10 Millionen am falschen Platz

Gestern ging die Eröffnung der Elbphilharmonie über die Bühne. Die einen sind froh, andere glücklich, wieder andere traurig. Ich bin alles zugleich. Nüchtern betrachtet ist in jedem Fall klar: es gibt ein neues Konzerthaus. Und ein neues Hotel. Und neue Wohnungen.

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Was bislang ohne Beispiel ist: Dieses Event wurde von langer Hand vorbereitet mit eine unglaublichen Intensität. Mit allem Schnick und Schnack. Sogar das Fernsehen ist aufgesprungen. Dagegen waren die Feierlichkeiten zum Jahrtausendwechsel fast überblickbar. Klassische Musikkultur ohne den ganzen Starrummel ist in die Medien gelangt. Ganz ohne Netrebko und Co. Das Konzertprogramm, hübsch gestaltet, den Raum offensichtlich klanglich füllend. Das Event ist das Haus! Aber das ist nicht genug.

Ende gut, alles gut? Man hat sich über die Kostensteigerung für den Bau des Hamburger Konzerthauses mokiert. Auch diese Entwicklung war „noch“ ohne Beispiel. Einwände darüber, dass man das Geld auch hätte besser anlegen können, rissen nicht ab. Hätte man es vorher gewusst, man hätte die Elbphilharmonie wohl nie durchsetzen können. Nun ist sie aber da. Und Nachtreten ergibt wenig Sinn. Der Laden ist jetzt gescheit zu füllen. Dabei ist es ziemlich egal, ob die Karten der ersten Spielzeit schon weg sind. Bewährenmüssen wird sich das alles auf die lange Sicht. In der Normalität des laufenden Kulturlebens. Und man wird sehen, wie gut der Bau wirklich ist, wenn die ersten Fehler auftreten, wenn die erste Sanierung ins Haus steht. Jedes Atomkraftwerk ist teurer.

Man fragt sich dann aber: Ist es so, wird es so sein? Wie das Handelsblatt berichtete, standen allein 10 Millionen Euro für PR-Maßnahmen im Etat. What for? Dafür, dass man sich die Konzertburg jetzt schönspielt? Muss man das Haus so dolle bewerben, damit man dadurch etwas verdecken kann? Dass es in Wirklichkeit eben doch nichts anderes ist als ein Konzerthaus mit besonderer Architektur.

Privatbesitz oder Gemeingut. Foto: Hufner

Privatbesitz oder Gemeingut. Foto: Hufner

Ein Konzerthaus ist ein Konzerthaus ist ein Konzerthaus. Und kein Drohnenflugübungsplatz. Zum Beispiel. Auch die Elbphilharmonie ist ein Gebrauchsgegenstand. Man wird sehen müssen, ist dieses Konzerthaus zuletzt dann doch ein Platz für Brimborium oder ein Bürgerinnenhaus. Vielleicht hätte man das mal doch bei der Programmgestaltung mitbedacht und statt der Chöre von NDR und BR einen aus Hamburger Bürgerinnen zusammenstellen können, um mit dem Schlusssatz aus Beethovens Neunter das Haus zu entern. Vielleicht ein verbrämender Gedanke, der auch nur darüber hinweggetäuscht hätte, dass es diese Beziehung zwischen Bürgerinnenschaft und Kultur so leider nicht mehr gibt, sondern ein aufgewärmtes Relikt aus dem 19. Jahrhundert gewesen wäre. Aber wenigstens ein minimales Zeichen der Achtung von Auftrag- und Geldgebern.

PR sättigt keine Kultur, sondern saugt sie aus

Dem Konzerthaus in Hamburg steht es jedenfalls nicht gut, wenn es weiterhin nur auf seine Bedeutung als Bau- und Medienevent proklamiert. Die 10 Millionen aus der PR-Arbeit wären jedenfalls unter gegenwärtigen Bedingungen besser investiert gewesen in kultureller Arbeit. Man kann da nur hoffen, dass zumindest in diesem Punkt umgedacht wird. PR sättigt keine Kultur, sondern saugt sie aus.

PS: Ob die Daten des Handelsblattes stimmen, ist eine Vermutung. Sauber recherchiert ist der Text leider nicht, auch wenn er Kennerschaft vortäuscht: „In Deutschland eröffnete zuletzt in Bochum ein Haus, München plant gerade einen Neubau, die Berliner Symphoniker machen in ihrem modernen Klassiker am Kulturforum weiter.“ Eine Gurke!

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seit 1997 chefökonom der kritischen masse und netzbabysitter der nmz.

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2 Antworten

  1. Mark sagt:

    Man sollte schon genauer hinschauen. Wofür werden denn die 10 Millionen gebraucht und in welchem Zeitraum.

    Wir Bürger haben die Elbphilharmonie bezahlt und nun sollen wir auch davon profitieren. Und das tun wir, denn die Pressearbeit und die Großzügigkeit der Veranstaltung sind toll – und angemessen. Am Ende aber ist es so, dass diese Investitionen alle wieder reinkommen, denn Hamburg hat eine weitere, fantastische Attraktion und da kann man ruhig mal etwas, ja, großzügiger sein! ;-)

  2. Hans-Georg Labinsky sagt:

    Ähm. Das Foto von Herrn Hufner ist ja ein Traum. Könnte man da mal ein seriöses Foto verwenden? Das aktuelle Foto sieht aus wie das Foto eines 12-Jährigen aus dem Jahr 1973.