Altbacken Heteronormatives und eine kleine Überraschung – Neujahrskonzerte in Berlin, Wien, Dresden und Venedig

Diese Woche boten die Silvester-/Neujahrskonzerte in Berlin, Dresden, Wien und Venedig eine Umschau auf unterschiedlich volle bzw. leere Konzertsäle und Umgangsformen mit der Pandemie. Zudem sah man echte Konzerte, wenig Aufregendes, nichts Neues aus dem 21. Jahrhundert, alt- und uraltbewährte Personen bis auf eine Überraschung. Und mit den touristischen Werbefilmchen v.a. aus Wien passte man sich dem heteronormativen Weltbild der autokratischen Länder von der Wolga über den Persischen Golf bis an das Ostchinesische Meer an.

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In Dresden spielte die Staatskapelle vor dem leerem Haus der Semperoper. Dafür wirkten Thielemann und die Seinen mit Musik von der Berliner Filmmusik bis zum Broadway sehr aufgeräumt und weniger suchend als noch beim Schlagerprogramm vor ein paar Jahren. Insbesondere die Staatskapellen-Dixie-Band machte das zu einer sympathischen Knoff-Hoff-Show. Igor Levit als Solist in der Rhapsody in Blue suchte noch den Blues und wirkte hierbei mit dem Orchester bis auf dessen Blasinstrumenteabteilung etwas arg brav. Beachtlich die beiden Gesangssolisten Hanna-Elisabeth Müller und Saimir Pirgu.

Die Berliner Philharmoniker boten das konventionellste Konzertformat, immerhin vor vollem 2G-Saal, was aber nicht zu ihrem Nachteil gereichte. Wirkte das Max-Bruch-Violinkonzert mit Janine Jansen am gewöhnlichsten, wenn auch wunderbar kraftvoll und wirkungsvoll gespielt – vor allem im letzten Satz – , so überraschte Lahav Shani als Dirigier-Einspringer für den erkrankten Kirill Petrenko. Man muß bei Orchestern wie der Dresdner Staatskapelle, den Berliner und Wiener Philharmonikern sich immer wundern, warum sie überhaupt eine Person am Dirigierpult benötigen. So würde es wohl auch fein ohne Einspringer gehen. In Strawinskys ersten Feuervogel-Suite wirkte Shani als formidabler optischer Vermittler der expressiven Musik für das TV-Publikum, genauso bei Ravels La Valse. Was er in den beiden Werken an den Fluss bremsender und beschleunigender Gestaltung vornahm, das fehlte ein wenig in der eröffnenden Ouvertüre zur Fledermaus. Im Breitbildrepertoire allerdings: bitte öfters Shani oder andere Dirigentinnen und Dirgenten auch gerade bei TV-Konzerten zum Jahreswechsel, wo das Orchester ja schon Garant für den Erfolg sein könnte wie bei den Berlinern und Wienern.

In Wien eröffnete Daniel Barenboim den zweiten Teil ebenfalls mit der Fledermaus-Ouvertüre, wodurch eine der ganz wenigen Programmüberschneidungen der in der Stückauswahl erfrischend unterschiedlich programmierten TV-Überragungen entstand. Wie im ganzen Konzert dirigierte Barenboim im Gegensatz zu Shani, der auswendig und nur mit den Händen arbeitete, mit überlangen Stab und Partitur. Das hat aber auch etwas sympathisches wie ehemalige Sowjetdirigenten wie Swetlanow. Wie dieser war zudem der zurückhaltende Dirigierstil Barenboims, der sich auf das Allernotwendigste beschränkte und so zu den absolut positiven Seiten des Wiener Neujahrskonzert gehört. In Wien waren das Parkett und der Rang direkt um das Parkett vollbesetzt, merklicher mit mehr Senior:innen als in Berlin.

Seltsam altbacken wirkte der Film zum Morgenblätter-Walzer von Johann Strauss Sohn: ein Liebespaar aus Mann und Frau durchwandert Wien. Einerseits nett anzusehen. Andererseits irgendwie aus der Zeit gefallen. Warum traut man sich nicht mal, auch Mann/Mann und Frau/Frau sich umarmend und küssend wie das Heteropaar filmend laufen zu lassen? Oder macht man diese Tourismiswerbung v.a. für die Autokraten-Regimes in Russland, in den Golfstaaten und in China? Zwar präsentiert man die Ballett-Einlage später im Programm durchaus besetzt und läßt da mal ein Männertrio zu. Im ORF und bei den Filmegestaltenden scheint man sich noch in der Zeit vor den ersten Walzern zu bewegen und schaltet Diversität und eine offene Gesellschaft am musikalischen Neujahrstag kurz ab. Oder zeigt sich da ein in weiten FPÖ- und ÖVP-Teilen doch immer mehr identitär wirkendes Alpenland Österreich? Mehr Mut und Offenheit wären endlich angesagt.

Im La Fenice in Venedig spielten das Orchester und der Chor des Hauses vor vollbesetztem Hause wie die Berliner Philharmoniker. Im Gegensatz zu den deutschsprachigen Orchestern trugen hier alle Personen an den Streichinstrumenten sowie der Chor Masken. Dirgent war Fabio Luisi, Thielemanns Vorgänger in Dresden. Im Gegensatz zum deutschen Kollegen wirkt sein Dirigat immer absolut unaufgeregt und doch sehr präzise. Auch die Venezianer spielten klarer als oftmals die Jahre zuvor. Das Programm war der Unaufgeregtheit entsprechend ein reines Opernsetting mit Musik von Ponchielli, Offenbach, Gounod, Leoncavallo, Wagner, Verdi und Puccini. Die Gesangssolisten Pretty Yende und Brian Jagde sangen präziser als ihre Kollegen aus Dresden, waren mit den bekannten Arien von „Je veux vivre dans un rêve” bis „Una voce poco fa” vielleicht auch mehr in bekannten Fahrwassern und damit abgesicherter.

Neue Werke außer noch nie programmierte Strauss-Familien-Werke gab es nicht, kein neues Werk, kein immerhin kurzes nach 1945 abgesehen von Broadway-Gassenhauern. Davon abgesehen auch keine personellen Überraschungen: man fragt sich, warum man nicht immerhin jedes zweite Jahr auch in Wien mal Jüngere ans Pult läßt. So hat es immer was von Versorgungsanstalt für steinalte Männer. Programmatisch hat Wien seine Traditionen, aber auch hier wäre doch mal ein Ausflug nach 1945 ein behutsames Novum. Es läßt sich feststellen: Unvorhergesehenes wünscht man sich nicht in den Programmen, auch wenn es angesagt wäre. Die konventionellsten Konzerte sind musikalisch meist die stärksten. Daher kann man immer wieder wärmstens das Capo d’anni Konzert des La Fenice empfehlen und den Berliner Philharmonikern jedes Jahr eine andere dirigierende Person als unbedingt den Chefdirigenten. Und Leute: wagt auch mal Komponiertes sogar aus dem 21. Jahrhundert – es muss ja nicht gleich Zimmer oder Richter sein, schrieb nicht Moritz Eggert mal was sogar für den Wiener Opernball? Und bitte: lasst in den Filmchen auch mal Mann Mann oder Frau Frau küssen!

Komponist*in

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