FGNM zu Besuch in München – Gastbeitrag von Nikolaus Brass

Vor einiger Zeit berichtete ich über den Besuch der MGNM, Münchener Gesellschaft für Neue Musik, bei ihrer Frankfurter Schwester. Nun waren diese mit Werken von unserem Ex-Badblogger Mathias Monrad Møller, Robin Hoffmann, Jonathan Granzow, etc. in München. Ich war leider verhindert, so schrieb dankenswerterweise Nikolaus Brass seine Eindrücke auf und berichtet über jung und alt. Besonders was er zu den Jüngeren sagt, finde ich immer schön, wenn es auf entspannte Art jenseits von Lehrer-Schüler-Verhältnissen erfolgt.

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Konzertbericht der „Stellprobe“ – Die Umkreisung der leeren Mitte

Zentrum und Peripherie – die Zuschreibung scheint eigentlich klar zu sein. Die Mitte ist, wo viele sind. Ganz so einfach ist es nicht. Denn zunächst ist in der Mitte (fast) gar nichts, jedenfalls in dem Zugriff, wie er beim hörenswerten Auftritt von Mitgliedern der Frankfurter Gesellschaft für Neue Musik in der Black Box im Münchner Gasteig am 23. November 2013 präsentiert wurde. Dunkelheit, Bandrauschen, Vogelgezwischter, Traktorengebrumm, Mückengesumm, Stille: wir sind akustisch in Mücke, einem kleinen Ort, der genau die Mitte Hessens bezeichnet. In der (geographischen) Mitte: die Leere. Transponiert in den Konzertsaal als akustische Mitte: die Stille, das Zentrum ist frei. Auf das kann man sich beziehen. Um diese leere Mitte kreisend, wie sie Mathias Monrad Møller in seinem Hörspiel: Mücke/Mitte realisiert hat, sie immer wieder akustisch evozierend, entspann sich ein aufregender Abend mit kurzen, konzentrierten, individuell von Leidenschaft und Eigensinn geprägten Kompositionen, die in ihrem minimalistischen Format aufs eindrücklichste und selbstverständlichste die oft polemisch bekrittelte „Randständigkeit“ der Neuen Musik als Signum einer eigenen, neuen, geistigen „Mitte“ erfahrbar machten.

Die „5 Trainigseinheiten zu Schleiffers Methoden“ für Cello waren Körper-Klangstudien am Cellomaterial. Instrument, wie Körper der Musikerin sind das „Material“, das die Musik generiert. Wie in einem Trainingsplan sind die Sätze mit: Ausdauer, Kraft, Koordination, Regeneration, Strategie überschrieben. „Der Instrumentalist darf nicht eine weiße Wand sein, an dem man einen Klang wie ein Bild aufhängt“ (so zitiert der Komponist Robin Hoffmann Michael Kasper). In Jonathan Granzows „Playmobil-Tänzen“ für Klavier war die Versuchsanordnung ebenfalls streng: einzelne Positionen der Spielzeugfiguren dienten als Strukturmatrix für Spielpositionen der Pianistin. Ein Vexierbild von Starrheit und Leben entstand.

Das Leben als „Klangschatten“: in Rolf Riehms berühmten „Notturno für die trauerlos Sterbenden“ für Gitarre, war im leisesten Hauch der vergehenden Klänge das Echo von Hass und Empörung gegenwärtig, auf das Riehm 1977 reagierte: das „schmeißt sie in die Kanalisation“, herausgeschleudert gegen die toten Stammheim-Häftlinge, vibrierte im Verstummen nach. Christopher Brands „91“ aus 1000 Sonaten für Cello und Gitarre sowie die Studie für Kontrabass-Klarinette: „Allmählich aber die Gedanken einschläfernd“ siedelten ebenfalls an der Grenze des Verstummens, und bezogen sich so auf das unausgesprochene Motto dieses ungewöhnlich durchkomponierten Konzertabends: an der Grenze zum Nichts, zum „schon nicht mehr“ lässt sich als stilles Zentrum eine Gegenwärtigkeit erfahren, die leicht zu übertönen, aber schwer zu überhören ist, wendet man sich ihr zu.

Zum Gelingen dieses Auftritts der Frankfurter GNM, der im Rahmen der Reihe „Fernbeziehung“ von der Pianistin Despina Apostolou-Hölscher konzipiert und vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München finanziell unterstützt wurde, trug das hohe Niveau der Instrumentalisten Marie Schmitt, Violoncello, Steffen Ahrens, Gitarre, Despina Apostolou-Hölscher, Klavier und Richard Haynes, Kontrabassklarinette, entscheidend bei.

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