Orchesterärger Mucphil – Falsche Wut über Müller-Wielands „Egmont“, Planstellen für neue Instrumente

Ich ärgere mich: die Tage gab es die Uraufführung von Jan Müller-Wielands Oratorium „Egmonts Freiheit oder Böhmen liegt am Meer“. Aber nicht das Stück bringt auf, es ist die Mutlosigkeit der Münchner Philharmoniker, die letztlich für ein Hauptproblem der Orchester an sich steht: die eingeschlafene Weiterentwicklung dieser Klangkörper! Müller-Wielands neues Werk habe ich leider nur in O-Ton-Schnipseln einer Kritik von Jörn Florian Fuchs auf der Webseite des Deutschlandfunks erleben können, da ich selbst parallel in Aufführungen meines Styx-Musiktheaters beschäftigt bin. DLF wie Abendzeitung üben heftige Stilkritik an dem Egmont-Oratorium, sehen im Komponisten einen weltfernen Professor, der Texte von Goethe bis Bachmann zusammensuchte, um in bester Henze-Klangpracht, ohne Angst vor Musik-Textverdoppelungen und scharfen Kontrasten sein Stück zu entfalten. Übereinstimmung herrscht zwischen Radio und Zeitung auch, dass der in die Jahre gekommene Burgtheatertonfall des Sprechmonuments Klaus-Maria Brandauer extrem nervte, man hört dies z.B. gut nachvollziehbar am Schluss des DLF-Beitrags. War es für die Zeitung nur laut und krachig, entdeckt DLF immerhin hier und da wunderschöne Linien für die Sopran-Solistin des Abends. Lauscht man in die O-Ton-Auszüge, hört man tatsächlich eine expressive Kantilene über Streichern. Dagegen tremoliert immer wieder eine Marimba oder ein Xylofon dazwischen. Ja, das kann nerven! Aber hat dann Jan Müller-Wieland nicht doch voll ins Schwarze getroffen, wenn er selbst im Kleinteiligen sein eigenes Melos konterkariert? Eigentlich haben die Münchner Philharmoniker dann für den Konzertabend alles richtig gemacht. So wie ich aber lebende Komponisten einschätze, die auf Kontraste setzen, eine Art „Dreigroschen-Arte-Povera“, wäre natürlich eine konzisere Besetzung besser als das fette Orchester. Aber eben diese dicken Klangkörper haben auch in der Erweiterung und Integration neuer Instrumentalgruppen seit Gustav Mahler jede Entwicklung verpasst. Denn Akkordeons, Zithern und Gitarren sind eigentlich keine Sonderinstrumente mehr! Dazu im weiteren mehr.

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Die Abendzeitung bemüht dagegen die letzte „mutige“ Uraufführung der Philharmoniker ausserhalb von Biennale-Konzerten: 1987 „Caminantes… Ayacucho“ von Luigi Nono. Das ist wiederum auch ein Volltreffer ins Schwarze. Denn ich kann mich selbst daran erinnern, zum ersten Mal von den Philharmonikern damals ambitionierte Neue Musik erlebt zu haben. Ausser einem weiteren Werk von Peter Michael Hamel, das seinerseits fein mit Celibidaches Kosmos harmonierte, und den besagten Biennale-Ausnahmen, gab es maximal Crumb-Esoterik – sonst Fehlanzeige. So ist es schon verständlich, wenn auch heutzutage in keinster Weise an den Nono-Ausflug angedockt wurde, und sei es auch nur eine medial aufgeraute, musikalisch in alle Töpfe greifende Uraufführung, ob nun urig groovend oder metrisch gnadenlos fragil. Das bietet nur die Konzertreihe musica viva des BR. So ungerecht es dann im Einzelfall ist, unterstreicht wohl das Egmont-Oratorium diese Leerstelle. Aber das ist nicht Jan Müller-Wielands Intention gewesen. Die hat er eigentlich 1A erfüllt, liest man den typischen Kritik-Irrwitz von Herrn Fuchs über die perfekte Partitur, welche dann wortreich abgefackelt wird. Blödsinn!

Lasst mal den Ohrensessel weg und die Nachfrage, ob Münchener Kompositionsprofs ein Zubrot der Philharmoniker benötigen. Natürlich sind die Nicht-Profs Legion. Aber die schreiben eben auch eher für andere Besetzungen. Und da sind wir beim Kernproblem! Die Philharmoniker sind borniert mit ihrem Gergiev-Einsatz, sie sind einfältig mit ihrer Programmauswahl und zukunftsblind, sich heute immer noch mit der Modernität der Mahlerschen „Symphonie der Tausend“ zu schmücken. Ja, das war wirklich modern! Statt dass Ihr Euch im Laufe der folgenden Jahrzehnte z.B. die Uraufführungs-Messehalle von Mahlers Achter oder so was Ähnliches gesichert habt, seid Ihr nun auf Gedeih und Verderb mit der Akustikruine der Philharmonie im Gasteig verbunden. Statt nach Levine und Thielemann und den zähen Zwischenzeiten endlich mal wieder exlusiv einen Orchestererzieher an Euch zu binden, degradiert Ihr Euch selbst zum Euro-Tankzwischenstopp für Gergievs Trips zwischen London und Sankt Petersburg. Aber was soll dieses Geplänkel! Ihr habt einfach jegliche Vorreiterrolle verschlafen, abgesehen von der meisterlichen Bruckner-Konservierung. Euch, aber vor allem der gesamten Orchesterlandschaft, die nicht mehr durch neue Werke und Anforderungen sich basal weiterentwickelt, sondern lebende Komponisten zu Erfüllungsgehilfen von Vollzeit-Planstellen macht, die nur mit Mühen um Substituten erweitert werden können, entging der eigentliche Flow der Mahler-Uraufführung 1910: Ihr habt keine Gitarrengruppe in Eure Grundbesetzung integriert, keine Akkordeonsektion, keine fixe E-Gitarre, keinen E-Bass, keinen Zitherchor aufgebaut, keinen festen Live-Elektroniker! Apropos Live: nun startete der Live-Stream der Philharmoniker. Statt mit Müller-Wieland natürlich mit Uralt-Repertoire. Da mag zwar auch die Urheberrechtssituation ein Schnippchen schlagen, aber auch dies, oh mphil.de, vielleicht auch oh Verlage, wäre lösbar. An der GEMA, so man mit ihr redet, sollte es nicht liegen.

Diese Instrumente sind genau diejenigen, welche in den letzten Jahrzehnten Einzug in Ensembles für Neue Musik hielten, die darüberhinaus grosse Popularität eigener Orchester mit diesen Instrumenten erhielten. Ihr ruht Euch auf einen gewerkschaftlich festgeschriebenen Stand aus, der nicht im mindesten die Entwicklung der letzten einhundert Jahre repräsentiert. Das liegt daran, dass Ihr eigentlich überhaupt keine Musikentwicklungen zulasst, die Euch zumindest im Mikrotempo verändern würden. Das hat damit zu tun, dass Uraufführungen, die den Alltag gefährden, letztlich immer noch eine Bedrohung für Euren eingeschlafenen Kunst- und Verwaltungsbetrieb sind. Das generiert teure Dirigenten und wegsterbendes Publikum. Davor rettet Euch weder Abonnentenorchester noch Malte Arkona! Ja, im Programmheft zum Egmont-Oratorium findet man ganz hinten einen Text zu den beiden Mitarbeitern des Orchesterarchivs. Und damit offenbart Ihr Eure gesamte Rückständigkeit: der eine der beiden ist eben ein meisterlicher Zither-Komponist. Wäret Ihr um den besagten Zitherchor bereichert, hättet Ihr ihn längst spielen können, statt ihm im Staub der Celi-Quinten für seine Ambitioniertheit quasi büssen zu lassen. Gebt ihm, gebt mir, gebt allen Münchnern endlich Akkordeons, E-Gitarren und Zithern in Euren festen Reihen. Oder schweigt Euch über Gustav Mahler wie über Luigi Nono aus und verlegt Euren Stammsitz irgendwo hinter dem Münchener Flughafen – aber auch dort ist man ästhetisch schon weiter als Ihr!

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2 Antworten

  1. Als Besucher der Aufführung gestern hier ein paar Gedanken:
    – Ich finde es sehr seltsam (aus verständlichen Gründen) wenn der Professoren- oder Nichtprofessorenstatus eines Komponisten überhaupt irgendeine Relevanz bei einer Konzertkritik hat. Mir scheint das ein allzu griffiges Argument sein, um vermeintliche Spießigkeit anzuprangern (und spießig war Jans Musik nicht im Geringsten). Und warum schreibt man dann nie so etwas über Wolfgang Rihm, Mathias Spahlinger, Helmut Lachenmann? Alles ehemalige oder aktuelle Professoren….und dass der gute alte Schönberg so leidenschaftlich und lange unterrichtet hat, hat man ihm nicht nur nie vorgeworfen, es hat auch der Verbreitung der Wiener Schule enorm geholfen!
    Professor oder Dozent oder Lehrbeauftragter oder gar nicht unterrichtend – ist doch vollkommen wurscht, hat in einer Kritik nichts zu suchen…

    – man muss den Philharmonikern zugute halten, dass sie überhaupt einen solchen großen Auftrag für ein großes abendfüllendes Werk an einen lebenden Komponisten vergaben, und in die normale Aboreihe packten. Und siehe da: der Saal war auch nicht leerer als bei einem normalen „klassischen“ Programm, was sicherlich auch (aber nicht nur) der Popularität Brandauers zu verdanken ist. Genervt wirkte das Publikum keinesfalls, der Applaus war herzlich. Auch vom musikalischen Einsatz her ist weder dem Orchester noch dem Chor ein Vorwurf zu machen. Das Ganze wirkte eher ermuntend: mehr davon!

    – klar hast Du recht: die Philharmoniker könnten wesentlich mehr neue Musik spielen, aber das trifft im Grunde auf quasi alle Orchester in Deutschland zu. So lange da nicht die eigentlich richtige Quote 50%Neues 50% klassisches (wie im Sprechtheater) erreicht ist, liegt vor uns allen noch ein langer Weg. Wenn dann allerdings das „Neue“ ausschließlich „Neue Musik“ mit großem N ist, stimmt auch etwas nicht, denn das ist ja ebenso eine Nischenkunst, wie es zunehmend die Klassik ist. Wir müssen also das „Neue“ ganz anders definieren – das ist eigentlich die Herausforderung….

  2. Den Passus mit dem Kompositionsprof. findet sich ja seltsamerweise nicht nur in einer Kritik. Pausensynoptik? Das grosse „N“… das mag Geschmackssache sein. Nur haben hier die Phillies leider Nachholbedarf. Wer mit den Berlinern gleichziehen mag, der sollte heute regelmäßig Boulez, Nono, Xenakis und Stockhausen spielen. Das ist inzwischen eine Repertoirefrage und keine N-Frage! Und selbst eher baltische o. angelsächsische zeitgenössische Musik, sanft tönende Brennglasfranzosen, das sucht man vergeblich. Selbst eine Henze- oder Messiaen-Aufführung ist was exotisches für mphil. Du siehst, das macht die N oder n Frage in Bezug auf Lebende eigentlich obsolet. Allerdings muss ich sagen, dass das ewige „es gibt auch anderes als großgeschriebene Neue, also neue Musik anderer Art“ mir ein wenig falsch erscheint. Denn wenn überhaupt, wird das kleine n längst eher gepflegt, als das Grosse. Nur sucht man es bei MucPhil ebenso mit der Lupe. Mir scheint es, mit Verlaub, dass das gebetsmühlenhafte Beschwören, dass das grosse N nicht zuviel kriegen könnte, als ob man sich unbedingt absichern müsse. Ich würde gar Jan mit diesem Stück eher dem grossen N zuordnen als dem Kleinen „neu“. Denn diese Klein-n-Mühle ist dann für z.B. Mucphil der Freifahrtschein für weiteres Nicht-Bemühen. Aber abgesehen von Namen: wenn Orchester seit 100 Jahren keine neuen Gruppen mehr aufgenommen haben, wie in der Historie üblich, auf die sie ja rekurrieren, dann stimmt wirklich was nicht, fehlt die organische Weiterentwicklung. Selbst der Gebrauch von der Klassik z.B. angemesseneren historischen Inventionshörnern u.s.f., bleibt meist aus. Wie gesagt, ich fordere E-Gitarrengruppen! Da hat sich die Musik so oder so fortentwickelt, ob E oder U – die Orchester haben es verpennt! Und zuletzt: ich habe z.Zt. sogar immer weniger Probleme, doch für den basalen Erhalt von E zu sein. Eigentl. fordern permanent deren Abschaffung nur diejenigen, die im Bereich E hoch ausgebildet sind und E und U verbinden wollen. Nur zu, das verbietet selbst der hartgesottenste E-N-Mensch nicht. Allerdings ist es kein Argument, wenn ein U-Musiker einmal die Abschaffung von E fordert. Das machen da die hoch Ausgebildeten eigentlich niemals… Nicht Cross-Over predigen, sd. vollziehen, es lässt sich vieles kreuzen ohne Andere zu kreuzigen!