Werbung

Eine Pilgerfahrt zu Janácek nach Brno / Brünn

Der Wirkungskreis, der Wirkungskreis, der ist des Schöpfers Ehrenpreis! – In der Musikgeschichte gibt es einige Beispiele für ein bedeutendes Alterswerk von Komponisten. Besonders staunenswert allerdings sind die Meisterwerke, die Leoš Janácek in den letzten zehn Jahren seines Lebens vor seinem Tod 1928 in steter Folge hervorgebracht hat. Vom Schlauen Füchslein bis zur Sache Makropoulos und dem Totenhaus sind allein drei riesenhafte Opern innerhalb weniger Jahre entstanden, und noch dazu die beiden Streichquartette, die Sinfonietta und die Glagolitische Messe und noch vieles mehr! In einem Alter, in dem andere Menschen normalerweise erlahmen und müde werden, loderte in Janacek ein heftiges Feuer, anders kann man das wohl nicht nennen. Trotzdem lohnt auch der Blick, welche Umstände und welche anderen Menschen ihm dazu geholfen haben.

„Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?“ ( Bertolt Brecht, Fragen eines lesenden Arbeiters )

Hierzu lädt zum Besuch ein die Stadt Brünn, heute Brno, in der Janacek seit seinem 11. Lebensjahr sein gesamtes künstlerisches Leben verbracht hat. Ein Werk, das so erstaunlich verortet ist, sollte man sich auch vor Ort verständlich machen! Und ich kann versprechen, dass sich diese Pilgerfahrt lohnt!

Werbung

In dieser mittelgroßen Stadt Brno / Brünn, nördlich von Wien in Tschechien gelegen, war alles für Leoš Janacek bestens eingerichtet beziehungsweise, das ist die Erkenntnis, die man von dort mitnimmt,  er hatte sich über die Jahrzehnte alles dort selbst zurecht erschaffen. Zunächst mal die von ihm gegründete Orgelschule, später Konservatorium, die er leitete und an der er unterrichtete, die im Jahr 1906  in diese schöne Villa Chleborád umziehen durfte:

Heute befindet sich hier im Obergeschoß immer noch eine Musikschule, die aber demnächst umzieht, da dort ein größeres Janácek-Museum entstehen soll! Im Untergeschoß ist schon seit langem das Janácek-Archiv des Mährischen Landesmuseums untergebracht , in dem u.a. auch all seine Manuskripte aufbewahrt werden.

Da Janáceks  täglicher Weg zur Arbeit hierher von Zuhause zu lang werden drohte, erbaute ihm der Verein zur Förderung der Kirchenmusik in Mähren direkt neben die Orgelschule ein kleines, schmuckes Häuschen, in dem er ab 1910 wohnen konnte.

Hier befindet sich heute die Janácek-Gedenkstätte, in der sein komplett erhaltenes Arbeitszimmer besichtigt werden kann.

Für sein leibliches Wohl in diesem Komponistenhäusl sorgten fortwährend seine Ehefrau Zdenka und die intelligente Haushälterin der Familie Marie Stejskalová, von der es entzückende Memoiren über den Komponisten gibt.

Hier ein Ausschnitt : https://www.leosjanacek.eu/de/erinnerungen-haushalterin/

Sein Schülerkreis war ebenfalls um ihn und half ihm in allen musikalischen Belangen wie zum Beispiel dem Erstellen von Klavierauszügen. Hier ist besonders sein Schüler Bretislav Bakala zu nennen, der später ein bekannter Dirigent in den ersten Jahren der CSSR wurde. Von ihm gibt es auf Youtube authentische Orchestereinspielungen der Janácek-Hauptwerke zu finden!

In Brünn gab es seit 1893 für die tschechische Bevölkerung eine eigene Zeitschrift „Lidové novine“ ( übersetzt: Volkszeitung ) , in der Janácek regelmäßig Artikel veröffentlichte .

Diese Zeitschrift gibt es auch heute noch unter dem Namen, und sie ist nicht „small“, sondern „big“ nach Auskunft der Rezeption unseres Hotels:

In den „Lidové noviny“ fand Janácek zum Beispiel auch die Comics von der schlauen Füchsin, die ihn so erheiterten, dass er daraus die berühmte wunderbare Oper machte.

Antiquarisch erhältlich ist eine Zusammenstellung seiner Feuilletons in den „Lidové noviny“ in deutscher Übersetzung, die 1959 in der damaligen DDR bei VEB Breitkopf und Härtel erschienen ist, und die ich sehr empfehlen kann:

z.B. hier: https://www.buchfreund.de/de/d/p/99307282/feuilletons-aus-den-lidove-noviny

Den Werdegang der Partitur der „Schlauen Füchsin“ habe ich mit besonderem Interesse nachverfolgt. Wie alle späten Opern Janáceks wurde sie im  Nationaltheater, dem alten Mahen-Theater, dessen Hauskomponist Janácek damals war, uraufgeführt

In diesem Theater wurde auch 1928 sein Leichnam für den Beerdigungszug aufgebahrt . Mittlerweile spielt die Oper Brno in einem großen Neubau, dem Janácek-Theater von 1965.

Der Arbeitsgang ist wie folgt überliefert: Eine, unter uns gesagt fast unleserliche Handschrift von Janácek

wurde in einem ersten Arbeitsgang vom Kopisten Vaclav Sedlacek, der Flötist an der Brünner Oper war, ausgeschrieben. Diese erste Arbeitsgrundlage, in der Janácek sozusagen sein Werk zum ersten Mal leserlich vor Augen bekam, und mit dem auch die Oper und ihr damaliger Dirigent Frantisek Neumann ihre Erarbeitung begannen, wurde von Janácek sofort wieder korrigiert und in einem zweiten Arbeitsgang vom Posaunisten des Orchesters Jaroslav Kulhanek sofort noch einmal abgeschrieben. Während der Orchesterproben, die der Komponist wie auch alle anderen Proben in personam mitverfolgte und, wie man liest, fortwährend kommentierte und mitgestaltete, wurde diese zweite Abschrift dann noch mit Anmerkungen des Dirigenten, die dieser während der Proben von Janácek bekommen hatte, ergänzt. Währenddessen arbeitete Bretislav Bakala,an dem Klavierauszug. Dieses alles geschah, bevor überhaupt die Universal Edition mit dem Druck begann.

Ein weitere günstige Einrichtung dabei waren die direkten Rückmeldungen, die Janácek bei den Proben von den Orchestermusikern bekam. Er konnte direkt ändern, es wurde alles von dieser geschilderten Truppe von hilfreichen Personen, die sich um ihn scharte, sofort umgesetzt. Und wenn der zart gebaute Dirigent Neumann plötzlich doch einmal die Geduld verlor und ausrief: „Wer soll das spielen können?“ wurde sogar der Komponist, so geht die Legende, plötzlich ganz zahm und fromm und ging in sich und änderte wohlmöglich schon zur nächsten Probe.

Ist das nicht alles wunderbar? Möchte nicht jeder von uns so ein Arbeitsumfeld haben?

„Sie müssen sich einen Wirkungskreis schaffen!“ war einer der zentralen Ratschläge, die Hans Werner Henze mir gab. Hierin war Leoš Janácek zweifellos ein Meister!

Denn als er in Brünn in jungen Jahren als Pianist , Chorleiter und einfacher  Musiklehrer aufwuchs, gab es dort dieses geschilderte, ihn umgebende und für ihn so fruchtbare Milieu noch nicht, er hat sich dieses alles erst selbst aufgebaut. Brünn war vorher eine österreichische Provinzstadt sozusagen vor den Toren Wiens. Die tschechische Bevölkerungsgruppe, noch in der Minderheit, lehnte sich gegen die herrschenden Habsburger auf, bildete eigene Kulturvereine, eigene Laien-Orchester und -Chöre in eigenen Häusern – und Janácek immer mittendrin!

Und die Entwicklung war rasant. Aber wo wurden seine Hauptwerke, die heute die ganze Welt kennt, uraufgeführt? „Jenufa“  im Jahr 1904 in einem hölzernen Theater, das aus einem alten Tanz-Saal entstanden war, einer besseren Theater-Scheune!

Die „Glagolithische Messe“ 1926 in dem Stadion-Kultursaal des patriotischen Turnvereins SOKOL! Heute sieht das so aus:

Auf dem etwas heruntergerockten Saal , im Foto rechts zu sehen, steht heute „Kulturzentrum Babylon“ draußen drauf! Janácek war über fünfzig Jahre lang Mitglied im SOKOL, für den er auch seine berühmte „Sinfonietta“ mit der sogenannten „Sokol-Fanfare“ am Anfang komponiert hat!

Von einer unterdrückten Minderheit, auf die bei Demonstrationen 1905 noch geschossen wurde, emanzipierten die Tschechen in Brünn sich immer mehr zu einer selbstbewusst herrschenden Mehrheit, die 1918 mit Gründung der ersten tschechoslowakischen Republik endgültig das Ruder in die Hand nahm. Die Periode der Gründungsjahre dieser Republik fiel genau zusammen mit Janáceks letzten Lebensjahren 1918-1928. Die damalige Euphorie in Verbund mit industriellem Wohlstand muss riesig gewesen sein. In Brno kann man zum Beispiel eine faszinierende Hochblüte der damals sofort entstehenden funktionalistischen Architektur in der Bauhaus-Tradition bewundern.

Neben Janáceks später Liebe zu Kamila Stösslova, die ihm neben emotionalem Trost vor allem eine erhebliche Erweiterung seines Weltbildes spendete ( rührend zum Beispiel seine Artikel in der „Lidové noviny“ über die Sorge für verwahrloste und verfolgte Kinder der Sinti und Roma, oder sein Bemühen um die Einbürgerung der jüdischen Familie Stössel in den neuen tschechischen Staat  ) und natürlich seinem plötzlich einsetzenden internationalen Ruhm war es auf jeden Fall dieser Erfolg des tschechischen Staates, den er jahrzehntelang  immer erträumt hatte,  der ihn zu immer neuen schöpferischen Höchstleistungen im Alter beflügelte.

Die Tschechoslowakei war sozusagen auf die Weltbühne gesprungen, und Janácek mit ihr, und Brno fand sich im Zentrum eines neuen Europas wieder.

Zwischen 1939 und 1989 war es damit erst einmal wieder vorbei. Und die alte Buchhandlung „Barvik und Novotny“, mit deren Gründern Janácek schon befreundet war, als dieses Geschäft das erste tschechische seiner Art in Brünn war, konnte erst nach dem Fall der Mauer in der neuen  tschechischen Republik wieder ihr ursprüngliches Gesicht erhalten.

Wie haben alle bloß diese lange Dürreperiode überwintert? In Stopkas Pilsner Bierstube in der Ceska-Straße!

( Jobst Liebrecht, Oktober 2026 )

PS:

Sehr lesenswert und informativ ist die im Titelfoto erscheinende J.-Monographie von Christoph Schwandt, als Taschenbuch im Schott-Verlag verlegt.

Wunderbar vielfältige Informationen liefert diese Website der Stadt Brno: https://www.leosjanacek.eu/de/

Liste(n) auswählen:
Unsere Newsletter informieren Sie über Neuigkeiten im Badblog Of Musick. Informationen zum Anmeldeverfahren, Versanddienstleister, statistischer Auswertung und Widerruf finden Sie in unserer Datenschutzbestimmungen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert