Ich lese „The Classical Revolution“ von John Borstlap und denke mir meinen Teil (1)

Seit einigen Monaten schon liegt ein Buch bei mir auf dem Schreibtisch, das mir freundlicherweise die NMZ-Redaktion geschickt hat, natürlich mit der Hoffnung, dass ich doch darüber schreiben möge. Und seit einigen Monaten schiebe ich das Lesen dieses Buches nun schon vor mir her. Warum?

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Das Buch heißt „The Classical Revolution (Thoughts on New Music in the 21st century)“ und ist von dem holländischen Komponisten John Borstlap geschrieben, der als Vertreter eines neuen tonalen Stils gilt. Borstlap ist ein Außenseiter der Neuen-Musik-Szene und hat – seinen eigenen Aussagen zufolge – unter extremen Repressalien in seinem Heimatland gelitten. Sein aus mehreren polemischen Essays bestehendes Buch ist eine Kampfansage an die traditionelle Avantgarde und bricht eine Lanze für eine Rückkehr zu tonalen und auch vergangenen Stilen. Ersteres finde ich sympathisch, letzteres bedeutet leider oft auch eine RÜckkehr in eine gewisse Harmlosigkeit und tauscht im schlimmsten Fall ein Übel mit einem noch schlimmeren Übel aus, nämlich eine spießig gewordenen Moderne durch die Wiederkunft eines gefälligen und letztlich ebenso konservativen und reaktionären Stils, nur eben tonal.

Und das erklärt auch mein Zögern, mit dem Lesen des Buches zu beginnen. Grundsätzlich sympathisiere ich zuerst einmal mit Außenseitern in der Musik – schließlich ist mein Lehrer Wilhelm Killmayer ebenso ein Außenseiter gewesen und auch gelegentlich ein Neo-Tonaler, allerdings eher aus einer Philosophie der Freiheit als aus einem Rückkehrgedanken heraus. Andererseits fürchte ich alles, was sich selbst als Außenseiter stilisiert, und es gibt gewisse Indizien dafür, dass Borstlaps „Exil“ auch ein selbstgewähltes ist, dass ein Dialog mit seinen angeblichen Verhinderern durchaus möglich gewesen wäre. Und natürlich ist auch die traditionelle Avantgarde schon längst nicht mehr so dominant, wie Borstlap sie beschreibt – es gibt zahlreiche neue Ansätze, die sehr unverkrampft mit dem Thema Tonalität umhgehen, „verboten“ ist das ganz sicher nicht. Oder doch, heimlich?

Wie auch immer – das Thema verdient eine genauere Betrachtung, die mein eigenes Zweifeln thematisiert, daher beginne ich hiermit eine Serie, in der ich jedes Kapitel des Buches lese und meine eigenen Gedanken dazu spontan formuliere. Sicherlich keine klassische Buchkritik, eher ein kommentiertes Lesen.

ACKNOWLEDGMENTS

Nach einigen Zitaten (bei denen auch Boulez und Thomas Mann bemüht werden) beginnt eine Art Danksagung Borstlaps. Er macht keinen Hehl daraus, dass ihn die von ihm als extrem dogmatisch und unfrei empfundene Szene in Holland zum Formulieren dieser Gedanken gebracht hat. Sein Abschlussexamen schmiss er, da die Rückkehr zur Tonalität seine Lehrer wohl ärgerte. Danach ging er ins Ausland, um bei Alexander Goehr zu studieren. Diesen lobt und tadelt er gleichzeitig – er schätzt Goehrs historische Kenntnis und geißelt ihn als willfähriges Opfer genau der Unfreiheit, die er doch aufgrund dessen Familienvergangenheit verdammen müsste.
Gerade die Bemerkungen über Goehr in diesem Kapitel sind sehr aufschlussreich und voller versteckter Anspielungen, die – vor allem wenn man Goehr wie ich kennt – recht frech sind. So schreibt er über Goehrs Musik:

…hence the sandy and constipated quality of his own professorial music where only occasionally something musical would appear, like an unexpected and shy little flower in an immmense desert.

Hierzu muss man wissen, dass Goehr von seinen Freunden „Sandy“ (für „Alexander“) genannt wird

Ich muss aber zugeben, dass das meine persönlichen Empfindungen über Goehrs Musik ziemlich auf den Punkt bringt. Sorry, Sandy!

Im folgenden beschreibt Borstlap die holländische Musikförderung, die in ihrer angeblichen Vermeidung von „bourgeoisen“ Inhalten genau das Totalitäre verströmt, von dem sie sich absetzen will. John Cage – in Holland wie hierzulande Vorbild von ganzen Komponistengenerationen – tut er dabei etwas leichtfertig als Scherzbold und „Decomposer“ ab, was den rein musikalisch überzeugenden Erfindungen Cages (wie zum Beispiel seinem Werk für Präpariertes KLavier) unrecht tut.

Dann geht es gegen die Auswahlkommittees (in Holland traditionell sehr mächtig, da sie über die Finanzierung von fast allen Neue-Musik-Projekten hestimmen). „Formell überzeugend“ und „originell“ sind laut Borstlap nur vage Begriffe, die in den Händen von Banausen (den Kommiteemitgliedern) zu völlig austauschbaren Vokabeln werden, die mal dies mal jenes bedeuten können. Die Liste solcher „Luftbegriffe“ könnte man natürlich beliebig verlängern, vor allem da, wo „Stille ausgehorcht“ wird und „neue Klangwelten“ erforscht werden.

Ok, da ist jemand ziemlich frustriert. Aber machen wirklich alle holländischen Komponisten diese Erfahrungen? Zugegeben – das holländische System ist schon sehr anfällig für Gschafteleien und man bleibt auch gerne unter sich, aber es ist nicht frei von aufmüpfigen und eigenwilligen Persönlichkeiten, die gleichzeitig anecken und doch auch einflussreich in der Szene sind (als Beispiel sei hier Konrad Boehmer genannt). Und ist nicht das Spätwerk des allseits geliebten Louis Andriessen größtenteils sehr zugänglich und tonal, ohne dass ihm Aufführungen in Holland untersagt werden?

Zum Ende seiner zynischen „Danksagung“ (a la „Danke, dass ihr mich imnmer beschissen fandet, daher nahm ich all meine Energie“, was tatsächlich nicht die schlechteste Motivation ist) kommt Borstlap auf den gegenwärtigen Verfall der Förderungsmechanismen in Holland zu sprechen, die seiner Meinung nach auch den Neo-Tonalen wie ihm schadet, da sie bei der Bevölkerung den Rechtspopulismus fördert, der ohnehin alle Formen von Kunst und Kultur als zu elitär empfindet und am liebsten abschaffen will.
Seine kühne Analyse:

Where modernism is institionalized, civilization disintegrates.

Hat das eine wirklich mit dem anderen zu tun? Könnte man nicht auch sagen: „Wo Wissen akademisch vermittelt wird, leidet der Profifußball“, und es würde genauso sinnvoll sein?

(FORTSETZUNG FOLGT)

Moritz Eggert

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1 Antwort

  1. @Moritz: Bereits in den 1970er Jahren kehrte „die“ Minimal music (zu der zweifellos auch Andriessen zählt) zur, äh, „Konsonanz“ zurück. Dazu habe ich für kurzem eine hoch aufschlussreiche archivierte Radiosendung des Komponisten Charles Amirkhanian aus dem Jahr 1981 gefunden (in englischer Sprache): The New Consonance. Die Polemik der Minimalisten gegen „die Avantgarde“ (dies meinte damals v. a. Schönberg und den Serialismus) damals war allerdings politisch links eher kodiert (bzw. Ausfluss des Hippie-Zeitgeistes).