Was kann Musik im Angesicht von Krieg tun? Am Beispiel Maurice Ravel

By unknown - Bibliothèque nationale de France, département Musique, PD-US, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=45626819

So schockierend die Vorgänge in der Ukraine im Moment für uns alle sind: Es ist nicht das erste Mal, dass ein Krieg Künstler:innen dazu zwingt, in irgendeiner Form Stellung zu beziehen. Daher ist es gut, dass uns Jobst Liebrecht daran erinnert, wie berühmte Komponisten vor über 100 Jahren mit einer ähnlichen Situation umgingen.

Wer schreibt das Tombeau heute?

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  • Was kann Musik im Angesicht von Krieg tun? Am Beispiel Maurice Ravel

( eine Erinnerung von Jobst Liebrecht )

 

Wer waren Jacques Charlot, Jean Cruppi, Gabriel Deluc, Pascal und Pierre Gaudin, Jean Dreyfus und Joseph de Marliave?

Es waren die im Ersten Weltkrieg getöteten französischen Soldaten, denen Maurice Ravel als Freunden, guten Bekannten, Kameraden zum Andenken einzeln seine sechs Klavierstücke „Le Tombeau de Couperin“ widmete.

Lieutenant Jacques Charlot war ein Cousin von Ravels Verleger Durand. Lieutenant Jean Cruppi war der Sohn der Sängerin, für die Ravel die „Spanische Stunde“ komponiert hatte. Lieutenant Gabriel Deluc war ein Kunstmaler aus der baskischen Heimat. Pascal und Pierre Gaudin waren Jugendfreunde von Ravel, die gleichzeitig 1914 im Krieg getötet wurden. Jean Dreyfus war der Stiefsohn von Madame Dreyfus, die sich nach dem Tod seiner Mutter um Ravel kümmerte. Joseph de Marliave war ein bekannter Musikwissenschaftler, der mit der Pianistin Marguerite Long verheiratet gewesen war.

Ihnen widmete Ravel die Stücke und benannte die Suite zu ihrem Andenken in „Tombeau / Grabmal“ um? Was kann Musik sonst tun? Was können KomponistInnen sonst tun?

Die Klavierstücke hatte Ravel  vor Kriegsbeginn 1914 bereits in Planung als eine auf den Barock, auf Francois Couperin bezogene Suite. Angeblich bezog er sich dabei auf Äußerungen des katholischen Papstes, der barockisierende Tanzsuiten statt des verwerflichen Tangos forderte.

Wenn Begnadete wie Ravel in Ruhe gelassen werden, werkeln sie einfach an ihren schönen Dingen herum. Äußere Gegebenheiten umgehen sie mit einer gewissen Hinterlist bzw. machen sich Auflagen subversiv zu eigen.

Nach Kriegsbeginn meldete sich Ravel als Freiwilliger für sein Vaterland. Als Kleinwüchsiger und nicht eben hervorragend gesunder Mensch wurde er nicht an die Front geschickt, sondern verrichtete von 1915-1917 Dienst als Lastwagenfahrer. Er erkrankte an der Ruhr. Während seines Genesungsurlaubs verstarb seine Mutter. Als sich in Paris eine „Liga zur Verteidigung der französischen Tonkunst“ bildete, lehnte Ravel das aber ab: „Es wäre meiner Meinung nach sogar gefährlich für die französischen Komponisten, systematisch die Produktion ihrer ausländischen Kollegen zu ignorieren und so eine Art nationaler Clique zu formieren. Unsere derzeit so reiche Tonkunst würde unweigerlich degenerieren und sich in schablonenhaften Formeln einschließen. Mich kümmert es wenig, dass zum Beispiel Monsieur Schönberg Österreicher ist.“

An den Geschicken ihres Landes nehmen KomponistInnen mit praktischem Patriotismus teil. Weder sudeln sie Lobesmusiken ideologischer Art noch stellen sie ihre Musik ins Schaufenster von falschen Festlichkeiten. Nationalismus in der Kunst bleiben sie fern. Nach dem Krieg sollte Ravel der Orden eines Ritters der Ehrenlegion verliehen werden, was er erbost ablehnte und durch Nichtzahlen von dafür anfallenden Verwaltungsgebühren sabotierte.

(Umgekehrt hatte Paul Hindemith 1917 mit anderen deutschen Soldaten hinter der Front bei Bekanntwerden des Todes von Claude Debussy dessen Streichquartett gespielt.)

Als Ravel 1917 aus dem Fronteinsatz entlassen wurde, konnte er die Arbeit an seiner Klaviersuite fortsetzen. Hier schrieb er die Widmungen für seine getöteten Kameraden. Das letzte Stück, die „Toccata“ widmete er dem bereits im August 1914 im Krieg getöteten Musikwissenschaftler Joseph de Marliave. Dessen Witwe, die Pianistin Marguerite Long führte das Stück unter dem Titel „Le Tombeau de Couperin“ am 11. April 1919 zum ersten Mal auf. Es war ein derart großer Erfolg, dass es sofort komplett wiederholt werden musste.

Das künstlerische Schaffen sublimiert das Erlebte. Indem im „Tombeau de Couperin“ barockisierende Tanzrhythmen und ursprünglich heitere Melodien sowohl mit der Melancholie von verhangenen Mollakkorden, als auch mit stellenweise sehr avancierten, komplizierten Harmoniemixturtechniken am Rande der Atonalität verbunden werden, entsteht das Kunstwerk, das wirkliche Trauer in ihrer ganzen Doppelbödigkeit abbildet. Und ja, auch indem die Form, in diesem Fall die barocke Architektur der Musikteile, stoisch gewahrt wird, kann wie mit einem Brennglas, einer experimentellen Lupe den stattgefundenen Verheerungen überhaupt standgehalten werden.

Was sonst kann die Musik tun? In ihre Klänge winden sich die furchtbaren Erinnerungen hinein. Die Klänge aber kommen aus einer anderen Wirklichkeit, sie sind eine andere Wirklichkeit.

Was sollen denn die MusikerInnen tun, wenn selbst ihre MitstreiterInnen der Literatur, die mit Worten arbeiten, verzweifeln? So wie die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja, die vor einigen Tagen in einem Interview im „Tagesspiegel“ sarkastisch ausrief: „ Weder ein Plutarch noch ein Tolstoi konnten Kriege stoppen. Ja, ich glaube an die Kraft des Wortes! Wenn ein Offizier befiehlt: „Schießen!“, schießt der Soldat. Aber wenn ein Schriftsteller sagt „Stoppt den Krieg!“, hört niemand auf ihn, dann landet er für eine solche Äußerung vielleicht sogar im Gefängnis.“

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