In Donaueschingen 2013 angekommen – Schlachtplatte mit W. Zimmermann und B. Lang

Öfters macht man was falsch, seltener etwas richtig. So könnte zum Beispiel eine Neue-Zürcher-Zeitungs-Kritik zu den diesjährigen Donaueschinger Musiktagen anheben. In der Tat handelte ich wohl richtig, mit dem Auto erst Richtung Zürich zu brausen, kurz vor Lindau scharf rechts abzubiegen, über dem blitzenden Bodensee mit grandiosem Schönwetter-Alpenpanorama dahin zu gondeln, kurz vor Singen wieder nach Norden zu fahren. Prächtiges Reistempo, wunderbare Vorfreude.

Mit schweren Magen zwänge ich mich in den Wagen und fahre ohne Ortskenntnis durch Donaueschingen, auf der Suche nach dem richtigen Weg zur Baarsporthalle. Das Navi spricht leider nicht „Pierrot lunaire“, sondern befiehlt mich immer wieder in die gesperrte Fürstenbergstraße. Nach drei Anläufen stelle ich es ab, folge der Smartphone-Karte. Vor der Baarsporthalle kein Parkplatz, hektisches Kurven, bis ich das Fahrzeugendlich fast noch mitten auf einer Kreuzung im Seitenstraßeneinerlei abstellen kann.

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Mein Hotel ist ausserhalb Donaueschingens, ein Kaff, LKWs donnern durch die triste und mickrige Ortsmitte. Ich bin mit Bekannten in der Stadt verabredet. Doch hält mich die an das Hotel angeschlossene Metzgerei und die Karte des Hotels von meinem Treffen ab: es war heute Schlachttag und es gibt eine Schlachtplatte. Obwohl ich der einzige Besucher in der Gaststätte bin, wirft der Koch seinen Herd an. Immerhin wird alles frisch zubereitet. Dementsprechend dauert es, umgibt mich das Donnern der Landstraße.

Ein paar Hallos, Stolpern durch die Baarsporthalle, zwei große Orchesterpodeste je Breitseite, kleinere an den Längsseiten. Den Breitseiten jeweils die Stühle des Publikums zugewandt, so dass sich die Blickrichtung in der Mitte zur anderen Seite hinneigt. Mittendrin sitzt der Komponist des ersten Stückes, Walter Zimmermann, nahe dem mittig postierten Hauptdirigentenpult, mindestens einer, wenn nicht sogar mehr Dirigenten werden die Uraufführung leiten. Ein paar Reihen vor dem zweiten großen Podest finde ich zwei freie Plätze für mich allein, ich kann mich unmöglich nur auf einen Stuhl pressen, ohne im Arm des Nachbarn zu liegen. Licht aus, Spot an aufs Orchester, nochmals Saallicht an für den zur Publikumsmitte auftretenden Pascal Rophé. Endlich geht die Musik los.

Die Kellnerin kommt zögerlich zu mir, serviert Brotstückchen mit einer viel zu starken Knoblauchbutter. Zwanzig Minuten später kommt sie nochmals. Der Kartoffelbrei sei angebrannt. Nochmals Warten, wieder LKW-Ödnis. Nichts.

Zimmermanns „Suave mari magno“ (Süß, wenn auf hohem Meer die Stürme, etc.) serviert sich selbst in sechs Gängen. Im ersten „Clinamen“ werden Buchstaben zu Tönen, so buchstabiert sich die Musik allmählich mit durch den Raum tastenden Tönen warm. Clinamen zwei apologiert den Ton h und ist doch schneller vorüber als man glaubt, fürchtet. Clinamen drei, „gotische Lineaturen“ wandern Melosfetzen durch den Saal, durch jedes Instrument, sehr schön am Beginn, am Ende, in der Mitte fragt man sich, wie das Getupfe in Mittellage und Höchstlage von Streichern, Bläsern, Schlagzeug und wenigen Zupfinstrumenten, das ein wenig an breitgetretene webernschen orchestrale Kleinstformen erinnert, noch die weiteren drei Sätze tragen soll.

Endlich wird die Schlachtplatte aufgetragen: zwei Blutwürste, eine Leberwurst, eine Bratwurst, ein Wammerl sowie Sauerkraut und nun nicht angebrannter Kartoffelbrei. Die Blutwürste schmecken wie immer entgegen ihrem Namen erstmal ziemlich blutleer, mit der Leberwurst gemischt, manchmal ein Bissen vom Wammerl, sind sie dann aber zu köstlich. Die Bratwurst ist dann fast zuviel.

Blutleer ist Clinamen vier überhaupt nicht! Die zwölf Bratschen entwickeln einen zart-schaukelnden Cluster, der weiter durch alle Streicher auf allen Seiten wandert, als säße man an einem sanften mediterranen Gestade. Bravo, Mastro Zimmermann! Es braucht danach nicht mehr der zwei weiteren, im Verhältnis zu den vorigen, förmlich brausenden Clinamen, doch sehr ähnlich, eigentlich nicht mehr, eines hätte genügt, um im besten Sinne die Kurve zu kratzen, lief man während der ersten drei Sätze Gefahr, mit all den süddeutschen Köstlichkeiten abgespeist, leicht schläfrig zu werden. Kurzer, dichter Applaus.

Ähnlich wie die Blutwurst der Leberwurst bedarf, um richtig zu munden, muss man den Kartoffelbrei mit dem Sauerkraut verrühren. Allein ist der Stampf ein wenig fad. Auf Dauer ist beides aber doch zu mächtig, so dass ich immer erschöpfter und vollgestopfter vom Essen werde, nun bald zum Frass kippend. Noch ein letzter Anlauf, der ein vorletzter ist. Jetzt der letzte. Noch einer. Ein allerletzter. Nun bloss kein Minzblatt, sonst kommt zur Speiszene wie bei Monty Python.

Überhaupt nicht fade ist die erste Sinfonie Anton Bruckners. Vor einigen Jahren, bei den Musiktagen mit dem Quartett-Schwerpunkt, war Bernhard Lang eine dichte, dringliche Veränderung durch Wiederholung eines Haydnquartetts gelungen. Nun ein ganzer Bruckner. Das Orchester nun solide auf zwei Seiten verteilt, um E-Gitarre und Synthesizer erweitert, die eine Gruppe einen Viertelton tiefer eingestimmt. Nun dirigieren Wolfgang Lischke und Christopher Sprenger Langs „Monadoloie XIII – The Saucy Maid“. Jeder hat den anderen im Monitor vor sich. Wenn man dem einen Dirigenten über die Schulter blickt, sieht man das Gesicht des anderen, erkennt man im Hintergrund wieder die Silhouette des ersten, immer einen Tick verspätet dank der Bildübertragungsverzögerung. Dies wird meine Meditation in den planeren, leereren Momenten des Achtzigminüters. Überraschend ist, wie beide Orchestergruppen meist zusammenspielen, jede Gruppe gerne in Sekundclustern, so dass sich die Vierteltonstimmung fast auflöst. Die ulkigsten Momente entstehen, wenn plötzlich ein Synthie-Cembalo in das Brucknermaterial hineinzirpt, die stärksten, wenn das Tutti losdonnert. Die vier nachvollzogenen Brucknersätze wird es doch ein wenig gleichförmig, wenn die Streicher zwar rhythmisch prägnant konturiert sind, aber im Dauermezzoforte vor sich hinnuscheln. Hätte man nicht alle vier Sätze in einem grandiosen, synthetisierenden Satz zusammenfassen können? So kam genau die salbungsvolle Heiligkeit zustande, die der diesen Musiktagen zugrundeliegende Wagnernimbus nornenhaft vorausahnen lässt. Oder anders: mehr Kartoffelbrei als Sauerkraut.

Vollkommen übersättigt steige ich in meinen Wagen und beginne meinen Kampf mit dem Navi…

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