Darf man noch an das große Ganze denken – Gastartikel von Christoph Reiserer zu seinem erstem GEMA-Mitgliederversammlungsbesuch

Letztes Jahr berichtete mit Thomas Nathan Krüger ein kenntnisreich mit dem GEMA-Komplex befasster junger Kollege von seinen Eindrücken als Delegierter der angeschlossenen und außerordentlichen Mitglieder zur Versammlung der Vollmitglieder. Es ging 2012 hoch her. 2013 sind die Themen von vornherein ruhiger, haben die Textdichter hoffentlich keinen Erfolg mit ihren Sticheleien gegen die Komponisten, siehe mein letzter Blogbeitrag. So sind meine Eindrücke auch sehr ausgeglichen, sehe ich durch meine eigenen bescheidenen GEMA-MV-Besuche durchaus Bewegung in der Kommunikation und im Verständnis für die Belange auch der „kleineren Kollegen“. Wie so oft verkeilte sich die Fragestunde im Themenkreis „Diskotheken“: das Inkasso, welches ausgeschüttet wird beträgt nur 6 Mio. Euro. So lohnt sich wohl ein hochrechungsfreies Monitoring nicht wirklich, sind die Stichproben und ermittelte Repertoire dadurch aber doch wohl zu gering. Auf der anderen Seite dann der Riesen-Bohei um die Tarifreform in 2012. Die GEMA steht da unter Beschuss von zwei Seiten: von ihren Mitgliedern, gerade denen, deren Songs konkret durch DJs gespielt werden, die mehr Geld wollen, nicht eben die „Großverdiener“. Andererseits DEHOGA und Co. Pauschal könnte man nun sagen, Komponisten und Gastronomen jammern sowieso immer. Aber dies nur nebenbei!

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Wie immer gibt es auch in den ruhigen Zeiten neue Gesichter unter den Besuchern der Mitgliederversammlungen. Mein Münchener Kollege Christoph Reiserer erlebte so seine erste GEMA-Versammlung der angeschlossenen und außerordentlichen Mitglieder. Christoph ist ein kritischer und wacher Geist, der die Dinge durchaus noch weniger eingetaucht als andere sieht und sich so seine grundsätzlichen Gedanken macht. Ein Hinweis: bemerkenswert war, wie sich selbst ausserordentliche und angeschlossene Mitglieder skeptisch zu vorgeschlagenen Reduktionen der finanziellen Eintrittshürden zur Vollmitgliedschaft äußerten. So sinnierten einige über die Frage, ob eher ca. 300 oder 500 Euro an Monatseinkommen aus der Verwertung von Kompositionen einen Profi ausmachen. Immerhin war dem Aufsichtsratsvorsitzendem klar, dass E-Komponisten durchaus künstlerisch ernst zu nehmen weit unter diesen dreistelligen Hürden nach langen Studien sehr wohl kompositorische Profis sind. Das stieß wohl auch Christoph auf, der seine Gedanken aber doch weiter fasste:

Darf man noch an das große Ganze denken oder mein erster Besuch einer GEMA-Mitgliederversammlung (der angeschlossenen/außerodentlichen Mitglieder, Anm. d. Red.)

Bei der GEMA gibt es zwei verschieden Kategorien von Mitgliedern: die, die Geld verdienen – ordentlich genannt – und die die gerne welches verdienen möchten – angeschlossen und außerordentlich genannt. Die ordentlichen komponieren so ordentlich, dass viele Menschen ihre Musik hören wollen. Deshalb haben sie auch eine eigene Versammlung in der sie über die Politik der GEMA entscheiden. Die unordentlichen Mitglieder haben auch eine Versammlung, in der sie mit dem Vorstand sprechen und einige Delegierte bestimmen, die dann auf die Versammlung, auf der Entscheidungen getroffen werden, gehen dürfen. Soweit mein Kenntnisstand vor der Versammlung.

Wie erwartet sitzen im Plenum eher kritische Geister, die sich Gedenken über Funktionsweise und Missstände bei der Verwertungsgesellschaft machen. Oben sitzt der Vorstand, der Fragen beantworten soll. Die meisten Fragen verstehen die Vorstandsmitglieder offensichtlich nicht, wollen sie nicht verstehen oder fühlen sich persönlich angegriffen. Antworten werden gegeben, aber man hat nicht das Gefühl, dass irgendeine der Fragen zu weiterem Nachdenken führen könnte.

Ein großes Dilemma tritt zu Tage: Eigentlich geht es nämlich um ganz große Themen: um Gerechtigkeit und den Wert kreativer Leistung in unserer Gesellschaft. Eigentlich. Sollte es. Andererseits geht es um die finanziellen Interessen einer Berufsgruppe, die sich von dieser Gesellschaft vertreten lässt. Die soll gar nicht über diese großen Themen nachdenken, sondern ihre Mitglieder möglichst so vertreten, dass die Kasse stimmt. Das ist legitim und in diesem Staat durchaus üblich.

Aber macht das Sinn? Dürfen wir einzelne jetzt nicht mehr an das Ganze denken? Bei politischen Entscheidungen scheint es mittlerweile so zu sein, aber es existiert keine Vereinbarung eines Verbots, die dezidiert getroffen worden wäre, das ist mein Problem. Drum weigere ich mich das Denken einzustellen.
Wir sollten also zunächst besprechen, ob jeder als Egoist handeln soll, um dann eine Statistik aller individuellen Interessen zu bekommen oder ob wir alle gemeinsam versuchen auch an die jeweilige andere Seite zu denken, wofür ich plädiere.

Also: lasst uns am besten gemeinsam denken und einige Prämissen aufstellen:
– Künstlerische Kreativität soll möglich gemacht werden – ob sie mit Zwölftonreihen oder mit Samples aus dem Netz arbeitet spielt dabei keine Rolle.
– Kleine Veranstalter und unordentliche Komponisten sollen überleben dürfen, auch wenn sie keine kommerziellen Interessen verfolgen.
– Der urheberrechtliche Wert eines Musikstücks bemisst sich nicht 1:1 an der Anzahl der Klicks, der Einschaltquote oder den Verkaufszahlen. Ein Stück mit 1000 Klicks ist nicht 100 mal mehr wert als ein Stück mit 10 Klicks. Es geht um die Interessen der Künstler nicht um die der Konzerne.

Soweit meine unordentlichen Vorschläge. Nächstes Jahr stelle ich mich zur Wahl (als Delegierter, Anm. d. Red.) und hoffe genauere Erkenntnisse über die Entscheidungsfindung dieser Gesellschaft zu bekommen.

Komponist*in

Komponist*in

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2 Antworten

  1. tom sora sagt:

    Danke, Christoph, dass Du Dich als angeschlossenes Mitglied bei der GEMA engagieren wirst. Es ist nicht leicht, das zu tun, wenn man kein ordentliches Mitglied ist und der Aspekt des Geld-Verdienst dementsprechend nicht im Vordergrund steht (weil die Einnahmen für nicht-ordentliche Mitglieder zu unbedeutend sind).

  1. 15. April 2014

    […] rückzuverfolgen. Kein Wunder, wenn man dann bei einem Aufkommen von unter 500 Euro bleibt, im Auge manches Verantwortlichen also unter der Grenze zur Professionalität. Spricht man nicht so GEMA-Versierte an, kann man nur mutmassen, was da alles unter den Tisch […]