„musikFabrik“-Ausschreibung: Arbeit und Bezahlung am Fliessband eines Jahrespraktikums

Kennt Ihr schon die Facebookseite „Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionserlebnisse“? Die Listen derzeit etliche Bizarrerien des Musik- und Theaterlebens auf. Mitauslöser ist die Initiative der Sängerin Elisabeth Kulman für faire Künstlergagen. Nun hat es eine Stellenausschreibung für ein Jahrespraktikum des NRW-Landesensembles „musikfabrik“ an den Pranger jener Facebookseite geschafft. Allerdings geht es nicht um eine Künstlertätigkeit, sondern um eine Beschäftigung im Backstage-Bereich, genauer: eine einjährige Assistenz im Projektmanagement. Vergütet wird dies monatlich mit brutto (!) 950,- €. Wie schön, dass sich Künstler nun für ihr Management und deren Arbeitsverhältnisse interessieren!

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Ist die Aufregung darum nun berechtigt? Zu den Aufgaben gehören „Kommunikation mit Veranstaltern, Reisedisposition, allgemeine administrative Tätigkeiten“. Das klingt wie eine old-fashioned „Tipsenstelle“ in Teilzeit für eine Gattin eines gutbezahlten Arbeitnehmers. Es geht aber um eine Vollzeitstelle. Dazu kommen Verantwortlichkeiten, die eher an das Profil „Inspizient“ als „Assistenz“ denken lassen: „Projektkoordination (Proben, Konzerte, Tourneen, Aufnahmen), Terminplanung und Erstellung von Probenplänen“. Also eine höhere Verantwortung, als man als normaler Praktikant zu erfüllen hat. Das Wald- und Wiesengewerbe des Praktikawesens im Kulturbereich ist allgemein bekannt. Man findet genügend Stellenangebote kleiner Vereine, Galerien und sonstiger Projekte, die gar nichts bis im Schnitt 400 € zahlen und von einfachen Bürotätigkeiten bis zur Hängung von Kunstwerken reichen, wo man sich im letzten Falle wirklich Sorgen machen muss – wehe, wenn da was zu Bruch ginge. So herum betrachtet ist das Jahrespraktikum der „musikfabrik“ eigentlich eine normale Tätigkeit.

Allerdings ist das NRW-Landesensemble „musikfabrik“ kein Wald- und Wiesenverein. Es ist mitunter eines der professionellsten spielenden und verwalteten Ensembles der deutschen Neue-Musik-Landschaft. Es engagiert sich verdient um den Nachwuchs und neue wie unbekanntere Komponisten, wie zuletzt vielgerühmt im Falle Harry Partchs. Damit wirbt es auch, wie in jener Praktikumsausschreibung: „Das Ensemble musikFabrik realisiert exemplarische Interpretationen zeitgenössischer Musik.“ Weitere Schlagworte: „international besetztes Solistenensemble“, „umfangreiches Repertoire“. Das Arbeitspensum, auch für jenen Jahrespraktikanten/-in kann man aus jenem Satz der Selbstdarstellung erahnen: „Dieses Repertoire präsentiert das Ensemble in bis zu 100 Konzerten jährlich, von denen etwa die Hälfte im Ausland stattfindet.“ Da fragt man sich wieder, ob die Ausschreibung eigentlich nicht die für die Stelle eines Vollprofis ist und von Verantwortung und Umfang auch für einen Berufs- oder Quereinsteiger besser dotiert sein müsste.

Denn die „musikFabrik“ muss sich als einer der „big player“ unter den meist geförderten und ein dichtes Programm fahrenden Ensembles im künstlerischen Range eines „Ensemble Intercontemporain“ letztlich eher mit Ausschreibungen der öffentlichen Hand als der freien Szene vergleichen lassen. Blickt man in den Haushaltsplan des Landes Nordrhein-Westfalen, Kulturetat S. 90, erhält das Landesensemble „musikFabrik“ 2013 an direkter Förderung aus selbst eingeworbenen Projektmitteln (1.823.730 €) und Landeszuschuss (555.000 €) insgesamt 2.378.730 €. Wie das nun zu beurteilen ist, wie Auftritte auf nicht durch das Ensemble selbst finanzierten Projekten und Festivals die Gesamtsumme erfüllen oder doch für den einzelnen Musiker erhöhen, ist schwer zu sagen. Allerdings bestätigt dies die Sichtweise, dass es hier um einen „big player“ der Szene geht, wie auch die Besetzung des Kuratoriums (Prof. Dr. Norbert Lammert, MdB; Louwrens Langevoort, Intendant der Kölner Philharmonie, Oliver Keymis, Vizepräsident des Landtags NRW, Prof. Georg Quander, Kulturdezernent der Stadt Köln, etc.) vermuten lässt. Ähnlich renommiert sind z.B. die Münchener „Pinakotheken“. Diese bietet momentan einen viermonatigen Praktikumsplatz mit Bürotätigkeiten und einfachen Betreuungsaufgaben an – komplett unbezahlt. Nicht fein, allerdings bleiben so theoretisch 8 Monate zum bezahlten Broterwerb übrig.

Aber bleiben wir in NRW. Der dortige Landkreis Steinfurt mit entsprechender eher popularkulturellen denn hochkulturellen Kulturpflege schreibt ein „Kulturvolontariat“ aus. Es soll 2 Jahre dauern, umfasst „Projektentwicklung und -betreuung, Projektfinanzierung und Veranstaltungsmanagement“ einer gemütlichen kommunalen Einrichtung. Vergütet wird es explizit nach dem Praktikums-TVÖD mit monatlich 1587,05 € zuzüglich „Jahressonderzahlung und vermögenswirksamer Leistungen“. Eigentlich ziemlich angemessen. Und so wohl auch für die „musikFabrik“, die ja gewaltig mehr Renommee und wohl auch mehr Arbeit verspricht, besonders weil hohe Belastbarkeit und Überstunden angekündigt werden. Ein einjähriges Praktikum bindet den Stelleninhaber voll und ganz für ein Jahr an die „musikFabrik“, so dass ein weiterer Broterwerb eigentlich ausgeschlossen ist, abgesehen von einem Minijob. Das Minimum an Bezahlung wäre eine monatliche Netto-Vergütung in Höhe des aktuellen Arbeitslosengeld-II-Regelsatzes von 382 € plus der maximalen Mietobergrenze für eine Person in Köln von ca. 412 € plus einen im SGB II möglicherweise nicht belastend abzuzuziehenden Hinzuverdienst von ca. 300 €, womit wir bei einem Gesamtlohn von 1094 € wären, netto, nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben. Wenn Hotel-Mama oder Papas-Geldbeutel nicht greift, was die auszuwählende Person als Mitglied einer elitär vorbelasteten Schicht bei jener Bindung und Belastung mitbringen müsste, wäre an aufzahlende Leistungen durch das Jobcenter zu denken, damit jene Person für das renommierte Landesensemble NRW „musikFabrik“ arbeiten darf. Das erinnert an ostdeutsche Theater, an Zeitarbeitsfirmen, Sicherheits- und Reinigungsgewerbe, wo etliche Arbeitnehmer ihr dürres Gehalt mit Hartz 4 aufstocken müssen. Will sich da die „musikFabrik“ einreihen?

Natürlich wird diese Person später mit dem Renomme der „musikFabrik“ in weiteren Bewerbungen prunken. Projektbezogen oder auf ein paar Monate beschränkt, mit einfachen und nur niederschwellig verantwortungsvollen Tätigkeiten wäre die Bezahlung dieses Praktikums wiederum sehr okay. Oder rein projektbezogen auf selbständiger Basis, mit weitestgehend freier Zeiteinteilung, weiteren Verdienstmöglichkeiten und enger Bindung nur in der heissen Phase, wäre dies ebenfalls angemessen. Aber es gilt eben nicht der o.g. Bezug „vier Monate Pinakothek“, sondern die im gleichen Bundesland beheimatete kommunale Gebietskörperschaft „Landkreis Steinfurt“ mit 1587,05 € zuzüglich „Jahressonderzahlung und vermögenswirksamer Leistungen“. Einfach dort abschreiben, liebe „musikFabrik“!

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4 Antworten

  1. Die Kritik an unserer Ausschreibung wurde von Nicolas Kretz aufgeworfen (Offener Brief auf Kulturtechno. Dort habe ich einen Kommentar hinterlassen (hier unten auch hereinkopiert). In diesem Artikel ist die Perspektive eine andere – drei wesentliche Argumente tragen hier die Kritik:

    (1) Die Anforderungen seien zu hoch, verglichen mit dem (immer noch kritikwürdigen aber üblichen) Praktikumswesen; zuviel Verantwortung.

    Da wäre etwas dran, wenn der / die Assistentin / Assistent einerseits für alle unsere Projekte, und andererseits alleinverantwortlich wäre. Das ist nicht so – wir arbeiten mit zwei Projektmanagern (einer davon bin ich selbst), und mit meiner Assistentin zusammen sind wir ein Team, in dem wir die Projektaufgaben teilen. Am Anfang eines Assistenzjahres geht es mit einfachen und überschaubaren Aufgaben los. Je selbständiger die Assistentin dann aber mit der Zeit arbeiten kann (ohne die Verantwortung zu tragen – die bleibt bei mir), desto mehr Spaß macht die Projektbetreuung, desto größer ist der Lerneffekt, und desto besser funktioniert das Aufbauen von Netzwerken, desto höher sind die Chancen auf den anstehenden entscheidenden Schritt in den ersten richtigen Job.

    Indem wir das schon in der Ausschreibung auflisten, beschreiben wir den Status Quo – so viel können und wollen unsere Assistenten und Assistentinnen leisten. Es wäre ungerecht, das in der Ausschreibung auf eine ‚Tipsenstelle‘ zu reduzieren – damit würden wir den ihnen einen sehr schlechten Dienst erweisen. Wenn ich einer angehenden Kollegin oder einem angehenden Kollegen zutrauen kann, gegen Ende des Jahres meinen Platz zu übernehmen und guten Gewissens professionell arbeitende und denkende Kollegen weiterempfehlen kann, bedeutet das für mich nicht, dass ich sie hätte vorher ‚rausschmeißen‘ müssen (weil die Schere zwischen zu geringer Aufwandsentschädigung und dem, was geleistet wird, noch viel größer wird als sie anfangs schon war. Nein, stattdessen machen wir auch in der Außenkommunikation alles, um das auch deutlich zu machen – angefangen bei den Ausschreibungstexten.

    (2) Wir seien so renommiert und reich, dass wir uns doch mehr müssten leisten können. Danke für die Blumen – und: schön wär’s. Ein Landesorchester bekommt einen Zuschuss von (über den Daumen) 80% und spielt 20% ein. Bei uns ist das umgekehrt: als vom Land unterstützter e.V bekommen eine Grundfinanzierung von 20% und müssen den Rest einspielen. Verglichen mit vielen anderen Ensembles ist das eine sehr gute Ausgangsbasis, keine Frage. De facto muss aber ein Veranstalter die tatsächlich entstehenden Projektkosten (Musikerhonorare, Leihgebühren, Transporte, Stagemanagement) komplett tragen können. Der hohe Umsatz zeigt, dass es uns (noch) gelingt, in schwierige Zeiten Partner zu finden, die das schaffen, und dass es immer noch Drittmittel gibt, die das erleichtern. (NB Entsprechend abhängig sind wir in unserer inhaltlichen Planung vom Markt – vor diesem Hintergrund schmerzen Vorwürfe, die auf die Programm zielen, besonders.) Die zitierten 2,3 Mio sind nicht etwa die Förderung, die wir bekommen – sie sind das, was wir daraus machen.

    (3) Die Assistentinnen und Assistenten haben nebenbei keine Zeit, sich durch Jobs querzufinanzieren. Da ist was dran. Wir denken nach. Das Beispiel Steinfurt klingt wirklich schön; ein so langfristiges und finanziertes Kulturvoluntariat wäre auf jeden Fall besser als ein Jahrespraktikum. Wer finanziert es uns?

    Kommentar auf Kulturtechno:

    Sehr geehrter Herr Kretz,

    auf Ihre offene Email möchte ich gerne antworten – ich gehe von Ihrem Einverständnis aus, das ebenfalls öffentlich zu tun. Mir ist gleichzeitig auch an einem persönlichen Austausch gelegen. Gerne treffe ich mich mit Ihnen in Essen.

    Lieber Gruß, Lukas Hellermann
    http://musikfabrik.eu/ueber-uns/mitarbeiter.html

    Gestern Nachmittag hat sich Nicolas Kretz per Email an mich gewandt, um Kritik an dieser Ausschreibung zu üben:

    https://twitter.com/musikFabrik/status/377081161065201664
    Stellenausschreibung Assistenz Projektmanagement bei Ensemble @musikFabrik (Jahrespraktikum, vergütet, Frist 19.9.) http://t.co/yOy5uiyLED

    Eine Assistenz bei uns ist in der Tat ein vergütetes Jahrespraktikum, keinen ‚Fulltime-Jobofferte‘. Damit hat die Mitarbeit der Assistenten und Assistentinnen bei uns Ziele, die außerhalb des Einkommens liegen: beim Übergang von Ausbildung ins Berufsleben zu helfen, Kontakte zu potentiellen Arbeitgebern aufzubauen, die einzelnen Arbeitsbereiche bei uns im Haus näher kennenzulernen und noch einmal kritisch zu hinterfragen, wo für den Praktikanten oder die Praktikantin der beste Weg in den Beruf liegt.

    Das war beim Großteil unser bisherigen Assistenten und Assistentinnen sehr erfolgreich – sie haben direkt im Anschluss den Sprung an Institutionen wie Konzerthäuser, Festivals und Opernhäuser geschafft, sie arbeiten in Agenturen, sie haben ein Kundenportfolio für freiberufliche Dienstleistungen aufgebaut, oder wir haben sie einfach selbst fest eingestellt, wenn sich die Möglichkeit ergab.

    Wir haben gerade nicht den Eindruck, dass sich unsere Ehemaligen ‚von Praktikum zu Praktikum hangeln‘ – ein Jahr bei uns ist in der Regel der Ausstieg aus genau diesem Teufelskreis. Hierauf sind wir stolz, und auch die Rückmeldung von Ehemaligen und das dauerhaft gute Verhältnis bestärkt uns darin, das Programm fortzusetzen. Unsere Ehemaligen bilden ein starkes Netzwerk in der Kulturszene.

    Natürlich sind auch wir – und da haben Sie sicher recht – der Meinung, dass wir dafür mehr zahlen sollten. In den letzten Jahren haben wir uns immer wieder bemüht, die Situation im Rahmen unserer Möglichkeiten zu verbessern. Das ist uns nur in kleinen Schritten gelungen. „Aufwandsentschädigung“ soll kein Euphemismus für „Hungerlohn“ sein – das, was wir hier zahlen, ist tatsächlich kein Lohn, schon gar kein angemessener, der in irgendeinem Verhältnis zu dem steht, was bei Einrichtung eines zusätzlichen ‚Jobs‘ angemessen wäre.

    Finanziell ringen wir ständig und bei jedem Projekt neu darum, es umsetzen zu können. Immer wieder werben wir gemeinsam mit Veranstaltern Drittmittel ein, die unsere Arbeit überhaupt erst ermöglichen. Eine lange Fördererliste ist gleichzeitig Erfolg und Zeichen für die prekäre Lage, in der auch wir von Jahr zu Jahr agieren. Unsere finanzielle Situation lässt aber letztlich nur die Wahl zwischen dem schlecht bezahlten Praktikum oder der kompletten Einstellung des Assistenzprogramms zu.

    Das grundsätzliche gesellschaftliche Problem von Einkommen für Absolventen und Absolventinnen in der Phase des Berufseinstieges und der Kulturfinanzierung an sich können wir nicht lösen. Politische Unterstützung von Stadt und Land ist kein Freifahrtschein – was in Ordnung ist. Heute kämpfen auch dort die, die sich für Kultur einsetzen, einen mühsamen Kampf für die gemeinsame Sache. Wenn Sie unsere Situation als Symptom für generelle Probleme sehen, kann ich dem kaum widersprechen. Wir alle versuchen immer wieder in kleinsten Schritten unser Bestes. Das ist leider oft unzulänglich.

    In den Vorstellungsgesprächen weisen wir immer noch einmal sehr deutlich auf diese Rahmenbedingungen hin und stellen sicher, dass niemand eine Assistenz antritt, der sich nicht sicher ist, dass diese Art von Praktikum für den jeweiligen Moment der individuellen Biographie passt und sinnvoll ist. Wir alle hier legen großen Wert auf eine gute Atmosphäre und vertrauensvolle Zusammenarbeit auch unter schwierigen Bedingungen. Die Entscheidung, sich zu bewerben oder das Praktikumsangebot anzunehmen oder nicht, fällt immer sehr gut informiert.

    Seien Sie versichert, dass wir weiter versuchen, die finanziellen Bedingungen zu verbessern, und dass wir ständig daran arbeiten, unseren Absolventinnen und Absolventen einen bestmöglichen Einstieg ins Berufsleben zu ermöglichen.

    Freundlicher Gruß, Lukas Hellermann
    http://musikfabrik.eu/ueber-uns/mitarbeiter.html

  2. Lieber Lukas Hellermann, danke für die schnelle Antwort! Kurze Anmerkungen:
    – Es ist natürlich insgesamt bedauerlich, dass selbst die Musikfabrik um die Förderung bangen muss. Habe oben das nochmals besser aufgeschlüsselt. Ohne Zweifel dennoch eine gute Förderung, hinter der natürlich all die künstlerische und strukturelle Arbeit über viele Jahre des Ensembles steht. Diese Verdienste sind oben ja auch gewürdigt. Ich sollte noch hinzufügen, dass es auch dem Grunde nach absolut mehr als verehrungswürdig ist, wie sich die Musikfabrik um den künstlerischen wie auch eben den Nachwuchs im Management bemüht. Bliebe die Projektkoordination aussen vor, auf Einblicke, Erfahrungen beschränkt, die ggf. individuell – auch so in der Ausschreibung benannt – ausgebaut würde , dann wären wir wieder im Bereich einer klassischen Teamassistenz, die z.B. auch Reisekosten selbständig abrechnen und verwalten darf.

    – Bleibt die Frage, wie es um jene Stelle steht. Vielleicht lese ich falsch. Aber einen Hinweis, dass unter Anleitung und Führung Einblicke in die genannten Aufgaben erfolgen, dann peu a peu erst mehr Eigenverantwortung eine Rolle spielen wird, kann ich nicht ersehen. Natürlich wird es ohne Frage eine Einarbeitungsphase geben. Natürlich wird es nie um die Gesamtverantwortung des Ensembles gehen. Folgt man der Ausschreibung, wird es aber nicht nur um Buchung von Reisen und Hotels gehen. Es wird wohl die gesamte operative Ausführung einer Tour, eines Konzerts betreffen, das strategische und künstlerische wird wohl immer in der Hand der Leitung bleiben. Dennoch ist dies eine gewaltige Aufgabenbewältigung, die die Assistenz zu vollziehen hat, die eben über das Dasein einer Assistenz weit hinausgehen. Klappt dies, freuen sich Alle und der Lerneffekt kommt quasi von alleine. Dennoch ist die Belastung riesig. Würde die Projektkoordination „nach individueller Eignung“ in der Ausschreibung erstmal herausgenommen, darin erstmal nur Einblicke verschafft werden, wäre die Stelle durchaus akzeptabel nahe an einer Teamassistentin, die z.B. auch Reisekosten, etc. selbständig betreut und abzeichnet. Allerdings ginge die auch noch netto mit 800-900 Euro in Teilzeit nach Hause.

    – Warum Steinfurt? Ich sehe die Musikfabrik als Ausbilder tatsächlich näher an der öffentlichen Hand als im Vergleich mit irgendwelchen Privaten, Gemeinnützigen, etc. Dass man auch da nicht z.B. die ca. 1550 € ausgeben kann ist klar. Bleibt die Frage des Abstands zum ALG-II. Und da sollten wir in der Neuen Musik wirklich ein anderes Bild als andere abgeben. Wie gesagt, es ist Respekt zu zollen, dass Sie überhaupt eine Festanstellung anstreben. Aber diese bindet eben bei Vollzeit komplett. Nur nebenbei: in meinen Bereichen sind nur selbständige Beschäftigungen möglich, die aber genau diese Zeit lassen bzw. nur während des Projekts, in dessen Endphase, stärker die Betreffenden einschränken. Aber da können wir uns gegenseitig Blumen überreichen…

  3. Lieber Alexander Strauch,

    die künstlerische Verantwortung liegt bei uns in Händen der Musiker; unser CEO leitet im Gespräch mit dem Ensemble die Verwaltung an und trifft die grundlegenden Absprachen mit den Veranstaltern; die Projektkoordination liegt bei den beiden Projektmanagern im Team mit den Assistentinnen / den Assistenten.

    Je größer deren Anteil an der operativen Ausführung eines Projektes, desto interessanter und gleichzeitig fordernder und anstrengender ist das. Ein typischer Umbuch im Assistenzjahr ist der Moment, wenn die einfacheren Dinge anfangen langweilig zu werden und die Frage auftaucht: was ist der nächste Schritt? Das kann dann der noch direktere Kontakt zu Veranstaltern sein (mit besserem Networking als Dreingabe); das kleinere ganz eigenständig geplante Projekt (eigenständiger, nicht alleingelassen); zunehmender struktureller Einblick, Entwürfe in Antragswesen, Verwendungsnachweise und Projektkalkulationen…

    In der Ausschreibung differenzieren wir nicht genauer, wer wann darin tatsächlich welche Aufgaben erfüllt; das ist ein fließender Prozess. Welchen Vorteil hätte es für die / den Assistentin / Assistenten, hier bescheidener zu formulieren?

    Zu viel Druck, Überbelastung? Meine Aufgabe, in der täglichen Arbeit darauf zu schauen, dass das nicht passiert; dass die angekündigten Überstunden und Wochenendarbeit nicht zu zusätzlichen Einsatzstunden werden und nicht mehr durchgeatmet wird; nicht mit Fehlern (ganz selbstverständlich, bei mir genauso wie bei den Assistentinnen und Assistenten) und Verantwortung allein zu lassen; rechtzeitig zu bremsen.

    Und dann sind die Assistenten und Assistentinnen zu gut für das, was wir ihnen zahlen können. Ja, das ist so. Ja, das tut weh.

    Näher an der öffentlichen Hand, besonders finanziell – davon sind wir weit entfernt. Unsere freie Organisationsform hat andere Vorteile – die Ensemblemusiker als Mitglieder des Trägervereins tragen die künstlerische Verantwortung und das wirtschaftliche Risiko. Die Landesmittel sind eine gute Voraussetzung für unsere Arbeit. Das Land ist sehr sorgfältig dabei, ‚Besserstellung‘ als Landesbedienstete zu verbieten, wenn Landesmittel Teil des Etats sind. Mittel, diese Arbeitnehmer und Musiker tatsächlich finanziell gleichzustellen folgen daraus nicht.

    Unsere verglichen mit unzähligen kleinen Initiativen guten Voraussetzungen will ich hier nicht kleinreden. Damit versuchen wir verantwortungsvoll umzugehen, trotz der recht weit gehenden Abhängigkeit vom Markt und Veranstalterwünschen programmatische Impulse zu geben, Laborsituationen zu schaffen, Risiken einzugehen, uns immer wieder neu zu erfinden, im Kleinen um die Freiräume zu kämpfen, die auch Aufbrüche im Großen zu ermöglichen. Hier schaffen wir sicher eine Menge. Wer uns Geld – und explizit für welche Ausgaben – anvertraut, beeinflusst unsere Gestaltungsmöglichkeiten. Die Situation der Praktikanten zu verbessern ist in diesem Rahmen ein – und das sehr ich persönlich auch so – zäher Prozess.

    Lieber Gruß, Lukas Hellermann

  4. Sehr geehrter Herr Hellermann,

    eine Besserstellung von Landesbediensteten in vergleichbaren Aufgaben dürfte nun wahrlich nicht gegeben sein. Selbst wenn das Land NRW oder ein anderes und seine Institutionen Praktikanten z.T. ohne Entgelt beschäftigen, ist es eine wenige Monate dauernde Situation, ist der Verantwortungsrahmen allemal enger gesetzt als in unserem Falle hier. Zahlen sind nicht Alle, wie jemand diesen Beitrag kommentierte. Dennoch lässt mich der geringe Abstand zum ALG II, besonders wegen der Jahreslänge des Praktikums, nicht ruhen. Höchstwahrscheinlich habe ich manches in meiner Errechnung des Nettos von 950 € brutto übersehen. Bei einem annualen Betrag von 11400 € sind ca. 560 steuerliche Abgaben inkl. Soli. zu erwarten. Je nach Versicherungssituation sind da Abgaben zw. 850 bis 1500 Euro zu veranschlagen, gemittelt 1200 € – wobei da ein grösserer Fehler liegen kann. Bleiben 9640 €, was monatlich netto 803 € bedeuten würde, je nach meiner Fehleinschätzung können es einige Euro mehr oder weniger sein. Zur Erinnerung: der Hartz 4 Höchstsatz samt Unterkunftskosten ergeben 794 € für Köln. Der Abstand zu Hartz 4 beträgt also ggf. nicht einmal 10 Euro. Aber ich kann mich ja da auch irren und es sind 50 €. Will man allerdings jemand wirklich für die letzten Endes doch hohe Verantwortung, die Sie letztlich erwarten („das kleinere ganz eigenständig geplante Projekt (eigenständiger, nicht alleingelassen); zunehmender struktureller Einblick, Entwürfe in Antragswesen, Verwendungsnachweise und Projektkalkulationen“) so gering entlohnen? Da hilft die gesamte arbeitgeberliche Fürsorge und Hinführung nicht. Mögen Sie sich auch im Erfolg Ihrer Ehemaligen und anhand der nun erneut auf dem Tisch zuhauf liegenden Bewerbungen bestätigt sehen: letztlich müsste der/die Absolventin samt möglichen Selbstbehalt nach dem ALG II mindestens, und zwar als absolute Untergrenze, mit ca. 1100 € netto nach Hause gehen lassen. Denke ich da an grössere Festivals, dürften die v.a. in ihren heissen Phasen, also 3-6 Monate Menschen zu diesen 950 € brutto beschäftigen. Bleiben auch da genügend Zeiten, sich im Rest des Jahres bei Amazon zu verdingen. Oder was auch immer. Wir leben in einer Zeit, wo wir ständig von gesunkenen Reallöhnen reden, enorm gestiegenen Energiekosten, etcpp. Wir hören von Gefahren für Urheber, für die KSK, wir wissen um das durschnittliche Künstlermonatseinkommen in Höhe von ca. 800-900 €. Da sollten die Vorreiter der Neuen Musik was anderes bieten, gerade im Bereich der harten Zahlen, ohne die man sein Butterbrot nicht bezahlen kann. Oder neben allen tollen Möglichkeiten des Ensembles doch so ehrlich sein und die Person nicht mit Haut und Haaren an sich binden, nur 1/2 Stelle besetzen, grossräumig parallel studieren/promovieren lassen, ggf. mit Verantwortungszunahme das Salär erhöhen. Was weiss ich. So ist es ein Wahnsinn!