Discovering Blitzstein (Folge 3)

Anlässlich der Europäischen Erstaufführung des Opernsketches „Triple-Sec. Die Sünde des Lord Silverside“ von Marc Blitzstein – in Kombination mit George Gershwins „Blue Monday“. 14., 15. und 17. März im Konzerthaus Berlin. Eine Koproduktion mit der Komischen Oper Berlin.

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Alle Vorstellungen des Doppel-Ultra-Kurzopern-Abends „Triple-Sec“ (Marc Blitzstein) und „Blue Monday“ (George Gershwin) sind schon jetzt ausverkauft. Trotzdem will ich die Begeisterung über meine Entdeckung – Marc Blitzstein und seine extrem verrückte Opernfarce – weiter zum Thema machen.

Wir waren – nach Folge 1 – in Folge 2 bei den auf Initiative Leonard Bernsteins organisierten großen Gedenkfeierlichkeiten nach dem zu frühen Ableben Blitzsteins stehengeblieben.

Blitzstein und Bernstein
Momentaufnahme einer tiefen Freundschaft: Marc Blitzstein und Leonard Bernstein

Wie aber ist Marc Blitzstein zu Tode gekommen?

Wir wollen keine Leichenfledderei betreiben. Aber fest steht, dass Blitzsteins Tod genau so ungewöhnlich – in diesem Fall: ungewöhnlich tragisch – war wie sein ganzes Leben. Blitzstein war Jude, Kommunist, Homosexueller – und zudem noch ein „Neutöner“. Wäre er Deutscher gewesen und „zu lange“ geblieben, die Nationalsozialisten hätten gar nicht gewusst, wo sie anfangen sollen mit der Verfolgung… In jedem Fall wurde der Schott-Verlag nach der Machtergreifung der Nazis gezwungen, den Vertrag, den Blitzstein 1929 in Salzburg über die Verlegung von „Triple-Sec“ unterzeichnet hatte, zu vernichten.

Auch das ist mit ein Grund dafür, dass das Konzerthaus Berlin und die Komische Oper jetzt die Freude haben, den damals sogar ins Deutsche übersetzten Opernsketch zur – sage und schreibe – Europäischen Erstaufführung zu bringen. Noch immer wirken die Untaten meiner Großvätergeneration fort. Ein Teil des kulturellen Verdrängens jüdischer, anderer, moderner Stimmen durch die Nazis war – so ungerne man das zugeben mag – „erfolgreich“. Und zwar bis heute.

Blitzstein befand sich 1933 längst wieder in den USA – und hatte eine große Zeit vor sich. Gut dreißig Jahre später, Blitzstein war 58 Jahre alt, machte er Urlaub auf der Insel Martinique in der Karibik, kleine Antillen…

Die Nacht vom 21. auf den 22. Januar 1964. In einer Seitenstraße der Hauptstadt von Martinique – Fort-de-France – schreit ein Schwerverletzter um Hilfe. Es ist der damals berühmte Broadway-Komponist Marc Blitzstein. An diesem Abend hatte sich der Urlauber in einer Bar drei junge – 17, 26 und 34 Jahre alte – Männer angelacht: zwei portugiesische Fischer und einen einheimischen Jugendlichen. Nach ein paar Drinks – der Orangenlikör Triple-Sec stammt übrigens ebenfalls aus der Karibik, von der Insel Curaçao – erhoffte sich der homosexuelle Blitzstein, inzwischen mit einem der drei Männer in eine dunkle Gasse abgebogen, „mehr“ von dem Abend. Doch plötzlich stürzen sich die zwei anderen auf Blitzstein, schlagen ihn zusammen, stehlen seine Geldbörse, lassen den Schwerverletzten liegen – und verduften.

Gegen 3 oder 4 Uhr in der Frühe hört ein Polizist die Hilfeschreie Blitzsteins und lässt ihn umgehend in das örtliche Clarac Hospital bringen. Blitzstein ist ansprechbar, kann sogar aufstehen, ist bei klarem Verstand. Blitzstein veranlasst noch ein Telegramm in die Heimat, verlautbart, er habe einen Autounfall gehabt. Den herbeigeeilten Kommissar William B. Milam bittet er dringlich, den „sexuellen Aspekt“ dieses Gewaltverbrechens nicht an die Öffentlichkeit zu bringen, sondern geflissentlich bei der Autounfall-Version zu bleiben.

Am späten Nachmittag des Tages jedoch verschlechtert sich der Zustand von Blitzstein dramatisch. Sein Gesicht schwillt gelb-grünlich an, derweil er auf die Kerle schimpft, die ihn überfallen hatten. Ein paar Momente später stirbt Blitzstein unter den Händen der machtlosen Ärzte an seinen schweren inneren Verletzungen.

Die drei Männer, die Blitzstein auf dem Gewissen haben, werden von der Polizei gefasst. Keiner von ihnen ahnt, welche Berühmtheit sie für ein paar zerknitterte Scheinchen ermordet haben. Der Blitzstein-Biograph – es existiert auch eine lesenswerte Monographie von Howard Pollack – Eric A. Gordon schreibt: „Marc Blitzstein, der sein Leben lang für die Arbeiterklasse, für das Wohl von Flüchtlingen, für die Menschenwürde kämpfte, stirbt im Alter von nur 58 Jahren, zugerichtet von eben jenen Angehörigen der Unterschicht, für die er sich doch immer so nachhaltig eingesetzt hatte.“

Einige Jahre zuvor hatte sich Blitzstein übrigens sehr für Kurt Weill stark gemacht – und eine englische Version seiner „Dreigroschenoper“ angefertigt, die daraufhin in ganz Amerika zum absoluten Hit avancierte.

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Arno Lücker wuchs in der Nähe von Hannover auf, studierte Musikwissenschaft und Philosophie in Hannover, Freiburg - und Berlin, wo er seit 2003 lebt. Er arbeitet als Autor (2020 erschien sein Buch »op. 111 – Beethovens letzte Klaviersonate Takt für Takt«, 2023 sein Buch »250 Komponistinnen«), Moderator, Dramaturg, Pianist, Komponist und Musik-Satiriker. Seit 2004 erscheinen regelmäßig Beiträge von ihm in der TITANIC. Arno Lücker ist Bad-Blog-Autor der ersten Stunde, Fan von Hannover 96 und den Toronto Blue Jays.