Ob russisches Öl oder Anna Netrebko – der deutschsprachige Selbstbetrug

Man hört aus dem Ausland: egal ob russisches Öl oder Anna Netrebko, Osteuropa, angelsächsische Länder wie UK und USA, derzeit hat man sich hier und da schon fast vom Öl gänzlich abgekoppelt und verzichtet weiterhin auf Auftritte trotz neuem Statements von Anna Netrebko wie just Peter Gelb von der New Yorker MET verlautbarte. Doch Deutschland, Schweiz und Österreich laden weiter ein. Bzw. haben diverse Termine wohl niemals abgesagt – aus dem Hut sind sie wohl innerhalb von Studen aufgrund des neuen Statements wohl nicht an einem Tag, sondern schon monate-, jahrelang erfahrungsgemäß im Voraus geplant: 5.6.22 Luzern KKL, 2.7.22 Wien Konzerthaus, 22.7.22 Regensburg, 19.8.22 Köln Philharmonie , 3.9.22 Stuttgart Open Air, 7.9. Hamburg Elbphilharmonie, 28.1.23 Alte Oper Frankfurt/Main. Daneben Auftritte in Mailand, Verona, Paris, Madrid und Buenos Aires. Die Mehrzahl von 13 aktuellen Terminen aber im deutschsprachigen Raum, der trotz seiner ökonomischen Stärke (der ukrainische Präsident Selenskij zum Deutschen Bundestag: „Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft!“) auch bei weiteren Sanktionen zaudert, wie zuletzt z.B. laut Magazin Monitor sogar mit Metallen, die man problemlos woanders bekommen könnte. Wir reden viel von Menschenrechten und Sanktionen, aber haben es selbst nicht drauf, dabei standhaft und ernst zu sein – eine Ausnahme-Begründung fällt uns immer sofort ein, man trocknet ein paar Geflüchtetentränen und das war es.

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Wie gesagt, selbst Peter Gelb, der manchmal sehr fluide in Sachen Konsequenz sein kann, läßt Anna Netrebko vorerst nicht mehr in der MET auftreten. Gestern gab sie ein neues Statement ab, nachdem das erste vor ein paar Wochen ganz lau war und vor allem wortgleich mit dem ihres Partners Yusif Eyvazov – ich ließ ihr das damals erst durchgehen, erst später las ich das von Eyvazov und sah darin für mich eine schnöde PR-Strategie. Dann benannte sie wohl ihre Kritiker noch angeblich unschön. Jetzt verurteilt sie den Krieg und behauptet nach wie vor, mit keinem russischen Anführer oder einer russischen Partei verbunden zu sein. Es sei aber daran erinnert, dass sie 2010 in Wien mit dem St. Georgs Band in rot-schwarz, wie man es vermehrt nach der Krim-Annexion und der Donbass-Separation bei Putin-Fans sah, in Erscheinung trat. Oder dass sie 2012 zu den Wahl-Unterstützenden Putins gehörte. Oder dass sie 2014 mit einem Separatisten-Chef und einer Neurussland-Fahne posierte, um Spendengelder für das Donezk-Opernhaus im Rebellen-Donbass zu überreichen, das Opernhaus, dessen Ballett vor kurzem erst mit dem im Westen oftmals inkriminierten „Z“ seinerseits im Foto-Shooting posierte.

Jetzt hat sie ihr Statement gegeben. Und im deutschsprachigen Raum geht es mit nicht-abgesagten Terminen weiter. Das ist kein Neuanfang, das ist ein business as usual, das ist schlich ein „weiter so“. Wie gesagt: Termine mit Stars werden nicht in wenigen Tagen kreiert, das dürfte alles bereits schon sehr, sehr lange geplant gewesen sein. Das bedeutet aber auch, dass insbesondere deutsche Renommiertempel und Hochglanzfestivals nicht erwogen haben, ihr ernsthaft wie z.B. die Staatsoper München abzusagen. Alte Oper, Elbphilharmonie, die Kölner Philharmonie, die Veranstalter in Regensburg und Stuttgart halten sich für so einzigartig, dass sie nicht anderen Institutionen zu folgen glaubten. Oder sind sie dermaßen auf vermeintliche Einnahmen des ehemaligen Kassenschlagers Netrebko angewiesen? Genügt ihnen tatsächlich ein die eigene Geschichte zurechtrückendes Statement?

Unser Land meint es jedenfalls mit Solidarität mit der Ukraine nur solange ernst, solange man sich entweder nett völkerverständigend geben kann oder es nicht allzu viel kostet – die ehrenamtlich tätigen und sich aufreibenden Bürgerinnen und Bürger mal davon ausgenommen. Man vergleich doch einmal das Schicksal von Regisseur Kirill Serebrennikov oder Anna Netrebko. Beide sind jetzt im Ausland. Der Regisseur durfte allerdings jahrelang nicht einmal seine Wohnung verlassen, saß im Wohnzimmer-Gefängnis und durfte nur via Video Probenarbeit im Westen leisten. Derweil genoß Frau Netrebko alle Freiheiten, fuhr selbst noch letztes Jahr nach Stockholm zur Entgegennahme des Polarpreises, derweil Stellvertreter für Serebrennikov in solchen Situationen hätten tätig werden müssen. Oder sie feierte ihren fünfzigsten Geburtstag rauschend im Kreml. Wie will ein Opernhaus ehrlich dann z.B. sie oder Serebrennikov jetzt beschäftigen? Nun, sie tritt vorerst nur konzertant auf, womit sich auch zeigt, wie weit von ernster Musiktheaterarbeit sie eigentlich entfernt ist und nur noch Konzerthallen oder Opernkonzerte ihr Ding sind.

Aber spinnen wir das weiter: wie will ein Opernhaus z.B. mit bisher Putin-nahen Russinnen und Russen arbeiten, wenn in der Ukraine dieser russische Präsident, der daheim die Nähe zur Hochkultur sucht, die Hochkultur samt in ihr Schutz suchende Menschen in Tod, Grund und Boden schiessen läßt? Sind Eintrittskarten in eine deutschsprachige Philharmonie mehr wert als das Leben von Schutzsuchenden im Theater Mariupol? Oder das beschädigte Opernhaus Charkiv? Oder das nun sandsackgeschützte Opernhaus Odessa? Die noch lebenden ukrainischen Künstlerinnen und Künstler können noch so viele Statements, Boykottforderungen verfassen – eine deutsche Philharmonie erschüttert diese nicht in ihrer Nibelungentreue zu Anna N., die dann eben ein zweites laues Statment schreibt. Die Toten aus Mariupol können übrigens überhaupt kein Statment mehr schreiben, sondern nur hoffen, dass man ihre zerfetzten Überreste noch findet.

Nein, liebe Veranstalter! Frau Netrebko will einfach weitermachen, ohne wirklichen Bruch. Jetzt sagte ihr just Novosibirsk ab. Wer allerdings Netrebkos Termine in den letzten 5 Jahren verfolgte, sah, dass Russland eigentlich nie die große Rolle spielte, sondern die geldbringenden Auftritte zu 2/3 im Westen erfolgten. Daher ist das vollkommen irrelevant, was gerade mit ihr in Russland geschieht, mag das auch für ihre persönlichen Kontakte dorthin tragisch sein. Das spielt keine Rolle! Derweil an der Ankündigung ihrer Termine gearbeitet wurde, saß sie mit ihrem Partner in gehobenen Ambiente in Dubai. Geld scheint vielleicht ein Problem zu werden, aber ganz weg ist es wohl nicht, um die Zweitheimat Österreich nicht mal schnell nach Luxus-Arabien düsend zu verlassen. Derweil eben in Mariupol nicht einmal die Toten unter dem Schauspielhaus geborgen werden können. Oder das von ihr 2014 mit Spenden versehene Donezk-Opernhaus nicht den Betrieb einstellt, sondern „Z“ tanzt.

Zu all den Dingen oder einfach ihren vormaligen Handlungen sagt sie: nichts. Bzw. überhaupt gar nichts. Oder vollkommen nichts. Den Veranstaltern und Teilen der Kritik scheint das aber auszureichen, um die Äuglein zuzudrücken und sie dort weitermachen zu lassen, wo sie nicht einmal aufhörte. Das sind nicht-abesagte Gigs, das ist Kassen-Nibelungentreue deutschsprachiger Massenveranstalter. Es geht eben allen, egal wie moralisch sie sich geben, nur um: „Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft!“ Diese Art von „Klassik“ – was soll mit dieser passieren? Nun, man kann sich nur wünschen, dass die nun extrem vergrößerte ukrainische Exilgemeinde vor den Philharmonien und Theatern stehen wird, in ihnen sitzen wird, wenn Anna Netrebko auftritt. Oder sie es endlich schafft, wirklich Tacheles über ihre vergangenen Handlungen zu reden, sich von Neurussland, St. Georg und Geburtstagen im Kreml zu distanzieren, gründlich ihre Wahl-Unterstützung für den Kreml-Paten Putin bereut, ja, vielleicht sogar ihre Orden aus Russland zurückgibt. Aber ich denke: an all dem alten TamTam und Geklüngel wie Geklingel hängt sie viel zu sehr, als dass wir jemals Klares vernehmen werden. Denn der Euro rollt weiter, da es der Elbphilharmonie, der Alten Oper, so wichtig ist, dass Netrebko dort erscheint, derweil Russland angeblich sogar Tschaikowsky-Residenzen in der Ukraine, der Tschaikowsky, den Putin extra zu nicht-homosexuell macht und der ihm musikalisch-propagandistisch so wichtig ist, wie es Netrebko wohl war, wegbombt. Solange man davon nichts in Deutschland spürt oder Ukraine-Geflüchtete nicht so deutlich laut werden wie der Botschafter Melnyk – alles okay und easy.

Komponist*in

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