Wie lange sind 13 Opern? (viertes belgisches Arbeitstagebuch „Tragedy of a Friendship“)

So, die Orchesteraufnahmen sind abgeschlossen! Von den ursprünglich vier vorgesehenen Sessions habe ich eine gestrichen und dafür die letzte ein wenig verlängert. Dafür hat sich der Orchestervorstand bei mir mit einer Flasche Calvados bedankt, denn so konnten die Orchestermusiker ihre Osterferien voll ausnutzen, die sonst mein Aufnahmetermin rüde unterbrochen hätte. Bestechung? Ja! Aber eine sehr nette Bestechung!

Werbung

Einige Orchestermusiker waren vorher zu mir gekommen und hatten mir mit tränenerstickter Stimme gesagt, dass sie zum ersten Mal seit 20 Jahren mit ihrer Familie Urlaub machen wollten, das aber nur möglich sei, wenn sie die Osterferien frei hätten. Das Leben eines belgischen Orchestermusikers ist hart und ohne Gnade! Natürlich hatte ich dann ein Einsehen, denn wir waren ja in den Terminen davor sehr gut vorangekommen.
Überhaupt war die Arbeit mit dem Orchester unglaublich nett – Am Schluss war man sogar noch bereit, einige spontan erfundene Improvisationen von mir aufzunehmen, um ein bisschen Material für Übergänge etc. zu bekommen. Die Musiker waren mit Freude und Elan dabei – es lief wunderbar.

Wofür die Improvisationen? Das hat einen Grund: Es gibt nämlich eine gewisse Unsicherheit darüber, wie lange unser Stück eigentlich wird. Dass man beim Thema ALLE OPERN VON WAGNER!!!!! nicht wirklich einen kurzen Abend hinbringt, sollte jedem klar sein. Aber wie lange wird es nun wirklich?

Der Intendant Aviel Cahn – der gerade mit der Verpflichtung von Christoph Waltz als Regisseur für den „Rosenkavalier“ einen großen Coup gelandet hat – rief mich nach dem Besuch einer Probe an: „Ich habe gerade eine Probe gesehen, in der 2 Szenen von 13 dran kamen, und die dauerten zusammen 1 Stunde!“. Nach Adam Riese kann man sich die voraussichtliche Gesamtlänge daraus leicht ableiten: 2 Szenen = 1 Stunde. 13:2 = 6,5. Gesamtlänge also 6 1/2 Stunden!!!!! Da ist meine inzwischen auf knapp 120 Minuten angewachsene Musik eigentlich nur wie ein Tropfen auf einen heißen Gral.

Mit großer Spannung besuchte ich daher also letzten Mittwoch einen Durchlauf der ersten 9 Szenen (also „Die Feen“ bis ca. Ende „Siegfried“), die man extra für mich angesetzt hatte. Für mich doppelt aufregend, denn nun konnte ich zum ersten Mal etwas sehen, dass der definitiven Form des Abends schon sehr nahe kommt. Natürlich machte ich als allererstes eine Stoppuhr an und ließ sie zusammen mit meinen Notizen mitlaufen. Das was ich sah, war schon sehr gut – und die Art des Abends wird immer deutlicher. Szenen von großer Krassheit und Intensität folgen Szenen von wunderbarer Komik und Absurdität. Wie es bei Jan Fabres Arbeiten oft üblich ist, sind alle Darsteller fast immer beteiligt, das Ganze ist physisch wie mental wahnsinnig anstrengend. Fabre ist präzise und streng mit seinen Anweisungen, aber immer auch fürsorglich und besorgt. Zwei der Darsteller waren krank und angeschlagen, daher immer wieder Jans Zwischenruf „be gentle! Be gentle!“. Die beiden Sänger sind jetzt wunderbar eingebunden, ebenso wie die beiden jungen deuschen Schauspieler, die Nietzsche und Wagner verkörpern. Es gibt sehr viele Gruppenszenen, zum Teil hinreißend komisch (die Nibelungen bei der Arbeit, z.B.), zum Teil überwältigend extrem. Dabei immer aber sehr nah am Text, den Jan sehr intelligent auf seine Weise umsetzt. „Gespieltes“ Sprechen ist ihm verhasst, vielmehr bringt er die sprechenden Charaktere in Situationen, die dem Inhalt des Textes entsprechen – man kann also eher von einer performativen Deklamation sprechen als von einer szenischen Darstellung. Das ist eine ganz eigene Form, die er für sich gefunden hat. Seine Mitarbeiterin Miet Martens spielt dabei virtuos den Diskjockey – spielt Musik von mir ein, Musik von Wagner (die von 2 Schallplattenspielern kommen wird). Vieles ist aber noch ganz ohne Musik. Manches darf auch gar keine Musik haben und funktioniert besser ohne.

Währenddessen machte ich mir fieberhaft Notizen mit Timecode -erst die letzten 2 Wochen kann ich durchgehend in Antwerpen sein, viel Musik muss aber vorher schon genauer platziert werden, als es jetzt der Fall ist. Momentan werden nur ca. 20% meiner Musik verwendet – das liegt nicht am Missfallen, sondern daran, dass für die andere Musik noch nicht der richtige Platz gefunden wurde oder bestimmte Cues zu lang oder zu kurz sind. Natürlich konnte ich bei der Komposition nicht vorausahnen, wie lang bestimmte Szenen sein würden.

Meine Notizen sehen ungefähr wie folgt aus, sind aber nur eine dürftige Wiedergabe des Geschehens und dürfen hier jetzt auch nicht als exakte Niederschrift interpretiert werden.:
(Ausschnitt)
1:12:13 XXXX kommt rein mit 2 Spitzhaubenmädels, machen rum mit ihren Fingern. Fassen XXXX unter den Rock. Orgasmus?
Orgasmus wird zu singen. Orgasmus(ton) (Erhört mein Jungfrau mein Flehen) wird als Plastiktüte abgepackt.
1:14 nochmal etc. pp, sie singt die ganze Arie (irgendwann)
1:18:30 hebt die Meerjungfrauhülle hoch
1:19: A Lover turned against the Wall
Spiel mit den Orgasmusklangtüten.
(Solotanz)
Wird immer wilder
(geht bis zum Schluss)
1:24:35
Kendokämpfer kommen rein. „Lohengrin“.
Bedrohen sich gegenseitig. Plötzlich umkippen in Liebe. Dann wieder Kampf. Etc.
1:28:55 alle kommen rein. Werfen Federn ab, machen Hühnergeräusche, aber mit Schwertern.
1:30:50 fangen an den Hochzeitsmarsch zu gackern, balancieren dabei die Schwerter auf dem Kopf.
1:31:30 Stille, gehen vorsichtig nach vorne.
1:32:00 Schwan wieder hereingetragen.
Alle gehen vorsichtig herum, mit den Schwertern.
1:33 Liebkosung des Schwanes.
1:34: XXXX kommt rein, singt „Mein Lieber Schwan“
Zieht sie aus, quält sie. Sie spuckt ihn an.
1:37 Sie wird angeschnitten, schreit wie am Spieß.
1:38:30 alle kommen rein, Musik:

Nun die spannende Frage: Wie lang könnte es werden? Nach 9 Opern mein Blick auf die Uhr: 2 1/2 Stunden. Nach spontaner Hochrechnung kämen wir also bei den insgesamt 13 Szenen (plus Zwischenspiele und Prolog) auf unter 3 1/2 Stunden, was die Antwerpener Oper freuen würde. Und natürlich ist es in der präsentierten Form auch noch nicht durchgehend zügig und kann noch gestrafft werden. Also sage ich „It’s not as bad as I thought“, und schäme mich sofort, denn das kann ja auch ganz anders verstanden werden.

Allgemeine Heiterkeit. Aber eines ist sicher: die heiße Phase hat jetzt begonnen!

Moritz Eggert

Author profile
Werbung