Unübersehbar #10 – nmz-Streaming-Empfehlungen vom 3.7. bis zum 9.7.2020

Jubiläum! Zum zehnten Mal präsentiert Ihnen nmz-online eine feine Auswahl vielversprechender Streams aus den Bereichen Oper, Konzert und Neue Musik, die diesmal auch gegen Fernweh helfen könnten. Viel Vergnügen in St. Petersburg, Gelsenkirchen, Paris, Gohrisch, Aix-en-Provence und Wien! Jetzt auch im Bad Blog Of Musick!

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Von Dirk Wieschollek, Joachim Lange, Juan Martin Koch, Juana Zimmermann, Martin Hufner und Roland H. Dippel.

Unübersehbar #10.

Unübersehbar #10.


Ab 3. Juli


7. Internationales Festival für Neue Musik St. Petersburg
3. bis 9. Juli 2020
Live-Video-Streams auf der Festival-Homepage

Komplett im Netz findet in diesem Jahr das 7. Internationale Festival für Neue Musik St. Petersburg statt. Die siebentägige Veranstaltung unter Leitung des iranischen Komponisten und Musikwissenschaftlers Mehdi Hosseini präsentiert ausschließlich Uraufführungen oder russische Premieren mit internationalem Line-Up: Les Percussions de Strasbourg, Moscow Contemporary Music Ensemble (MCME), Ensemble Lemniscate, Ensemble Adapter, Trio Saitenwind und Cellistin Yulia Migunova spielen vor allem Stücke junger und sehr junger Komponist*innen. Darunter nicht nur die Gewinner des 5. Internationalen Sergei Slonimsky Kompositionswettbewerbes, sondern auch Teilnehmer eines Online-Kompositionskurses, der einige Wochen zuvor abgehalten wurde. Im Hinblick auf aktuelle Tendenzen und Utopien zeitgenössischer Komposition birgt das Programm (hier die Übersicht) somit gehöriges Entdeckungspotenzial.

Für regen Diskurs ist ebenfalls gesorgt: In der Reihe „Composer meet-and-greet“ kommt das virtuelle Publikum unmittelbar ins Gespräch mit Oscar Bianchi, Alexandra Filoneko, Dimitri Kourlianski, Yuri Kasparov, Raphael Cendo und Joanna Bailie. Des Weiteren beanspruchen „Roundtable Discussions“ zu virulenten Fragen musikalischer Kunst, Lectures, Workshops und Master Classes die interaktive Aufmerksamkeit. [Dirk Wieschollek]


Ab 4. Juli


Musiktheater im Revier:  Samuel Barber – „A Hand of Bridge“
Samstag, 4. Juli 2020, 19.30 Uhr – danach Mediathek MiR Alternativ
Live-Video-Stream

Sally, Bill, Geraldine und David befinden sich jetzt zwar in stabilen Verhältnissen, haben allerdings ihre affektiv bewegten Vorgeschichten nur schwer bewältigt. Hinter den freundlichen Fassaden rotieren Gefühls- und Gedankenspiralen von Frust, Verdruss, innerer Leere und unbefriedigten Begierden. Nur neun bis zehn Minuten dauert Samuel Barbers 1959 beim Festival dei Due Mondi in Spoleto 1959 uraufgeführte Oper auf das Textbuch von Gian Carlo Menotti über eine zum Ritual gewordene Bridge-Partie. Tanyel Bakir (Regie) und Julieth Villada (Video) produzierten am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen aus dem Ministück mit vier parallelen Arien eine digitale Oper, die Experimente des 20. Jahrhunderts in die mediale Entgrenzung weitertreibt. Physische Präsenz entschwindet in Allgegenwärtigkeit und stetiger Verfügbarkeit auf Distanz. Der Bruch zwischen freundlicher Fassade und psychischen Mangelerscheinungen wird in perfomative Objektivität transformiert. Ein ambitioniertes Spielzeit-Ende mit vier jungen Sänger*innen und Robin Phillips, dem künstlerischen Leiter des Opernstudios NRW – nicht viel länger als ein Videoclip und mit vielen Fragen zu Ästhetik und Praxis des digitalisierten Musiktheaters. [Roland H. Dippel]

Die Perkussionisten des OPRF und des ONF spielen Varèse, Schoeller, Scelsi und Maresz
Samstag, 4. Juli 2020, 20:00 Uhr
Live-Video-Stream bei Arte – danach bis Ende des Jahres in der Mediathek verfügbar

Giacinto Scelsi: „Rotativa“ – Edgar Varèse: „Ionisation“ – Yan Maresz: „Festin“ – Philippe Schoeller: „Archaos Infinita I & II

Diese Empfehlung ist vor allem an Liebhaber*innen von Schlagwerk-Musik gerichtet. Kaum eine Musik ohne Schlagwerk, doch selten stehen die Schlagwerker*innen im Mittelpunkt. Nachdem wir nun wochenlang mit Haus- und Kammermusik gut versorgt wurden, ist dieses Konzert der Perkussionist*innen des Orchestre Philharmonique de Radio France und des Orchestre National de France eine äußerst dankbare Abwechslung. Ebenso die Stückauswahl im Beethoven-Jahr: Mit Scelsi und Varèse erklingen die 1930er und mit Maresz und Schoeller die Jahrtausendwende . Arte streamt live aus dem Pariser Auditorium de Radio France. [Juana Zimmermann]


5. Juli


Internationale Schostakowitsch-Tage Gohrisch
Sonntag, 5. Juli 2020, 20:00 Uhr
Live-Video-Stream, bei Arte Concert, DG YouTube oder auf der Festival-Homepage

Seit der ersten Ausgabe hat die nmz dieses besondere Festival regelmäßig verfolgt, das vor zehn Jahren an jenem Ort ins Leben gerufen wurde, an dem Dmitri Schostakowitsch sein achtes Streichquartett komponierte. Als Ersatz für die abgesagte reguläre Ausgabe 2020 gibt es am 5. Juli den Live-Stream eines Konzerts, das nicht weniger als neun Schostakowitsch-Uraufführungen bereithält: Klavierstücke, gespielt von Yulianna Avdeeva, Dmitry Masleev und Daniil Trifonov.

Das Programm in Einzelnen: Klaviersonate Nr. 1 op. 12 – Drei Fugen o. op., (UA) – Scherzo op. 1A (UA) – Sechs Klavierstücke aus den Jahren 1918–1920 (UA) – Präludium und Fuge cis-Moll, vervollständigt von Krzysztof Meyer (UA) [Juan Martin Koch]


Ab 6. Juli


Festival d’Aix-en-Provence
6. bis 15. Juli 2020: Mehrere Veranstaltungen, Konzerte und Produktionen pro Tag
Video-Streams

Könnte man sich in Bayreuth noch darüber streiten, ob der Ort selbst wirklich Teil des Premiumfestivals ist, so stellt sich die Frage in Aix-en-Provence nicht. Hier prägt die Stadt selbst mit ihrer besonderen Atmosphäreden Opern- und Konzertmarathon. All das lässt sich definitiv nicht ins Netz verlegen. Pech für Pierre Audi, der in seiner zweiten Spielzeit richtig ankommen wollte. Die Absage kam früh. Gerade noch rechtzeitig vor dem eigentlich geplanten Festivalbeginn folgte jetzt die Ankündigung eines recht ehrgeizigen digitalen Ersatzprogramms.

Vom 6. bis 15. Juli soll es täglich über #thedigitalstage ein teilweise auf Arte und France Musique sowie in seiner Gesamtheit auf der Festival-Website zu sehendes Programm mit vier Veranstaltungen pro Tag geben. Morgens ist immer eine Zusammenfassung geplant. Die jeweils ab 19.00 Uhr übertragenen Konzerte sind mit prominenten Einführungen versehen.

Mittags gibt es eine ganze Reihe von Podiumsdiskussionen über den komplizierten Stand der Dinge. Mit Sir Simon Rattle, Kaija Saariaho, Susanna Mälkki, Thomas Hengelbrock, Simon Stone, Barrie Kosky, Amin Maalouf, Simon McBurney, Katie Mitchell und Leonardo García Alarcón.

Im Kern werden dann aber Erfolgsproduktionen der vergangenen Jahre zu erleben sein, die von daran beteiligten Künstlern vorgestellt und ab 21.00 Uhr übertragen werden: Am 6.7. Esa-Pekka Salonens und Katie Mitchells sehenswerte Produktion von „Pelléas et Mélisande“ (2016), u.a. mit Barbara Hannigan. Am 7.7. Emilio Pomaricos und Joël Pommeras Produktion von Philippe Boesmans „Pinocchio“ (2017). Tags drauf folgt eine Wiederbegegnung mit der schon legendären Robert-Carsen-Inszenierung von Brittens „Ein Sommernachtstraum“ (hier in einer Aufzeichnung aus dem Jahr 2015). Am 9.7. folgt dann Dmitri Tcherniakovs „Don Giovanni“ (2010) und am 10.7. Simon McBurneys und Eivind Gullberg Jensens Produktion von Strawinskys „The Rake’s Progress“ (2017). Aus dem vergangenen Jahr folgen am 11. und 12. 7. Wiederbegegnungen mit Daniele Rustionis und Christophe Honorés Produktion von Puccinis „Tosca“ und schließlich Simon McBurneys „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ (2019).

Auf keinen Fall verpassen sollte man am 13.7. die „Carmen“ in der Regie von Dmitri Tcherniakov mit Pablo Heras-Casado am Pult – eine Produktion, die vor drei Jahren Furore machte. Den Renner des vergangen Jahres gibt es am 14.7.: Romeo Castelluccis szenische Umsetzung von Mozarts „Requiem“. Den Abschluss dieses digitalen Festivals bildet dann Patrice Chéreaus „Elektra“ aus dem Jahre 2013!

Die Opernproduktionen lohnen sich durchweg – beim Rahmenprogramm wird wohl (wie in Südfrankreich üblich) bei den Zuschauern sprachliche Wendigkeit gefordert sein. Deutsch gibt’s da nur bei Weill und Strauss. Sonst dürften all die wirklich in der ersten Reihe sitzen, denen Französisch oder zumindest Englisch geläufig ist. [Joachim Lange]


7. Juli


Arnold Schönberg Center: Sommerkonzert mit dem Selini Quartet
Dienstag, 7. Juli 2020, 18.30 Uhr, Arnold Schönberg Center Wien
Live und im Stream: YouTube oder Facebook

Das Selini Quartet (Nadia Kalmykova und Ljuba Kalmykova – Violine; Loredana Apetrei – Viola; Loukia Loulaki – Violoncello) spielt Arnold Schönbergs Scherzo für Streichquartett, Viktor Ullmanns 3. Streichquartett und Wolfgang Amadeus Mozarts Streichquartett B-Dur KV458 „Die Jagd“. Mit diesem Programm eröffnet das Schönberg Center in Wien seine dann wöchentlichen Konzerte. Ob vor Ort oder im Stream, beides ist möglich. Eintritt frei, Dauer: ca. 60 Minuten, keine Pause. [Martin Hufner]

 

Erstellt die Radioumschau. Freak.