Der Pförtner in der Klassischen Musik

Der Pförtner in der klassischen Musik

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Über Pförtner wird eigentlich viel zu wenig geschrieben. Dabei haben wir klassischen Musiker doch so viel mit ihnen zu tun, die meisten von uns auf täglicher Basis. Sie sitzen an Bühnenpforten, bewachen die Eingänge unserer Philharmonien, halten Posten an unseren Hochschulfoyers.

Gerade neulich hatte ich wieder eine wunderbare Begegnung mit letzterer Sorte: Universität der Künste Berlin, ein ruhiger Tag mitten in den Ferien, nichts los, die Gänge frei von überaumheischenden Studenten, chillig.

Ich gehe zur Pforte um zu fragen, wo denn der Stockhausenkurs stattfindet, den ich gleich geben muss. Niemand da. Ich warte brav, 3 Minuten. 4 Minuten. 5 Minuten. Verwundert gehe ich nochmal nach draußen und tatsächlich: dort steht die Pförtnerin vor der Tür, eine Zigarette rauchend. Als sie mich sieht – und ich kann hier versichern, dass ich keinerlei Gesten der Ungeduld an den Tag legte sondern sie einfach nur freundlich anschaute – wedelt sie plötzlich hektisch mit den Händen, zornig auf ihre noch zu Ende zu rauchende Zigarette zeigend, so als ob ich ihr angedroht hätte, ihr die Zigarette aus dem Mund zu reißen und die sofortige Einnahme ihres Arbeitsplatzes zu fordern (was keineswegs der Fall war).

Verunsichert trolle ich mich also und nehme schüchtern meinen Platz vor der nach wie vor verwaisten Pförtnerloge ein, immer noch der einzige Mensch, der sich in diesem Moment im UdK-Foyer aufhält (wahrscheinlich für die Dame einer zu viel). Nach weiteren 5 Minuten Wartezeit schlürft sie herein, geht direkt an mir vorbei als sei ich nicht existent. Ich hebe höflich die Hand, um sie zu fragen, aber sie ignoriert mich völlig, denn anscheinend kann sie nur auf andere Menschen reagieren, wenn sie wieder die korrekte Position hinter ihrer Glasscheibe eingenommen hat. Dazu muss sie aber erst einmal um die Ecke laufen, und irgendwo eine Tür aufschließen, um dann weitere 5 Minuten später – vermutlich hat sie sich in der Zwischenzeit noch in aller Ruhe einen Kaffee gebrüht – endlich ihren Arbeitsplatz einzunehmen. Ich frage sie nach dem Zimmer, sie weiß natürlich von nichts. Erst nach einer Weile entdeckt sie einen Eintrag im Pförtnerlogencomputer (die deutschlandweit unweigerlich immer noch mit dem Betriebssystem Windows 95 laufen). Ich frage höflich und fast schon untertänig, ob sie mir vielleicht den Schlüssel zu diesem Raum geben könne, aber nein: bei dem Eintrag steht ein anderer Name, und das ist eben nicht meiner, sondern der der Berliner Festspiele, die den Workshop organisiert haben. „Von mir bekommen Sie den Schlüssel nicht, da können Sie hier noch lange stehen“ sagt sie mir in diesem speziellen Kasernenhofton, der vielen Pförtnern eigen ist. Tatsächlich musste ich dann auch genau das: noch sehr lange stehen, bis die Berliner Festspiele das Missverständnis aufklären konnten.

Insgeheim danke ich den Göttern, dass ich nie an der UdK studieren musste. Es ist ja sicherlich nicht leicht, sich jeden Tag einer solchen Behandlung auszusetzen, das kann schon aufs Gemüt gehen.

Aber was sage ich: Selbstverständlich gibt es auch die exakten Gegenbeispiele. Obwohl ich in meinem Leben sicherlich viele unangenehme Erfahrungen mit Pförtnern hatte (einmal wurde ich sogar von einem aus der Probe meiner eigenen Oper ausgesperrt und nicht wieder hineingelassen), muss man hier konstatieren, dass es auch unglaublich nette Pförtner gibt.

Man kann argumentieren, dass die wahre Qualität eines Opernhauses sogar essentiell von seinen Pförtnerinnen und Pförtnern abhängt. Schaffen diese es, eine freundliche und willkommenheißende Atmosphäre zu schaffen, sind sie Anlaufstelle für ein kleines Schwätzchen, freundliche Dienstleistung oder simple menschliche Wärme, so geht auch in diesem Opernhaus die Arbeit gut von der Hand. Das ist nicht zu unterschätzen – gute Pförtner kennen die Mitarbeiter eines Hauses meistens besser als die Intendanten und Operndirektoren, sie leisten psychologische Schützenhilfe bei Lampenfieber und diversen Problemen, und sie kennen auch die kleinste Abstellkammer und die verstecktesten Winkel ihres Hauses. Solche Pförtner lobe ich mir: sie sind Helden der Kunst, und ihr Loblied sollte oft und freudig gesungen werden.

Aber dann gibt es eben auch die anderen, neben denen Zerberus der Höllenhund wirkt wie eine Micky Maus. Diese Pförtner können schon beim Eintritt in ihren Wirkungsbereich eine so frostige Atmosphäre der kompletten Ablehnung erzeugen, dass man sich fragt, warum in ihrem Umfeld überhaupt normales Arbeiten möglich ist. Denn wenn man so unerwünscht ist, möchte man doch gar nicht hinein in dieses Haus, in dem Beethoven, Wagner oder was auch immer gespielt werden. Die übrigens – wenn sie noch leben würden – es auch nicht dort ausgehalten hätten.

Eine eigene Kategorie bilden die sogenannten „Exzentriker“ unter den Pförtnern. Diese können in beide Lager gehören – freundlich oder unfreundlich – bleiben einem aber vor allem wegen ihrer Spleens im Gedächtnis. So gibt es Pförtner, die ihre Loge anstatt mit den sonst üblichen Fernsehern und Kühlschränken mit Stofftieren oder Devotionalien des örtlichen Fußballclubs füllen. Oder sie betreiben eine politisch unkorrekte selektive „Door Policy“. So erlebte ich über viele Jahre eine sehr originelle Pförtnerin der Münchener Musikhochschule, bei der einigermaßen adrette männliche Studenten stets mit einem Übezimmer rechnen konnten, weibliche Bewerber allerdings nicht, und wenn sie hübsch waren, schon gar nicht. Von anderen Hochschulen sind mir Pförtner bekannt, die bei der Schlüsselvergabe an asiatische Studenten grundsätzlich nie deren Namen, sondern einfach nur „Asiat“ eintragen (was an vielen Hochschulen quasi die gesamte Studentenschaft meinen könnte).

Die Steigerung von Pförtnern sind Hausmeister (die natürlich manchmal auch Pförtnerdienste leisten müssen, wenn es etwas später wird). Legendär und unvergessen ist in München Herr „R.“, dessen spezielle Physiognomie uns allen unvergesslich ist, und der mit Fug und Recht als Alleinherrscher über die Hochschule angesehen werden konnte. So war es zum Beispiel keine gute Idee, ein Studentenkonzert anzusetzen, ohne ihm vorher das obligatorische „Bieropfer“ zu bringen, sprich: einen Kasten Bier vor seine Haustür zu stellen. Diese befand sich praktischerweise im Keller der Münchener Musikhochschule, wo der ehemalige Führerbau bekanntermaßen in die „Nazitunnels“ übergeht. Dort residierte R. mit seiner Familie, einer Frau und Tochter die exakt gleich aussahen.

Wenn man das Bieropfer nicht brachte, ging ganz unvermittelt sicher irgendwas „schief“. Notenständer verschwanden, das Licht ging nicht, der Saal blieb bei der Probe verschlossen, etc. Wenn man auf der Sonnenseite von Herrn R. war, lief dagegen alles glatt, deswegen bemühten sich alle, ihn nicht zu verstimmen.

Mit wem er sich hervorragend verstand (obwohl R. damals die Republikaner wählte) war übrigens Leonard Bernstein. Wer R.’s „Höhle“ unterhalb der Hochschule besuchte, sah Lenny auf Fotos zusammen mit R. auf dem Sofa vor der Wand mit seinen Wolpertingertrophäen sitzen, eben derselben Wand, vor der man in diesem Moment auch saß, um dieses ominöse Bild zu betrachten. Der sogenannte „Wolpertingerraum“ war nämlich R.s Thronsaal, und durchaus ehrfurchteinflößend.

Wie hatte R. Lennys Freundschaft gewonnen? Indem er dafür sorgte, dass Bernstein immer eine Flasche seines Lieblingswhiskies in der Garderobe vorfand, wenn er unser Hochschulorchester dirigierte. Ob sie sich wohl je über Politik unterhalten haben? Leider kann man beide nicht mehr fragen, denn R. verlor seinen Job, als plötzlich herauskam, dass er alte Flügel der Musikhochschule heimlich „vertickt“ hatte. Und Bernstein weilt bei den Engeln.

Oder er wartet noch auf Einlass, weil der Himmelspförtner noch „eine rauchen“ muss.

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