Bad Blog Of Musick

Das hässlichste Musikstück der Welt

Vor einiger Zeit berichtete ich schon mal von Masochisten, die versucht haben, das unerträglichste wie auch das schönste Musikstück der Welt zu kreieren, vor allem, in dem sie statistisch auswerteten, was Probanden toll oder ätzend fanden und dies dann irgendwie zusammenkleisterten.

Nun hat es wieder jemand versucht, diesmal mit einem ganz anderen Ansatz. Scott Rickard heißt der Mathematiker, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, ein Stück „ohne jegliche Repetition und ohne irgendeinen sinnvollen Zusammenhang“ zu kreieren, zu sehen hier. Hierzu betrieb er beträchtlichen mathematischen Aufwand, und das Ergebnis ist wahrlich dröge.

Beim Hören dieses Werks beschlich mich aber ein ketzerischer Gedanke – so wahnsinnig überrascht wäre keiner von uns, wenn exakt dieses Stück in einem typischen Neue-Musik-Konzert aufgeführt würde, und zwar genau so seelenlos und spröde gespielt. Hätte ich für jede Stunde meines Lebens, in der ich solche Stücke schon hören musste, einen Cent, könnte ich mir leisten, die NMZ lebenslang zu abonnieren.

Man würde so ein Stück in einem zeitgenössische Musik – Kontext vielleicht nicht toll finden, viele aber zumindest „interessant“ oder diskussionswürdig. Lukas Hellermann von der Musikfabrik (der mich auf den Link aufmerksam gemacht hat) meinte zum Beispiel, dass ihn das Stück deswegen nicht interessiert hätte, weil es ihm nicht hässlich genug gewesen wäre. Er hat Recht: Große Hässlichkeit kann ja auch einen bestimmten ästhetischen Reiz haben, weil sie den Moment der Grenzüberschreitung beinhaltet.

Aber eigentlich ist das Stück gerade deswegen in seiner Intention so erfolgreich, weil es so vollkommen durchschnittlich und nichtssagend ist. Durchschnittlichkeit ist die Absenz von sowohl Schönheit als auch Hässlichkeit. Durchschnittlichkeit ist die eigentliche Hässlichkeit.

Anderer Meinung waren aber die Kommentatoren dieses Videos. Einer schreibt:

I believe there already is something that is universally agreed to be the world’s ugliest piece of music. It’s called “Baby” and it’s by some girl named Justin Bieber.

Wenigstens ist es nicht von Klaus Huber.

Moritz Eggert

Autor: Moritz Eggert

Komponist

24 Kommentare

  1. Ohne mich da groß auszukennen: Klingt ein bisschen wie andere Konzeptstücke, die bisweilen etwas hirnlos nach diversen Algorithmen geschrieben werden (Fibonacci, Goldener Schnitt…)
    In seiner Konsequenz, sowohl den Tastenvorrat zu erschöpfen als auch das evtl. zufällige Auftreten von Mustern zu vermeiden, führt es vorher Dagewesenes im Prinzip ad absurdum–wobei die Zielsetzung bei „The Perfect Ping“ eher eine wissenschaftlich-empirische als eine ästhetische ist.

    Überlegungen zur kulturellen Relevanz mal beiseite geschoben, möchte ich einwenden, dass zur letzten Konsequenz in der Umsetzung der Idee noch einige Parameter fehlen: So müsste man doch eigentlich Artikulation, Klangfarbe und Dynamik mit einbeziehen, da sich diese Eigenschaften in der jetzigen Version noch ständig wiederholen. (Und gerade Wiederholung wollte der Versuch ja vermeiden).
    Diese Eigenschaften lassen sich vermutlich problemlos ebenso rechnerisch und wiederholungsfrei auf die 88 Töne verteilen…

  2. Hässlich?
    Belanglos.

    Übrigens ist die selbstgestellte Aufgabe z. B. durch wiederholte Oktavsprünge nicht eingelöst. Sicher ließe sich auch sonst noch der Rotstift ansetzen.
    Trotzdem gefällt mir die ungewollte (freilich etwas geistlose) Persiflage vorhandener Meisterstücke.
    Würde der Pianist auswendig spielen, mit den üblichen Körperkrümmungen, mal geschlossenen, mal stier aufgerissenen Augen und dergleichen, könnte er mit diesem Stück durchaus im normalen Neue-Musik-Betrieb reüssieren.

    Guntram Erbe

  3. Ja, es ist schön! Wieso ketzerisch? Was wäre daran, würde es im Konzert kommen? Und seit wann gilt: Wiederholung = schön? Und was ist dieses ominöse „seelenlos und spröde“?

    Die mathematische Grundlage der Präsentation (die offenbar nicht besonders komplex ist), geht mir auf und ist sowohl schlüssig als auch ganz interessant. Alles andere, auch die kunstmäßige Schlussfolgerung hier, scheint mir krude hinzukonstriert („Durchschnittlichkeit ist die Absenz von sowohl Schönheit als auch Hässlichkeit. Durchschnittlichkeit ist die eigentliche Hässlichkeit.“)

  4. Wenn Repetitivität wirklich das entscheidende Kriterium musikalischer Komposition wäre, hätte LaMonte Young mit Abstand die „schönste“ Musik aller Zeiten geschaffen und die Musik von Jean Barraqué wäre die „hässlichste“ aller Zeiten. Was mir an Rickards Referat nicht gefällt, ist die selbstverständliche Verbindung von mathematischer Logik und musiko-logischer Wertung. Ein unbedarfter Zuhörer könnte ja fast den Eindruck bekommen, der ästhetische Wert von Musik sei mathematisch quantifizierbar! Dass das Blödsinn ist, hat der Komponist und Mathematiker Clarence Barlow bereits 1980 in seinem Traktat „Bus Journey to Parametron“ bewiesen (wenn der Zweck dieser Abhandlung auch ein anderer war, nämlich zu untersuchen, ob sich musikalischer „Zusammenhang“ mit mathematischen Mitteln darstellen und somit auch generieren lässt). Ich habe selber jahrelange praktische Erfahrungen mit diversen algorithmischen Kompositionsprogrammen gemacht und selber ein wenig programmiert (wenn auch auf bescheidenstem Niveau). Der Output dieser Formalismen wird immer dann ästhetisch interessant, wenn A-Periodizität und Repetitivität im richtigen Mischungsverhältnis stehen. Dafür hat Barlow damals mathematische Formalismen gefunden (die ich leider mangels mathematischer Intelligenz nicht verstehe – was aber nicht so schlimm ist, wenn man sich stattdessen auf seine Musik einlässt).

    Man würde so ein Stück in einem zeitgenössische Musik – Kontext vielleicht nicht toll finden, viele aber zumindest “interessant” oder diskussionswürdig.

    Genau da liegt der Hund begraben. A-Periodizität hat natürlich etwas „Interessantes“, aber doch, behaupte ich jetzt mal kühn, ausschließlich für den Intellekt (à la: „Hmm, wie hat die Komponistin das nur gemacht? Woher bekommt sie ihre Noten? Das muss doch herauszufinden sein! Grübel grübel … analysier analysier …“)! Je wichtiger intellektuelle, bzw., etwas polemischer formuliert, „zerebrale“, Maßstäbe bei der Beurteilung von Musik sind, als desto potentiell „ästhetisch wertvoller“ dürfte also a-periodisches Material bewertet werden. Aber eben nur in Darmstadtland.

  5. @Stefan Hetzel

    Siehe Schoenberg: Brahms, the Progressive, darin die Definition der musikalischen Prosa.

  6. @ Joe Weis, Konzeptstück:
    Es klingt auch nach einem langweilig ausgearbeiteten Konzeptstück von Cage aus den frühen 60er Jahren, z.B. aus der Serie der „Variations“ (das ist kein Argument gegen das Konzeptstück, aber gegen denjenigen, der es auf langweilige Art ausarbeitet). Durch Einbeziehung der diversen Parameter in die Zufallsoperationen kommt dort wenigstens eine zufallsbedingte „Dynamik“ ins Spiel, und das macht die Sache wieder spannend. (Auf kurze Dauer ergibt der Zufall keine statistische gleichförmige Verteilung.)

    Im Video geht es eigentlich nur um eine wiederholungslose Anordnung von Tonhöhen; mathematisch mag das eine anspruchsvolle Arbeit sein, aber musikalisch ist es ein bisschen wenig. Wären, was Joe Weis anspricht, auch andere Parameter einbezogen worden, so vermute ich, dass es evtl. in Richtung „Structures I“ gegangen wäre, also wenigstens in die Nähe von Musik. Doch so hat der Mathematiker Scott Rickard bloss eine statistische Tonhöhen-Aufgabe gelöst. Das als „Piece of music“ zu bezeichnen, wie es der Video-Präsentator tut, ist dann doch etwas hoch gegriffen, bzw. verrät einen Begriff von Komposition auf Kellerniveau. Und Begriffe wie „schön“ und „hässlich“ sind in diesem Zusammenhang sowieso fehl am Platz.

  7. Jetzt wissen wir, warum alte Professoren der Komposition uns zu Studienbeginn die Oktaven rausstrichen! Wo sie nicht Obertonglück und Melodienseligkeit verstärken können, wirken sie seltsam matt und versuchen harmonisch zu zentrieren. So wirken sie hier z.T. latent, aber eben nur latent, „interessant“ wie „störend“, aber auch nicht wirklich falsch. Sie sind einfach nur unentschlossen, wirken wie Griffbrücken, damit die Registersprünge sicherer stattfinden…

    Huch, das ist jetzt eine Unterstellung zu viel! Musikästhetisch will das Stückchen gar nichts, im Sinne einer mathematischen Ästhetik ist es ein netter, kleiner Versuch, nicht zu aufwändig gegen Wiederholung zu argumentieren. Für mich stellt dieser Versuch nichts anderes als ein Materiallager dar, das man nun nach Gefallen ausbeuten kann, ein Weg, um objektiviert an Material zu gelangen. Hätte man nun Spass, genau an diese kruden Oktaven wirken zu lassen, müsste man dahin weiterarbeiten, würden einem die Registerwechsel zusagen, dann eben dorthin, oder man würde parametrisch variantenreicher rangehen, das Material nochmals mit neuen Werten neu abspulen lassen – was auch immer!

    Das Stück ist doch viel eher der Beweis, dass“ Wiederholung“ an sich kein Garant für „Schönheit“ ist. Natürlich grast unser Ohr diese Musik nach Wiedererkennbaren ab, wie sie es mit aller Musik vom Seikilos-Fragment bis Mahnkopf und Müller-XXX immer tut. Dabei geht es doch um die Frage von „Ähnlichkeiten“! Und die findet man immer wieder: wenn einem Alles „gleich“ vorkommt“, so wird es sich meist nur ähneln, kommt einem Alles verschieden vor, so ähnelt es sich auch. Letzten Halbsatz nochmal? Verschiedenes ähnelt sich auch? Ja! Werden zwei Dinge als sich gegenüber mit „fremd“ bezeichnet, nun dann ähneln sie sich in ihrem „Fremd-Sein“. Das ist zwar ein weitergehender Schritt, denkt man aber an all die postmodernen Kompilierungen, wo erstmal Unpassendes passend gemacht wird oder gerade im Bedeutungsspalt eine weitere Ebene von Bedeutung Einzug hält. Denkt man zudem an fraktale Geometrie, unbewiesene Stringtheorien, Molekulares, Nukleares, etc. ist sowieso Jedes mit Jedem verwandt, ihm also auf irgendeiner Ebene ähnlich. Ähnlich, Gleich oder Grundverschieden: heute eine reine Glaubens- oder Geschmacksfrage, um dies es sich aber sehr wohl zu streiten lohnt! Ein wenig vereinfacht lässt sich jede einigermassen gut komponierte Musik auf ihre Hauptintervalle hin durchhören, entdeckt man nicht unbedingt Gleiches, aber ein Geflecht, eine Wucherung von Ähnlichkeiten.

    Provokant gesagt klingt komplexer Klavier-Cage „genauso“ wie Piano-Boulez. Das Stücklein unseres Mathematikers klingt nun weder nach dem Einen noch dem Anderen. Gerade weil ihm aber die innerhalb eines Cage oder Boulez-Stückes grössere Ferne, Un-ähnlichkeit herstellende Parameterarbeit fehlt, nichts gleich aber doch irgendwie ähnlich ist – was ein Ohrenverschliesser auch zu Cage und Boulez sagen könnte – wirkt es gefährlich nett, sagen manche Kommentare der Videoseite auch sinngemäß zusammengefasst „typisch Neue Musik“. So können sich Publikum wie Mathematik damit begnügen und ziehen einen persönlichen Schlussstrich unter ästhetische Gesichtspunkte. Manchen der Kommentierer dort genügt es als Horrormusik. Dann kennen sie den echten Horror Neuer Musik noch gar nicht, kennen ihre Schönheit nicht bzw. getrauen sich nicht, anders als in vorgegebenen Bahnen zu hören.

    Was bleibt zu folgern? Als Baustelle, die nicht als solche unters Volk käme, könnte der eine oder andere damit was anfangen. Entweder entdeckt man seine mathematische Unfähigkeit und geht irrationaler weiter, von einem einigermassen stringent erstellten Material ausgehend, dem noch ein solches, ein wenig nicht so ähnliches gegenüberstellend. Oder man vertraut kurz seiner musikantischen Natur und entschliesst sich zu einer Überprüfung der Formalismen. Oder man wirft das Ganze über Bord und beginnt wie immer geartet erneut.

    Ich muss zugeben, dass ich mit meinem Ähnlichkeitsgefasel ein wenig esoterisch wirke. Mir selbst ergeht es allerdings immer öfters, dass ich Stücke, sofern ich einigermassen wach folgen kann und will, oft viel zu synthetisch, also Alles zusammenführend höre. Ein wenig geht dies auf eine Beschäftigung mit Punkt und Strich zurück. Beide Zeichen stehen für verschiedene Ereignisse, die aber in einem gewissen Kontext erfolgen. Ich habe mal eine Zeit lang ständig verschieden dicke, lange Linien gezogen, mal grössere, kleinere Punkte gesetzt, mal mehr von beiden, von einem, nur das Andere. Das ergab manchmal optische Probleme, konnte ich dem nichts abgewinnen. Aber immer mehr begriff ich dann doch, dass man mit solchen Übungen einen eigenen Begriff von „Schönheit“ prägen kann, dass auch das nicht so „Schöne“ je nach Ideenlage ein Ausgangspunkt sein kann und in einer gewissen Art und Weise erstmal Alles doch den Drang hat, irgendwie einheitlich, zusammenfassend wahrgenommen zu werden, sprich, der eigene Auffassungsapparat selbst in die verschiedensten Dinge doch einen Zusammenhang hineininterpretieren will. Dennoch bleibt die Frage, ob dann das wirklich tönende Material jenseits von gezeichneten Linien und Punkten auch ästhetisch-philosophisch, esoterisch, religiös, sozial – wie auch immer, dann eine Relevanz hat, die über Nettigkeit, Spielerei hinausgeht. Und genau dies beantwortet unser netter Power-Point-Mathematiker nicht! Da ist immer wieder der Musiker oder der perfekte Logarithmen anwendende Techniker gefragt.

    Um Schönberg nochmals zu bemühen, der für den Technizismus der Neuen Musik verantwortlich gemacht wird: er betonte seinerseits immer wieder den sich selbst hinterher hörenden Komponisten! Gerade wenn er sich von vorgegebenen Mustern löst, wie es hier der Mathematicus mit seiner Repetiergewehr-Schönheit versuchte! Man kann ihm nur empfehlen, nicht stolzesschwanger sein Schiesseisen überm Kamin aufzuhängen, sondern mit einem Seufzer philosophischer Selbsterkenntnis seine Flinte einfach ins Korn zu werfen.

    Gute Nacht,
    Alexander Strauch

  8. Moritz schrieb, bisher nicht beachtet:
    „Wenigstens ist es nicht von Klaus Huber.“

    Wenigstens einer von dessen Titeln passt zu dem Mathe-Stückchen:

    „Die Seele muss vom Reittier steigen.“
    Worüber sich das Reittier ja sicher freut.

    So, und nun kann Max Nyffeler das (g)rasende Pferd (oder das hochmütige Kamel oder den störrischen Esel) besteigen. ;-)

    Guntram Erbe

  9. Man würde so ein Stück in einem zeitgenössische Musik – Kontext vielleicht nicht toll finden, viele aber zumindest “interessant” oder diskussionswürdig.

    Und siehe da, es ward diskutiert. So bewundernswert (das meine ich ernst) z.B. querstands Fähigkeiten sind, wirklich allem noch etwas abzugewinnen, es ist doch einfach so: Quatsch-Prämisse gefolgt von Quatsch-Ergebnis. Mich würde mal interessieren, welche Art von Recherche Mr. Rickard zu seinen grandiosen Berechnungen angestellt hat. Selbst unter der Voraussetzung, das Ganze als mathematische Aufgabenstellung würdigen zu wollen, muß man ihm Unwissenschaftlichkeit vorwerfen. Ist doch sein Axiom Wiederholung=Schönheit überhaupt nicht durch irgendwelche Überlegungen unterfüttert (den Unsinn, den er zu Beethoven erzählt, will ich mal nicht als „Überlegung“ gelten lassen). Aber diese Sorglosigkeit, nein es ist schon Frechheit, mit der sich die Naturwissenschaft geisteswissenschaftliche oder künstlerische Fragestellungen aneignet und „Lösungen“ entwickelt, ist nur Ausdruck des totalitären Anspruchs der Naturwissenschaften auf eine Gesamtwelterklärung und im Grunde ja ein Materialismus der allerkrudesten Art, dessen sich ein LaMettrie schämen würde.

  10. „Und siehe da, es ward diskutiert.“

    Diskutiert?
    Schon eher konstatiert!
    Hier tut keiner keinem nicht weh. ;-))

  11. @ Goljadkin:

    Aber diese Sorglosigkeit, nein es ist schon Frechheit, mit der sich die Naturwissenschaft geisteswissenschaftliche oder künstlerische Fragestellungen aneignet und “Lösungen” entwickelt, ist nur Ausdruck des totalitären Anspruchs der Naturwissenschaften auf eine Gesamtwelterklärung und im Grunde ja ein Materialismus der allerkrudesten Art, dessen sich ein LaMettrie schämen würde.

    So, jetzt haben wir eine Ahnung, wie überzeigend immer wieder mathematisch ausgerichtete Konzepte für Kompositionen höchste Aufmerksamkeit. Wer das Stück akustisch nicht verstand, kann nach lesen und verstehen des Formelsalats rufen:“Nicht hören, verstehen musst Du diese Musik. Quod erat demonstrandum!“ Ich sehne mich bei „demonstrandum“ sofort endlich mal nach einer echten Demo – ich traue mich ja nur auf den CSD, ich träume von den Ho-Ho-Ho-Chi-Minh-Trommeln (klingt doch wie ein US-Nikolaus!?) am Ende des Flosses der Medusa Henzes (apropos: um 1968/70 wurden Alle weich – Henze war es schon immer und wurde für seine leicht wabernde, jammernde Musik erstaunlich hart: wie merkwürdig doch El Cimarron, 6. Sinfonie, Medusa, später Tristan-Klavierkonezert!). Ich verstehe da immer Vieles viel zu falsch…

    Und wer seine Musik nicht auf eine Formel reduzieren ist, soll heute immer noch kein Komponist sein! Ich schwänzte übrigens im alten gmynasialen Kurssystem der späten Neunziger konsequent die letzten Monate komplett meinen Mathe-Grundkurs, war dann auch entsprechend schlecht, schrieb in Stochastik einfach mal so ’nen Zahlenhaufen hin. Ich ging lieber in Celibidache-Proben (immer offen für Hörer!!), schlich mich ins Opernhaus ein. Es hat mich das gesamte qed-Getue nicht die Bohne tangiert. Für die wenigen Anwendungen, wo ich sie heute einsetze, muss ich mich immer neu informieren. Aber Stücke in ihrer Endform macht das Geformle erstmal nicht aus.

    QED: Natürlich ist die Musik eine N.A. Hubers, eines Xenakis, eines Ferneyhough, (kann man auch sage?) Spahlinger Beweis genug, dass man über Formeln zu hervorragenden Stücken kommen kann. Nur verbergen sich musikalische Schlawiner dahinter, die extrem objektivieren, um zu Musik zu kommen. Nur ist das doch meist kaufmännisches Rechnen, das manchmal sogar für mich Pflaume durchrechenbar ist. Da reden dann manche von Urknall, Fraktalen, Mehrdimensionalität – und die Musik ist weder spacig noch richtig durchgeknallt! Eine Bilanz scheint da manchmal komplexer zu sein, eine Steuererklärung wahrlich mehrdimensional erfahrbar.

    Gute Musik ist nie der Beweis, dass man ihr objektiviertes Zustandekommen für sich selbst in Anspruch nehmen kann. Das ist jetzt kein Naturgesetz! Und gewisse Daseinsregeln eines Künstlers werden auch nie Formeln zum Rechnen sein. Nein, dieser Satz ist das 13. Zwölftafelgesetz. Natürlich gibt es davon die Ausnahme. Aber mathematisch Musik nachvollziehen zu können erklärt noch nicht ihr funktionieren. Denn der Schreiber, Schöpfer, Erstrechner hat bewusste Entscheidungen – sofern man von Bewusstsein reden kann, was man nach neuerer Neurologie doch irgendwie kann – getroffen, Formel und Maschine haben ihm geholfen. Oder ganz deutlich: ein Werk ist immer mehr als seine Skizze.

    Leider ist es wohl auch bei diesem Klavierstück unseres Power-Point-QEDlers so: durch die entspr. kabbalistische Aura wird das Skizzenhafte zum vollendeten Werk erklärt, das Rechnen und Eingeben in den Rechner als genügend erachtet. Da schwingen der zu hohe Respekt vor zwei heiligen Instanzen mit: Respekt vor dem Ergebnis aus der hochkomplexen Maschine Rechner, Respekt vor dem Herrn Professor, ja Respekt vor dem als solchen angekündigten Profi-Pianisten. Meist genügt schon eine dieser Respekts-Auren, um Halbfertiges als Ganzes zu verkaufen, ihm aufgrund des Entstehungsvorgang sogar Vorrang vor all den üblichen Fragment-Stücken der Neuen Musik zu geben. Deshalb gelingen wirklich gute ausgerechnete Stücke auch nur Menschen wie Klarenz Barlow. Selbst die Spektralisten sähen ohne Assistenten und mehr oder minder voreingestellte Rechner alt aus. Genauso sehen aber Naturwissenschaftler aus, wenn sie Musik rein wissenschaftlich entstehen lassen wollen. Das mag für Hintergundzwecke ausreichen, das ist schon stark im Kommen, präsent. Davor fürchten sich Viele von uns, sehen sich plötzlich überflüssig. Das kann aber nur der oder die sagen, wer kein rechtes Selbstvertrauen in seine ästhetische Ethik hat. Die dürfen wir nicht verlieren, nicht opfern! Sonst bauen wir noch einen vierten, falschen Respekt auf, der das Sacrum Technik uns endgültig abräumen lässt. Das soll aber auch nicht heissen, dass Sacrum für seine Ethik einzusetzen, denn wie man Angst vor der Selbstabschaffung durch Logarithmen haben kann, hat man Angst vor den heute unglaublich niederschwelligen Einsatzmöglichkeiten im eigenen Wohnzimmer eben jener Technik. Es wird immer jemand da sein müssen, der eine Eingabeentscheidung, wie voreingeschränkt immer, und eine Ausgabeentscheidung trifft, das Papier nach kurzem inneren Anhören oder Nachhören am Rechner ohne sakrale, ketzerische Angst einfach zerknüllen und wegwerfen kann. Das ist eine schlimme Entscheidung, wenn alle vorangehenden Akte so immens respekteinflössend waren – könnte man meinen! Dennoch einfach in die Tonne treten. Diese Wegwerfethik, diese Kompetenz geht allerdings wirklich immer mehr flöten. So vertraut man der Print-Musik, wagt sie nicht zu kosten, es könnten ja nicht Aachener sondern Kölner-Dreikönigs-Printen sein, die man gerade erfunden hat, erfinden liess. Was soll es, reinbeissen. Geniessen oder ausspucken!

    Gruß,
    A. Strauch

    P.S.: Jetzt weiss ich auch, warum ich mich mit den Punkt-Strich-Versuchen so geisselte, aber wohl auch ein Weg. Man sehe sich Xenakis-Skizzen an. Da gibt es bessere. Allerdings sieht man dann an jener netten, wie sehr solch optisch verstehbare, intellektuell hermetische Musik plötzlich als Maxime x-fach nachgebildet wurde…

    Nix für Ungut!!

  12. @ Guntram Erbe: Ich weiß nicht, was ich mit Klaus Hubers Werktiteln zu tun haben sollte. Im übrigen würde ich Ihnen empfehlen, die Metapher zu verstehen, die der seltsame Titel enthält. (Denksportaufgabe für den heutigen Sonntag.)

  13. …und weil’s so schön ist, hier gleich noch eine Xenakis-Skizze. [Werbeblock: Kurz nach dem Tod des Meisters vor 10 Jahren habe ich eine kleine Textcollage gebastelt, die mittlerweile von der deutschen Wikipedia empfohlen wird. Enthält evtl. Interessantes zum hier verhandelten Thema.]

  14. @ querstand:

    Hm, ich glaube, meine ersten Sätze sind wohl mißverständlich formuliert: „Quatsch-Prämisse“ und „Quatsch-Ergebnis“ bezog ich auf das Unterfangen von Rickards.
    Wenn man da aber jetzt mit musikalisch-analytischen Werkzeugen rangeht (Oktaven, Parameter etc.), dann vollzieht man in umgekehrter Richtung den Kurzschluß Rickards nach. Insofern finde ich die Diskussion hier einigermaßen over the top.
    Ich finde, man muß sich auch mal erlauben, etwas einfach abzutun.

    Goljadkin

  15. @Stefan Hetzel: Tolle Xenakis-Collage!

  16. @Max Nyffeler: Danke, fühle mich geehrt :-))

  17. @Max Nyffeler

    „Im übrigen würde ich Ihnen empfehlen, die Metapher zu verstehen, die der seltsame Titel enthält. (Denksportaufgabe für den heutigen Sonntag.)“
    Ach Gott, wenn man so dumm ist wie ich, schafft man das sicherlich nicht.

    Tja, und wie kam ich bei dem Titel auf Max Nyffeler?
    Ist ohne sportliches Denken geschehen.
    Dazu muss man garnicht auf hohem Ross sitzen.

    Beste Grüße
    Guntram Erbe

  18. Ok, machen wir’s nicht kompliziert, lassen wir das Reittier davongaloppieren.

  19. @Max Nyffeler
    Aber ja!
    (Übrigens und nur nebenher: mit arabischer und türkischer Musik und der Möglichkeit, sie adäquat zu hören und ihre möglichen Inhalte/Hintergründe zu erfassen, beschäftige ich mich seit 1973. Hier ein Ergebnis. Leider habe ich es nie erträglich hingekriegt, arabische oder türkische Musik selbst zu musizieren.)

    @Moritz:
    Und nun wieder zu Deinem Text:

    Nicht ganz klar ist mir, ob sich Dein Klaus-Huber-Satz auf das Klavierstück oder auf „and it’s by some girl named Justin Bieber“ bezieht.

    Ich gehe mal optimistisch davon aus, dass Du für die Antwort keine 846 Wörter brauchst.

    Beste Grüße
    Guntram Erbe

  20. Sorry, Link mit zweimal http://, daher funzt er nicht.
    Richtig ist: http://www.guntramerbe.de/veysel_weg.html

  21. @Guntrams Frage: Diese schöne Doppeldeutigkeit wollte ich jetzt einfach mal so stehen lassen :-)

  22. @ All,

    also, ich finde das Stück zwar auch belanglos, aber es gibt „hässlicheres“, bzw. noch belangloseres. Und dieser ganze Positivismus bzw. dieses Denken, man könne „Schönheit“ oder Hässlichkeit ästhetisch oder mathematisch definieren, das ist fraglich, wenn nicht unsinnig. Für jeden heißt das was anderes.

    Es geht eigentlich beim Komponieren um Spannungen, um Lebensbezüge, einem In der Welt-Stehen, um Sinnlichkeit und auch darum, Offenheit bei den Hörern zu erreichen, neugierig zu machen und Erwartungen, alte Hörmuster eben NICHT zu erfüllen (weder positiv noch negativ). Die Dinge gerade auf der Grenze, die Unscharfen Dinge sind oft die spannenden beim Komponieren.

    Es gibt hässlichere (weil belanglosere) Stücke als das vorgestellte „ugliest piece“. Dazu gehören für mich Stücke, die das Moment der Wiederholung übertreiben, viel Minimal Music z.B. oder Werke, bei denen der Komponist seine Person entweder hinter Dingen wie Zufall, Algorithmen, übertriebenem Kalkül oder auch nur dem „Stille ausloten“/Stille aushalten“ als Motivation oder vermeintliche pseudo-Mission für den Hörer versteckt.

    Spannend wird es, finde ich, immer dann, wenn man beim Komponieren weder nach Schönheit noch nach Hässlichkeit strebt. Weder ist Wiederholungslosigkeit objektiv „schön“ noch ein einhämmerndes Wiederholen objektiv „hässlich“.
    Spannungen zwischen diesen Polen zu erforschen, das lohnt sich.

    @ Stefan Hetzel: Ich würde nicht sagen, dass A-Periodizität nur was für den Intellekt ist bzw. hauptsächlich von Intellektuellen. Sie fordert auch die Sinne, den ganzen Körper heraus, genauso wie
    extreme Wiederholung/Periodizität (das andere Extrem) Intellekt wie Körperfunktionen auf Dauer abstumpften.

    @ Max Nyffeler: Der Kommentar vom 12.11. 21:34 bringt es m.E. auf den Punkt. Messerscharf.

    @ Goldjakin:

    diese Sorglosigkeit, nein es ist schon Frechheit, mit der sich die Naturwissenschaft geisteswissenschaftliche oder künstlerische Fragestellungen aneignet und “Lösungen” entwickelt, ist nur Ausdruck des totalitären Anspruchs der Naturwissenschaften auf eine Gesamtwelterklärung und im Grunde ja ein Materialismus der allerkrudesten Art, dessen sich ein LaMettrie schämen würde.

    Auch sehr gut. Dem kann ich mich auch anschließen. Übertroffen wird diese materialistische, destruktive Weltaneignung durch die Naturwissenschaften vielleicht in Zukunft nur noch durch die Kulturaneignung bzw. die Deformierung des Geistes/der Kultur durch das Ausrichten aller Kultur nach (Betriebs-)wirtschaftlichkeit, durch Ökonomismus bzw. spekulativen Finanzkapitalismus, durch die Verselbstständigkung von Zahlen, Kalkül und Geld, durch Genmaipulationen, Clonen und dergleichen.

    Buona notte – huch, das war seit langem mal wieder
    ein fast rein ästhetisierender Beitrag von mir … ;-)

  23. Justin Biebers (vielleicht Michael Edelmanns) subtiler Hinweis ganz oben wurde bisher nicht beachtet: NeueMusik ist käuflich. Ein Schalk, wer Böses dabei denkt.

    Guntram Erbe