Der Komponistenverband steht zu seinen jüngeren Mitgliedern und ihrem Recht auf Aufklärung

Moritz beschreibt treffend die Emotionen, die einen jüngeren Komponisten bewegen, verärgern, wenn der Streit um Verstrickungen von Komponisten der NS-Zeit in das Nazi-Musiksystem eskaliert und diese Verstrickten von älteren Kollegen auf das Schärfste verteidigt werden, „gute Werke“ der Nachkriegszeit angeführt werden, die die Verfehlungen zwischen 1933 bis 1945 aufwiegen, ja, ausbügeln sollen. Sowas kommt mir wie eine Wiederholung der Wiederholung der „Persilscheine“ des Entnazifizierungsprozesses vor. Natürlich hatte die baldige Gründung von Komponistenverband, GEMA und vor allem ihrer Sozialkasse was objektiv Gutes, so sehr gefühlt und von extern kritisiert oft die Seilschaften der Besserverdienenden der Komponierenden einzig davon profitiert haben mögen, was aber ein anderes Thema ist. Die persönliche Teilnahme an der Gründung solch „guter Einrichtungen“ ist allerdings noch lange kein Grund für einen Heiligenschein. Und mit Verlaub: mögen in den letzten Jahrzehnten z.B. selbst keine NS-Richter verurteilt worden sein, wie Herr C. Bruhn anführt, ist dies kein Hinderungsgrund künstlerisch wie moralisch geringere Verstrickungen dennoch zu benennen und eine andere Bewertung der Nachkriegsleistungen vorzunehmen.

Es ist ja gerade die himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass Personen wie Werner Egk oder auch Wolfgang Fortner und ebenfalls Norbert Schultze und viele andere wie Stehaufmännchen prompt bei Neueinrichtung der Musikinstitutionen wieder als Erste zum Zuge kamen, später Ehrenringe und Verdienstorden kassierten, derweil die von ihnen im Dritten Reich unmittelbar Benachteiligten erstmal leer ausgingen. Oder sagen wir es mal anders: die zur Absicherung der kompositorischen Existenz notwendigen Einrichtungen wären über kurz oder lang in der einen oder anderen Form sowieso zustande gekommen. Die Gründung der Sozialkasse ist ja letztlich eine Vernunftentscheidung einer Mitgliederversammlung, einer gesetzlichen Vorgabe, etc. und nicht nur eines Einzelnen. Ich möchte hier nun ein Schreiben des DKV-Vorstands posten, an dem ich ein wenig mitarbeitete. Natürlich sucht es ein wenig den Ausgleich zwischen den lebenden, damals unverstrickten und heute streitenden Mitgliedern.

Ganz klar wird aber dem Aufklärungsbedürfnis der jüngeren Generationen das grössere Gewicht zugesprochen, gerade weil sie Hoffnungsträger sind, aber gerade auch, weil sie sich eben dort engagieren müssen, wo sie die Veränderung verlangen. Man übersehe auch nicht, dass im Gegensatz zu früher nun sehr öffentlich – via Lesebriefe, musikwissenschaftlichem Essay und Vorstands-Statement – überhaupt die NS-Vergangenheit ehemaliger Amtsträger angegangen wird. Zugegebenermassen hat man sich dabei v.a. von Seiten der älteren Mitglieder mehr Verständnis für die Jüngeren gewünscht, gerade wo ein Mann wie Herr Wahren sich gerne als Förderer eben unserer Jugend feiern lässt. Ich rege hiermit an, dass wir Jüngere z.B. in der nächsten Mitgliederversammlung des DKV einen Appell einbringen, der umfassende Aufklärung der NS-Verstrickungen verlangt, eine Distanzierung von belasteten Amtsträgern und Appelle an andere, wie z.B. Verleiher und Namensträger von Einrichtungen mit dem Namen Egks oder dgl. mehr, diese umzubenennen. Voraussetzung ist allerdings, dass sich wirklich die jüngeren Kollegen dazu zusammen tun, oder auch zu einer anderen Vorgehensweise, und dies am 22./23. Juni 2013 in München mit ausfechten. Hier nun das Statement des DKV-Vorstands, bevor es gänzlich untergeht:

„In der Ausgabe 40 der Informationen hatte Karl Heinz Wahren einen Artikel zum 100. Geburtstag von Norbert Schultze und einen zum 110. von Wener Egk geschrieben, der in den folgenden Ausgaben eine kontroverse Diskussion hervorrief. Zunächst sei angemerkt, dass der Artikel und die darauf folgenden Leserbriefe nicht die Meinung des Vorstandes wiedergeben. Dennoch möchten wir dieser teilweise hitzigen Auseinandersetzung offen begegnen und zu einer weiteren Diskussion anregen.

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Ludger Kisters hatte sich gegen das von Wahren formulierte „stetige, ehrende Andenken“ verwahrt. Zu Recht verweist Kisters auf die Verstrickungen von Norbert Schultze und Werner Egk in das nationalsozialistische Musiksystem. Beide waren keine Täter, haben aber durch ihre Funktionen und ihre damalige Musik einen wesentlichen Beitrag zur Propaganda des NS-Staates geleistet. Dieses kann man objektiv nicht ungeschehen machen und muss subjektiv kritisch betrachtet werden. Zwar hat sich Schultze nach dem Krieg bei der Neuentstehung der GEMA und insbesondere dem Aufbau der GEMA-Sozialkasse eingebracht, dies wiegt allerdings in keinem Falle die früheren Verfehlungen auf.

Natürlich haben die Nachkriegs-Generationen eine Sicht auf die Dinge, die sich klar unterscheidet von denen, die diese Zeit der nationalsozialistischen Diktatur direkt erlebt haben und die beteiligten Komponisten persönlich kannten. Daher rührt auch das teilweise Unverständnis bei Karl Heinz Wahren und Birgit Salvator-Galland über die Kritik von Ludger Kisters. Zeitzeugen haben durch das persönliche Erleben und Erinnerungen an die dunkelste Seite unserer jüngeren Geschichte andere Erkenntnisse, Erkenntnisse, die die junge Generation nicht hat, die aber gerade als persönlich und zeitlich Unbetroffene unabdingbar ein größeres Recht auf eine insbesondere kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte hat.

Wir haben deshalb im Vorstand beschlossen, die beiden folgenden Leserbriefe von Ludger Kisters und Benjamin Schweitzer hier abzudrucken und wir haben den renommierten Musikwissenschaftler Prof. Dr. Albrecht von Massow gebeten, den ebenfalls folgenden Beitrag zu der Sache aus neutraler und wissenschaftlicher Sichtweise zu verfassen.“

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3 Antworten

  1. Es wäre natürlich einfacher, gleich das pdf der „Informationen“ des DKV mit den Originaltexten zu verlinken. Leider ist als aktuelle Ausgabe auf der Homepage noch Nr. 84 angegeben. Ich hoffe, der DKV stellt auch die hier und in Moritz‘ Artikel behandelte Ausgabe (85) online, so hätten auch Aussenstehende Gelegenheit sich mit dem wichtigen Thema zu befassen.

  2. Das wird, lieber Alexander Keuk, wohl noch eine Zeit dauern. Mal sehen, was sich da machen läßt! Wichtig ist mir v.a. zu zeige, wie sich der Verband offiziell gesamt positioniert, was in seiner Kürze gegenüber der Länge der anderen Stellungnahmen und Leserbriefe sonst etwas untergeht.