Neue Musik für Kinder – ein Konzertbericht von Alexander Mathewson

Mein junger Kollege Alexander Mathewson war für den Badblog in einem Konzert der Gruppe „Musik zum Anfassen“. Man kann diesen Besuch als doppelte Versuchsanordnung bezeichnen: erarbeitet das Musikerkollektiv gewöhnlich mit Kindern seine Programme, die Kinder wiederum im Kollektiv zu Musikern und Interpreten machen, spielten sie diesmal ausschliesslich Musik von Erwachsenen für Kinder, eine oftmals riskante Angelegenheit, die die Jüngeren letztlich doch aussen vor zu lassen droht. Alexander Mathewson wiederum ist ein junger Komponist und Pianist, der sich noch sehr lebhaft an seine eigenen kindlichen Zuhörererfahrungen erinnert. Im Lichte seiner aktuellen Arbeit, die in den Feldern der zeitgenössischen Musik, der Klassik, des Jazz und der balkanischen Volksmusik angesiedelt ist und weder Experiment noch Publikum scheut, schrieb er, unser schottischer Bulgare, mit Stationen in seinen Heimaten, in den USA, auf der arabischen Halbinsel und nun als Kompositionsstudent bei Moritz Eggert den nun anschliessenden Beitrag:

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Am 8. März hatte ich die Gelegenheit, ein Konzert von „Musik zum Anfassen“ im Gasteig München zu besuchen. Dies ist eine Gruppe von Musikern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, zeitgenössische Musik auf eine freundliche und interaktive Weise vorzustellen, um sie einem Kinderpublikum zugänglich zu machen. Ich fand das Konzept sehr interessant und bin neugierig ins Konzert gegangen, um dessen Umsetzung zu sehen. Die Musiker trugen farbige Kittel: die Pianistin blau, der Flötist orange, der Klarinettist rot, der Gitarrist/Banjospieler grün und der Schlagzeuger weiß. Eine sehr gute Idee, da eine visuelle Assoziation in der Musik in jedem Kontext hilfreich ist – egal ob Kinder oder Erwachsene. Der Beweis dafür – ich schreibe diesen Artikel ungefähr einen Monat nach dem Konzert – ist, dass ich mich immer noch sehr klar daran erinnere, welcher Musiker welche Farbe getragen hat.

Das Programm enthielt Stücke von John Cage, Steve Reich, Chick Corea und von den Musikern von „Musik zum Anfassen“ selbst. Ich denke, dass es immer gut ist, wenn Komponisten ihre Musik selbst spielen, statt nur passiv an der Seite sich wichtig am Kinn zu streicheln, die Nase zum Himmel gerichtet. Das Problem in diesem Fall war, dass die eigenen Stücke der Gruppe vom Ansatz sehr gut waren, aber vielleicht nicht ganz im Detail ausgearbeitet. Sie haben zum Beispiel ein Stück ihres Klarinettisten Heinz Friedl gespielt, bei dem ein Riesenwürfel ins Publikum geworfen wurde. Auf jeder Seite des Würfels stand eine Nummer, aber auch ein Instrumentenname. Die den Würfel auffangenden Zuhörer mussten die ihnen zugewandte Seite laut vorlesen. Dementsprechend bewegten sich die Musiker zu nummerierten Stationen auf dem Boden des Saals und haben das jeweilige “Element” des Stücks gespielt.

Ich fand die Idee sehr interessant – Kinder lieben Interaktivität, sie fühlen sich immer gerne als aktive Teilnehmer, die auch zum Geschehen beitragen. Aber es gab bei dem Stück trotzdem ein Problem: man konnte überhaupt keine logische Verbindung zwischen den Nummern und der Musik herstellen. Die Kinder haben den Würfel rumgeworfen und die Musiker haben sich zur Station “N” bewegt und ihr Instrument gespielt. Aber ich hatte das Gefühl, irgendwann hat das Publikum einfach mitgemacht, damit das Stück zu Ende kommt. Die aktiven Zuhörer hatten nicht das Gefühl, dass sie wirklich bestimmen, was auf der Bühne passiert. Insgesamt eine super Idee, die aber noch etwas Verfeinerung braucht.

Highlight des Konzerts waren die „Children’s Songs“ von Chick Corea, spannende und dynamische Musik. Die Stücke enthielten eine sehr starke mnemonische Struktur, die von den Kindern sofort erkannt wurde. Die Musiker haben auch hier ihr Bestes gezeigt, und wirklich sehr musikalisch gespielt. Ich hatte nur ein einziges Problem mit den Stücken, wie eigentlich mit dem ganzen Programm: die Stücke wären von kleinen Kindern kaum zu spielen. Ich erinnere mich, dass ich in meiner Kindheit nichts befriedigender fand als ein Stück, das ich im Konzert oder als Aufnahme gehört habe, danach auch selber auszuprobieren. Ich glaube, dass die Distanz zwischen Musikern und Kinderpublikum sehr effektiv dadurch gekürzt werden könnte, wenn man auch von den Kindern spielbare Stücke in das Programm aufnimmt. Vielleicht könnte man auch am Ende Noten im Publikum verteilen, damit die Kinder danach zu Hause selber das Gehörte spielen können!

Dennoch war das Konzert war sehr abwechslungsreich. So kam auch ein Stück vor, das nur auf verschiedensten Haushaltsobjekten gespielt wurde. Ich habe sofort erkannt, dass das Ziel davon war, die Kreativität der Kinder dadurch zu stimulieren, in dem man zeigt, dass man mit fast allem Musik machen kann. Ob das Publikum das aber wirklich verstanden hat, oder sich einfach gedacht hat, dass fünf Erwachsene sich auf der Bühne wie Psychiatriepatienten verhalten, kann ich nicht beurteilen. Auch in diesem Fall hat meiner Meinung nach etwas gefehlt.

Zum Schluss kamen drei Stücke Klezmer-Musik, inklusive meines persönlichen Favorit „Odessa Bulgarish“. Wiederum fand ich die Idee ausgezeichnet, denn Volksmusik fremder Kulturen ist manchmal so anders als die Westeuropäische, so dass das Publikum hier genau wie bei zeitgenössischer Musik Zeit braucht, sich an sie zu gewöhnen. Leider fand ich aber, dass die Klezmerstücke nicht überzeugend gespielt wurden. Ich habe selbst als Musiker und Komponist viel Erfahrung im Bereich der Musik des Balkans, die ja vom Klezmer nicht weit entfernt ist: Klezmer entstand in den jüdischen Gemeinden Osteuropas und wurde zudem sehr von der Musik der Roma beeinflusst. Insbesondere in Sachen Rhythmus und Phrasierung blieben noch Wünsche offen.

Insgesamt war es ein sehr unterhaltsames Konzert mit guten Ansätzen. Mein größtes Kompliment war, dass das Publikum nicht „verdummt“ wurde. Das Programm war für Kinder passend, aber weder kindisch noch herablassend. Ich denke, dass „Musik zum Anfassen“ auf einen sehr guten Weg ist und damit eigentlich sehr erfolgreich sein könnte, es fehlt noch der letzte Schliff. Und vor allem bessere Werbung: der Saal war nur knapp halbvoll!
Alexander Mathewson

Alexander Thomas Mathewson

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