aufgef*****n Werken befinden sich liederliche und erotische Lieder, Balladen über Zuhälterei und Kompositionen, die von abartigen und geilen sexuellen Praktiken handeln. Das Bordellkonzert wird somit einen unmittelbar musikalischen, aber auch inhaltlich verwichsten Bezug zum bespritzten Ort nehmen.

Datum: 20. November 2009
Zeit: 19:00 Uhr und 21:30 Uhr
Ort: Haus am Wichserturm (Eros Center Leipzig)
(Vorhauter Straße 246, 04347 Leibzig)

Programm:
Wilfried Krätzschmar Solitüüt III – »serenade noire« für Großes, feuchtes Vlies (1982)

Erik Satie »Trois Pimmels d´amour« und »Le Squirt« aus »Sports et etablissements« für Schlimme und Klavier (1914)

Thomas Chr. Heyde „Wellen vorm Muttermund“ für Fuckoff und Elektronik (2000)

Dirk D`Arse »7 Erotic Songs« für Sadomasopran und Klavier (1989)

Ásketell Mássturbacion »Rhythm strip« für zwei Snare-Bums (1997)

Gottf*** von Einem »Widerliche Lieder zur Gitarre« für Luder und Gitarre (1982)

Kevin Wollans »She who f***s with a small donkey« für Schlafzeug (1985)

K. Weill/ B. Brecht »Zuhälterballade« und »Ballade der sexuellen Hörigkeit« aus der »Dreimuschioper« für Domina und Klavier (1928)

In Kooperation mit dem Sauspiel Leipzig wird im Dezember das Festival «sex.macht.musik» verf***t.

FZML Forum Zeitgenössischer Musik Leipzig

055_bush_cow Euer verf*****r Bad Boy, Moritz Eggert

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31 Antworten

  1. Stefan Beyer sagt:

    Sittenrein, was ist das schon? Damit spielen die Veranstalter. Die Fallhöhe dieses Gags zur Realität könnte aber groß sein. Ist ja heiter, im Puff die Geige zu fideln und bestensfalls – wie du – schlüfprige Witze zu machen. Aber warum und wer landet im Puff? Und wieviel Geld sieht er vom umgesetzten? Und wieviel seelischen Schaden nimmt er vom Körperhandel? Und wollte das überhaupt betreiben, oder praktiziert er kraft erbärmlicher Lebensgeschichte resp. mangels Aufenthaltserlaubnis?

    Bestens
    Stefan

  2. eggy sagt:

    @Stefan:
    Ich stimme Dir voll und ganz zu – und da ich bezweifle, dass das Leipziger Konzert diese Fragen beantworten kann, entstand meine Satire darauf (denn obiger Text ist letztlich das, was sich in den Köpfen der Leser dieser Ankündigung abspielt, ich wollte das nur offenlegen…)

  3. hallo leute,

    als Abbidungen nackter Menschen noch verboten waren, gab es die Möglichkeit dennoch und ganz offiziell zu so was zu kommen, und zwar waren das Bücher über Völkerkunde, die an der Schwelle des 19. zum 20. Jahrhundert hohe Auflagenzahlen erreichten. Ein wissenschaftlich Interesse an fremde Kulturen vorgebend, konnte man diese Bücher sogar in den Bücherschrank der bürgerlichen Wohnstube stellen, ohne dass jemand öffentlich ein Ärgernis aussprechen konnte.

    Noch in den 50 und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts entstand das Zeitungsformat des Politpornos (z.B. „Quick“) – da konnte der Leser bspw. im Zug ganz ungeniert und ungestört darin blättern, enthielten diese Magazine doch auch interessante brandaktuelle Politreportagen.

    Inzwischen gab es die sexuelle Revolution und alle Freiheiten, die wir auch heute noch gerne genießen.
    Nur eine Berufsgruppe läßt sich immer noch in Darmstadt durchficken: Die Neue-Musik-KomponistInnen.

    So ist es der Leipziger Initiative zu danken, hier längst fällige Impulse zu setzen und allfälligen Nachholbedarf zu ermöglichen.
    Aber nicht nur das: Auch KomponistInnen, die es sich in dauerhaften Lebenspartnerschaften eingerichtet haben, möchten (vielleicht auch zu zweit) ab und an ins Bordell oder ein ähnliches Etablissement gehen. Auch hier setzt die Leipziger Initiative wertvolle und gesellschaftlich weiterführende Akzente, die unumschränkt zu begrüßen sind.

    Also, lieber eggy: Deine eilfertige Zustimmung auf Frank Beyers Blog-Eintrag kauft dir sowieso niemand ab. Das hast du nur gemacht, damit du deiner Frau glaubhaft machen kannst, wie wichtig deine kritische Anwesenheit gerade bei dieser Bordell-Veranstaltung ist.

    Was macht die Bordell-Ballade ?
    fragt
    – wechselstrom –

  4. S.B. sagt:

    Stefan Beyer, nicht Frank Beyer

  5. eggy sagt:

    Also…wenn Frank Michael Beyer hier jetzt einen Blogeintrag abgelassen hätte, das wäre schon irgendwie…unheimlich…oder nicht?

    Was macht die Bordellballade? Um Franzobel zu zitieren:

    2. Ballade von der körperlichen Demontage

    Wenns in der Bar dann spät und schwül wird
    Wenn die Musik nur hinkt im müdem Takt
    Kommt der Moment, wo mir so richtig kühl wird,
    denn dann entkleid ich mich nackt – laut Kontrakt.
    Ist’s auch vertrackt und beknackt
    wird dennoch alles ausgepackt

    So beginnt die körperliche Demontage:
    Dann mach ich ritsch und ratsch und fitz und fatz und klitsch und klatsch
    und schäl mich von der Belletage
    bis in den Keller runter, die ganze Entourage.
    Für die Entfernung der Wäsche krieg ich Gage
    Und steh ich auch da wie ein Pudel, ich quäl mich
    Verzähl mich, erhell mich, bestell mich, ich pell mich

    Wie eine Kartoffel pell ich mich aus meiner Haut
    Als des Wahrhaftigen Braut, Schaut her, ich bin´s.
    Ich, schreit mein Körper laut.
    Ich – und zwar nackt.
    Denn meine rundliche Eckung ohne Bedeckung wirkt auf Männer,
    speziell auf Kenner vom Land.

    Dann das ist die Ballade von der körperlichen Demontage.

    ach Scheiße, eh keiner da.

  6. querstand sagt:

    @ all

    Höchstwahrscheinlich habe ich mal wieder nicht die politische Brisanz eines solchen Bordellkonzertbesuchs verstanden, Kritik an der Ausnutzung der Damen, Kritik an der Verlogenheit der Herren… wie anstrengend!

    Ich plädiere für Konzerte im Darkroom!! Da trifft sich zumindest in schwulen Etablissements das männliche Publikum ganz freiwillig und kostengünstig (Einladung auf ein Pils danach…). Und die Stimmung im Unsichtbaren steigt je „eindringlicher“ die Musik – meist natürlich irgendwelcher Muzak, an besonderen Tagen aber fürs Stammpublikum oho! Wenn man nun dort mal geeignete Neue Musik oder extra Komponiertes spielte, der Erfolg würde sich in Verbrauch von Gleitcreme und Poppers messen. Ganz zu schweigen von all den Schlaggeräuschen aus der Sling-/SM-Kammer, echte Körperpercussion…

  7. Stefan sagt:

    Die Einwände von querstand und wechselstrom enden beide in einer ironischen Wendung und lassen dadurch offen, warum Moritzens und meine Kritik nicht berechtigt sein sollte. Unabhängig gefällt mir die Idee vom Darkroom-Konzert. Ohne Leuchten am Pult.

  8. @Moritz, liebe wahnsinnig witzige Sittenwächter,

    mich wundert nur – bei Deiner „tollen“ [ich finde eher un-originellen]Satire“ hier im Blog auf das Leipzig-Projekt – dass Du dann bei Facebook genau dieses Bordellkonzert kommentiert hast mit „Moritz gefällt das“…

    Da kommt man schon ins Grübeln und…: liegt Deine oder die nmz-Kampagne gegen die Fzml-Aktionen vielleicht
    daran, dass Deine eigene „Bordellballade“ bei nämlichem Konzert nicht landen konnte…?

    Rätselt,
    Erik Janson

  9. @Erik
    Vermute nicht hinter allem igendeine böse, verabredete Stimmungsmache (dieses Thema zieht sich wie ein eher langweiliger roter Faden durch viele Deiner Kommentare). Meine „Bordellballade“ hätte man in dem Leipziger Konzert überhaupt nicht machen können, da es sich nicht um Kammermusik sondern um ein abendfüllendes Musiktheater mit Schauspielern und kleinem Orchester handelt, ein Stück also, dass allein an Theatern, nicht in einem Neue-Musik-Konzert gespielt werden kann. Ich bin auch was dieses Stück angeht nicht im geringsten frustriert, denn es wird in der kommenden Spielzeit nun wahrlich oft genug gespielt (muß ja auch erst noch uraufgeführt, was sage ich, überhaupt erst fertig geschrieben werden). Wenn Du schon im Internet Deinen Verschwörungsthorien hinterherrecherchierst dann bitte richtig, auf meiner Homepage hättest Du dazu einiges gefunden.
    Sittenwächtrig ist mein Beitrag nicht gemeint, und übrigens auch nicht gegen das Konzert (das ich ganz sicherlich besucht hätte, wenn ich in Leipzig gewesen wäre), es ist eher eine Fortsetzung der Diskussion darüber, was Neue Musik-Konzerte inzwischen so alles machen, um „anders“ zu sein, darüber hatte ich auch schon in dem „Rausch“-Konzert-Eintrag geschrieben (ein Konzert das, nach Kollege Keuk, übrigens ziemlich gut gewesen sein soll).
    Will sagen, man darf durchaus über die FORM eines Konzertes diskutieren, denn solche Ideen kommen ja nicht von irgendwoher. Und ja, man darf das auch auf ironische Weise tun.
    Man darf überhaupt ganz vieles, lieber Erik, oder?

  10. mehrlicht sagt:

    Die CDU versucht hier übrigens aus dem Konzert ein Politikum zu machen, was ihr (…samt Bild-Zeitung / Dresdner Morgenpost im Schlepptau) aber ebenso wenig gelingt wie neulich beim verunglückten Gemälde der Dresdner OB vor der Waldschlösschenbrücke – Tenor: „darf der Freistaat ins Bordell locken“ – oder: „Professor (Krätzschmar) schockiert, dass seine Musik für einen Striptease herhalten soll“. Dazu werden natürlich falsche Zahlen genannt und eine „empörte Ministerin“ (die neue sächsische Kunstministerin Sabine von Schorlemmer) zitiert – fraglich, ob das nicht alles Eigentore werden…

    Mir persönlich liegt eher ein unerklärlich schales Gefühl auf der Zunge, wenn es um Kunst geht, die mit dem „Dürfen-die-das“-Stempel durch die Öffentlichkeit zieht…

  11. @ Moritz,

    Vermute nicht hinter allem igendeine böse, verabredete Stimmungsmache (dieses Thema zieht sich wie ein eher langweiliger roter Faden durch viele Deiner Kommentare).

    Wo habe ich denn Stimmungsmache Dir unterstellt? Ich fragte lediglich nach dem Widerspruch bzw. rätselte, warum Du woanders das Konzert gut findest
    Und hier im Blog dann so ein Thema daraus machst.
    Diese Antwort bleibst Du hier bisher weiter schuldig.
    Nunja, ist ja Deine Sache.
    Es zieht sich – für mich- eher wie ein langweiliger roter Faden durch Deine (und manch andere nmz-Kommentare),dass bei jeder schärferen Kritik oder Aufdeckungen von Widersprüchlichkeiten und Doppelmoral etc. immer die Keule und das Etikett „Verschwörungstheorie“ geschwungen wird. Denn das hatten wir auch oft genug…

    Und ja, man darf das auch auf ironische Weise tun.

    Man darf überhaupt ganz vieles, lieber Erik, oder?

    Eben: darum darf man auch die nmz kritisieren und auch Deinen Eröffnungsbeitrag hier. Man darf alles, wenn man dabei authentisch und nicht sich selbst widersprüchlich ist. Wenn das der Fall ist, dann kommt auch Ironie überzeugend daher…

    @ Alexander Keuk:

    Mir persönlich liegt eher ein unerklärlich schales Gefühl auf der Zunge, wenn es um Kunst geht, die mit dem “Dürfen-die-das”-Stempel durch die Öffentlichkeit zieht…

    Woher kommt denn dieses angeblich „unerklärlich schale Gefühl“? Was CDU, Bild oder Morgenpost alles dahinter vermuten oder nicht und ob sie nun ein Politikum draus machen oder nicht…
    Soll da die Kunst denn a priori Rücksicht drauf nehmen oder es einkalulieren oder gemäßigt steuern o.ä., was aus ihren Aktionen dann politisch-gesellschaftlich an Diskursen folgt? Ist es nicht auch Aufgabe der Kunst gerade Grenzen auszuloten und die Frage immer wieder in der Gesellschaft auf zu werfen: WAS DARF KUNST?
    Diskurse anregen, die chaotisch, rhizomatisch sind.

    Oder sollen wir Komponisten uns künftig von Medien und regierenden Politikern vorschreiben lassen, was sich „gehört“ und was nicht…?

    Ich selbst bin ja i.d.R. selbst nicht in meinem Werk der große Tabu-Brecher oder der Aufwerfer solcher Fragen, sondern komme eher „ruhiger“ daher, zugegeben. Und um mich geht es hier gar nicht.

    Aber ich möchte doch hier standhaft eine Lanze brechen, was den Mut und den Erfindungsreichtum der Fzml angeht, ausgefallene Themen zu setzen, aufzurütteln etc.

    Etwas, was man hier im nmz-Blog bisher vermisst. Bzw. hier wird doch meist auf schon fahrende Züge aus der Szene auf gesprungen. Es werden Ideen abgegraben oder dann kommentiert, ironisiert, zerredet, relativiert etc. pepe…

    Anstatt dass hier neue Ideen, Visionen etc. gemeinsam entwickelt (statt ausgebremst) werden.

    Gute nacht miteinander,
    Erik

  12. mehrlicht sagt:

    Ich meinte damit Kunstwerke, die zwar mit Pauken und Trompeten durch die Öffentlichkeit ziehen, aber sich bei näherer Betrachtung als relativ harmlos entpuppen oder nicht wirklich Neues oder Interessantes bieten außer den Umstand, dass sie dafür erdacht worden sind, den Skandal bzw. das Getratsche heraufzubeschwören. Das (so hoffe ich) wird in Leipzig nicht der Fall sein.
    Ich habe die Berichterstattung hier erwähnt, weil mit uralten Argumenten seitens der Medien versucht wird, eine wirklich mal querdenkende und im Übrigen preisgekrönte Initiative schlechtzureden. – Insofern, Erik, d’accord – Aufrütteln jederzeit!

  13. eggy sagt:

    @Erik:
    Du hast recht, der Meister der Ironie bist Du:

    Ich selbst bin ja i.d.R. selbst nicht in meinem Werk der große Tabu-Brecher oder der Aufwerfer solcher Fragen, sondern komme eher “ruhiger” daher

    Ja, wir kennen Dich schon immer als „den Ruhigen“ :-)

    Und ja, man kann ein Konzert bei Facebook interessant finden und auch in einem Blog darüber schreiben. Darin ist kein Widerspruch. Und die Bordellkonzertorganisatoren freuen sich über die Publicity.
    Um Dir auf Deine Frage zu antworten: Ich bin selber, genau wie Mehrlicht, hin-und-hergerissen. Einerseits findet man die Idee lustig, andererseits sind Skandale irgendwie auch fad. Am Ende kommt entweder ein tolles oder ein ödes Konzert heraus, wie es denn nun war, das würde mich von Besuchern interessieren, und genau deswegen habe ich den Artikel geschrieben und warte gespannt auf Berichte davon. „The Jury is still out“ würde man auf Englisch sagen.

    Mir aber einerseits zu unterstellen, der Artikel sei GEGEN dieses Konzert geschrieben (das ist er nicht, er erheitert sich nur darüber, das ist ein großer Unterschied) und Frustration über eine fehlende Aufführung von mir sei der Grund, das ist leider schon ein bißchen Verschwörungstheorie, oder?

  14. @ Mehrlicht, @ Moritz, @ all,

    wie hier richtig fest gestellt wurde, wird die Fzml
    für ihre Innovationen von der Kulturpolitik hoch offiziell gewürdigt und preisgekrönt! Danke Mehrlicht, Du hast vorweg genommen, dass ich ansonsten diesen Link hier rein gebloggt hätte. Und das ist ja mal, wie auch schon Wechselstrom andeutete, erst mal nur zu begrüßen und eine Ermutigung zu mehr Mut, zu weniger (kultur-)politischer) Harmlosigkeit und Angepasstheit von uns allen oder?
    Daher: D´accord Mehrlicht mit Deinem D´accord, mit Dank.

    Die Auszeichnung nach Leipzig kommt sicher nicht von Ungefähr und könnte man auch nicht mit reinen „Skandal“-Konzepten erreichen, hinter denen sich nichts Substantielles an Suche nach Gesellschafts-Relevanz oder -kritik verbergen würde. Schwer vorstellbar jedenfalls, für mich. Oder sind diejenigen, die solche Preise vergeben etwa Deppen? „Jury ist (still) out“?…
    Drum habt doch mal Vertrauen in den guten Vorsatz, der aus Leipzig kommt.

    Und zerredet oder unterstellt implizit doch nicht gleich (auch wenn es angeblich wohlwollend-ironisch gemeint sein soll), wenn irgendwo mal was angepackt wird, Szenen aktiv sind, noch bevor es überhaupt über die Bühne ging und rezipiert wurde. Und das DARF auch zunächst mal (und muss ja auch) über das „Klingeln“ und auch Erregen einer breiteren Aufmerksamkeit (nofalls nenne man es auch „Skandale“, PR-Getratsche-Herauf-Beschwören). Denn bekanntlich beeinflusst ja ein „Vorher“-Zerreden auch wiederum die Rezeption oder verzerrt diese dann potentiell.

    Wer hat denn was davon?
    Wir Komponisten am aller wenigsten.
    Wir beschneiden uns permanent selbst, wenn wir jeden Versuch, aus dem Elfenbeinturm, den alten Selbstgenügsamkeiten raus zu kommen,
    dann gleich als „pseudo“-Versuch brantmarken und dahinter nur „Geklingel“ o.ä. vermuten oder aber, ohne dass das Ergebnis noch vorliegt, dahinter nur heiße Luft vermuten.

    Die kritische Beobachtung sollte sich doch eher mal gegen Selbstgenügsamkeiten BISHERIGER Konzepte und etablierter Szenen der Neuen Musik richten.

    2. Bzgl. Erik = „Meister der Ironie“: Ja, Moritz, manchmal bin ich auch ein Meister der Selbstironie, ich greife das gerne als Kompliment auf, wieso eigentlich nicht? Bin schließlich Rheinländer. Aber das mit dem „ruhiger“ ist ein kleines Missverständnis: ich wollte damit sagen, dass ich im Werk, im Schaffen, bei den Thematiken, die ich wähle meist in dem Sinne ruhiger bin, bzw. – wie soll ich sagen – weil ich da meist nicht gezielt auf politisch oder sozial brisante Themen setze,
    bzw. dass ich da manchmal Nachholbedarf verspüre. Es war also eher als Kompliment nach Leipzig gemeint. Da ermutigen aber gerade u.a. Beispiele wie die Leipziger Aktivitäten junge Komponisten bzw. unser einen, wieder mehr nach Relevanzen, Lebensweltbezügen etc. der Neuen Musik zu suchen. Also, Moritz (obwohl Du das gerne ironisieren und anders verstehen darfst): das Wörtchen „ruhiger“ war keine Selbstinterpretation bezüglich meines „losen Mundwerks“…

    In Blogs oder sonstwo sage ich gerne mal gerade aus meine Meinung über den Zustand von Gesamtgesellschaft und Neue Musik etc. und verpasse mir keine Maulkörbe.
    Und DAS war hier doch ursprünglich (ich erinnere mich dunkel an Deinen Vorsatz-reichen und so „einladenden“ Eröffnungsblog) mal gewollt, oder? „Bad Blog of Music“…
    Das quasi ironisch daher kommende „Bad“ im Titel will doch nichts anderes als in der Öffentlichkeit den Schein erwecken, dass hier „Tabus“ oder „Skandalthemen“ besprochen würden.

    Wo ist denn DAHINTER Substanz? Dann doch wohl eher hinter dem HANDELN, dem Konzipieren und Realisieren von zeitgenössischer Kunst und Lebensweltbezug, was in Leipzig passiert. Und zu jedem Handeln/Mut gehört auch das RISIKO des Scheiterns oder vielmehr des Nicht-Verstanden oder des Missverstanden-werdens.

    @Veschwörungstheorien/Moritz etc.:

    Mir aber einerseits zu unterstellen, der Artikel sei GEGEN dieses Konzert geschrieben (das ist er nicht, er erheitert sich nur darüber, das ist ein großer Unterschied) und Frustration über eine fehlende Aufführung von mir sei der Grund, das ist leider schon ein bißchen Verschwörungstheorie, oder?

    Zur Kenntnis genommen.
    Ich verstehe nur nicht, warum Du da weiter so drauf rum reitest: „Verschwörungstheoretiker“ ignoriert man doch eher und bleibt ganz gelassen und muss sich denen gegenüber nicht mit so harten Bandagen verteidigen, oder?

    In diesem Sinne, lasst mich leben,
    viele Grüße, Erik

  15. FZML sagt:

    Liebe Kollegen, (-innen debatieren ja, glaube ich nicht mit),

    Danke erst mal für die vielen spannenden, merkwürdigen, geschmäcklerischen, reißerischen, verärgerten und insbesondere anregenden Kommentare.
    Ein bisschen schade finde ich, dass auch hier das Bordellkonzert so im Fokus steht und zwar aus folgendem Grund: Das Konzert ist Teil einer Reihe die den Titel »FreiZeitArbeit« trägt und aus der Idee heraus entstanden ist, die (zeitgenössische) Musik dorthin zu tragen, wo sich das Publikum (während der Freizeit, der Arbeit oder auch auf dem Weg dorthin) aufhält – nachdem es ja recht offensichtlich die Konzerthallen verlassen hat, die wir (die KomponistInnen) so gerne gefüllt gesehen hätten.
    Unbedingter Bestandteil der Konzeption ist, dass zwischen dem Ort und der Musik eine künstlerische Wechselwirkung entstehen muss und dass die Menschen, die vor Ort arbeiten mitmachen müssen.
    Nun kann man das sicherlich ziemlich »old school« als als »Die Kunst geht zum Volke« im Sinne interventionistischer Projekte der 60er und 70er bezeichnen, aber ich denke, das ist allemal noch besser als mit den 10 Angehörigen der Musizierenden im Konzertsaal zu sitzen.
    Ich kann einfach nichts negatives daran finden, wenn insbesondere Menschen, die vorher nicht oder kaum mit zeitgenössischen Inhalten in Berührung gekommen sind, sich plötzlich mit Ihnen beschäftigen – und das funktioniert ja nun schon seit geraumer Zeit.
    Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass
    -wir das Publikum sehr sehr ernst nehmen,
    -bei der Konzeption keine Kompromisse machen,
    -vielleicht nicht die KomponistInnen aufführen, die uns nützlich sein können,
    -Ein Kuratoren/Dramaturgen-Team aus ganz unterschiedlichen Bereichen (auch jenseits der Neuen Musik) sind,
    -keine öffentlichen institutionellen Gelder bekommen, sondern ausschließlich Aktivität an Hand von Projekten generieren und trotzdem als Institution seit Jahren funktionieren (müssen)?

    Übrigens durchzieht diese vermittelnde Grundidee alle unsere Projekte: wir gehen auch an so genannte »Problemschulen«, arbeiten mit Flüchtlingen und Asylbewerbern und, ja, ja: auch mit Bordellbesitzern, Striptease-Tänzerinnen, Friedhofswächtern, Bademeistern und Co zusammen. Das ist natürlich nicht jedermanns Sache, das verstehe ich schon und ich verstehe auch aus der selbstauferlegten, inhaltlichen und strukturellen Strenge des (nicht nur) Neue Musik-Betriebs heraus, dass das manchem übel aufstößt. Ich finde es aber einfach unsinnig, heutzutage noch die Formate gegeneinander auszuspielen nach dem Motto: »was lassen die sich in Leipzig nicht alles einfallen, um die Leute in Neue Musik-Konzerte zu locken«.

    Wie dem auch sei, ich finde es gut, dass es den Diskurs darüber gibt, wie und wo sich die Zeitgenössische Musik verorten soll. Weniger gut finde ich, dass die Skandalisierung sich ausgerechnet an diesem Projekt vollzieht. Das ist dann schnell nicht weit von den Benutzer-Kommentaren auf Bild.de (http://www.bild.de/community/bild/remoteArticles/10466958/comments/main) entfernt. Ich persönlich fand unser »Arbeitsamtskonzert« wesentlich diskussionswürdiger-obwohl ich natürlich befangen bin…

    Liebe Grüße
    Thomas

    PS: weil das auch Thema war: hier der Artikel aus der Dresdner Morgenpost: http://www.fzml.de/files/mopo2.jpg

  16. Super!

    Also, lieber Moritz: in Zukunft lieber erst mal zuhören,
    informieren.

    Beste Grüße an alle,
    Erik Janson

  17. @ Ihr intelligenten Anomymerixe hier…

    voll witzug äh!
    Kommt doch bitte zur Diskussion zurück oder bloggt
    wenigstens so zum Thema, dass man diskutieren kann.

    Vor allem hier unter dem Nickname „Jude“ zu bloggen
    finde ich reichlich respektlos und daneben!!

    Müsst Ihr ja selbst wissen – oder Sie – falls, ein
    und dieselbe Person hier mal wieder unter gleich mehreren Nicknames bloggt (hatten wir schon alles).
    Es soll ja, sprach sich rum und weiß ich aus sicherer Quelle…auch indiskutable Personen geben, die beim Stichwort Leipzig und Opernaufführungen etc. die reinsten Neid- und Hassanfälle kriegen.

    @ ADMIN: Du bist nicht zu beneiden, nun schon wieder
    IP-Nummern checken und untersuchen: wo kommt der Kerl her.

    Schönen Tag noch und grüße an alle seriösen Bloggerkollegen hier,
    Erik

  18. @Erik

    Vor allem hier unter dem Nickname “Jude” zu bloggen
    finde ich reichlich respektlos und daneben!!

    Naja, das allein noch nicht, oder hast Du etwa was gegen….ach, ich hör schon auf.

    @FZML
    Vielen Dank für diese ausführliche Darstellung, der ja Kollege Patrick Hahn auch schon den gebührenden Platz an der Sonne in seinem letzten Beitrag gegeben hat. Ich finde es sehr gut, dass ihr euch so sachlich dazu äußert, ich fand das sehr interessant und kann auch eure Frustration angesichts anderer, eigentlich mindestens genauso aufmerksamkeitswürdigerer Projekte verstehen. Ihr solltet euch natürlich nicht wirklich wundern, wenn die Medien (und auch wir) in welcher Form auch immer auf das Bordell-Thema abgefahren sind, es ist natürlich in gewisser Weise eine Steilvorlage.
    Ich kann euch aber dennoch zu der dadurch kreierten Aufmerksamkeit gratulieren, auch wenn es euch momentan nevt – in der Diskussion die daraus entsteht kann dann doch am Ende einiges für die Neue Musik gewonnen werden, und das kann nur gut sein. Es kommt jetzt einfach darauf an, was ihr mit der Aufmerksamkeit macht, dass ihr keine Schaumschläger seid, habt ihr mit dem Restprogramm bewiesen, ich finde solche Sachen sehr gut.

    Ich höre also auch in Zukunft gern von euren Projekten (und ja, ich höre auch zu).
    Auch die Auseinandersetzung in satirischer Form ist eine Auseinandersetzung – ihr mögt mir meinen nicht mehr so ganz jugendlichen Leichtsinn verzeihen…

    Also, toi, toi, toi,

    Euer
    Moritz

  19. querstand sagt:

    @ anonyme
    Richtich lustich ist das Kommentiere nicht. Und ob das unbedingt nur eine 5. Klasse ist? Klasse hat es nicht.

    @ fzml @all

    Ich habe nochmals einen Blick auf die FZML Homepage geworfen und das Konzept versucht abzugrasen. Mir fiel dabei leider nicht auf, daß es einen tieferen Inhalt gäbe, als eben an ungewöhnlichen Orten (Interventionsprinzip, „location“-Gedanke) Konzerte zu veranstalten, nach dem Motto, wenn der Berg („Neue-Musik-fernes-Prekariat“) sich nicht bewegt, dann begibt sich der Prophet („Neue Musik“) dort hin. Und damit verbunden auch noch der „Education“-Gedanke… Da ich nicht dabei sein kann und war, die angekündigten Titel klingen auch jetzt nicht danebengegriffen, hauen einen aber auch nicht vom Hocker. Letztlich wirft einen eben die besondere Ortswahl um. Nur: sollte es dies gewesen sein? Fast beruhigend ist mal wieder, wie alleine das Wort Bordell sofort die Boulevardpresse auf den Plan bringt – als ob diese nicht mit Pinup-ähnlichen Darstellungen jeden Tag ihre Auflage erhöhen. Wie schön, daß jemand von der CDU dagegen ist, alle Linkeren schweigen oder vielleicht sich ein besonders Linker dann wieder über die Subventionen erregt, die man lieber in ein Jugendzentrum investiert haben sollte und sich darin wieder mit CDU trifft… Events an ungewöhnlichen Orten zu haben, kennt man aus der Bildenden Kunst, aus der Freiem Theaterszene, von den Underground-Partyveranstaltern, etc. Nun eben auch die Neue Musik! Es ist auch schön, daß es neben den Erregten auch viele Menschen, auch von Neuer Musik sonst Unberührten, die so vielleicht zum ersten Mal Neue Musik oder der Neuen Musik nahestehende Musik hören. Gut, um an einem Ort, wie einem Bordell zu arbeiten, gehört schon viel Freiheit gegenüber allen sozialen Vorurteilen dazu oder eben ein riesen Maß Abhängigkeit von den Zwängen dieser Gesellschaft. Im Freiheitsgedanken könnte man sich mit der Avantgarde treffen, im Bereich der Abhängigkeit auch, wenn man von den sozialen Härten für freischaffende Künstler den Bogen zum Bordell schlägt: Selbst-Prostitution allerorten! Konzerte Neuer Musik in Diskotheken, Lagerhallen, auf Friedhöfen, und so fort, schön und gut! Aber über den reinen Unterhaltungswert oder eben mal auch Lieschen Müller überraschen sollte es dann inhaltlich schon mehr zur Sache gehen. Einerseits denkt man bei solchen Elfenbeinturmsprengungen dann doch auch daran, daß reine Neue-Musik-Komponisten und Veranstalter wohl mehr wahrgenommen werden wollen. Irgendwie hat es aber auch den Beigeschmack von „ich wäre auch so gerne Bon Jovi, Madonna und Co“! Das muß ja nicht schlecht sein, wenn es aber dann doch mit den Mitteln der normalen Pierrot-Lunaire plus x Welt erreicht werden soll, schwierig. Wie gesagt, Spaß ist auch eine Kategorie, ich liebe sie selbst sehr. Aber an einem Brennpunkt wie einem Bordell muß zum Spaß doch ein gerne auch mal ach wieder so böser pathetischerer Impetus treten oder man beschallt eben tatsächlich mal den Liebesakt. Das könnte natürlich manchem Freier zum Problem werden, wenn er nur zu Marschmusik oder DumDum welcher Art auch immer nur zum Akt fähig ist. Da hätten wir zumindest einen wahrhaft interruptiven Charakter der Intervention. Ich wäre ja für den Darkroom und Xenakis, nur, wenn ich mir das real vorstelle, bin ich dann doch wieder sehr schnell allein in jenem so beschallten Ort. Und solch ein Konzert mal wieder unter dem Label reines Experiment zu verkaufen, da wird es auch schwierig. Es wird und ist eine hohe ästhetische Herausforderung, der man auch kompositorisch begegnen muß. Hier vermute ich aber einfach zuviel „Ey-boah“ der Veranstalter. Und der Hinweis auf die Bild-Zeitungskampagne einerseits und die Staatspreis-Noblesse andererseits – auch wenn diese dann ins Knirschen mit den staatsministeriellen Äusserungen gerät. Das rechtfertigt die Kunst an sich noch nicht. Ich befürchte hier einen Überschwang des Kuratorischen vor dem Künsterlischen. Auch ein Künstler als Kurator ist als Kurator eher kein Künstler denn Vollstrecker eines kunstvollen administrativen Konzepts. Das sind wir natürlich auch dann, wenn wir als Komponisten Musik für ein Projekt schreiben. Meist ist die Projektbeschreibung dann doch aufgebauschter als die Musik, die sie zutage bringt oder ins Rote setzt, wie hier.

  20. @ Moritz (dein Comment oben 13:52 Uhr),

    Naja, das allein noch nicht, oder hast Du etwa was gegen….ach, ich hör schon auf.

    Ich hoffe, lieber Moritz, diese …-Andeutung bzw. Frage ist von Dir nicht wirklich ernst gemeint oder Du hast mich sehr missverstanden! Ich meinte natürlich mit „respektlos und daneben“ (was Du als Zitat herausgeschnitten hast), dass die anonym bloggende Person (oder wirklich Personen?) von heute Vormittag, die da wieder braunes Zeug rein bloggte(n), was ja nicht das erste Mal vorkam, dies dann auch noch im anonymen Nickname der Opfer der NS-Gewaltverbrechen taten(n)!

    Das auch noch zu verharmlosen, bzw. da eine …-Unterstellung in meine Richtung draus zu machen, wenn ich mich darüber zurecht aufrege – selbst als „witzig gemeinte“ Frage -, das fände ich nun reichlich unter der Gürtellinie. Auch wenn Du über meine Replik Dir gegenüber @ Fzml-Verteidigung gegen Deine „Satire“ vielleicht zu Recht verärgert sein magst.

    DAS (die entfernten Einträge der Anonymblogger von heute Vormittag) soll die Handschrift einer 5. Schulklasse gewesen sein, die mal eben aus Köln sich einen „schlechten Scherz“ erlaubte? Naja. Das glaube ich nicht.

    Aber anderes Thema:

    2. @ Moritz:

    kann auch eure Frustration angesichts anderer, eigentlich mindestens genauso aufmerksamkeitswürdigerer Projekte verstehen. Ihr solltet euch natürlich nicht wirklich wundern, wenn die Medien (und auch wir) in welcher Form auch immer auf das Bordell-Thema abgefahren sind, es ist natürlich in gewisser Weise eine Steilvorlage.

    a)Bitte präzisieren: Wen meinst Du mit „ihr“ und welche „Frustration“ (und von wem?) meinst Du, Moritz?

    b) Welche „genauso aufmerksamkeitswürdigen Projekte“ und im Vergleich zu was meinst Du (zu Leipzig/zu anderswo)? DAS wäre interessant, um hier weiter zu diskutieren und wieder zum Thema zurück zu kommen. Ist mir da was Deinerseits entgangen?“ Fußballett oder Franzobl…?

    c) Nicht wundern? „Die Medien (und auch wir)?“…

    Bedenklich bzw. na Klasse…: jetzt stellen sich Komponisten schon mit der Boulevardpresse auf eine Stufe
    bzw. nehmen diese als Schutzschild gegen die Kritik
    von Kollegen oder als vermeintlichen Kronzeugen, um wohlgemeinte Bemühungen und Aktionen zur Diskursbelebung (Q Thema Neue Musik und deren gesellschaftliche Repräsentanz/Aufmerksamkeit) im Vorfeld schon in Frage zu stellen.

    Nochmal @ Moritz:

    Auch die Auseinandersetzung in satirischer Form ist eine Auseinandersetzung – ihr mögt mir meinen nicht mehr so ganz jugendlichen Leichtsinn verzeihen…

    Da wiederholst Du Dich, lieber Moritz. Aber lass doch bitte den anderen (es sind wenig genug geworden, die hier kritisch und substantiell noch weiter bloggen!), die Deine „Satire“ halt nicht so originell oder witzig finden wie Du selbst, dann auch mal ihre Meinungen stehen. Und wiederhole doch nicht ständig DEINE Gegenmeinungen, die ja schon geäußert wurden. Denn damit dreht sich nur alles im Kreis.

    Und mich wundert Dein letztes Statement umso mehr als ja
    seitens der Fzml/ von Thomas, hier kurz zuvor dargelegt wurde, WAS intentional hinter den Aktionen /Konzerten an Idee, Wagnis, Visionen, Zielen etc. steckt.

    Und dies ist ein im Kern sehr ernst zu nehmendes, begrüßungswertes Unterfangen. Dies kann man ruhig mal (auch ohne „Satiren“) uneingeschränkt erst mal so stehen lassen und muss dann nicht ständig sich verteidigen auch noch nachdem die andere Seite ihre Meinung/Intention hier kund getan hat. Es sei denn, Du wolltest immer das letzte Wort haben. Das sei Dir dann unbenommen. Ich dachte – das betontest Du doch zuvor immer – Du siehst Dich hier als eine Art Moderator oder Mediator? Nun, davon kann angesichts Deines letzten Beitrags (zwischen den Zeilen) nicht mehr viel die Rede sein.

    Und: Satire bzw. sich mit ereifern mit der Boulevardpresse, das wäre ja noch halbwegs legitim, wenn es denn wenigstens NACH dem Konzert gewesen wäre. Aber mir scheint, da bist Du einfach mal über den Bildartikel gestolpert und hast dann halt noch mit einer Satire eins drauf gesetzt. (die angesichts der Doppelmoral der BILD
    dann ein noch besseres Thema hätte finden können, siehe
    querstand…).

    Nun, da muss man sich (umgekehrt) auch nicht wundern,
    wenn das andere Leute nicht sehr originell finden
    bzw. wenn das wiederum „Steilvorlagen“ für Repliken liefert.

    Ich denke, auf dem Niveau, wie hier tw. (zuvor geschildert) möchte ich hier nicht gerne weiter bloggen. Eh wir uns hier weiter in die Wolle kriegen oder noch weitere Anonymerixe hier immer wieder den Diskurs vermüllen, höre ich lieber auf. Da investiere ich lieber die kostbare Zeit ins Komponieren.

    @ querstand: So „konservativ“ und oberflächlich (angesichts Deiner bisherigen Analysen und herausragenden und hochgelobten Musikgeschichtsdarbietungen hier) kenne ich Dich gar nicht. Bin da wirklich überrascht, was Du da @fzml schreibst, nur auf Grund eines Website-Besuches?
    Um „Prophetismus“ oder „Missionieren“ geht es denen in Leipzig bestimmt nicht. Bzw. tritt doch mal in Dialog, kontaktier die Leute, fahr hin, sieh es Dir an und bilde Dir dann ein Urteil. Vielleicht bist Du ja dann
    positiv überrascht.

    Es geht doch um Begegnungen, um Risiko, um Erschließen von Neuem und Verlassen der Konzerthallen-Pfade.

    Was heißt denn schon das Schreien „INhalte, Inhalte“? Also: weiter Spektralismus oder Neoromantik in mittelmäßig bis schlecht besuchten Konzertsälen aufführen und erwarten, dass die Massen an Jugendlichen dann von selbst zu „uns“ strömen oder gefälligst zu „uns Neue Musik-Propheten“ jenseits des Weiswurstäquators kommen?

    Es mag ja sein, dass Location- und Education-Konzepte
    nicht überall gleich zünden und allein das Allheilmittel sind. Das hat keiner behauptet hier und sicher geht davon auch nicht die Fzml aus. Aber es ist ein Anfang, eine Basis auf die man in jahrzehntelanger Arbeit auch aufbauen kann!

    Aber immer wieder gleich sagen: „ausgefallene Locations etc. = nichts Neues bzw. „da kommen auch nicht mehr Leute“ oder „“da geht es dann NICHT um Inhalte“. Das halte ich für 1. verfrüht und 2. zu kurz gegriffen (denn dafür wird das Konzept noch nicht nachhaltig genug ausprobiert und erst recht nicht gefördert i.d.R.) und 3. hängt es sehr von der Region ab, wo man so was anbietet: Wann oder ob so was dann zündet.

    Das sind doch allzugern bemühte „Gegenargumente“ für Leute die heimlich sagen oder wünschen: machen wir doch in DEM Stil wie jetzt weiter.

    Und bei Neuanfängen, Reformen etc. geht es nicht nur um INHALTE (um die auch!) sondern auch mal grundlegend um neue FORMEN und Medien der Kommunikation, andere Darbietung, Konzerte, Veranstaltungen etc.

    Weiterhin: Das mit der impliziten „Boa-ey“-Intentions-UNterstellung an die Veranstalter in Leipzig bzw. die Bemerkung mit dem „Lieschen Müller“… finde ich doch
    was bedenklich und enttäuschend, gerade von Dir:

    Aber über den reinen Unterhaltungswert oder eben mal auch Lieschen Müller überraschen sollte es dann inhaltlich schon mehr zur Sache gehen.

    Lugt da etwa hervor, was Du, querstand, anscheinend denkst?: „Lieschen Müller“ kann man nur „überraschen“, kann (oder darf) ihr aber keine (anspruchsvollen) Inhalte vorsetzen? Weil wir „Propheten“ solchen Leuten sowieso „haushoch überlegen“ sind?

    Also: Neue Musik ist poteniell niemals was fürs „gemeine Volk“? Für „Lieschen Müller“ oder für die Sekretärin? Man soll Annäherungen erst gar nicht versuchen? Bzw.: es geht uns ja (noch) gut mit unserem bekannten Eiten- und Stammpublikum? (das ja auch weiterhin nicht „vergrault“ werden soll durch solche mutigen, laut BILDungsbürgertum oder laut Leipziger CDU „unzüchtigen Bordell-Aktionen“…).

    @ querstand-Zitat

    Auch ein Künstler als Kurator ist als Kurator eher kein Künstler denn Vollstrecker eines kunstvollen administrativen Konzepts. Das sind wir natürlich auch dann, wenn wir als Komponisten Musik für ein Projekt schreiben. Meist ist die Projektbeschreibung dann doch aufgebauschter als die Musik, die sie zutage bringt oder ins Rote setzt, wie hier.

    Wen und was meinst Du genau damit?
    Oder sprichst Du da etwa eher von Dir, aus eigener Erfahrung? Weißt Du, ab wann was Kunst ist?
    Und ist doch so,dass Musik, da sie IMMER (noch bei dem elaboriertesten, verständlichsten, egal bei welchem Werkkomentar) auf andere Weise kommuniziert/“spricht“ als Sprache ÜBER Musik und dass Musik das dann NIE „einlösen“ kann. Das ist doch bissel eine Binsenweisheit. Und eine Projektbeschreibung als solche will/kann ja auch keine Musik hervor bringen sondern nur den Rahmen dazu umreißen).

    Sagt´s amoal! Was habt´s Ihr in München bloß?
    Hat Euch auch das triste Novembergrau erfasst?
    Luja – sog i !!!
    Macht doch mal selbst was los, auf da Wies´n, riskiert´s selber mal wos, wenn Ihr Euch traut. Bringt´s endlich LEBEN, SEX und Sexapeal in Eure Neue Musik!

    Darauf ein zünftiges abendliches P. (keine Schleichwerbung); oder ich steig doch lieber auf das altbewährte Düsseldorfer Ue…. um (nein: ich meine mit Ue in dem Fall nicht „Universal Edition“),

    Gute nacht, Erik

  21. @ Moritz, querstand, Anonyme und @ all,

    sorry, da ging leider wieder was schief bei der Bquote-Funktion (oder Handhabung meinerseits) bei meinem letzten Blogging oben (wie unschwer zu sehen):

    Wie auch immer: Das grau Unterlegte ist mein Text.
    Die Texte mit weißem Hintergrund sind Zitate anderer, auf die ich mich bezogen habe.

    Denke: nach reiflicher nächtlicher Überlegung:
    ein aller letztes Mal.

    Macht´s gut,
    Erik

  22. querstand sagt:

    @ all

    Also nochmals einen Schritt zurück:
    Das „Milieu“ der Erotik, der Bordelle, der Dirnen und Zuhälter, etc. ist grds. der klassischen Musik, besonders auch der Oper, nicht fremd. Einerseits bildet die Abbildung des erotischen Milieus in der Oper eine direkte Identifikationsebene für direkte erotische Ambitionen der Zuseher, wenn sich die Ferngläser der kleinbürgerlichen Zuseher auf die Damen und Herren auf der Bühne richten und man hinter leichtbekleidenden Kostümen nach Erotik sucht, die man dann mit in die nächtlichen Träume nimmt. Man denke an den Skandal den Wagner mit Tannhäuser in Paris verursachte, als der traditionell erst im zweiten Akt seine Plätze einnehmende Jockey-Männer-Club das Ballett nicht zu Gesicht bekam, das ja bekanntlich schon nach der Ouvertüre auftritt. Also weniger der Inhalt der Oper, sondern eine simple Konventionsverletzung jenseits von nationalreligiös aufgeblähtem Sujet, Schwierigkeit der Musik, Dissonanz, etc.
    Andererseits bildet die Oper das „erotische Milieu“ ab, um die schlechten Lebensverhältnisse und soziale Benachteiligung der Damen des leichten Gewerbes zu kritisieren. Ein schönes Beispiel hierzui, bleiben wir bei der Romantik, ist La Traviata von Verdi. Wenn es einen Skandal verursachte, war es aber hier nicht das Sujet, sd. der Vorwurf zuviel Anklänge an Wagner in der Musik zu haben. Interessant, daß damals in Italien noch mit Tönen Diskurse ausgelöst worden sind, weniger aufgrund von Form und Konvention, auch wenn die tatsächlich chromatisch aufgeladene Harmonik z.B. des Vorspiels ganz im Geiste Wagners doch was formauflösendes besitzt. Und die Anklagen, die Berg mit Lulu und B.A. Zimmermann mit Die Soldaten erheben gehen ja noch krasser ins Gericht mit den sozialen Verwerfungen bzw. zimmern ein riesiges Sittengemälde als Kritik an erotischer Verklemmung, die ohne Atombusen (sorry) zum Atomkrieg führt. Ziemlich heftiger Toback, doch was für grandiose Stücke! Und dies ganz den Rahmen sprengend immer noch im Theater oder – Achtung: Location-Prinzip! – in grossen Hallen ehemaliger Industrien (man denke an die Soldaten-Produktion der Ruhrtriennale vor einigen wenigen Jahren!!).

    Also denke ich, daß das Aufbrechen von Konvention, sei es in Form und Inhalt im Bereich der musiktheatralen Bordellliteratur – so nenne ich mal Alles zwischen dem Tannhäuser-Ballett-zu-früh-Skandal bis zur Vergewaltigung Maries samt finalen Atompilz in Die Soldaten – zu grandiosen Diskursen und Ergebnissen führen kann. Das Sexualleben von Ausseinseitern als Kritik an den sujetzeitgenössischen wie heutigen sozialen Verwerfungen, auch gerade in den letzten Jahrzehnten in der Renaissance von Schrekers Die Gezeichneten bis hin zu der Aidsoper Angels in America von Peter Eötvös, nun, eine fantastische Partitur, aber nicht unbedingt ganz revolutionär, was es aber auch nicht sein kann.

    Was ich sagen und zeigen will: bei all diesen Werken funktioniert das Durcheinanderwirbeln auf alle Fälle in den traditionellen Häusern, aber auch in grossen Hallen oder anderen Orten, wobei akustisch ein Opernhaus immer noch einem nicht originär für Musik konstruiertem Haus vorzuziehen ist. Ganz klar: Zimmermanns Partitur schreit nach einem anderen als dem einfachen Guckkastenhaus, verlangt aber dennoch eine ideal Akustik. Da genügt das einfache Verlegen an einen besonders interessanten, soziokulturell aufgeladenen Ort nicht unbedingt an die Intention des Inhalts heran.

    Nun zurück von der Oper zum Konzert, zur Kammermusik! Rein Besetzungstechnisch passen natürlich die Stücke des FZML-Bordellkonzerts zwischen Krätzschmar und Weill wunderbar als Kammermusik in den wahrlich intimen Rahmen eines Stangentanzareals (wenn man den Bildern auf der Homepage folgt), solange natürlich z.B. zu schwere Wandstoffe die Akustik nicht total behindern. Also vom rein saaltechnischen Standpunkt ist kaum etwas gegen dieses Bordellkonzert einzuwenden. Gut, meine gestrige chaotische Anitrede verfasste ich nach einem Blick auf die Konzepttexte der Homepage des FZML, auch gab ich zu, nicht dabei gewesen zu sein bzw. sein zu werden, rein terminlich gerade ein wenig schwierig. Zudem sollte ich mich an mein Darkroomkonzept wagen… Das muß aber auch noch warten, bzw. toutre ich immerhin mit meinem schwulen Revuechor in Diskotheken, Open-Airs und dgl. – also auch ich im bösen Location-Prinzip, wobei dies ja durchaus dieser Kleinkunst der Revue entspricht.

    Bleiben wir einfach trotzdem bei der Homepagekonzertankündigung: es beginnt fast sich entschuldigend mit „Etwas schlüpfrig“ statt einfach ein starkes „schlüpfrig“. „Musikalisch durchtrieben“ ist natürlich simpel zweideutig gemeint, ein richtig durchtriebenes Musikstück sollte aber gerne auch kabbalistische Intellektspielereien befriedigen und nicht nur den Trieb der Libido anklingen lassen. Gegen den zweiten knapp die Historie des erotischen Gewerbes zusammenfassenden Satz ist nichts zu sagen. Der dritte Satz aber führt nur auf, daß es „liederliche“ Musik geben wird, daß diese Musik wohl eine Art Ohren-Striptease vollführen wird und der Ort – Location-Prinzip! – es uns vor Augen führen wird. Gut, das ist fast wie richtige Erotik im richtigen Verdecken der primären wie sekundären menschlichen Geschlechtsmerkmale.

    Was aber leider fehlt, ist die Kritik an der Gesellschaft, die das horizontale Gewerbe wirklich braucht, es aber immer wieder brandmarkt, um es dann gleich später wieder für den eigenen Triebfrieden zu benutzen. Weill-Brecht verspricht da vielleicht einen Seitenhieb, Neueres in diese Richtung aber fehlt. Anders gesagt: die Neue Musik mit ihren diskursiven und kritischen Möglichkeiten bleibt da fast aussen vor oder findet nur bei Thomas Chr. Heyde, rein instrumental statt. Mit diskursiver Neuer Vokalmusik hätte da man doch etwas mehr bewirken können. Und das stört mich! Die ach so konventionelle Oper schafft das im ach so langweiligen Opernhaus. An dieser Location wird es aber höchstwahrscheinlich fehlen…

    Das ist nun die Crux der heutigen Suchen nach neuen Formen: es soll neues Publikum gefunden werden, es soll vielleicht einfach nur Spaß machen. Daß aber auch härtere Kost, gerade auch an solchen Locations Spaß machen kann, wird leicht vergessen. Der Inhalt wird schlichtweg nivelliert, damit man auf gar keinen Fall jemand verschreckt. Das erlebe ich leider immer wieder bei solchen Konzerten oder Performances: das Organisieren eines Konzertes außerhalb des gewöhnlichen Rahmens ist dann quasi das Experiment, die Kritik an den bestehenden Verhältnissen, das Kuratorische wird zur Kunst, die die Musik überwölbt, diese sich unterwirft. Und die Inhaltsmöglichkeiten der Musik bleiben auf der Strecke. Und wenn es dann zur Sache geht, herrscht großes Klagen bzw. bin ich ein Spaßverderber. Wie gesagt, ich liebe durchaus konventionsferne Orte, habe da schon selbst gewirkt. So führte ich im Schwulen Kulturzentrum Münchens eine Kontaktanzeigenperformance auf mit Aufbocken-Los geht’s und Falsettgeschrei eines Basses im Schaufenster , mit SM-Mensuralkanon, etc., projizierte mit meinen Ko-Autoren ein fünf Meter Phallus auf die triptychon-artigen Fenster. Laufkundschaft staunte, die meine schwulen Bekannten ob Zurschaustellung ihres in Kontaktanzeigen gepreßten Sexuallebens rannten griesgrämig weiter, Trambahnen samt Inhalt sahen den Phallus, etc. Also all diese bösen Dinger wie Location & Education. Dennoch kam da auch was kritisches auf, zumindest eben bei denen, die so gerne sich sonst halböffentlich in öffentlich zugänglichen Medien präsentieren.

    Und Lieschen Müller – das ist natürlich die Frau Mustermann für die Kulturszene! Die wünsche ich mir immer wieder in Konzerten. Die trifft man aber dennoch auch in normalen Konzerten, die soll auch gerne an anderen Orten beschallt werden. Und neben Einfacheren kann man ihr auch richtig harte neue Musik a la Xenakis bis Ferneyhough da zumuten. Entweder bleibt sie stehen oder sie geht weiter. Grundsätzlich vermute ich bei aber grössere Neugier, ja, wohl vielleicht grössere Neugier, als ich gebirgiger tosender Prophet von mir gebe. Zumal: sie nennen mich das Frollein, sie nennen mich Sandy… meine Lieschen-Müller-Seite!! Euer Alexander S.

  23. Huflaikhan sagt:

    Alexander S. Vielen Dank für diese ausführliche und für mich lehrreiche Analyse. Mit viel Gewinn gelesen. (Das erlaube ich mir, Benjamin Schweitzer, neben der technisch-administrativen Funktion zu sagen.)

  24. @querstand,

    ich glaube nicht, dass in einem soziologischen Umfeld der Art Moderne-Musik-Location-Erotik-Uraufführungen-einst-und-jetzt
    eine Analyse, die sich ausschließlich des Ursache-Wirkungs-Werkzeuges bedient weiterführt.

    „Bleiben wir einfach trotzdem bei der Homepagekonzertankündigung: es beginnt fast sich entschuldigend mit “Etwas schlüpfrig” statt einfach ein starkes “schlüpfrig”. “Musikalisch durchtrieben” ist natürlich simpel zweideutig gemeint, ein richtig durchtriebenes Musikstück …“

    Bei einem Ankündigungstext handelt es sich um ein Werbemittel, weniger um eine Inhaltsangabe. Aus Werbetexten Rückschlüsse auf den Inhalt zu ziehen geht nur im Sinne einer Produkthaftung.
    Damit würden wir den künstlerischen/spielerischen/fantasievollen Rahmen verlassen und uns auf das Terrain der Jurisprudenz begeben – nicht uninteressant, doch wenig erotisch.

    Dass das Opernhaus in seinen Ursprüngen immer ein Bordell war, sollte hier nicht unerwähnt bleiben.
    Man sehe sich nur das Logen-Interieur an, sofern es noch im Originalzustand erhalten ist, und vergleiche es mit den architektonischen Signalen eines Edel-Bordells (Stichwort: Separee)
    Auch der klassische Werdegang der Darstellerinnen im 19. Jahrhundert (beginnend im Ballett, dann, wenn die Muskulatur in ihrer Elastizität nachgelassen hat, weiter zur Sängerin und dann, wenn die Stimme ausgeleiert war, weiter zur Schauspielerin) sagt einiges über die Verhältnisse und das Betriebsklima.
    Erst das 20. Jahrhundert hat das Opernhaus (zumindest nach außen hin) zu einer moralischen Anstalt umfunktioniert – ob man das als gut oder schlecht bewertet, sei dahingestellt – und andere „Institutionen“ sind hier in die Lücke gesprungen.

    Was jetzt musikalische Inhalte betrifft, noch ein Tipp unter Kollegen:
    Es ist besser, beim Komponieren ans Ficken zu denken als an anderes.
    Also: die Intervalle sortieren und dann ran!
    Ob das Ganze dann im Opernhaus oder im Bordell aufgeführt wird, ist ja vor allem eine Frage der Finanzmittel, oder?

    Angenehme Gefühle für den weiteren Tagesverlauf wünscht

    – wechselstrom –

  25. querstand sagt:

    Bleiben wir beim Aufhänger des Artikels: eine Konzertankündigung und eine verflixte Satire auf diese. Ob man sich rein auf diese allein oder auf die Stücke des Konzerts oder die Replik von fzml bezieht, für mich ist klar, daß nicht so sehr unsere heißgeliebte Musik das Bordell, dessen Beschäftigte und Kundschaft von sich überzeugen muß, sondern daß sie sich von diesen beeinflussen lassen sollte. Der Inhalt eines Konzertes dort kann nicht allein das reine Dort-Sein sein. Dazu ist ein Bordell einfach zu sehr sozial aufgeladen. Es mag den Damen dort grossen Spaß machen zu arbeiten, vielleicht haben sogar die Kunden einen noch grösseren Spaß daran. Es ist aber doch eine der extremsten Tätigkeiten, die man fast im anderen Sinne des Wortes dort verrichten kann. Zwar ist der Gesang eines Sopranes oft auch ein orales Assoziationsangebot. Das direkte Feilbieten von diversen Körperöffnungen im direkten Kontakt zu denen des Kunden ist aber doch ein solch extremer Standpunkt, daß mir dafür „liederliche“ Lieder einfach zu wenig sind. Wenn ich mein mir sich absolut freiwillig hingebendes Gegenüber zart oder stark „liederlich“ verbal oder einfach handelnd angehe, dann geschieht das zwar mit allen geschlechtlichen sozialen Abhängigkeiten, dennoch weitestgehend ohne den Verkauf der intimsten Körperstellen. Gut, man sprach früher mal von ehelichen Verpflichtungen, nach dem Motto man bringt Kohle heim, Frau gibt sich ihm hin. Das geht dann auch bald Richtung des direkten Do-ut-des-Prinzip eines Bordells. Die Willenserklärungen aber die im Kaufhaus des direkten Sofort-Sex sind doch überragend geschäftlich, Beziehungsentstehnisse sind nicht ausgeschlossen. Das ist ja heute sogar finanzbürokratisch zu erfassen. Das Extreme dieses Gewerbes bleibt aber bestehen, in seinem Umfeld kommt es gar immer wieder zum Sklavenhandel. Wunderbare Themen! Wunderbare Beziehungen! Wunderbarer Zündstoff! Aber leider nicht in Leipzig. Wenn, dann eben rein akzidentiell: wie sich das fzml genügt, das einfache dorthin-gehen zu konzeptualisieren, so wird es dann eben von pseudobürgerlicher Politik, sozialneidischen Kleingeist und in ihrer Doppelmoral nicht zu überbietender Boulevardpresse angegriffen. Und inhaltlich mehr von Allen einzufordern, das überfordert dann sogar diesen Blog! Now for something completely different… Ich wende mich nun lieber Arnos GEMA-CD zu. Bis dort, querstand

  26. querstand sagt:

    Jetzt doch wieder hier:
    Nun mal aus der Sicht der Stangentänzerin an das Ganze rangeschmissen:

    Bisher nahm ich den Sichtwinkel des KriKomp ein (Kritischer Komponist) und aus meinem „querstand“ drohte alsbald „querulant“ zu werden. Ich ging davon aus, daß dieses Extremgewerbe zwar Spaß am Job haben könnte, dennoch sie sozial zu solcher Tätigkeit verurteilt wären, welches aufgeblasenes Pathos! Aber der KriKomp eben…

    Jetzt also der StaKomp (NICHT Staatsschreiber, was jetzt all unsere Kollegen des U-Gewerbes denken könnten, auch NICHT der Star-Komponist – das wollen wir doch immer wieder mal sein -, auch nicht eine ausgediente kompositorische Hutschachtel mit Wohnsitz in STArnberg…) (RICHTIG: Stangenkomponist!!). Also ein Stangenkomponist. Noch ein Abschweifer: Achim Heidenreich unterstellte mir – sogar hier in der NMZ – „zu knappe Konfektionsware mit leisem Chic“. Zugegeben, mein damaliges Stück beruhte auf einem alpenländischen Lied („Bist Du ned bei mir“). Vor dem Stück sang ich das Lied’l vor, trug im Obergeschoß der Räume des Ensemble Modern einen grauen Anzug, der leicht glänzte, so ganz im Klein-Yuppiestil der End-90er-Jahre! Igitt. Und wie er von der Stange war! Da hatte Herr Heidenreich eine echte Vision, wenn der damals schon vom Leipziger Bordellkonzert hätte, wäre er nie bei diesem seltsamen Zenderklassenabend aufgetaucht. Aber zum echten Stangen-Compositeur hat er mich doch nicht gemacht…

    Nun, der Stangen-Komponist: das ist nach dem dann doch wohl bald großem Erfolg des Leipziger Erotikexperiments der unter uns, der dann nur noch Musik für sich räkelnde Damen und auch mal Herren an Stangen schreiben und verkaufen wird. Wenn er nicht so großen Erfolg damit haben sollte, gibt es zumindest einmal jährlich einen Stunden-Gutschein für ihn und die Stangen-Dame seiner Wahl!

    Nochmals die Sozialleier: wenn nun solch ein langweiliger KriKomp wie ich die Damen im Bordell mit der Tür ins Haus fallend befrage, ob sie sich dort nicht total ausgenutzt vorkämen, die würden nur eine Miene ziehen und sich denken „wieder so ein Besserwisser“ oder zu mir als Wessi „Beserwessi“. Mit meinem kritischen Getöse hätte ich nicht viel erreicht, während meines Stückes hätten sie mal dann ein schnelles orales Geschäft vollführt. Deshalb muß man Musik zu ihnen bringen, die sie besingt! Jawoll, jetzt greift das Analytische. Nun begreife ich ganz und gar die Programmierung des Abends!!

    Ein letzter Umkehrschluß sein gewagt: es handelt sich ja um eine Konzert der Reihe Freizeitmusik. Die Freizeit der Konzertbesucher!! Was ist aber mit der Freizeit der Damen? Da nun auch diese sie besingende Musik Kunden abschrecken könnte, werden sie garantiert einen Verlust hinnehmen müssen. Ich hoffe, daß durch den Konzertveranstalter an die Stangen-Gewerkschaft ein Obulus entrichtet wird. Wenn nun die Damen endlich Freizeit haben, also morgens, tagsüber – obwohl es auch dort eine maue Tagschicht geben dürfte – haben sie frei!! Nur, da gibt es keine Neue Musik mehr, schon gar nicht live, es sei denn ggf. in Form eine Generalprobenbesuchs. Diese Generalproben sind aber alles andere als prickelnd, als Neue Musik-ferne Nachtarbeiterin würde ich da einfach weiterschlafen. Und nachdem die tollen öffentlich-rechtlichen Sender die Neue Musik auch zur besten Arbeitszeit, tief in der Nacht senden, dürften die Damen das da kaum kompensieren können, es sei denn sie verstoßen gegen Dienstvorschriften. Oder ein Stangentanz zu Herrn Sommerlattes ewigen Concerto-Bavarese-Gespielt-sein-Abo? Das wäre dann Stangen-Avantgarde, eher was für Münchner Festivals mit dem berühmten „de“ nach dem ersten „A“ in Avantgarde…

    Vielmehr sollte man wieder regelmäßige Matineen einführen. So sind wir auch gleich wieder bei meinen geliebten Opernhäusern!! wechselstrom bemerkte zurecht die Karrieren der gehobenen Stangen-Damen des 19. Jahrhunderts, all der Lola Montez der separeeähnlichen Logen. Erst Tanz, dann etwas gealtert Gesang, dann noch älter als Schauspielerin, vielleicht sogar mit einem erfolgreichen Komponisten verheiratet, von einem ewigen Verehrer aus alten Tagen mit einer Appanage versehen, etc. Nun nicht jede von diesen, aber doch ein ganz auskömmliches Dasein. Wie ist es heute? Wenn man nicht aufpaßt, ist man vor der regulären Unkündbarkeit im öffentlichen Dienst nach über 10 Jahren seinen Sängervertrag wieder los. Kaum ein Ensemble gibt es noch, das da eine(n) SängerIn auffängt. Wehe, es kommen dann allmählich Fettpölsterchen dazu, dann ist die Karriere schnell vorbei. Es sei denn, man ist dann an einem anderen Haus oder hat eine Professur oder sonstige Schüler oder sichert sich ähnlich einem Fußballstar ab – nur, welcher Sänger verdient wirklich soviel wie ein Bayernstar, und das ist ja noch nicht das Ende der Stange…

    Im Prinzip werden also SängerInnen zur Armut verdammt. Kein Einkommen, keine Einzahlungen in die Sozialkassen, am Ende dann irgendwann Grundsicherung, Mini-KSK-Rente oder Beides aufgerechnet oder Unterrichten bis der Bestatter kommt!! Und das, weil eben nicht mehr die Stimme sondern immer mehr das Aussehen zählt!! Also mehr Matineen an Theatern, auch und gerade wochentags!! Reiner ökonomischer Wahnsinn, erstmal. Die älteren SängerInnen könnten aber als ewige Zweit- und Drittbesetzung weiterauftreten, Schulklassen zu Zeiten außerhalb pubertären Diskobesuchs das Opernhaus reihenweise aufsuchen, ohne daß im schulklassenaufgefüllten Abokonzert ständig die Kaugummis platzen und dann die Kinder nie zu Abonnenten werden lassen, da ja dann dort ihre Kinder Gummis, Kaugummis platzen lassen könnten, die Damen der Stange endlich geregelt ins Konzert und in die Oper kommen, etcpp. Und der Rubel der Intendanten würde rollen. Vielleicht auch ab und zu Gastspiele echter Stangentanzkompanien anstelle von Andre Rieus Enkeln, und wenn die Opernbude den Purismus und die Kriegsschäden des 20. Jahrhunderts überlebt haben, kann man die Logen ja auch wieder an Stangenbesitzer und Stangentänzerinnen vermieten. Ob das mancher Stadttheaterbeitzender Kämmerer schon erwogen hat? Wenn sie ihre Feuerwehrautos mit Cola-Webung bekleben, könnten sie doch auch diesen Matinee und Separee-Gedanken weiterdenken. Und über Allem hätten wieder ein harmonisches Luja (Kurzbajuwarismus von Halleluja!!) von Location- und Education-Prinzip Platz: der genius loci inmitten der Musen Aiode und Kalliope under Gottheiten Athene und Apoll, ab und an auch ein bißchen Dionysos…
    Bis bald, das Frollein, Sandy, querstand, Wunschstange oder einfach Alexander S.

  27. querstand sagt:

    Wahn, Wahn, überall Wahn! Wohim ich auch Blick, in Welt- und Stadtchronik, die Leut‘ sich plagen und schinden… so oder so ähnlich denke ich, wenn ich diese Zerfleischungen hier gerade lese….

  28. querstand sagt:

    DARKROOMKONZERTE:
    fand zwischen den üblichen Viagra-Spams, Hinweisen auf die nächste Musiktheater-Biennale und andere Konzerte 27 Weiterleitungen aus einem einschlägigen Chatclub aus Berlin. Nun, unter Musikern wird man da nicht so sehr unsere Pflanzung meinen, aber immerhin. Ausserdem: das Lokal rechnet mit einer langen Lebensdauer, bis 1999 hieß es F*****2000, nun 3000!! Das wären also noch 1991 Jahre Neue Musik im Darkroom, wenn man diesen Ort für die Neue Musik bekäme. Der Hinweis auf die Videos im U-Geschoß: da trifft sich sonst die lüsterne schwule Herren-Gesellschaft Kruezbergs. Anbei der Text:

    „SLUM

    Jeden Mittwoch ab 22.00 verwandelt sich der Darkroom des Ficken3000 in
    eine Performance-Lounge, in der Berliner und internationale Künstler,
    Schriftsteller und Musiker für die Dauer einer Nacht ihre Projekte
    vorstellen und mit den ungewöhnlichen Gegebenheiten des Raumes
    interagieren. Während auf den Monitoren im Keller experimentelle Filme
    und Videokunst zu sehen sind, wird eine monatlich wechselnde Besetzung
    von Resident DJs den Dancefloor mit mit Rock, Elektro, Noise und
    Avant-Garde-Seltsamkeiten beschallen.

    SLUM vereint die unterschiedlichsten kreativen, sexuellen und
    nachtaktiven Subkulturen Berlins unter einem Dach: Nach dem Vorbild von
    Zürichs „Cabaret Voltaire“, New Yorks „Jackie 60″ und Los Angeles‘ „Club
    Sucker“ fungiert SLUM sowohl als Party als auch als Kulisse für
    innovative grenzüberschreitende Performer und Künstler.

    SLUM ist ein gemeinsames Projekt des Performancekünstlers Tennessee
    Claflin und des Schriftstellers Travis Jeppesen.

    FICKEN 3000 | Urbanstraße 70 | 10967 Berlin-Kreuzkölln“ (Quelle: http://www.GayRomeo.com/pervyREDrats)

  1. 7. November 2009

    […] Update: Die nmz berichtet. […]

  2. 7. November 2009

    […] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Max Marlow und neue musikzeitung, SupSappel erwähnt. SupSappel sagte: RT @minitechnik: (Sehr) Lesenswerte Interpretation der Bedeutung von Konzertanküdigungen: http://tr.im/EsHe #Musik #Kunst #Kultur […]