U und E – Neue Theorie

Neulich, nach der Premiere der wahnwitzig tollen Inszenierung von Bernsteins „West Side Story“ (Regie: Barrie Kosky, Choreographie: Otto Pichler) an der Komischen Oper kam in mir erst die Frage auf, warum dieses Musical so einzigartig ist. Wie kann es sein, dass daran – also, was die Gattung „Musical“ anbelangt – qualitativ nie angeknüpft wurde? Immerhin gibt es in diesem Werk innerhalb weniger Minuten gleich drei große Hits. „Maria“, „America“ und „Tonight“. Und warum gab es das nie wieder in dieser genialen Hit-Dichte? („Das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder!“). Später noch „One Hand, one Heart“ und „Somewhere“ – und nicht zu vergessen mein heimlicher Lieblingshit seit Kindertagen: „Gee, Officer Krupke“.

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Erster Versuch einer Antwort: Nach Bernstein kam gewissermaßen Andrew Lloyd Webber. Aber ganz ehrlich: Die Qualität von Bernstein hat er nie annähernd erreicht. Im Gegenteil. Seien wir ehrlich: Lloyd Webber = Igitt! Doch die ganze Musical-Welt stürzte sich auf Lloyd Webber. Und hier ist es vielleicht wie mit der Filmmusik: Hat jemand wie Hans Zimmer mal einen Stil etabliert (egal wie immer gleich und vorhersehbar dieser ist), komponieren andere auch so; und: die Produzenten wollen auch nur noch genau das! So schnell war das Erbe von Nino Rota, Ennio Morricone und John Williams vergessen. Alles muss heute klingen wie Hans Zimmer. So auch im Musical. Alle versuchen, Lloyd Webber zu sein. Und schon klingt alles wie die Sauce von eben jenem…

Zweiter Gedanke: Es gibt viele Theorien, warum sich gerade im deutschsprachigen Bereich (manch einer sagt sogar, das sei ein rein deutsches Problem) Anfang Richtung Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts die Trennung von U- und E-Musik vollzogen hat. Antworten gibt es einige: Die Verbreitung der Schallplatte und dementsprechender Abspielgeräte (Folge: die Masse hört Zuhause lieber leichte Muse, also Schlager; höchstens aus Operetten, aber Opern eher weniger… das Live-Erlebnis „Oper“ war durch den Heimgebrauch von Abspielgeräten ersetzbar geworden). Dazu die gesellschaftlichen Verdrängungsmechanismen nach dem Zweiten Weltkrieg. Klar, zur zwanghaften Belustigung und zum-vergessen-Machen eignet sich ein Schlager mehr als eine heftig emotionale Puccini-Arie.

Andere sagen, dass die E-Musik mit ihrer immer krasseren Verkopfung (Dissonanz, Zwölftontechnik und schließlich die Champions League der verkopften Musik: der Serialismus) die Trennung von E und U zwangsläufig befördert hat. Wer hört schon ein Schönberg-Streichquartett zum Frühstück? Wer legt sich bei einem romantischen Abendessen Webernsche Bagatellen auf (sind ja auch viel zu kurz; das reicht ja kaum für die Vorspeise). Klar.

Naja. Egal. Belassen wir es mal dabei.

Jedenfalls kam mir der Gedanke, dass Komponisten wie Leonard Bernstein sich nie um U und E geschert und beides kompositorisch auf höchstem Niveau beherrscht haben. Auch mit der Konsequenz, dass man die „West Side Story“ ungern zur „U-Musik“ zählen möchte. Für „E-Musik“ sind aber zu viele Hits dabei. Also irgendetwas „dazwischen“.

Im Rahmen meiner Beschäftigung mit dem Komponisten Marc Blitzstein (1905-1964) leuchtete dann für mich irgendwie eine neue Theorie als „Erklärungsmodell der historischen (deutschen?) Trennung von U- und E-Musik“ am Horizont auf. Marc Blitzstein war kurze Zeit Schüler von Arnold Schönberg und komponierte sehr ernsthafte Werke für Soloinstrumente und verschiedene Kammermusiken. Ging dann zurück in die USA und wurde dort ein gefeierter Musical-Star. (Leider wurde er 1964 auf einer Karibikinsel von drei portugisischen Fischern zu Tode geprügelt, vermutlich, weil er einen der dreien ein sexuelles Angebot gemacht hatte).

So. Und jetzt nicht erschrecken: Leonard Bernstein war Jude, Marc Blitzstein auch. Plötzlich kommen mir Namen wie Paul Abraham, Werner Richard Heymann oder Mischa Spoliansky und noch viele andere in den Sinn. Jüdische Komponisten, bei denen der Unterschied von „U“ und „E“ in angenehmer Weise verwischt wurde… Auf ganz natürliche Art und Weise.

Könnte es sein, dass mit der historisch allseits bekannten Vertreibung und Ermordung jüdischer Musiker in Deutschland das „Problem“ der Unterscheidung von „U“ und „E“ überhaupt erst später relevant wurde? Ist es vielleicht ein speziell jüdisches Phänomen, zwischen „unterhaltend“ und „ernst“ eben kategorisch nicht zu unterscheiden? Und wenn ja: Warum sollte das so sein? Was ist an der potentiellen Nicht-Trennung von U und E dezidiert jüdisch?

Interessant, dass m. E. Theodor W. Adorno – als jüdischer Musikphilosoph – die Trennung von U und E nach dem Zweiten Weltkrieg emphatisch verbreitete, ja: diktierte. Tendierte einer der Komponisten, mit denen Adorno sich befasste, zur „leichten Muse“, konnte dieser sicher sein, von Adorno als „Schlagerkomponist“ diffamiert zu werden. Außer Mahler natürlich, der durfte das. Gibt es bei Mahler Anklänge an „Banales“, wendet Adorno dies ins Positive, ja Vergötternde. Wenn Mahler das macht, ist das super aufklärerisch und toll. (Man verstehe mich nicht falsch. Mahler ist mein Gott!). Da beschwört Adorno dann „die berührende Erinnerung an vergangene Kinderwelten bei Mahler“ (oder so ähnlich).

Interessant aber auch, dass Adorno privat – wie es heißt – Schlager liebte und diverse Arrangements daheim am Klavier spielte. Zugegeben hat er das wohl nie. Denn dann wäre er in Erklärungsnot gekommen… und sein Theoriegebäude hätte Risse bekommen.

Ich weiß, alles als „Theorie“ noch wahnsinnig unausgereift.

Trotzdem glaube ich, dass der Versuch der Vernichtung jüdischer (Musik-)Kultur meiner Großväter-Generation musikgeschichtlich hierzulande mehr verändert hat, als wir annehmen…

Ich bleibe dran.

Author profile

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitet von Berlin aus für das Brucknerhaus Linz, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

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6 Antworten

  1. Wponader sagt:

    Gibt es dazu schon interessante NEUE Literatur? Würde mich intetessieren….

  2. «Ist es vielleicht ein speziell jüdisches Phänomen, zwischen “unterhaltend” und “ernst” eben kategorisch nicht zu unterscheiden?»

    Nun, ich denke, so wird wohl kaum ein Schuh draus, weil man dann sofort wieder in rassischen bzw. religiösen Kategorien drin ist, bzw. in der „Begründung“ (zweifellos vorhandender!) ästhetischer Phänomene durch Abstammung ihrer SchöpferInnen, im Sinne von „Weil Weill Jude war, konnte er die Dreigroschenoper schaffen!“ – Hmmm.

    Erkennt man obige Aussage als valide an, wie wäre es dann mit: „Weil Steve Reich und Philipp Glass Juden waren, konnten sie die Minimal music erfinden (die ja auch zwischen U und E steht)!“? – Hmmm, hmmm.

    Wohlgemerkt, ich denke schon, dass soziokulturelle Faktoren (also auch Religionszugehörigkeit, Ethnizität, Milieu etc.) das Schaffen von Komponisten akzentuieren, „prägen“ wäre mir aber schon zu stark.

    Kurz gesagt, ich hielte es für nicht so fruchtbar, nach einem wie auch immer gearteten „Wesenskern“ des deutsch-jüdischen Komponisten zu suchen. Vielmehr scheint mir diese Denke einer sicherlich gutgemeinten, aber doch letztlich kontraproduktiven Mystifizierung des Judentums Vorschub zu leisten.

  3. Robin sagt:

    Ich möchte einwenden, dass nach West side story noch Cabaret kam, und das ist m.E. ein noch besseres Musical.
    Zweitens möchte ich einwenden, dass man Adorno sowieso nie ernst nehmen kann, nicht nur wegen des Auseinanderklaffens von Privatleben und Theorie, das sich auch auf anderen Ebenen zeigte. Dass Adorno immer noch so oft zitiert wird, wie auch immer, ist eine ernsthaft deprimierendes Symptom.

  4. Franz Kaern sagt:

    Ob „Cabaret“ besser komponiert ist als die West Side Story, darüber kann man sicherlich geteilter Meinung sein. Vielleicht ist vom kompositorischen Anspruch tatsächlich niemals ein besseres Musical mehr geschrieben worden als die „West Side Story“ (ich habe gerade zu Weihnachten die Partitur davon bekommen, in der ich begeistert lese), wobei ich noch den Namen Steven Sondheim ins Spiel bringen möchte, der zur „West Side Story“ noch die Songtexte beigetragen hat, dann aber selber ein höchst anspruchsvoller Musicalkomponist wurde, dessen Werke mit dem Lloyd-Webber-Einheitsbrei nichts zu tun haben. Hier gibt es zwar nicht so viele Schlager wie in der „West-Side-Story“ (aber doch auch: Send in the Clowns, Being alive, Company, Comedy tonight…), aber seine Scores sind einfallsreich, originell, minutiös und beziehungsreich durchgearbeitet. Meine Lieblinge darunter sind „Pacific Ouverture“ über den Einbruch der westlichen „Zivilisation“ ins vordem abgeschottete traditionelle Japan und „Into the Woods“, eine psychologisch hochinteressante Gemengelage verschiedener Märchen, die über das „…und wenn sie nicht gestorben sind…“ hinausdenkt und zeigt, dass es dann mit dem „happily everafter“ nicht weit her ist.
    Spätestens seit Tim Burtons Verfilmung von „Sweeney Todd“ mit Jonny Depp ist Sondheim dem Geheimtippstatus entwachsen, doch sind gerade seine unbekannteren Kammerspiele in noch höherem Maße zu empfehlen und lohnen auch die detaillierte Analyse.

  5. Leider haben die Komponisten heute oft keine andere Möglichkeit, als diesen Einheitsbrei zu scoren. Wenn am Schnittplatz als Temptrack Zimmer, Jablonsky, Thomas Newman oder J.N. Howard drunterliegt, ist das fast eine direkte Vorgabe.
    Das habe ich selber bei kleineren Projekten miterleben müssen.

  6. Guido Mueller sagt:

    Zum Thema Trennung von E und U scheint mir ein Rundfunkbeitrag Arnold Schönbergs aus der zweiten Hälfte der 20iger Jahre interessant, indem er dizidiert diese Trennung als sehr wichtig einfordert, um den Wert der E-Musik zu heben.

    Den O-Ton Schönbergs in leichten Wienerischen Tonfall habe ich vor einigen Monaten in einer Radiosendung gehört und müsste noch mal genauer recherchieren. Daher hat Adorno das sicher übernommen.

    Das würde der These des Autors diametral widersprechen.

    Eine jüdische Affinität zu bestimmter Musik oder Musikrichtung zu konstruieren scheint mir auch etwas zu sehr „konstruiert“.

    Es mag Einflüsse von Hörgewohnheiten (Synagoge) und vor allem soziale Prägungen (musikinteressiertes Elternhaus z.B. bei den Mendelssohns; Berufsmusiker als ein Menschen jüdischen Glaubens leichter offen stehender „wandernder“ Berufe z.B. in der Unterhaltungsmusik und der Virtuosenmusiker, z.B. J. Offenbach) geben, aber mehr führt m.E. zu umgekehrt rassisch argumentierenden Theorien.

    Wichtiger und interessanter finde ich die Frage, welche Traditionen durch die Vertreibung und Ermordung als „jüdisch“ bezeichneter Musiker und Komponisten abgebrochen bzw. unterdrückt wurden und z.B. vermittelt und gebrochen über die USA wieder nach Europa zurück kehrten.