Von der Tomate zur Tütensuppe – Evolution der Neuen Musik (Gastbeitrag von Stefan Hetzel)

Unser regelmäßiger Leser Stefan Hetzel war schon der Zweite, der mich auf Harry Lehmann und seinen interessanten Artikel „Digitale Infiltrationen“ aufmerksam gemacht hat, der schon seit einiger Zeit kontrovers diskutiert wird. Er hat auch gleich einen Artikel über die Thematik geschrieben, den ich hier gerne zur Diskussion stelle:

(Moritz Eggert)

Von der Tomate zur Tütensuppe – Evolution der Neuen Musik (Gastbeitrag von Stefan Hetzel)

Dass es nicht mehr so weit her ist mit dem Alleinvertretungsanspruch der „Neuen Musik“ auf ästhetische Fortschrittlichkeit, pfeifen ja mittlerweile die Spatzen von den Dächern. Der Luhmann-inspirierte 47-jährige Kunstkritiker, Philosoph und Diplom-Physiker Harry Lehmann bietet seit einigen Jahren nun auch die entsprechende Theorie hierfür an.

Harry Lehmann

In seinem Aufsatz „Avantgarde heute“, der 2006 ausgerechnet im „Neue Musik“-Fachblatt Musik & Ästhetik (also der, wie sie sich selbst versteht, „einzigen Zeitschrift im europäischen Raum, die das Feld «Musik» unter allgemeinen wie fachspezifischen, künstlerischen wie philosophischen, kulturwissenschaftlichen wie politischen Gesichtspunkten zum Thema macht“) erschien, beschreibt er kühl, wie sich die künstlerischen Strategien sowohl der Nachkriegsmoderne (Stockhausen, Xenakis…), die bei Lehmann „Avantgarde“ heißt, als auch der Postmoderne (Reich, Pärt…) erschöpft hätten und wir nun in das Stadium einer Moderne zweiter Ordnung (die Lehmann „Reflexive Moderne“ nennt) einzutreten genötigt seien. Ansonsten landeten wir unweigerlich im Neo-Konservatismus („Naive Moderne“).

[Anmerkung von Moritz Eggert: Mir wurde berichtet, Lehmann dürfe seither nicht mehr in „Musik & Ästhetik“ publizieren – ist das richtig?]

Für mich liegt die Stärke und Durchschlagskraft von Lehmanns Texten weniger in seinen systemtheoretisch üppig unterfütterten, immer ein wenig nach Hegel’scher Geschichtsteleologie klingenden Thesen als in der nüchternen Schilderung der Arbeitssituation vieler heutiger Komponisten. Besonders prägnant kommt dies in seinem Text „Digitale Infiltrationen“ zum Ausdruck, der eben im Schweizer Periodikum Dissonance erschien (Vielen Dank an KULTURTECHNO für den Hinweis!).

Zunächst wird dort (wieder einmal, aber immer wieder gerne) der Jahrzehnte währende ästhetische Stillstand in der akademischen „Neuen Musik“ der alten Bundesrepublik geschildert: „Neue Musik, wie sie in Donaueschingen, Witten und Darmstadt lange Zeit gepflegt wurde, hielt an avantgardistischen Selbstbeschreibungen fest und blieb ansonsten der Arbeit am Material verpflichtet.“

Mit der Beschränkung auf die „Arbeit am Material“ beschreibt Lehmann das Dogma der Nachkriegsmoderne, dass sich Musik nur immanent erneuern könne, also beispielsweise durch Erschließung neuer Instrumentaltechniken (vgl. Lachenmanns „musique concrète instrumentale“), Erfindung neuer (z. B. elektronischer) Instrumente (vgl. Xenakis‘ UPIC) oder Entwicklung neuartiger Musizierpraktiken (vgl. das „freie“ kollektive Spiel in der Improvisierten Musik). An eine Erneuerung der Musik durch lebensweltliche Umwälzungen dachte damals offenbar niemand. Anscheinend gab es damals auch keine (also lebensweltliche Umwälzungen jetzt). Wenn ich an meine Kindheit und Jugend von den späten 1960ern bis 1989 denke, kommt mir diese Haltung auch ganz schlüssig vor: Die bundesdeutsche Nachkriegszeit erscheint uns aus der Sicht des Jahres 2012 (ja, trotz sexueller Revolution, 1968 und RAF!) als geradezu beschaulich, irgendwie introvertiert, zurückgenommen, vor allem aber abgepuffert, ausgewogen, befriedet und friedlich. Natürlich werden mir da jetzt viele widersprechen, doch geht es mir hier nicht um detailgetreue Geschichtsschreibung, sondern das übergreifende Lebensgefühl dieser Epoche. Wer anderer Meinung ist, soll sich einfach die von Krieg und Tod geprägten Biographien der Menschen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts anschauen – und dann eine Durchschnittsbiographie der Nachkriegszeit.

Als in den 1960er Jahren die us-amerikanische Minimal music als, wie Lehmann ganz richtig bemerkt, „genuin postmoderner Musikstil“ aufkam, der die künstlerische Flaute hätte beenden können, wurde diese von einem Großteil der deutschen Neue-Musik-Szene brüsk abgelehnt (Man lese nur die harsche Polemik „Signale zwischen Exotik und Industrie“ zur Musik von Steve Reich des „Musik & Ästhetik“-Mitherausgebers Clytus Gottwald von 1975 – leider konnte ich sie online nicht finden). Komponisten, die der Minimal music offener gegenüberstanden, etwa Peter Michael Hamel, Hans Otte, Walter Zimmermann oder Klarenz Barlow, konnten sich in der Neue-Musik-Szene nicht durchsetzen oder wanderten sogar, wie Barlow, irgendwann aus – in die USA. Lehmann bündig: „Eine musikalische Postmoderne konnte sich, zumindest in den deutschsprachigen Szenen, nicht wirklich entfalten.“

Als Alternative zur Alternative setzte sich stattdessen bsp.weise der neokonservative Wolfgang Rihm durch, dessen Bedeutung ja nach Meinung der Salzburger Festspiele mittlerweile kontinentale Dimensionen erreicht hat. Lehmann hierzu erwartet trocken: „[…] die sogenannte «Neue Einfachheit» von Wolfgang Rihm und anderen Komponisten in
den 1980er Jahren war wiederum nur ein Brückenschlag zum Klassik-Publikum und nicht in die Lebenswelt des «normalen» Musikhörers.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Die Bildende-Kunst-Szene der alten Bundesrepublik war da wesentlich offener: Die Minimal art von Donald Judd, Sol LeWitt und Robert Ryman wurde als Ausdruck ihrer Zeit selbstverständlich ernst genommen und ausgiebig rezipiert, und beeinflusste deutsche Künstler wie Blinky Palermo und vor allem Gerhard Richter. Ein musikalisches Gegenstück eines deutschen bzw. deutschsprachigen Komponisten zu Richters Kölner Domfenster existiert meines Wissens nicht (ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen!).


Die deutschsprachige Neue-Musik-Szene hatte sich also bis in die jüngste Vergangenheit hinein freiwillig regelrecht intellektuell eingemauert. Dass dies, so der Soziologe Frank Hentschel sinngemäß, aus lediglich „eingebildeten“, nicht aber „tatsächlichen“ Umständen geschah, entbehrt nicht einer gewissen Tragik. Man kann es aber auch komisch finden. Gut, einigen wir uns auf tragikomisch.

Es sind nun auch keine musikalischen, sondern informationstechnologische Innovationen, die, so Lehmann, die „historische Machtformation“ Neue Musik in den letzten 10, 15 Jahren „digital“ zu „infiltrieren“ begannen, indem sie ihr immer mächtiger werdendere neuartige Werkzeuge der Produktion, Verteilung und kritischen Begleitung „Neuer Musik“ an die Seite bzw. gegenüberstellten. Die alten Institutionen büßten ihren bisherigen Alleinvertretungsanspruch so allmählich ein und können heute ihre bislang allgemein akzeptierte Funktion als Gatekeeper der Szene nicht mehr so richtig überzeugend rechtfertigen.

Als neuartiges Produktionswerkzeug nennt Lehmann den ePlayer. Damit ist nichts anderes als Musikmachen mit Samples gemeint, das seinen Weg, ausgehend von noch recht grobschlächtigen Anfängen in den 80er Jahren, längst in die Filmmusik und jetzt eben auch in die Neue Musik gefunden hat.

Als jahrelanger Praktiker auf diesem Gebiet glaube ich zwar, mit Sicherheit sagen zu können, dass eine komplett mit Samples realisierte Orchesterkomposition irgendwie dann doch immer noch etwas anderes als eine Live-Einspielung ist – doch wird es mit ständiger Verfeinerung dieser Technologie immer schwieriger, dieses Irgendwie zu definieren. Wer sich bsp.weise Jay Bacals Realisierung von Igor Strawinskis „Le Sacre du printemps“ mit Orchestersamples anhört, der kann schon manchmal „vergessen“, dass es sich „nur“ um ein virtuelles Orchester handelt. Der mit Klassischer Musik Aufgewachsene wird sich hier vermutlich niemals „vertun“, aber was ist denn mit den restlichen 98,5% der Bevölkerung, für die Bacals Fassung vielleicht die erste Begegnung mit der Musik Strawinskis überhaupt ist?

Mir fällt dazu der Witz mit dem Stadtjungen ein, der erstmalig bei seiner Oma auf dem Land Urlaub macht. Oma: „Was willst du heute essen?“ – Junge: „Tomatensuppe.“ – Oma: „Gut, ich gehe schnell in den Garten und pflücke welche.“ Der Junge deutet auf eine Tütensuppe und lacht: „Aber nein, Oma, ich will richtige Tomatensuppe.“

Ist der Junge nun dekadent? Hat er keinen Geschmack? Ist er gar zu bedauern in seiner entfremdeten Überzivilisiertheit? Nun, dies sind die falschen Fragen! Tütensuppe ist 100% OK, kann gut schmecken und schadet niemandem – wenn gerade keine frischen Tomaten zur Hand sind und die Zubereitung einfach zu zeitaufwändig ist. Das aber ist in der Stadt praktisch immer der Fall – also ist für den Stadtjungen Tomatensuppe aus der Tüte eben die „richtige“ Tomatensuppe und die Idee einer Suppe, die aus Pflanzen gekocht wird, die erst im Garten geerntet werden müssen, für ihn eher abwegig und irgendwie erheiternd.

Es gibt demzufolge keinen vernünftigen Grund, mit Samples realisierte („Neue“) Musik (musikalische Tütensuppe sozusagen) pauschal zu verdammen – auch wenn sie „anders“ klingt. Spätere Generationen werden, da bin ich ganz sicher, gerade dieses „Andere“ einmal als Merkmal des „Authentischen“ einer Epoche zu schätzen wissen.

Spott und Zynismus sind hier wohlfeil, entlarven ihre Urheber aber letztlich als Besitzstandswahrer der „historischen Machtformation Neue Musik“. Dabei, so Lehmann, ist es doch folgendermaßen: „Ein Großteil der aktiven Komponisten wird … keine Karriere mehr im herkömmlichen Sinne haben. Es ist absolut ausgeschlossen, Tausende von gut ausgebildeten Komponisten mit Kompositionsaufträgen für Ensembles oder Orchester auszustatten. Allein schon aus diesem Grund wird man mehr am Computer komponieren, eigene Einspielungen mit wenigen Musikern und ePlayern herstellen, diese Aufnahmen über das Internet verbreiten, in der Hoffnung, dass diese Stücke einmal auf einem Festival oder in einem Kunstprojekt zur Aufführung kommen.“

Der ePlayer tritt also dem Neue-Musik-Ensemble als Produktionswerkzeug an die Seite, das Neue-Musik-Videoportal (ich kenne bisher nur leider keines!) als Distributionsmittel dem Neue-Musik-Festival – und ein Weblog wie dieses (oder das Bad Blog of Musick etwa) als Rezensionsmedium dem Fachblatt für Neue Musik. „Die Digitalisierung führt in dieser Hinsicht zu einer weitgehenden Demokratisierung der Neuen Musik – aus einer Kunst der Wenigen wird eine Kunst von Vielen, die jeden erreichen kann, der einen Internetzugang besitzt.“

Dies alles sagt natürlich nichts über die ästhetische Qualität irgendeiner Musik aus, beschreibt aber ganz gut die veränderten Rahmenbedingungen des Komponierens heute. Zugespitzt formuliert: wer im überkommenen Dispositiv „Neue Musik“ verharrt, läuft Gefahr, von Institutionen „komponiert zu werden“, bekommt aber höchstwahrscheinlich die Aufmerksamkeit des geneigten Fachpublikums. Wer sich „frei“ im Netz herumtreibt, kann zwar tun und lassen, was er will, läuft aber Gefahr, aufmerksamkeitsökonomischen Bankrott zu erleiden.

Es bleibt schwierig.

Stefan Hetzel

Stefan Hetzel
Stefan Hetzel
Artist |

publicist, composer and a piano player

28 Antworten

  1. Paul sagt:

    Tütensuppe ist 100% OK, kann gut schmecken und schadet niemandem – wenn gerade keine frischen Tomaten zur Hand sind und die Zubereitung einfach zu zeitaufwändig ist.

    Nein – ist nicht OK. Und die Ausrede, es sei nicht genügend Zeit vorhanden, etwas anständiges zu kochen, ist faul: man hat auch jeden Tag Zeit, sich nach dem Stuhlgang den Hintern abzuputzen oder abends vor dem Zubettgehen die Zähne zu putzen, alles eine Frage der Organisation und Gewohnheit (das Beispiel lässt sich mit etwas Phantasie auch wieder auf die Musik rückübertragen).

    Aber sonst: schöner Artikel.

  2. So sachlich richtig die historische Übersicht über die Entwickling der Neuen Musik in Deutschland von den 60er Jahren bis heute in dem Artikel sein mag, so schmalsichtig erscheint mir die Folgerung aus der langen Voraussetzung. Wer je den Unterschied zwischen von Lautsprechern wiedergegeber Musik und dem Klangfeld das eine Gruppe von Instrumenten entfaltet erlebt hat, kommt nie auf den Gedanken, daß letzteres durch erstere ersetzbar wäre. Freilich: Jemand, dem ein „authentisches“ Erlebnis vorenthalten wurde, wer also nichts anderes kennt, dem genügt die Sexpuppe zur Befriedigung. Doch ist das wünschenswert? Wollen wir der beschworenen armen 95% der Menschheit zu liebe auf Qualität im subtilen und komplexen Sinne verzichten? Außerdem fehlt dem Autor anscheinend die Kenntnis über neuere Musikentwicklungen, die „Das Digitale“ nicht mehr als Wunderding sondern schlicht als Instrument zu begreifen begonnen haben: Ohne sich in Jute statt in Plastik zu kleiden, kommt diese Musik längst wieder erdig und handgreiflich daher, wird die Erotik des Tatsächlichen erkannt, und dient ihr das Virtuelle lediglich als praktisches Beiwerk. Ich kann nur empfehlen, sich besser „umzuhören“, sich kundig machen im Hörerlebnis und das dann anderen vermitteln (von mir aus digital, egal). Das bringt mehr als theoretische Doktorspielchen zu betreiben.

  3. Goljadkin sagt:

    Die Frage „ePlayer“ oder „echtes“ Instrument ist für mich keine Frage des Sollens oder Wollens, sondern hängt von rein ästhetischen Überlegungen ab. Instrumente durch ihre Samples zu ersetzen ohne daraus irgendwelche Konsequenzen zu ziehen ist erstens uninteressant und zweitens sogar kontraproduktiv. Man begibt sich in die Spirale der Oekonomisierung, aus der man eigentlich ausbrechen will. Ihr braucht doch gar keine Orchester mehr, heißt es dann ganz schnell. Keine Frage, ich glaube ja auch nicht daran, dass wir noch riesige Orchester brauchen, allerdings aus anderen Gründen. wenn es im Medium „Orchester“ nichts Neues mehr zu sagen gibt (und dieser Eindruck verfestigt sich bei mir zunehmend), dann ist dieses Medium obsolet geworden. Da bringt es auch nichts bzw. ist ja fast schon lächerlich, wenn ich meine Orchesterpartitur aus Mangel an Auffuehrungsmoeglichkeiten einfach per Sampler abspielen lasse. Wie oft habe ich mich schon über Filmmusiken geärgert, die so penetrant nach Dosenfutter klingen, auch wenn die Qualität in den letzten zehn Jahren vielleicht deutlich zugenommen hat. Tütensuppe bleibt Tütensuppe, selbst wenn 95% der Mitmenschen finden, dass Tütensuppe besser schmeckt (was natürlich an den Geschmacksverstarkern liegt). 95% der Mitmenschen glauben ja auch zu wissen, wie sie die Nationalmannschaft zum Titel führen könnten …

    Und es klingt nicht nur nach Hegel’scher Geschichtsteleologie sondern ist Hegel’sche Geschichtsteleologie reinsten Wassers, was Lehmann da schreibt. Letztlich Kaffeesatzleserei. Die Musik der Zukunft wird in der Zukunft gemacht, wir müssen unsere Musik hier in der Gegenwart machen und möglichst freihalten von derart einzwängenden ideologischen Überbauten. Insofern kann ich Cornelius Hirsch nur zustimmen wenn er das eigene Hören einfordert und würde es um die Forderung nach (pseudo)-philosophisch unbelastetem Komponieren ergänzen … Das Philosophieren überlassen wir mal den Philosophen, dafür kriegen sie ja auch (hoffentlich) Geld, dafür überlassen sie uns das Komponieren. Mittlerweile geht mir diese unselige Mesalliance zwischen Musik und Philosophie gehörig auf den Geist, auch aufgrund der vielen mitdilettieren glauben zu müssenden Kollegen.

    Goljadkin

  4. Arche Noah neue Musik –
    hier in Austria gibt es bereits eine Arche Noah für verschiedene Kulturpflanzen, die, da nicht mehr so ergiebig, vom Verschwinden bedroht sind
    Darunter befinden sich auch mehrere, teils sehr exotisch aussehende Sorten
    Soll ich ein paar schicken? (werfen ;-)

  5. @Cornelius Hirsch:

    Wer je den Unterschied zwischen von Lautsprechern wiedergegeber Musik und dem Klangfeld das eine Gruppe von Instrumenten entfaltet erlebt hat, kommt nie auf den Gedanken, daß letzteres durch erstere ersetzbar wäre.

    Stimmt – auf den Gedanken bin ich auch noch nie gekommen ;-)

    Wollen wir der beschworenen armen 95% der Menschheit zu liebe auf Qualität im subtilen und komplexen Sinne verzichten?

    1. Wer ist „wir“?
    2. Qualität hängt also vom Medium ab?

    Ohne sich in Jute statt in Plastik zu kleiden, kommt diese Musik längst wieder erdig und handgreiflich daher, wird die Erotik des Tatsächlichen erkannt, und dient ihr das Virtuelle lediglich als praktisches Beiwerk.

    So etwas würde ich tatsächlich gerne einmal hören! Und: was wäre der Gegenbegriff zur „Erotik des Tatsächlichen“?

    Ich kann nur empfehlen, sich besser “umzuhören”, sich kundig machen im Hörerlebnis und das dann anderen vermitteln (von mir aus digital, egal).

    Vielen Dank! Können Sie mir dann bitte auch noch die Abschlussnote mitteilen?

  6. wird die Erotik des Tatsächlichen erkannt, und dient ihr das Virtuelle lediglich als praktisches Beiwerk.

    ganz schön heiss hier, was?
    ähem, habt ihr was eingeworfen, was nicht erlaubt ist -?

    Psst(!), ist vielleicht folgendes gemeint (?):
    Man sitzt im Porno-Kino, während man sich Einen blasen lässt.
    wo gibt´s das zu kaufen- was habt ihr gehört — — her damit!!!

  7. Mittlerweile geht mir diese unselige Mesalliance zwischen Musik und Philosophie gehörig auf den Geist, auch aufgrund der vielen mitdilettieren glauben zu müssenden Kollegen.

    Mal nicht so streng, Herr Kollege.
    Hat auch damit zu tun, dass sich die Konzertveranstalter, selbst solche, die gut ausgestattet sind, nicht mehr die Mühe machen, die Werke selbst durchzuhören und darauf aufbauend eigene Gedanken zu formulieren – stattdessen werden die Komponisten nach Texten zu ihrer Musik gefragt – das ist das blödeste, was einem Komponisten widerfährt …. wozu sind eigentlich Dramaturgen da? – Ach ja, sie fragen die Komponisten nach Texten –

  8. Vielen Dank, Stefan Hetzel, für den schönen und kompetenten Beitrag! Ich fühle mich ganz gut verstanden.

    Dass insbesondere mein „Theoriemodell der ästhetischen Moderne“ (s. „Avantgarde heute“, vor allem Modell auf Seite 10; download auf http://www.harrylehmann/texte) an die Hegelsche Geschichtstheologie erinnert, kann ich als zeitgeschichtliche Assoziation nachvollziehen, von der Sache her dürfte es aber nicht stimmen. Nicht jede Geschichtstheorie ist schon Hegelsche Geschichtsphilosophie. Geschichtliche Prozesse lassen sich auch als evolutionäre und d.h. nicht-teleologische Prozesse beschreiben. Im konkreten Fall arbeite ich mit einem Modell der Ausdifferenzierung, infolgedessen das Kunstsystem neue immanente Freiheitsgrade gewinnt. Der Zugewinn an Freiheit bzw. Kontingenz ist aber gerade das Gegenteil dessen, was Hegel unter einem Telos der Geschichte (der absoluten Idee) verstanden hat, in dem diese ihren letzten Sinn gefunden hat und ein für alle Mal ‚zur Ruhe kommt‘.

    (Eine Kleinigkeit ist mir noch aufgefallen: Der Link in Stefan Hetzels Beitrag zu „Avantgarde heute“ funktioniert nicht.)

  9. strieder sagt:

    Interessiert mich alles nicht. Habe in einem Metal-Forum gesehen, wie dort Brian Ferneyhough, Ornette Coleman, Arnold Schönberg, John Zorn und K.H. Stockhausen abgefeiert werden, sowie einer Carters „Shard“ per Ohr auf seiner Gitarre nachspielen will. Zurücklehnen und geniessen! Und wer was zu meckern hat, kann’s ja vormachen und was besseres komponieren.

  10. Es gibt demzufolge keinen vernünftigen Grund, mit Samples realisierte (“Neue”) Musik (musikalische Tütensuppe sozusagen) pauschal zu verdammen – auch wenn sie “anders” klingt. Spätere Generationen werden, da bin ich ganz sicher, gerade dieses “Andere” einmal als Merkmal des “Authentischen” einer Epoche zu schätzen wissen.

    Diese These halte ich für aberwitzig. Wenn die Leute nichts Authentisches mehr kennen, z.B. den Klang eines rein akkustischen Instrumentes (wenn einst immer mehr Orchester kaputt gespart oder -fusioniert sind) sondern nur noch Konserve und Gesampeltes, dann ist es leider klar, dass sie dann das Künstliche als Authentisches betrachten, eben weil sie keine WAHL mehr haben und nichts anderes kennen (wie oben schon Cornelius Hirsch u. Goljadkin richtig andeuteten). Der Vergleich von wegen „wenn gerade mal nichts anderes als Tütensuppe da ist“ (statt frischer Tomaten) hinkt daher gewaltig. Genauso evident ist: Ein Kind, dessen Hirnstrukturen einmal auf Oberflächlichkeit gepolt sind, dadurch dass es ab dem 2./3. Lebensjahr permanent vor den Fernseher gesetzt wird z.B., das wird zeitlebens nicht mehr um lernen.

    Ich lese aus den Artikeln, so spannend und mit Teil-Wahrheiten ausgestattet sie sich auch darstellen – insgesamt eine Tendenz zur These heraus, dass sich die Menschen der Digitalisierung und Technisierung anpassen/unterordnen sollten, sich mit dem Abbau des Natürlichen etc. abfinden sollten etc.

    Dies mag im Alltag so sein, wir werden geradezu momentan von allen Mantra-artig gezwungen Abbau- Rückschritt (nicht nur in Sachen Förderung, in allen Lebensbereichen) hin zu nehmen. Aber es fragt sich ob nicht die Kunst gerade wieder mehr die Aufgabe hat, dies zu kritisieren und Alternativen (hin zur Naturalisierung und Re-Sensibilisierung etc.) auf zu zeigen.

    Man glaubt – ob mit oder ohne Hegel – einen scheinbar unumkehrbaren Trend ausgemacht zu haben, dem sich die Neue Musik (ob nun mit oder ohne großem N, egal) zu unterwerfen habe. Dieser folgt scheinbar unaufhaltsam dem der Technisierung, der Rationalisierung (Ersatz von Orchestermusikern, Ensembles durch Technik, Sampling etc.) und des ohnehin politisch Gewollten bzw. „korrekten“, dass man darin eher immer Chance statt Verlust sehen solle…

    Das kann man mit Fouceault und Co. und mit einem philosophisch generierten Überbau, wie ich finde, nicht legitimieren. Hetzel (und Lehmann?) vergessen mir etwas zu sehr, dass die Technisierungen und dadurch tw. bedingten Entinstutionalisierungen auch an ihre Grenzen kommen werden. Dessen wird man auch überdrüssig werden. Die Wahrheit der Kunst wird am Ende überleben und sich durch setzen. Und diese Wahrheit ist ein Zurück zu Lebenswelt, zur Natur, zu einer sensiblen, durch Geist, eigenes inneres Hören, durch Vorstellungskraft und Klangvorstellung gestalteten musikalischen Zeit.

    Elektronik und Sampling können eine spannende Sache sein und gehören sicher zu den Medien der Kunst dazu.
    Aber es bleiben nur fade Krücken neben den natürlichen Klängen. Genauso wie es ja in Supermärkten und bei Discountern mittlerweile wieder immer mehr Sehnsucht nach „Bio“ oder regional geerntetem Gemüse gibt (ob/dass Leute damit auch tw. verarscht werden, ändert nichts daran, dass diese SEHNSUCHT wieder mehr da ist… )

    DAS ist eben Ausdifferenzierung, und nicht nur in die eine Richtung (Richtung Konserve/ Einspar… Hinnehmen und Mund halten …usw.). Auch wenn man das vielleicht nicht gerne hören möchte.

    @ Stefan Hetzel: Sie sollten hier Cornelius Hirschs und besonders Goljadkins Statements (denen im Kern ich mich nur anschließen kann) doch mit etwas mehr Respekt und weniger polemisch behandeln. Wenn man selbst eine Sache noch nicht konsequent durchdacht hat wie z.B: wieviel ärmer die Musikwelt ohne Orchester, ohne akkustische Instrumente, nur noch mit Konservenfutter wäre… (oder im Innern selbst nicht daran glaubt, was man als These in die Welt setzt) dann zieht man sich allzugerne auf polemische Positionen gegenüber seinen Kritikern zurück.

    Hetzel, Kulturtechno….Lehmann? Da scheinen sich drei Institutionen gefunden zu haben, die sich gegenseitig bestens die Bälle zu spielen und glauben erkannt zu haben, wohin unsere Reise geht. Nur spiegelt dies womöglich nicht erschöpfend den Trend wieder und das was an der Zeit ist. Bzw. soll man sich als Komponist überhaupt nach Trends, nach Technisierung richten oder um Geschichtsphilosophische Fragen scheren und nicht lieber mehr um das JETZT und das was einen im Inneren umtreibt?

    Seit langem war es mal wieder herzerfrischend, hier zu schreiben. Trotzdem bleibe ich MEINEM neuen Trend insgesamt treu und werde hier nicht wieder zu früheren Sisyphos-Blogging-Orgien zurück kehren: Das LEBEN ist kann kurz sein, musste ich auf Grund meiner vorübergehenden Erkrankuung aus dem Frühjahr spüren:
    Daher: MACHEN, nicht labern (richtig Strieder!),Ohren auf, Wahrnehmen und Genießen, KOMPONIEREN, durch Komponieren philosophieren. Zeit gestalten, anstatt sich von Technikhörigkeit die Lebenszeit stehlen zu lassen.

  11. Lieber Erik,

    wenn Du wieder nach Wien kommst, werde ich Dich mit meinem neuentwickelten Synthesizer volldröhnen – danach gehen wir zum Heurigen auf Achtelfinale ohne Fußball, dafür mit Bio-Surschnitzel und Messwein.

  12. @Erik Janson: Mir ging es in meinem Text vor allem um den Aspekt „Demokratisierung schöpferischer Möglichkeiten durch Technologie“. Die aktuellen Debatten um drohende Orchesterschließungen betreffen mich schon deshalb nicht, weil noch nie irgend ein Orchester eines meiner Werke aufgeführt hat (worauf ich im Übrigen nicht stolz bin). Dank ePlayer konnte und kann ich aber seit einigen Jahren trotzdem einigermaßen hören, wie’s klingt. Dafür bin ich dankbar.

    Interessanterweise ging bisher keiner der geschätzten Diskutanten auf die wohl ungemütlichste Aussage Lehmanns ein, die ich in meinem Artikel zitiere: „Es ist absolut ausgeschlossen, Tausende von gut ausgebildeten Komponisten mit Kompositionsaufträgen für Ensembles oder Orchester auszustatten.“ Bildende Künstler oder Schriftsteller sind ja nicht in einer vergleichbaren Situation. Denn, so banal das jetzt klingt, Bilder und Texte sind eben Bilder und Texte, aber Partituren sind nun mal (noch) nicht Musik. Ist es angesichts dieser Lage nicht reichlich weltfremd und, pardon, wenn ich wieder polemisch werde, arrogant, Sampling-Realisierungen Zeitgenössischer Musik pauschal als defizitär abzutun? Nochmal: Der ePlayer kann und soll den interpretierenden Musiker ja nicht ersetzen – und das war auch nie mein Thema (wurde aber mehrfach von den geschätzten Mitdiskutanten in’s Spiel gebracht). Mir schwebt eher eine Ergänzung und eine friedliche Koexistenz der verschiedenen Realisierungsmöglichkeiten von Musik vor.

    Weiterhin: Kann sich denn hier niemand vorstellen, dass es auch außerhalb des bestehenden Dispositivs „Neue Musik“ Menschen geben mag (man mag sie „Dilettanten“, „Amateure“ oder „Freaks“ nennen), die komplexe Musik für mehr als ein Instrument (in meinem Fall: Klavier) komponieren möchten, ohne sich gleich auf den Marsch durch die üblichen „mitkomponierenden“ Institutionen zu begeben? Denen da eine neue Technologie gerade recht kommt, nicht, weil sie „technikhörig“ oder gar „neoliberal“ sind – sondern, weil sie einfach ihr Ding machen wollen?

  13. Tja, Stefan Hetzel, so ist das in der (deutschen?) Diskussion mit Intellektuellen: Da wird eine leicht vom Mainstream abweichende Idee gleich zum Weltuntergang hochgerechnet.
    Tütensuppe ist der Ersatz für die Tomate aber nicht die bessere Tomate – meinten Sie? – Stimme zu.

    Ergänzung: Eine ähnliche Entwicklung gab es bereits im 19.Jahrhundert – damals kamen Klaviere so in Mode, dass die Komponisten (allen voran übrigens F. Liszt) gar nicht hinterherkamen, Bearbeitungen von Orchesterwerken/Opern etc. für Klavier zu schaffen, so dass auch auf dem Lande, wo es keine Opernhäuser gab, die Leute die Musik, z.B. beim 4-händigen Klavierspiel geniessen konnten.
    Viele Symphonieen wurden damals in der Regel auch in einer Fassung für Klavier publiziert.
    Man darf auch nicht vergessen, dass das Klavier bis in unsere Tage das erste Hilfsmittel für Komponisten war, beim Ausarbeiten ihrer Orchesterwerke.

    Daneben gab es auch originäre Klavierkompositionen, und die wird vor allem heute noch gerne gespielt – beim elektronischen Musikinstrumentarium, das auf den Markt kommt, wird die Entwicklung in ähnlichen Bahnen verlaufen. Ob der E-Palyer das Rennen macht, oder wechselstroms sonderliche Einfälle, das bleibt offen ;-)

  14. @ Harry Lehmann:
    Link „http://www.harrylehmann/texte“ funktioniert nicht.

  15. @wechselstrom: Danke :-)

    Eine sprachlich leicht überarbeitete Fassung des Artikels mit funktionierenden Links und einer sehr instruktiven Illustration findet sich mittlerweile auf meiner Homepage.

  16. @ Harry Lehmann (die Zweite):

    Als ich vor etwa fünf Jahren die Frage nach einer «Avantgarde heute» zu beantworten versuchte und in diesem Zusammenhang den Begriff der «gehaltsästhetischen Wende» ins Spiel brachte, war dies zunächst ein Gedanke, für den es nur wenige Anhaltspunkte in der Realität der Neue-Musik-Szene gab. Vielmehr handelte es sich um eine theoretische Schlussfolgerung, die sich aus der historischen Rekonstruktion der ästhetischen Moderne ziehen liess.

    (aus: Digitale Infiltrationen“ c: Harry Lehmann)

    „zuerst die Theorie, dann die Praxis“, so könnte man das Eigentliche (im Sinne einer Einheit der Differenz) der Neuen Musik bezeichnen. Man kann dies bis Hanslick/Brahms/Wagner zurückverfolgen.
    Diese nun wiederum Praxis gewordene Handlungsweise, innerhalb des Systems Moderne Musik, ist der klassische Fall eines Re-Entry im besten Luhmann´schen Sinne.

    „Gehaltsästhetische Wende“ ist dann zwar kein neuer Ismus, fügt sich aber in das System Moderne Musik nahtlos ein. Dieses Re-Entry ist nicht etwa ein sich ständiges Drehen um die eigene Achse, es kann sein Potential jedoch nur dann entfalten, wenn man den Versuch, die evolutionäre Entwicklung vorauszusagen/vorwegzunehmen den Komponisten überlässt, wenn hier also eine leichte Asymmetrie im Handeln eine Rolle spielt.

    Inzwischen sind die Komponisten auch zu Theoretikern geworden, und nicht wenige haben in theoretischen Betrachtungen mehr geleistet als auf dem Notenblatt.
    Ich halte das für den eigentlichen Bremsklotz bei der Entfaltung Neuer Ideen. Die Entwicklung, kann, wenn auch mühsam, nur dann weitergehen (sei es digital oder analog), wenn gesichert ist, dass Theoretiker nicht im Gegenzug das Komponieren anfangen.
    Konnte auf Ihrer Homepage nichts in dieser Richtung finden.

  17. Rhetoriker sagt:

    Hat Andy Warhol Tomaten gemalt oder Tomatensuppendosen?

  18. In Ergänzung zu oben: Adorno war hier ein echter Sündenfall.
    Mahnkopf sollte mehr komponieren, Kreidler sollte sich ganz der Theorie widmen.

  19. Goljadkin sagt:

    @ wechselstrom:

    Mahnkopf sollte mehr komponieren, Kreidler sollte sich ganz der Theorie widmen.

    Würde ich genau andersrum sehen, mit der Einschränkung, dass mich eigentlich weder das eine noch das andere besonders anmacht …

    Goljadkin

  20. @wechselstrom:

    Inzwischen sind die Komponisten auch zu Theoretikern geworden, und nicht wenige haben in theoretischen Betrachtungen mehr geleistet als auf dem Notenblatt.
    Ich halte das für den eigentlichen Bremsklotz bei der Entfaltung Neuer Ideen. Die Entwicklung, kann, wenn auch mühsam, nur dann weitergehen (sei es digital oder analog), wenn gesichert ist, dass Theoretiker nicht im Gegenzug das Komponieren anfangen.
    Konnte auf Ihrer Homepage nichts in dieser Richtung finden.

    Keine Sorge, ich werde nicht zu komponieren anfangen ;-)
    Was sich aber in allen Kunstszenen beobachten lässt, ist, dass die Künste konzeptionell werden. Das ist eine unmittelbare Folge jener Freisetzung des Reflexionsmoments, wie ich es in „Avantgarde heute“ in dem Theoriemodell auf S. 10 darzustellen versucht habe. Das heißt vor allem, dass jeder Komponist sein eigens Musikkonzept artikulieren und rechtfertigen ‚muss‘ (zumindest verbessert er damit nachhaltig seine Erfolgschancen im Neue Musik System). Auch Lachenmann ist nicht zuletzt deswegen so einflussreich geworden, weil er ein originelles Musikkonzept entwickelt hat. Seine Formel, „Schönheit ist Verweigerung des Gewohnten“, lässt selbst die Philosophen staunen.
    Was heute dazu kommt, ist, dass sich aufgrund der digitalen Revolution auch die institutionellen und soziologischen Rahmenbedingungen des Dispositivs der Neuen Musik extrem stark verändern. Wenn es zu solchen komplexen Umbruchsituationen kommt, wo sich sogar das Selbstverständnis und der Begriff der Kunstmusik zu verändern beginnen, dann ist das eine gute Zeit für die professionelle Philosophie. Ich habe zwar auch eine persönliche Affinität zur Musik, aber dass ich mich jetzt mit Musikphilosophie beschäftige, hat vor allem etwas damit zu tun, dass es eine echte intellektuelle Herausforderung, d.h. ein echtes philosophisches Problem ist, dieses Zusammenspiel von neuer Technologie, soziologischen Veränderungen und der Neujustierung der musikästhetischen Kategorien zu denken.

  21. @Goljadkin:

    Dann schicken wir doch beide in die Wüste.

  22. Seine Formel, “Schönheit ist Verweigerung des Gewohnten”, lässt selbst die Philosophen staunen.

    Damit setzt Lachenmann die (seine) Musik in einen dezidiert zeitlichen und auch modischen Kontext – das lässt nun wieder mich staunen

  23. d.h. ein echtes philosophisches Problem ist, dieses Zusammenspiel von neuer Technologie, soziologischen Veränderungen und der Neujustierung der musikästhetischen Kategorien zu denken

    „neuer Technologie“ = Internet, Computer, digital
    „soziologischen Veränderungen“ = Urheberrechtsdiskussion ++
    „Neujustierung der musikästhetischen Kategorien“ = Darmstädter/Donaueschinger Musikästhetik ad infinitunm ?

    Ersteres ist ein Tool
    zweiteres ist eine politische Auseinandersetzung
    und drittes ist der Wunsch nach Festigkeit und Orientierung – Es ist auch der Kampf um die Vorherrschaft, also: wessen ästhetisches Konzept setzt sich durch.
    Justierung hat ja auch etwas mit „Eingriff in …“ zu tun, z.B. Eingriff in das Messgerät, wenn es zu Boden gefallen ist, sollte man es neu justieren etc.

    Das sind aber alles andere als demokratische Verhältnisse – da wäre das Prinzip: Abstimmung NACH der Diskussion.
    Aber wer beteiligt sich (darf sich beteiligen) an welcher Diskussion – wer wird gehört – und wen (hi, strieder) interessiert es.

    Ich werde allmählich den Eindruck nicht los, dass die Musikentwicklung ohne Darmstadt, Donaueschingen (haben Sie das Programm vom diesjährigen Donaueschingen gelesen? – schrecklich, nicht wahr?) etc. spannender wäre. Sie wäre auch demokratischer und nicht von Justiermeistern (N.N.) dominiert. In der Bildenden Kunst ist es ja schon so weit, dass Kuratoren sich zu Künstlern hochstilisieren. Mehr Institutionalisierung ist kaum denkbar – und dann ordnet sich die Kunst den Institution unter – „mitkomponierende Institutionen“ nannte das Stefan Hetzel – super ausgedrückt!

    Klar ist auch, dass der Diskurs sehr stark durch die neue Einfachheit und Ödnis einer Kreidler´schen Ästhetik beeinflusst ist – das Ganze jetzt in die kühlen Hallen der Philosophie zu transportieren ist zwecklos, denn die Wüste blüht nicht durch schöne Worte.
    So lange das „Sau durchs Dorf treiben“ immer wieder in die nächste Runde geht, wird sich wenig tun, was interessant sein wird.

  24. @wechselstrom: Danke für die Blumen, aber die Formulierung „mitkomponierende Institutionen“ stammt nicht von mir, sonderen geht auf Kreidlers Bad Blog-Artikel Institutionen komponieren aus dem Jahr 2009 zurück.

    Dein Kommentar scheint zwar an Harry Lehmann adressiert zu sein, ich nehme mir aber jetzt trotzdem mal die Freiheit, dazu ein paar Gedanken zu äußern.

    Ich finde es schon seit längerem ganz erstaunlich und erfreulich, dass ich als absoluter Nobody und Nicht-Insider der Neue-Musik-Szene hier, aus dem Nichts kommend, ganz unbeschwert mittun darf! Ich bin mir nur nicht ganz sicher, was das zu bedeuten hat. Wenn es wirklich, wie Harry Lehmann sagt, „Tausende von gut ausgebildeten Komponisten“ in Deutschland gibt (zu denen ich als Autodidakt ja nicht einmal zuzurechnen bin!), warum wird dann hier in der ent-institutionalisierten, gatekeeper-freien Blogosphäre das Gespräch über Jahre hinweg nur zwischen ca. einem Dutzend Leuten geführt? Wo sind die ca. 3586 anderen? Was tun sie? Komponieren sie rund um die Uhr? Werden sie durch öde Nebenjobs ihrer Energie beraubt? Lehnen sie das „urheberrechtsfeindlche“ Internet als Debattenforum grundsätzlich ab? Haben sie Angst, sich zu exponieren? Wenn ja, wovor genau haben sie Angst? Ist es wirklich die herrschende „politsche Korrektheit“, wie Moritz einmal meinte, die mögliche Diskutanten vom Sprechen abhält? – Oder bin ich einfach nur schlecht informiert und es existieren parallel zum BBOM noch zwei Dutzend weitere vor Esprit vibrierende deutschsprachige Neue-Musik-Blogs ähnlichen Kalibers, die mir Ignorant einfach verborgen geblieben sind?

    Die global agierende Zeitgenössische Bildende Kunst ist der teutonischen „Neue Musik“-Szene in mancherlei Hinsicht um Jahrzehnte voraus. Wäre sie so tolerant und vielgestaltig wie diese, wäre bsp.weise tonale Musik allgegenwärtig und auch als legitime, zeitgemäße Audrucksform zumindest toleriert (vgl. Neo Rauch), es gäbe respektierte „Neue Musik“, die von Pop-Musik kaum zu unterscheiden wäre (vgl. Jeff Koons), es gäbe populäre und intelligent strukturierte (post-)minimalistische Musik (vgl. Damien Hirst), es gäbe vielleicht sogar ein Äquivalent zur Appropriation Art (Cindy Sherman). All das ist mir in Deutschland bisher nicht bzw. kaum begegnet. Warum eigentlich?

    Warum muss sich ein Johannes Kreidler (man kann über ihn denken, was man will – aber er macht sich über das „Komponieren heute“ tatsächlich ernsthafte Gedanken) stattdessen mit einem Claus-Steffen Mahnkopf auseinandersetzen, dessen theoretische Ambitionen (die Musik kenne ich zu wenig) zum großen Teil auf Gedanken Adornos (und damit letztlich Hegels, Marxens und Freuds) zurückgehen?

    Das wäre ja so, als ob man in der Kunstwelt die, sagen wir mal, Gedanken Clement Greenbergs zum Abstrakten Expressionismus aus den 1950er Jahren ernsthaft als „zukunftsweisend“ für die Kunst des 21. Jahrhunderts zur Diskussion stellen würde!

    In der Kunstwelt würde man dafür bestenfalls als hoffnungsloser Nostalgiker milde belächelt.

    Im Soziotop „Neue Musik“ hingegen…

  25. @ Stefan Hetzel: da bin ich ganz bei Ihnen

    Warum muss sich ein Johannes Kreidler (man kann über ihn denken, was man will – aber er macht sich über das “Komponieren heute” tatsächlich ernsthafte Gedanken) stattdessen mit einem Claus-Steffen Mahnkopf auseinandersetzen, dessen theoretische Ambitionen (die Musik kenne ich zu wenig) zum großen Teil auf Gedanken Adornos (und damit letztlich Hegels, Marxens und Freuds) zurückgehen?

    Finde ich auch, dass Mahnkopf nur noch komponieren und Kreidler die theoretische Begleitmusik liefern sollte, dann wird die Komposition von Mahnkopf besser und auch Kreidlers Theorien bekommen mehr Substanz.
    In seinem Artikel ist er da zu oberflächlich fixiert auf Instrumentalbesetzung und Internet.

    Warum hier im BadBlog kaum ein Komponist auftaucht, darüber kann man nur spekulieren. Vielleicht helfen folgende Fragen weiter:
    Wo sind die Komponisten, wenn es um Zugangsbeschränkungen an Hochschulen geht?
    Wo sind die Komponisten, wenn es um die Internet-Piraterie geht (Kreidler mal ausgenommen, aber der ist ja Theoretiker)?
    Wo sind die Komponisten, wenn die Wirtschaftskrise droht und Griechenland pleite geht?
    Wo sind die Komponsiten, wenn Moritz Eggert eine Uraufführung hat?

    Von seinen eigenen Studentinnen sind dann vielleicht maximal die Hälfte im Konzert.

    Vermutlich sind sie alle in Darmstadt oder Donaueschingen eingesperrt, oder sonstwo, oder sie haben sich im Klo eingesperrt, den Schlüssel in die Muschel geworfen und am Seil gezogen – – –

    Waren Sie mal in Darmstadt?
    Ich 3mal: 2mal als Komponist und 1mal, weil ich mit einem Musiker Kontakt aufnehmen wollte, der dort spielte – und ich brauchte ihn bei einer Hörspielmusik für eine ORF-Produktion:

    Beim dritten Mal hat man mich in Darmstadt hofiert, wie einen König, nur weil ich im Büro war, um mich nach dem Verbleib des Musikers zu erkundigen und unvorsichtigerweise „ORF“ gemurmelt habe.

    Fazit: Inhalte sind egal, Medien sind alles

  1. 23. Juni 2012

    ePlayer – über das Komponieren mit Instrumentensamples…

    Bezugnehmend auf Harry Lehmanns Text “Die gehaltsästhetische Wende der Neuen Musik” (Kulturtechno berichtete) und Stefan Hetzels Bemerkungen zu diesem Text (drüben im Bad Blog of Musick) und speziell zu der Technologie des “ePlayer……

  2. 5. September 2012

    […] dem Gedanken „ePlayer“, wie diesen Gedanken des Musikphilosophen Harry Lehmann z.B. ein Gastartikel von Stefan Hetzel hier erläuterte. Wenn ich ein wenig zurückrudere, muss ich zugeben, […]

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