Die über Neues mosernde Edda Moser – ein Faszinosum an Widersprüchen

Diese Tage schlug die reale Stimme der Sängerin Edda Moser mal wieder grob im Erdengrund ein, wo doch ihr Stimmavatar mit der „Rache-Arie“-Aufnahme der Königin der Nacht per Raumsonde Voyager 2 friedlich in ferne Welten segeln sollte. Im Interview mit der WAZ donnerte sie fröhlich, nach ihrer Meinung zur Opernregie befragt: „Ich kann das nur verachten. Vor allem Katharina Wagner. Was hat sie in Bayreuth für Möglichkeiten – und macht einen solchen Schmutz! Meistersinger als Maler, da kann ich mich ja nur totlachen. Ich hab’ den Eindruck, in der ist gar kein Feuer, die macht sich nur lustig. Sie ist hochmütig. Und das Ergebnis ist langweilig. Bitte schreiben Sie das!“ Mein erstes Gefühl: inneres Lächeln! Jetzt ist sie tatsächlich in dem Alter angekommen, das all ihre anderen Kolleginnen bereits erreicht hatten, die in August Everdings Sängerinnen-Nostalgie-Show „Da capo“ auf 3Sat Platz nehmen durften. In jener Show zeigte sie auch schon, dass sie nicht gewillt sei, sich gegen ihren Willen unterzuordnen. So erzählt sie von jener „Salome“-Inszenierung in Rom, in der sie nach Jochanaans Rückkehr in die Zisterne während des entsprechenden Orchesterzwischenspiels fünfmal einen Orgasmus hätte darstellen sollen. Stattdessen lag sie in der Aufführung „wie eine satte Löwin“ neben der Zisterne und ruhte sich aus. Mein nächstes Gefühl: Mitleid! Sie hat wohl genug an eigenartigen Regieeinfällen hautnah erlebt und ist überhaupt nicht mehr für das heutige Musiktheater zu begeistern. So nähme es nicht Wunder, wenn sie in „Da capo“ die Worte „Schmutz“ und „Verachtung“ verwendet hätte. Sie begründete es damals mit der „Würde des Publikums“.

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Ganz unwürdig würgt sie es aber Katharina Wagner rein. Tritt gegen Wagners jetzt endgültig abgespielte Bayreuther Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ nach. Unterschreiben kann ich dieses Gepolter der alten Sängerin zwar nicht, verstehen allerdings schon: bis auf den Schuhregen der Prügelszene am Ende des 2. Aktes blieb mir nicht viel in Erinnerung, ist es nicht das gelungenste Moment, aus den Meistersingern Malermeister zu machen, so sehr man darin das Ringen der Wagner Urenkelin sehen kann, sich an Papa Wolfgang und Onkel Wieland abzuarbeiten. Zu einer echten Generationslasten aufräumenden Trümmerfrau hat sie diese Regie leider noch nicht gemacht. Darüber schweigt sich Frau Moser allerdings aus. Oder sieht sie ihre elisionsgesättigte Äusserung vielmehr als Bestärkung für all die Wagnervereinsmitglieder, die in den ersten Vorstellungen jener Meistersingerinszenierung vehement mit Trillerpfeifen lärmten, als verwechselten sie die Urenkelin mit Patrice Chéreau?

Aber Edda Moser könnte letztlich das neu einende Verbindungsglied zwischen den Wagnerhäusern Wolfgang und Wieland werden. Wie über den Verfall des Musiktheaters klagt sie gerne über den Untergang der „heiligen deutschen Sprache“. Als alte Weimeranerin sprach sie vor einigen Jahren auch Nike Wagner als damalige Leiterin des Kunstfests in Weimar an, Lesungen klassischer Literatur zu veranstalten. Nike Wagner habe damals dafür keinen Bedarf gesehen. Der FAZ raunte Edda Moser zu, auf die Frage, ob sie die Ablehnung verletzt habe: „Nein, ich empfand nur tiefe Verachtung.“ Und gründete selbst ein Lese-Festival in Rudolstadt.

„Verachtung“ und „Schmutz“ gegen beide Wagnerurenkelinnen: da bleibt mir nur interpretatorische Drecksarbeit. Dass sie ausgerechnet die intellektuelle Nike Wagner so beschoss, hätte ich mir nicht erwartet. Denn diese hätte doch eine intelligentere Öffnung Bayreuths bewirken können, als es Katharina Wagner und ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier gelang. Ausser Notlösungen in Regie- und Dirigentenbesetzungen, Renovierungsplänen und dem neuen „Wagner für Kinder“ ist dem janusköpfigen Schwesterntandem nicht viel eingefallen. Sie hatten einfach Glück, statt Wim Wenders Frank Castorf für den Ring in viel zu knapper Zeit gewinnen zu können, in der er zwar wunderbare Bilder schuf, aber zu viele Bezüge zwischen der Musik und dem Bilderreigen ungenutzt, gehetzt verschenken musste. Was Edda Moser aber komplett übersieht, sind die Defizite im Musikalischen: mit Kirill Petrenko taten sie die einzige Dirigentenwahl, die harmonisch einherging, ansonsten diente sich Christian Thielemann zu oft als Lückenfüller an. Dabei wäre hier gerade spannendes Neuland zu betreten, angefangen von der Kanonserweiterung, zulassen all der Varianten z.B. zu Tannhäuser, ein wirklich neues Klangbild aus dem Orchestergraben, das mehr als – wenn überhaupt – historisch informiert wäre, ein wirklich zeitgemäßes Casting für die Orchestermusiker, statt einen Wagner für Kinder, wo quasi die Besucher des Wagnermuseums „Grüner Hügel“ ihre Kleinen wie in der MacDonalds-Spielecke abgeben können für ungestörten Bratwurst- und Musikkonsum, Wagner als Quelle für neues Musiktheater, ja sogar richtig neu komponiertes. Das hätte Nike liefern können, noch könnte man sie ja wählen.

Irgendwie ist es zudem kein Wunder, dass Edda Moser mit der „Rache-Arie“ ins Weltall geschossen wurde. Möge dies keine Aliens zu Untaten verleiten. Denn Edda Moser wirkt wie die späte Rache Hans Werner Henzes an Pierre Boulez und Luigi Nono, für deren Boykott von Henzes Donaueschinger Uraufführung von „Nachtstücke und Arien“. Edda Moser wurde schlagartig ein Weltstar, nachdem sie in Henzes „Novae de infinito laudes“ einsprang. Berühmt auch ihre Aufnahme von „Being beauteous“. Bernd Alois Zimmermanns Soldaten studierte sie, trat aber von einer Realisierung zurück. Das wäre alles kein Beinbruch, wenn sie nicht in Paris gegen Boulez als Komponisten gesprochen hätte, auch wenn sie mit ihm als Dirigenten zusammenarbeitete. Sie fühlte sich danach von „Boulez-Anhängern“ ausgebuht, wie sie in der oben genannten „Da Capo“- Show bekundete. Viele Jahre später tönte sie in „Fono-Forum“ gegen die verstorbenen Zimmermann und Nono wie den lebenden Boulez, wo sie als Sängerin der henzeschen Novae-Kantate mit diesen kein Problem haben dürfte: „Ich habe mich etwa mit einigen Komponisten überworfen, für die ich mich geweigert habe, zu singen, wie zum Beispiel Bernd Alois Zimmermann oder Luigi Nono. Das waren alles Komponisten, bei denen ich mich gefragt habe: Was bringt das? Ich konnte nur Musik singen, bei der ich das Gefühl hatte, dass ich die Menschen damit berühre. Wenn ich dann das ‚Requiem für einen jungen Dichter‘ von Zimmermann gemacht habe, da hab’ ich immer nur gedacht: ‚Herr, lass Abend werden.‘ Selbst wenn ich das monatelang studiert hatte, ging es nicht in meinen Kopf. Irgendwelche Intellektuelle finden vielleicht den Boulez toll mit Mallarmé-Gedichten – ich hab’ gesagt: nein! Es tut mir furchtbar leid, aber es sind des Kaisers neue Kleider, es ist nichts, was den Körper berührt. Und Musik muss den Körper berühren.“

Eigentlich ist es ziemlich egal, was Edda Moser da von sich gibt. Denn zeitgenössische Musik berührt, ist auch ohne absolutes Gehör erlernbar. Wie sagte Ingeborg Hallstein sinngemäß in einer anderen „Da Capo“-Folge: „Es gehört ein bisschen Grips dazu“. Sie ist lustigerweise genauso eine Henze-Einspringerin, was ebenfalls ihrer Karriere einen weiteren Schub wie im Falle Mosers gab. Auch äussert sie sich zurückhaltend zu Bernd Alois Zimmermann. Edda Moser hat im Gegensatz zu Hallstein sogar Zimmermann gesungen. Auch hat sie sich ihrer eigenen Aussage nach immer breit mit Sekundärliteratur für ihre Rollen eingedeckt. Aber wirklich überlegen hat sie das nicht gemacht. Natürlich muss man als Sänger und Sängerin zu hundert Prozent auf die eigene Stimme aufpassen, denn man hat nur die eine. Und jeder Komponist weiß, wie schwierig es für Sänger ist, sich aus einmal gemachten Zusagen angemessen herauszuziehen. Eine Absage ist für beide Seiten immer alptraumartig. Und wie Edda Moser berichtet, mit wem sie mal brach, können Komponisten das anders herum erzählen. Im Abstand der Jahre fühlt sich das normalerweise wieder besser an, kommt man sogar unter anderen Vorzeichen wieder wunderbar zusammen. Wenn Edda Moser allerdings ein Tischtuch zerschnitten hat, wird die „damnatio memoriae“ im Laufe der Jahrzehnte heftiger. Und hier steckt die Gefährlichkeit des moserschen Pauschalurteilens: sie hat immer noch genügend Anhänger, die im Konfliktfalle mit Komponisten als Hörer oder Interpret das Neue an sich verteufeln, ähnlich den trillerpfeifenden Bayreuthbesuchern der letzten Jahre. Es ist das eine, als alternder ehemaliger Star mit dem Repertoire der Vergangenheit Erfolg gehabt zu haben. Eng wird der Deutungsrahmen, wenn man gar mit zeitgenössischen Komponisten die eigene Karriere puschen konnte, um letztlich sich im Repertoire auszuruhen. Es mag ja sein, dass irgendwo persönliche Grenzen im Umgang mit Neuem gesetzt sein mögen. Es ist aber unverzeihlich diese Grenzen zu verabsolutieren, den Urgrund des Scheiterns nur im Komponisten und nicht auch in sich selbst hervorzuheben. Oder schärfer: um jeden Preis zuerst auch mit Neuem Karriere machen, sich nachher mit dem Verfluchen jener eigenen Anfänge bei den Wertkonservativen um jeden Preis einschleimen. Denn so leistet die von vielen verehrte Sängerin unnötig Vorurteilen Vorschub und begibt sich mit dem spalterischen Getöse in die Nähe all der kulturpolitischen Verschwörungstheoretiker, die man so gerne der Voyager hinterhergeschossen wüsste.

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Alexander Strauch.
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2 Antworten

  1. Schmedt sagt:

    Edda Moser hat absolut Recht: Was die doofe Katharina in Bayreuth produziert, ist Dreck, nicht nur die Meistersinger, der schlechte Geschmack zieht sich auch durch alle anderen Inszenierungen von Neuenfels, Baumgarten, Gloger oder Castorf. Der jüngste Ring ist eine Schande ohnegleichen. Das denken viele, aber endlich spricht es mal jemand aus.

  2. Verehrte Frau Schmedt, ich wundere mich über Ihre Definition von „Dreck“. In einer Synonymenkette von Schmutz kommen vor Dreck Unrat und Kehricht. D.h., muss man Ihre „vox populi“ mit der Stimme des Professors Unrat aus Heinrich Manns berühmten Gesellschaftsbild des strammdeutschen Wilhelminismus gleichsetzen? Ich bete zu höheren Mächten: hoffentlich nicht! Wie gesagt, bin ich kein Freund jener Meistersinger-Regie, sehe das Stück aber selbst als schweren Brocken, wenn man es jenseits einer 1:1-Umsetzung des Szenarios auf die Bühne bringen will. Z.B. könnte man Stefan Herheims Version der diesjährigen Salzburger Festspiele aus den Vorgaben des Stücks und der Stückentstehung heraus als gelungener denn Frau Wagners Fassung bezeichnen. Aber so richtig haut es nicht vom Hocker. Auch wenn die finale Auflösung der Rollenbilder und derer Konflikte Sachs, Beckmesser und der von Herheim implizierte Wagner selbst in quasi einer Person mit drei Gesichtern spannend ist. Konzeptuell kann man auch der Katharina Wagner nicht viel vorwerfen, es scheint eher handwerklich manchmal ein bisschen schwach. Sie stellt eben ihr Abarbeiten an all den familiären Ur-Grossvater- und Vater- wie Onkelbilder dar. Apropos: wenn so konservativ gefärbte Menschen wie Sie ggf. sind so gegen die Wagner-Sisterss schießen, was kommt dann hinten raus: Kein Wagner wird mehr die Festspiele leiten! Denn eine Nike dürfte erst Recht ein Dorn in Ihren Augen darstellen. Mortier-artiges wäre garantiert.

    Und wirklich hübsch: Frau Moser bezog sich nur auf Frau K. Wagner! Die von Ihnen angeführten Herren meinte sie nicht, nicht explizit. Und zu Neuenfels‘ Lohengrin kann man nur sagen: inzwischen ein Renner beim Publikum. Castorf ist bei aller Bezugsschwäche innerhalb der Inszenierung ein grandioser Bilderreigen, der Gloger hat besseres als Ihre Liste verdient, Baumgarten, wie im Blog beschrieben, eigentlich v.a. ein musikalisches Problem: was ist mit Ansätzen, die die post-post-post-post-romantische Musiziertradition des Hügels aufbrechen, was ist mit der Erweiterung des Kanons, warum Wagner für Kinder statt wirklich weiterer Werke am Hügel als eine erneuerte „Werkstatt Bayreuth“ im Gegensatz zum geforderten Wagner-Museumsshop, den Sie ja zu fordern scheinen, wenn ich Sie richtig verstehe. Und wen würden Sie sich als Leitung wünschen, wenn dann wirklich kein Wagner und keine Wagnerin mehr den Laden verantworten?