Das Horn bei Mahler

Vor vielen Jahren habe ich mich wissenschaftlich mit Gustav Mahler beschäftigt. Aufsätze, Vorträge, Programmhefte. Irgendwann reichte es dann mal. Mahler liebe ich nach wie vor. Aber die dritte Sinfonie muss ich jetzt erst einmal nicht mehr hören. Damals – also: „vor vielen Jahren“ – hatte ich eine Reihe von Ideen, was ich aus meiner Mahler-Leidenschaft, die alles andere als ungewöhnlich ist, noch so machen könnte. Damals war der Plan, einen großen Aufsatz – oder sogar „mehr“ – über „Das Horn bei Mahler“ zu publizieren. Ich hatte mich in eine These hineingesteigert. Meiner damaligen Ansicht nach sei das Horn das zentrale Instrument in den Sinfonien Mahlers. Es sei – im wahrsten Sinne des Wortes – das entscheidende „Signalinstrument“, verrate also den „Kern“ des jeweiligen Formabschnitts beziehungsweise der jeweiligen Passage.

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So fand ich mich in der Situation wieder, alle Sinfonien Mahlers noch einmal durchzuhören – und zwar nur mit dem Fokus auf der Verwendung des Horns. Ich schuf eigene Kategorien wie „Naturhorn“, „Orchesterpedal-Horn“, „romantisches Liebeshorn“ – oder gar „Die Oboe als negatives Horn“ (also: im Grunde gar keine Horn-Kategorie mehr).

Das Ziel war also, jede Horn-Stelle bei Mahler „erklären“ zu können: Was ist gemeint? Ist Mahler hier ironisch? Dient das Horn an der ein odere anderen Stelle wirklich nur als das klassische „Orchesterpedal“? Komponiert Mahler sich mittels der jeweiligen blumigen, von jeglichen ironisch-wienerischen Zynismen befreiten Horn-Stellen in eine postsarkastische Bruckner-Sinfonie-Welt zurück?

Wie gesagt: Ich habe das irgendwann gelassen. Und es vergingen viele Jahre – ich hatte die Idee fast vergessen.

Dann sah ich vor einigen Tagen „Die Macht der Gewohnheit“ in der Inszenierung von Claus Peymann am Berliner Ensemble. Das Stück von Thomas Bernhard aus dem Jahr 1974 wirkte für mich – liegt aber sicher auch an der Peymann-Inszenierung – so verstaubt wie das Zirkus-Streichquartett, das hier auf der Theaterbühne vergeblich das Schubertsche Forellenquintett zu proben versucht. Hinzu kam für mich die Erinnerung an die einstige Thomas-Bernhard-Erst-Lektüre von „Das Kalkwerk“, dem Roman in dem der Protagonist Konrad jahrzehntelang versucht, eine vermeintlich revolutionäre Studie über das Hören zu erarbeiten, indem er seiner gelähmten Frau über quälende Stunden hinweg die gleichen Wörter an verschiedenen Orten des Raumes in verschiedenen Lautstärken ins Ohr spricht.

Mahler und Bernhard haben gar nichts miteinander zu tun. Aber irgendwie bekam ich beim Öffnen meines Ordners „Das Horn bei Mahler“ jetzt gruselige Anmutungen. Wie knapp war ich wohl davor, unbeabsichtigt zu einer Thomas-Bernhard-Figur zu werden, die sich bis zu ihrem kläglichen Lebensende solipsistisch in krude Theorien verstrickt, diese – ständig an sich selbst, nie aber an der Sache zweifelnd und irre werdend – immer weiter ausdifferenziert, bis hin zur totalen geistigen Verhärtung und Verbrämung?

Ich weiß es nicht. Aber irgendetwas habe ich richtig gemacht, indem ich schönere Dinge tat – und eben kein akademischer Musikwissenschaftler geworden bin.

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitete für das Konzerthaus Berlin, das Brucknerhaus Linz und viele andere, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

3 Antworten

  1. Das singende Horn, besser die mit-singende Horngruppe der Berliner Phillies im Schlusschor der 2. Mahler. Das löst vielleicht nicht die Fragen nach den Hornstellen, zeigt aber, wie man das alles nicht so ernst nehmen sollte, was was bedeuten sollte. Eines aber ist klar: Hörner setzen immer eins drauf und verknüpfen mit dem Rest des Stücks, gerade dieses Motiv hier ist ja eines der wichtigsten der 2…: https://www.facebook.com/video.php?v=3383953558371&pnref=story

    Grüße,
    Alexander

  2. Horst sagt:

    ….naja, gestern in der Philharmonie konnte der bekennende HSV Fan und Solo-Hornist in Mahlers 5. seinen ganzen Frust rauslassen…..ansonsten: „Morgen Augsburg!“

  3. Ich hatte mich lange mit der Verwendung der Hörner bei Wagner beschäftigt, besonders im Tristan. Während die Bedeutung des melancholischen Englisch – Horn Solos relativ klar ist, sind die sehr aussergewöhnlichen beiden Stellen im Dritten Aufzug, erste Szene (Tristan), bei welchen die Singstimme alleine von einem Chor von vier Hörnern begleitet wird, dunkel.
    Die erste Stelle ist in den Takten 109 bis 113 (zart) mit einem Motiv, welches zuvor ab Takt 26 von dreigeteilten Violen (weich) gebracht wurde. Die zweite Stelle ist in den Takten 914 bis 924. Besonders diese zweite Stelle ist interessant, denn sie bringt ein Motiv aus dem zweiten Aufzug. Diese Motiv aus absteigender grosser Terz und Tritons wird wörtlich zu Beginn der 7. Symphonie von Mahler verwendet – nur diesmal vom Tenorhorn gespielt. Im Text ist bei Wagner an beiden Stellen von Ärztin und Milde etc. die Rede, was wohl dem weichen Klang der Hörner entspricht.