Der Himmel über Tirol (bzw. Vorarlberg)

Liebe Baddies,

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Aus irgendeinem Grund habe ich dieses Jahr leichtsinnig zwei verschiedene Open Air-Aufträge in einer der (wettermäßig) teuflischsten Regionen der Welt angenommen: Tirol (bzw. Vorarlberg). Darüberhinaus sollten beide Veranstaltungen kurz hintereinander sein: Am 5.7.: Open Air für die Tiroler Festspiele, am 25.7. Open Air für die Bregenzer Festspiele.

Wenn man so etwas zusagt ist man ja zuerst einmal von optimistischen Gedanken erfüllt und redet es sich schön: „Das wird schon mit dem Wetter!“. Auch wenn in Tirol nachweislich auf eine Sonnenminute 5 Regenminuten kommen – und das alle 6 Minuten! Daher also meine zaghafte Nachfrage bei den Auftraggebern: „Was ist, wenn es regnet?“. Beide Festivals antworteten mit einem nonchalanten Achselzucken (wenn Festivals mit einem Achselzucken antworten könnten).

Also plante ich gleich sicherheitshalber beim Tiroler Konzept für die Staustufe Erl („Auf dem Wasser zu singen„) den Regen mit ein: Wie wäre es, wenn man die Sache gleich so konzipiert, dass Regen die beste Atmosphäre schaffen würde? Dann müsste man ihn nicht fürchten: Vor meinem inneren Auge lief eine mystische, flussverherrlichende Veranstaltung ab, der ein bißchen Regen sogar mehr Gravitas verleihen würde und bei der das Publikum schon fast obligatorisch einen Regenschirm mitbekäme. Wenn man dergestalt auf den Regen vorbereitet wäre, könnte man mit beidem leben: Regen ODER Sonne, und alles wäre gut!

Als ich 3 Tage vor der Aufführung in Tirol (Erl) ankam, stellte ich fest, dass die Organisatoren diesen Teil meines Konzeptes geflissentlich überlesen hatten. Tatsächlich war alles  leichtsinnig auf „Sonne“ geplant. Der Höhepunkt der Veranstaltung sollte auf der Staustufe Erl stattfinden – einem imposanten Bau der den Fluss Inn in einen „wilden“ und „weniger wilden“ Teil trennt. Natürlich sollte der „wilde“ Teil bespielt werden, da wo durch stete Treibholzansammlung und tödliche Strömungen Schifffahrt ein Vabanque-Spiel ist – habe ich schon erwähnt, dass ein Teil der Veranstaltung mit Schiffen zu tun hatte? Vor der Staustufe herumfahrend? Auf der Staustufe waren geplant: knapp 30 Musiker, Sänger und DJ’s, die auf Lastwagenanhängern spielen, damit man die Staustufe im Falle eines plötzlichen Weltunterganges oder einer Jahrhundertflut auch schnell räumen kann (als ob das dann noch etwas nützen würde). Die Lastwagenanhänger sollten natürlich trotz empfindlicher DJ-Elektronik nicht mit Planen überdacht sein –  schliesslich würde die Musiker im Ernstfall der Regen erfrischen, oder?

Etwas heikler stand es natürlich um die aufwändige Verstärkung und Beleuchtung, für die extra ein Profiteam aus Wien angereist war. Die 4 turmhohen Lautsprecherürme, die tausenden Meter von Kabel, das Beleuchtungs- und Mischpult würden wahrscheinlich im Regenfall einen Kurzschluss erzeugen, der halb Österreich lahm legen würde. Daher hatte man sogar einen Alternativaufführungsort organisiert – ein Gewächshaus in der mehrere Kilometer entfernten Ortschaft Ebbs, das den Charme eines Bottroper Baumarkts ausstrahlte. Ein Ort so häßlich, dass es sich wahrscheinlich um eine Art ritualistische Geste der Veranstalter handelte, um den Regengott zu besänftigen – denn eine Aufführung an diesem trostlosen Ort fernab jeglicher Zivilisation würde er nicht zulassen! Hinzu kam, dass ein Wechseln auf diesen Ort aus Transport- und Aufwandsgründen mindestens einen Tag vorher entschieden sein musste. Was natürlich angesichts der Tiroler Unmöglichkeit vom aktuellen Wetter auf das Wetter des nächsten Tages, geschweige denn der nächsten Minuten schliessen zu lassen, nicht unproblematisch dünkte.

Als ich die erste Probe begann (in der Eingangshalle einer Grundschule, anscheinend der beste Probenort für Neue Musik wegen der „reizvollen“ Akustik unterlegt mit Kindergekreisch), regnete es natürlich schon einmal, zur Einstimmung. „Wisst ihr schon, wie das Wetter am Wochenende wird?“. Wieder dieses Achselzucken. „Also der Züricher Flughafen hat gesagt, es könnte die Sonne scheinen. Oder auch regnen“. Nun gut, diese Aussage trifft so gut wie jeden Tag in Tirol zu, aber zumindest das „könnte“ beruhigte. Oder auch nicht.

Jeder der einmal Tirol besucht hat weiß, dass die Wolken dort so tief hängen, dass Basketballspiele unmöglich sind (weil man den Korb nicht mehr sehen würde). Außerdem bewegen sich die Wolken wie geheimnisvolle, unberechenbare Wesen, sie quillen quasi wie ein endloser Strom über die Berghänge hinab und sogar hinauf, mal auf einen zu,  mal von einem weg (da die Windrichtung alle paar Sekunden wechselt). Auch wenn gerade die Sonne scheint – jederzeit können sich die Tiroler Terrorwolken zu einer zähen, schwarzen Masse zusammenballen, in der es dann unheimlich brodelt: ein Gewitter oder zumindest ein Tsunami mit Windstärke 9 ist dann garantiert. Wie um die Menschen in den Wahnsinn zu treiben kann aber auch jedes Gewitter genau so schnell wieder verschwinden und einer zarten, lauen Sommerstimmung weichen. Und kaum ist man in diese eingelullt und wähnt sich in Sicherheit, ergiesst sich wieder eine Flut aus dem Nichts. Manchmal regnet es, wenn keine einzige Wolke am Himmel ist. Manchmal dräuen schwarze, niedrige Wolken direkt über einem, aber kein Tröpfchen erlöst von unerträglicher Schwüle. Wie auch immer – selbst Herr der Ringes Mordor wäre gegen Tirol ein relaxtes Urlaubsparadies mit beständigen Bedingungen, auf die man sich verlassen kann.

Mordor

Nun ist Tirol von äußerst netten Menschen bevölkert, die der Herrgott mit einer Engelsgeduld gegenüber ihrer Umwelt und den jährlichen Fliegenplagen ausgestattet hat. Und natürlich erzeugen die oben beschriebenen Bedingungen immer wieder spektakuläre Panoramen, die es sonst nirgendwo auf der Welt gibt (siehe Bild links). Allein deswegen ist ein Open Air Spektakel in Tirol schon eine Schau – wenn es denn gelingt! Und um dieses Gelingen machte ich mir nun immer mehr Sorgen. In jeder Probenpause machte ich einen Zwischencheck: Es regnet? Gut, dann regnet es vielleicht am Wochenende nicht. Es scheint die Sonne? Gut, dann tut sie es vielleicht auch am Wochenende. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Einen Tag vor der Aufführung war eine äußerst wichtige Generalprobe vor Ort geplant, die schon im Vorfeld eine Meisterleistung der Logistik benötigte, denn die Hälfte der Bläser war noch für die mindestens 4 Opern eingeplant, die bei den Tiroler Festspielen täglich nebenher gegeben werden, man konnte also nur ein kleines Zeitfenster bespielen.

Natürlich regnete es – kurzfristig entschied ich mich, die Probe auf den nächsten Tag zu legen (also kurz vor die Aufführung) und stattdessen allein die klein besezten musikalischen Teile zu proben, die auf einem überdachten Schiff stattfinden sollten. Kaum fingen wir damit an, wichen  die Wolken wie zum Hohn einer zarten Bläue. In einer zauberhaften, sonnigen Stimmung glitt unser Innschiffahrtsschiff majestätisch übr das Wasser. Kein Tropfen trübte dieses Bild. kein Lüftchen wehte  – schade nur, dass dies ein Großteil der Musiker nicht mitbekam, denn die warteten im nahen Hotel auf das Ende des Regens. In Tirol kann das Wetter schon 10 Meter weiter völlig anders sein als dort wo man sich gerade befindet!

Neuer Tag, neue Hoffnung. Der Tag begann wie in Tirol üblich mit einem frühmorgendlichen Gewitter zwischen 4 und 5, danach aber: Sonnenschein! Keine Wolke am Himmel! Das sah gut aus für die Probe am frühen Nachmittag, und natürlich auch für das Konzert – beschwingt machte ich mich an letzte Vorbereitungen. Als ich gerade meinen Computer herunterfuhr, mich auf den Abend freuend, machte ich den leichtsinnigen Fehler, den Himmel ca. 3 Sekunden nicht zu beobachten. Das rächte sich: Plötzlich goß es in Strömen! Ein wahrer Monsun, wie aus dem Nichts! Furchtlos machte ich mich dennoch auf den Weg zur Probe. Inzwischen hatte man die Lastwagenanhänger weise mit Planen versehen, so konnte zumindest ein Stromausfall und der Tod unschuldiger Musiker gerade noch verhindert werden. Eine Probe war aber bei den tropensturmartigen Bedingungen dennoch nicht möglich, denn unberechenbare Sturmböen verhinderten das Betreten der Staustufe.

Wie in Tarkowskijs „Stalker“ warteten wir in einem nahen Notbehelfszelt auf das Ende des Regens. Jegliches Zeitgefühl wich einer Art Tranceszustand in dem man sich in das Rauschen des Regens quasi einlauschte, auf ein Nachlassen der Tropfenfrequenz wartend. Noch nie habe ich so viele Menschen so still und schweigend dasitzen sehen. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit: Das Ende! Und nur noch 2 Stunden bis zum Beginn der Veranstaltung! Allerdings immer noch: Wolken, Wolken, schwarze Wolken bis zum Horizont.

Nur den Profis aus Wien war zu verdanken, dass der Soundcheck schnell über die Bühne ging. Proben konnte man es aber nicht richtig nennen. Schnell also mit dem Bus nach Ebbs, wo der Abend mit einem Vokalkonzert in der Pfarrkirche Ebbs beginnen sollte, noch ohne meine Mitwirkung, Wie ein ruheloser Panther lief ich vor der Kirche auf und ab. Schon wieder das Dräuen in der Ferne und die schreckliche Erkenntnis: Es wird regnen! Aus „Auf dem Wasser zu singen“ wird „Unter dem Wasser zu singen“! Mein Ruf als Open Air-Komponist für immer ruiniert!

Schon sind wieder erste Tropfen zu spüren, die aber gleich wieder von dem aufkommenden Wind verweht werden. Am Horizont zieht ein Sturm auf, gegen den der aus „Terminator 2“ ein Witz ist. Meine Stoßgebete haben nichts genützt – das ist das Ende.t2

Ich habe gar nicht gemerkt, dass das Konzert in der Kirche schon aus ist. Gleich soll es losgehen, aber das können wir vergessen. Neben mir steht plötzlich jemand, eine Frau die gemeinsam mit mir den Himmel anstarrt. Sie sieht aus wie Sarah O’Connor. „Es wird nicht mehr regnen“ sagt sie. „Woher wollen Sie das wissen?“ entgegne ich. „Ich bin Fallschirmspringerin, wir können das Wetter lesen“. Sagt’s und verschwindet wieder.

Sie behielt Recht, es wurde dann doch ein sehr schöner Abend.

Staustufe

Zwei Wochen später, im Zug, ich bin auf dem Weg nach Bregenz, zur ersten Probe mit hundertsechzig Musikern, die – wie sollte es auch anders sein – natürlich auch Open Air stattfinden soll. Bregenz ist zwar Vorarlberg und nicht Tirol, das Wetter ist jedoch so ähnlich, dass man die Stadt auch „Regnet’s?“ nennt. Auf dem Handy ruft mich jemand von den Festspielen an: „Es tut uns leid, die Probe wird wegen Regen vermutlich ausfallen“.

Es ist seltsam – aber irgendwie beruhigen mich diese Worte. Mich kann jetzt nichts mehr erschüttern.

Euer

Bad Boy

Moritz Eggert

Quart

Mit Dank an:
Tina Reif, Andreas Leisner, Andreas Schett, Gustav Kuhn und das Team der Tiroler Festspiele

Laura Berman und das Team von „Kunst aus der Zeit“, Bregenzer Festspiele

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1 Antwort

  1. Vielen Dank, Moritz! Sehr interessante Geschichte, wie ein klein Buch!!!