Bericht über Bad Kissingen. Eine LiederWerkstatt.

Kennt ihr das größte und kontinuierlichste Neue-Musik-Festival Deutschlands? Sind es die Donaueschinger Musiktage? Die Münchener Biennale? Die Wittener Tage für Neue Kammermusik?
Nein: es ist….der Kissinger Sommer!

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Selbstporträt mit massiverem Selbstporträt, zwei hübschen Sängerinnen (Frau Fuchs ist allerdings erkrankt) und einem hübschen Komponisten (Samy Moussa)

Der „Kissinger Sommer“ ist ein Phänomen, und dieses Phänomen hat sehr viel mit seiner langjährigen Leiterin Kari Kahl-Wolfsjäger zu tun, die seit vielen Jahrzehnten beharrlich Komponisten aller Generationen und Nationalitäten in eine nicht allzu große Kurstadt bringt, nämlich das im Fränkischen gelegene Bad Kissingen.
Vordergründig ist der Kissinger Sommer ein Festival der internationalen Klassikstars. Jeder der Rang und Namen in der Porno..äh, Klassikbranche hat, war schon mal hier oder ist regelmäßiger Gast. Für einen Besuch in Bad Kissingen sprechen zuallerst einmal die tollen Säle – der Regentenbau beherbigt gleich mehrere davon, wobei vor allem der große Saal zu Recht berühmt für seine sehr angenehme Akustik ist, für die Hamburg und München sehr viel Geld ausgeben werden, wenn sie es denn noch hätten. Zweitens natürlich auch die Möglichkeit in einer quasi familiären und äußerst ungezwungenen Atmnosphäre anspruchsvolle wie weniger anspruchsvolle Programme zu genießen, dazwischen lässig durch den Kurpark zu schlendern und ein Eis zu genießen (Bad Kissingen gilt als die Stadt mit der höchsten Konzentration von Eisdielen weltweit). Oder auch eine Kur, denn die wird in Bad Kissingen natürlich vielfach angeboten.

Der Regentenbau entfaltet seine volle mediterrane Pracht

Es soll viele Musiker geben, die bewusst einen Stopp in Bad Kissingen auf ihrer Welttournee einlegen um sich ein bisschen zu regenerieren und ihre Programme vor gebildetem wie begierigen Publikum (Durchschnittsalter um die 75), echten „Klassikliebhabern“ eben, darzubieten. Um so höher ist es (Dr.) Kari Kahl-Wolfsjäger anzurechnen, dass sie immer viel Energie darauf gesetzt hat, auch der Neuen Musik einen festen Platz zu geben. Auch ein Besuch in Bad Kissingen kann als Erholung vom schrecklichen Neue-Musik-Festivalstress angesehen werden, wo einen bekanntermaßen stets Zehntausende begieriger Zuhörer umlagern, sich kreischend die Kleider vom Leib reißen und vielleicht so etwas Anstrengendes wie Autogramme oder kluge Bemerkungen zum neuen Stück von Mathias Spahlinger erwarten.

Kurgartenidyll mit zwei typischen Konzertbesuchern

Ganz anders in Bad Kissingen: hier trifft man sich schon seit 10 Jahren zur so genannten „LiederWerkstatt“, begründetet von ihrem künstlerischen Leiter Axel Bauni als Fortführung seiner Liedprojekte in Bad Reichenhall und Hannover/Expo 2000 (dort gemeinsam mit Yaron Windmüller). Tatsächlich kann man die LiederWerkstatt als quasi einzigen regelmäßigen und jährlicher Auftraggeber moderner Liedkompositionen betrachten (ein Genre, das zwar künstlerisch sehr interessant ist, aber nicht gerade bei Konzertveranstaltern heiß geliebt wird). Hierbei werden immer 4 Sänger verschiedener Stimmlagen sowie 3 Pianisten (Axel Bauni, Jan-Philip Schulze und meine Wenigkeit) auf mehrere Komponisten losgelassen (oder ist es umgekehrt?) wobei essentieller Teil der Werkstatt das gemeinsame Erarbeiten und Diskutieren der neuen Liedwerke ist. Wo kommen schon Mal mehrere Komponisten und Musiker mehrere Tage zusammen um z.B. intensiv an winzigen Details eines neuen Liedes arbeiten zu können? Nur in Bad Kissingen!

Podiumsdiskussion zum Thema "Petrarca/Michelangelo", von links nach rechts ME, Axel Bauni, Samy Moussa, Christian Kröber, Wolfgang Schreiber, Emanuele Casale, Oliver Schneller

Manche Komponisten sind Dauergäste: so hat zum Beispiel Wolfgang Rihm schon mindestens 6 Stunden Musik für die Liederwerkstatt geschrieben. Gleichzeitig legt Axel Bauni großen Wert darauf, immer wieder neue Themen und Gastkomponisten zu haben. Dieses Jahr ist das Thema zum Beispiel Petrarca/Michelangelo und special guests sind Emanuele Casale, Oliver Schneller und Samy Moussa. Singen tun dieses Jahr Caroline Melzer (eingesprungen für die erkrankte Felicitas Fuchs), Olivia Vermeulen, Karol Kozlowski und Peter Schöne (eingesprungen für den erkrankten Hans-Christoph Begemann). Alles Sänger von Rang und Namen!
Wichtig ist bei dem Konzept, dass die Uraufführungen mit klassischen Werken zusammen aufgeführt werden, meistens sehr raffiniert zusammengestellt.

Wenn man einmal Liederbücher des 20. und 21. Jahrhunderts herausgibt, wird die Hälfte davon in Bad Kissingen entstanden sein, so viel ist sicher.

Die üblichen Verdächtigen

Was gibt es noch in Bad Kissingen, abgesehen von den Damen und Herren oben?

Als eine Hauptattraktion darf der Laden „Musik zum Streicheln“ in der Fußgängerzone bezeichnet werden. Nicht sehr weit vom Regentenbau betreibt Johannes Köhler (auch bekannt als „Jean Cooler and his orchestra“) seinen Laden, dessen penetrant durch die Fußgängerzone schallende Schmusemusik schon manchen in den zu frühen Wahnsinn getrieben hat. Passenderweise ist sein Laden direkt neben dem „Trauringstudio“ – folgerichtig, da man nach dem Streicheln und Schmusen ja vielleicht auch Heiraten will. Wenn man nicht schon vorher an Gehirnerweichung durch Köhlers Musik zugrunde gegangen ist.
Johannes Köhler steht den ganzen lieben langen Tag vor seinem Laden, begierig auf Kunden, die zum Beispiel seine alten Schallplatten (Sonderpreis: 3,-EUR) mitnehmen.
Ich habe noch nie jemanden seinen Laden betreten sehen, aber manchmal hält er ein Schwätzchen mit der Dame vom Trauringstudio.

"Cooler meets Köhler" wär's gewesen, aber...Chance verpasst!

Eine weitere Attraktion Kissingens sind die durch die ganze Stadt verteilte Ansammlung von äußerst phallischen Brunnen, die im Volksmund den Namen „Penisbrunnen“ haben. Wobei Olivia Vermeulen der Meinung ist, es seien eigentlich auch irgendwie Vaginalbrunnen. Oder beides. Auf jeden Fall eines der letzten großen Geheimnisse Bad Kissingener Stadtplanung!

Natürlich handelt es sich hier in Wirklichkeit um bedeutende Werke moderner Kunst.

Grundsätzlich ist die Atmosphäre in Kissingen nicht ganz unähnlich der unnachahmlichen Stimmung, die im „Village“ der fantastischen englischen Fernsehserie „The Prisoner“ („Ich bin keine Nummer sondern ein Mensch!“) herrscht, aber das werden nur diejenigen verstehen, die sowohl Number Six als auch Bad Kissingen kennen. Dieses Gefühl bekommt man besonders, wenn man durch den Kurgarten geht, und das Kurorchester (eines der letzten Deutschlands!) heitere Musik spielt, die einem zum Trinken des „Maxbrunnenwassers“ (gut gegen Prostataprobleme und frühe Vergreisung) anregen soll. Eigentlich fehlt zum Glück nur noch, dass man denen auch Stücke schreiben kann.

Eros Ramazotti war zu Gast im (hervorragenden) Künstlerlokal "Weinstube Schubert"

Direkt auf der Seite davor: Ceclia Bartoli! Vielleicht hat das etwas zu bedeuten.

Manchmal ist es in Bad Kissingen auch ein bisschen traurig. Das geschlossene und seitdem leerstehende Steigenberger-Hotel kündet vom Glanz vergangener Tage, auch die Kurhotels waren mal voller, bevor es die Gesundheitsreform gab und die Krankenkassen nicht mehr jede Schlammkur bezahlen. Aber eines ist sicher: so lange es den Kissinger Sommer gibt, wird immer was los sein in Bad Kissingen.

Ein hoch auf das besteste Neue-Musik-Festival der Welt.
Ein Hoch auf den Kissinger Sommer!

Maxbrunnen non est Penisbrunnen, mais est trés healthy!

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