Die SWR Orchester Kater- oder Carterfrage – Donaueschingen 2016

Am Freitag, vor zwei Tagen, spielte zum ersten Mal der SWR Orchesterfusionsklangkörper auf den Donaueschinger Musiktagen auf. Manches Gesicht kennt man noch vom SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. So wirkte der erste Auftritt fatalerweise wie gewohnt. Es gab weder Protest noch solidarischen Applaus wie man es in den letzten Jahren immer wieder erlebte. Nachdem Morthenson nicht ultra ungewöhnliche Spieltechniken einforderte, bei Dillon das Ardittiquartett, bei Jaggi die Flöten- und Kontrabassgruppen im Mittelpunkt standen und bei Schedl der Orchesterklang weitgehend elektronisch verändert worden ist und in der extrem planen Partitur auch nicht wirklich Ungewöhnliches verlangt wurde, obwohl es Dank Elektronik ungewöhnlich klang, lässt sich über eine Veränderung des Könnens kaum berichten. Einzig einzelne Stimmen aus dem Orchester legen nahe, dass nicht alle Stuttgarter glücklich sind in der badischen Provinz ein paar Tage festzusitzen.

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Sitzt man in den Gastwirtschaften, dann tauchen allerdings plötzlich kleine, in sich geschlossene Gruppen von ehemaligen Baden-Baden/Freiburger Orchestermusikern auf. Hält man sie zuerst für Mitglieder lokaler Vereine, bestätigt sich dieser Irrtum immerhin so, dass es eben die Personen des neuen Orchesters sind, die über ihr altes Orchester doch in der Gegend wirklich oder eben musiktagemental verwurzelt waren und es immer noch sind. Von schlohweissen Herrschaften in Orchestern hört man manchmal über Karajan und Böhm räsonieren, in meinem Hotel schleicht gar ein uralter Hotelchef herum, der in Aussehen und Diktion Sawallischs jüngerer Bruder sein könnte. Nein, eigentlich ziemlich junge Ex-Baden-Baden-Freiburger übertönen plötzlich Alle im Hinterzimmer und erinnern die Runde an Holliger, Gielen und Zender. Das Gedächtnis an das erst ein Jahr alte Anno dazumal vibriert nach wie vor! Und ist und bleibt der Kern mit seiner unendlichen Spielerfahrung von Lachenmann über Cage bis Spahlinger und Ferneyhough oder all die Franzosen.

Wird dieser Funke aber auf die Württemberger überspringen wie hoffentlich der Geist Norringtons auf die Badener im neuen SWR Sinfonieorchester? Eines erlebte man immerhin in den letzten Jahren kaum noch, nämlich dass ein Stück ganz und gar ausfällt. Natürlich wurde auch früher mal jemand wie dieses Jahr vielleicht auch Marco Stroppa nicht rechtzeitig fertig. Man könnte aber auch wild mutmassen, hier vollkommen unbelegt, dass das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg die knapp abgegebene Partitur doch gemeistert haben würde, eben Dank seiner unendlichen Erfahrung. Aber wie es scheint, war es tatsächlich die Verspätung des Komponisten. Dafür wird nun Carters „Symphony for Three Orchestras“ aus dem Jahre 1976 erklingen. Donaueschingen goes to History. Ein netter Gedanke. Allerdings sei doch die Frage eingeworfen, ob man nicht einen Klassiker der Musiktage selbst hätte wiederholen wollen? Einen Lachenmann, einen Spahlinger, einen Kyburz, eine Pagh-Paan, einen Holliger? Oder einen Pasovsky, einen Borowski aus den letzten Jahren, einen ketzerischen Eggert, einen soliden Holz oder das in Erfurt kontrovers gespielte Stück von Nemtsov? Oder, oder, oder?

Richtig mutig ist die Entscheidung für Carter auf den Musiktagen nicht, mag es auch Boulez selbst gewidmet sein. Alte neue Musik neu aufgelegt ist ja ein Teil des musica viva Konzepts des BR. Carter wäre aber auch eine Sache für ein Stuttgarter Abo-Konzert. Am Puls der Jetztzeit bald gegen Ende des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts ist diese Ersatzentscheidung aber nicht. Und nochmals boulevard-solitudehaft kolportiert: ist genau dieser Kompromiss den nun konventionelleren Fähigkeiten des Fusionsorchesters geschuldet, das sich mit Neuem mit seiner Stuttgarter Hälfte schwieriger tut als die Badener Hälfte? Ich hoffe, ich liege gänzlich daneben. Habe ich allerdings inhaltlich eigentlich nur danebengezielt – dann auweia!

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1 Antwort

  1. Stellvertretend für die ganzen Artikel zu Donaueschingen hier ein herzliches Danke!
    Liest sich schön, das Anekdotische / der Plauderton lässt einen nah ran… „als wäre man dabei gewesen“. ;)

    Aber dass du uns am sonntäglichen Nebentisch am ausgestreckten Arm hast verhungern lassen… das werden wir dir dennoch nie verzeihen. Sei(d) gewappnet, ein großer Shitstorm wird über dich kommen!