Was kostet ein Ensemble? Der drohende Exitus des Münchner Ensembles „pianopossibile“ – ein Kommentar

Die schnelle Antwort: Engagement und Geld. Ist doch ganz klar, könnte man meinen: Engagements eines Ensembles führe zu finanziellen Einnahmen, ergo zu Geld in der Tasche der Musiker. Eine feine Rechnung. Aber es ist viel komplexer. Engagement bedeutet vielfältige Vorleistungen für die Leute, die das Ensemble bilden. Und eine schier unendliche Kraft und einen großen Verzicht auf Freizeit für die Menschen, die das Programm des Ensembles zusammenstellen, Proben, Räume, Transporte und Materialien organisieren, im Zweifelsfall selbst zur Verfügung stellen, Repräsentation wie Aufräumen virtuos beherrschen und das Jammern und Zagen der anderen Mitglieder klaglos hinnehmen. Es bedeutet Anträge schreiben, Auftritte akquirieren, Konten verwalten, Steuern zahlen, Pressearbeit verrichten, Fördermitglieder bei der Stange halten und öffentliche Geldgeber an ihre kulturpolitischen Willenserklärungen zu erinnern. Solange das Ensemble „jung und aufstrebend“ ist, lokal und regional auf sich aufmerksam macht, eigenständige ästhetische Positionen im nächsten Umfeld sinnvoll Bedeutung verleiht, ist diese notwendige Hintergrundarbeit der Weg zum Ziel. Wer in seinem Gedächtnis nachzählt, wird genügend Beispiele finden, die so anfingen. Und dann irgendwann doch den Bettel hinwarfen, oft genug, weil die Macher der Truppe andere Jobs annehmen konnten und somit ihre Manpower anderweitig gebunden wurde. Ensembles kommen und Ensembles gehen. Trotzdem fallen mir sofort genügend Beispiele ein, die längeren Bestand haben: Ensemble Recherche, musikfabrik, Ensemble Modern, Ensemble Mosaik. Das sind einige der Klangkörper, die ihre Musiker komplett oder doch nebenbei ordentlich mit Auftritten und Einnahmen versorgen können. Diese kämpfen zwar auch immer wieder um bedrohte Förderungen. Dennoch fanden sie im Laufe ihrer Existenz genügend Mitstreiter und Gewogene, sich zu ihnen Bekennende, in Öffentlichkeit, Stiftungen und Politik.

Werbung

Besonders schwierig haben es allerdings Ensembles in der bayerischen Landeshauptstadt München. Zwar gibt es hier immer wieder neue Kreationen, die aber meist mit dem Weiterkommen ihrer dirigierenden Gründer sich wieder auflösten oder nur noch selten zusammenkommen. Gemeinsam ist ihnen, dass 30% bis 70% der jeweiligen Musiker sich in den Parallelensembles wiederfinden. Es sind überwiegend also sogenannte „Karteikartenensmbles“. Sie leisten wohlgemerkt immer wieder Beachtliches und Innovatives. Richtig langlebig und permanent aktiv sind sie alle nicht. Oder sie sind noch zu neu, um darüber Aussagen treffen zu können. Allesamt bedienen sie letztlich ein ähnliches Bild von Neuer Musik: immer wieder Lokales und vor allem Klassiker der Nachkriegszeit zwischen Henze und Xenakis. Die Werdung zu einer musikalisch-moralischen Anstalt müssen sie noch beweisen.

Einzig dem nun bald 20 Jahren existierendem Ensemble „piano possibile“ um Klaus Schedl, Philip Kolb und Heinz Friedl ist es gelungen, eine eigene Moralität zu entwicklen. Die Programme werden kollektiv bestimmt, die Ausrichtung lässt sich mit „performativ geprägte und stark elektronisch ausgerichtete Neue-Musik-Band“ am Besten auf den Punkt bringen. Mit ihrer Konzertreihe „Silberstreifen“ sind sie das einzige südostdeutsche Podium, das derzeit im Diskurs aktuelle Kammermusik von Bernhard Lang bis Michael Maierhof vorstellt wie es ähnlich das in aller Munde seiende belgische Ensemble Nadar macht, wie es das Hamburger Decoder-Ensemble vollführt, asamisimasa, suonomobile und Nikel machen, irgendwie auch Courage und Mosaik, und und und. Allerdings war selbst vor einem Monat das Nadar-Gastspiel ein schlecht besuchter Geheimtipp. Nun fragt sich piano possibile, ob es sich lohnt weiter zu machen. Bisher gibt es bescheidene Projektförderungen und seit wenigen Jahren einen unsicheren Probenraum. Werden andere Kollegenensembles um die ganze Welt bugsiert, scheint sich die Stadt München immer ein wenig für diese Exoten, die eben kein klassisches Sinfonietta-Ensemble sind, fremdzuschämen, sie maximal mal 100 km zu den Klangspuren Schwaz auszuleihen. Das einzig echt „gewollte“ Ensemble für Neue Musik ist das Münchener Kammerorchester, die allerdings noch stärker in der Klassik verwurzelt sind, für die man aber auch nicht die rechte Kraft aufbrachte, ernsthaft einen neuen Probensaal zu finden. Das einzig echte „experimentelle“ Ensemble verliert aber nun allmählich seine Kraft und wird wohl 2014 Vergangenheit sein, wenn die Stadt sich nicht endlich jenseits der Sachbearbeiterebene zu dessen Arbeit bekennt! Aber wen wundert dies? Die Klangaktionen sind schon passé, die Klangkunst der tube hat im Signalraum noch keinen wirklichen Nachfolger gefunden, die ADEvantgarde würde man am liebsten auch loswerden, im sogenannten Kreativquartier versteht man eher Rockmusik als Neue Musik unter Experiment. Fazit: Abgesehen von den etwaig notwendigen höheren Finanzen kostet ein Ensemble, ja die gesamte noch bestehende virale kleine Neue Musik-Szene Münchens endlich ein Bekenntnis der Stadt zu dieser, so dass sie nicht von der gewollten Biennale geschluckt wird oder Strukturen oktroyiert bekommt, die sich dann die Stadt auf die Fahnen schreibt. Also, München, liebe Deine Ensembles und fresse sie nicht auf. Sieht man nach Frankfurt oder Köln, dann ist zu sehen, wie politisch gestützte Musikautonomie Früchte tragen kann. Oder gibt es hier bald nur noch Dörrobst?

Komponist*in

Komponist*in