Aus der Neuen Musik ausgestiegen: Markus Hinterhäuser

In einem Gespräch mit der dpa hat sich der Salzburger Festspielchef Markus Hinterhäuser zur Notwendigkeit von Auftragsopern geäußert. Nämlich so: sie seien verzichtbar. Er halte „wenig von dieser Intendantenstatistik: Man ist erfolgreich, wenn man soundsoviel neue Opern gebracht hat. Diese Form des Ritterschlags erschließt sich mir nicht“. Sie, die Auftragsopern, seien nicht das „Alleinseligmachende“.

Das ist erstaunlich für jemanden, der schließlich einmal ein Festival mit zeitgenössischer Musik programmiert hat. Ist es tatsächlich so, dass es diese Intendantenstatistik gibt? Und vor allem, dass sie diese Bedeutung hat? Wenn man den Ausführungen von Moritz Eggert hier im Blog folgt, sieht die Realität doch anders aus. Die Statistik scheint eher umgekehrt zu existieren. Auch die Reaktionen in den Kommentaren im Blog und auf Facebook zu Eggerts Ausführungen scheint eher etwas Gegenteiliges nahe zu legen.

Hinterhäuser geht aber noch weiter: Auf die Frage, ob „die zeitgenössische Musik, für die Sie ja selbst stehen, wirklich in der Mitte der Festspiele angekommen“ sei, führt er aus:

„Ich würde mir wünschen, wenn mir diese Frage nicht mehr gestellt würde. Dass es genauso selbstverständlich ist, neue Stücke zu bringen wie Beethoven, Bruckner oder Mahler. So weit ist es noch nicht. Aber es wird auch kein Quotensystem geben.“

Noch darf man rätseln, ob mit dem „so weit ist es noch nicht“ gemeint ist, dass man diese Frage nicht mehr stellt, oder ob damit die nicht vorhandene „Selbstverständlichkeit“ der Koexistenz von aktueller und älterer Musik gemeint sei. Solange letzteres ja nach wie vor nicht gegeben ist, sollte die Frage durchaus gestellt werden dürfen. So ganz schlau wird man aus der dpa-Interview nicht. Man kann Markus Hinterhäuser nur bedauern – alles wird gut!

Nun sind die Salzburger Festspiele niemals wirklich ein Hort der Auftragsopern gewesen. Die Uraufführungsliste offenbart eher eine zunehmende Abnahme von derlei Opernereignissen. Seit 1992 schlagen gerade einmal fünf vier Uraufführungen von Opern zu Buche.

Opernuraufführungen bei den Salzburger Festspielen (Quelle: Wikipedia)
Die Sache ist nicht einfach. In der hauseigenen Suchmaschine sind nur 16 World Premieres im Bereich Oper verzeichnet.


  • 1943: Blacher, Romeo und Julia
  • 1947: von Einem, Dantons Tod
  • 1948: Martin, Le Vin Herbé
  • 1949: Orff, Antigonae

  • 1952: Strauss, Die Liebe der Danae (ergänzt nach Hinweis von M. Wiegand)
  • 1953: von Einem, der Prozess
  • 1954: Liebermann, Penelope
  • 1955: Egk, Irische Legende
  • 1957: Liebermann, Die Schule der Frauen
  • 1959: Erbse, Julietta

  • 1960: Martin, Mysterium von der Geburt des Herrn
  • 1961: Wagner-Régeny, Das Bergwerk zu Falun
  • 1966: Henze, Die Bassariden

  • 1973: Orff, De temporum fine comoedia

  • 1981: Cerha, Baal
  • 1984: Berio, Un re in ascolto
  • 1986: Penderecki, Die schwarze Maske
  • 1987: Wimberger, Fürst von Salzburg

  • 1991: Eder, Mozart in New York
  • 1991: Hirschfeld, Bianca
  • 1991: Maderna, Satyricon (die war allerdings schon 1973 und an anderer Stelle wie mir dankenswerterweise Alexander Strauch mitteilte)

  • 2000: Saariaho, L’amour de loin
  • 2003: Henze: L’Upupa

  • 2010: Rihm, Dionysos
  • 2014: Dalbavie, Charlotte Salomon
  • 2016: Thomas Adès, The Exterminating Angel (stand nicht in der Liste, ergänzt nach Hinweis von R. Braunmüller)

Bloß keine Auftragsopern. Foto: Hufner

Bloß keine Auftragsopern. Foto: Hufner

Hinterhäuser möchte dagegen bestehende Werke „immer wieder neu (…) überprüfen, auch auf ihre Aktualität. Und außerdem gibt es so viel Literatur unserer Zeit, die gehört und gespielt werden muss.“ Auch in dieser Hinsicht ist Salzburg bislang nicht besonders hervorgetreten. Dieses Jahr also Wozzeck und Lear. Es liegt also alles in den Händen von Hinterhäuser, der nun alles von seiner Begeisterung und einem existentiellen „Warum?“ abhängig macht. „Wenn ich einen Komponisten oder eine Komponistin gefunden habe, für die ich mich begeistere und wenn ich weiß, warum wir das machen, sofort.“ Wann dann dieses „sofort“ eintritt? Vielleicht ja nie! Es gibt ja auch niemanden, der dafür zur Verfügung stehen würde. Sind alle tot – oder haben keine Zeit oder Lust.

Die Titel mag wohl etwas falsch gewählt sein: Austreten kann man schließlich nur dort, wo man auch eingetreten ist.

Martin Hufner
Chefmitarbeiter bei |

seit 1997 chefökonom der kritischen masse und netzbabysitter der nmz.

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