Sind Spiele-Autoren auch Urheber?

Ab und zu sollten wir Musiker auch mal einen Blick über den Tellerrand werfen und schauen, was sich in anderen kulturellen Bereichen tut. Gerade wenn es um Fragen des Urheberrechts geht, macht es sehr viel Sinn, sich solidarisch mit anderen Urhebern zu erklären.

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Wie viele von euch wissen, beschäftige ich mich außer Musik gerne mit Brettspielen, also diese Art von Spielen, die man nicht einsam und traurig am Computer daddelt, sondern gemeinsam mit Freunden an einem Tisch spielt. Obwohl man Brettspiele und Computerspiele inzwischen immer weniger trennen kann (da die erfolgreiche Mehrspieler-Umsetzung von Brettspielen für Geräte wie ipad oder android die Grenzen immer mehr verwischt), ist doch die Königsdisziplin der Spieleerfinder nach wie vor das gute alte „Gesellschaftsspiel“ mit Brett, Karten, Spielfiguren und selten auch Würfeln, das in seiner modernsten Form „Eurogame“ heißt, und vor allem durch Spieleautoren aus Deutschland befördert wurde (Deutschland gilt übrigens spätestens seit Ende der 70er Jahre als das brettspielbegeistertste Land der Welt – obwohl andere Länder immer mehr aufholen, das Hobby wächst stetig).

Herausfordernd, intelligent und rund soll das Spiel sein, immer wieder Spass machen und nicht langweililg werden, die Regeln sollen durchdacht sein und logisch ineinander greifen, der Spieler soll viele Möglichkeiten zum Handeln haben (aber auch nicht zu viele, sonst droht das, was man in Spielerfachkreisen „Analyse-Paralyse“ nennt, und wofür man beim Schach z.B. eine Stoppuhr braucht) und das Spiel soll eine stetige Spannungskurve aufweisen, die gegen Ende immer mehr anzieht.

„Monopoly“ gilt zum Beispiel genau aus diesem Grund bei Spieleprofis als komplett misslungenes Spiel, da es eigentlich schnell klar ist, wer gewinnen wird, das Spiel dann aber im schlimmsten Fall noch viele Stunden dauert. Bei einem guten Spiel ist also die Siegbedingung so ausgewogen, das bis zum Schluss noch Überraschungen möglich sind, ansonsten gilt es als langweilig. Ein zu hohes Glückselement wird auch als schlechtes Attribut angesehen (auch da überzeugt „Monoopoly“ nicht direkt), daher reißen Spiele wie „Mensch ärgere dich nicht“ oder „Uno“ keinen echten Spielefan vom Hocker. Der greift lieber zu anspruchsvolleren Spielen wie „Puerto Rico“, „Agricola“ oder „7 Wonders“.

Inzwischen gibt es auf dem boomenden Spielemarkt tausende von Spieleveröffentlichungen jedes Jahr – tatsächlich werden jährlich mehr neue Brett-und Kartenspiele auf den Markt gebracht als Computerspiele (das war vor einigen Jahren noch anders). Jedes Jahr strömen Zehntausende von Spielefans auf die weltweit größte Fachmesse, die die gesamte Messe in Essen eine Woche lang füllt. Ähnlich wie auf der Frankfurter Buchmesse ist es inzwischen schon fast unmöglich, einen umfassenden Überblick über die Neuerscheinungen zu gewinnen, so groß ist deren Zahl.

Was den Broterwerb angeht, geht es den meisten Spieleerfindern aber ähnlich wie Komponisten zeitgenössischer Musik. Die meisten haben andere Hauptberufe, nur ganz wenige große Stars der Szene (in Deutschland vielleicht eine Handvoll Personen) können allein vom Spieleerfinden leben. Reiner Knizia, Wolfgang Kramer und Martin Wallace – so heißen die Wolfgang Rihms, Helmut Lachenmanns und Harrison Birtwistles der Spieleszene. Spieleerfinden ist ein anstrengendes Geschäft – oft dauert es Jahre vom ersten Prototyp bis zu einem funktionierenden und gut getesteten Spiel – selbst von den Spielen, die es zum Erscheinen schaffen, ist nur ein kleiner Teil qualitativ so hochwertig, dass man sie auch noch Jahre später spielt. Endlose Testrunden sind notwendig, um ein Spiel zu perfektionieren, und manchmal muss man die gesamte Arbeit über den Haufen werfen und wieder von vorne beginnen.

All dies ist natürlich kreative Arbeit – vergleichbar mit der Komposition z.B. einer Oper. Und manchmal – ganz selten, wenn ein Spiel wirklich durchschlägt – geht es auch um viel Geld. Spiele wie „Carcassonne“ oder „Siedler von Catan“ sind anhaltende internationale Erfolge und wurden in dutzende von Sprachen übersetzt, Sammelkartenspiele wie „Magic The Gathering“ werden in einigen Ländern sogar im Fernsehen übertragen wie Fussballspiele.

Es gibt aber einen großen Unterschied zur Musikszene: obwohl alles so ist, wie oben beschrieben, obwohl Spieleautoren definitiv kreative Arbeit leisten, Mechanismen erfinden, die es noch nie gegeben hat, ständig Ideen haben müssen, werden sie rechtlich nach wie vor nicht als „Autoren“ anerkannt. Daher ist es zu sehr viel Missbrauch gekommen – es gibt unseriöse Spieleverlage, die ihnen zugesandte Prototypen von neuen Spieleideen gnadenlos ausplündern und unter anderem Namen veröffentlichen, Knebelverträge, die dem Urheber keinerlei Recht an seinem Werk zukommen lassen und viele anderen Formen von miesen Praktiken, die man im Bereich des musikalischen Urheberrechtes leicht juristisch verfolgen könnte, im Bereich der Spieleszene aber nicht.

Dem soll nun Abhilfe geleistet werden: Die „Spiele-Autoren-Zunft“ (SAZ) hat eine Petition ins Leben gerufen, die diesem Missstand Abhilfe leisten und mehr Öffentlichkeit für diese Sache gewinnen will. Die Petition (an der jeder teilnehmen kann) ist hier zu finden.

Ihr könnt selber entscheiden, ob ihr das anklicken wollt oder nicht, aber es zu tun hieße Solidarität zu zeigen. Und wer jetzt milde lächelt und das ganze als „Nischenhobby“ und „Nischenproblem“ ansieht, sollte sich einfach mal die Umsätze des Brettspielmarktes ansehen und die Menschen zusammen zählen, die sich heutzutage dafür interessieren. Und wird dann vielleicht ganz schnell feststellen, dass im Vergleich dazu eher wir in der Neuen Musik die echte „Nische“ sind.

Wie auch immer – hier zusammenzuhalten wäre nicht das Schlechteste.

Moritz Eggert

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Eine Antwort

  1. Erik Janson sagt:

    Lieber Moritz, @ all: ein spannender, informativer Beitrag.

    So war ich Petitions-Supporter Nummer 129 als ich eben ohne Zögern unterzeichnete und hoffe, dass an die Zahl bald die gebührenden Nullen gehängt werden können. Ja, jeder sollte da Solidarität zeigen! Denn, wenn man mal den Spieß umdrehen würde, dann könnte man Komponisten, Textautoren, die sich aufs hohe Roß setzen und sagen „wir sind doch was „Besseres“, KEINE Hobbykünstler“ „ist doch nicht vergleichbar“… blabla etc. …“ aber ganz locker argumentativ ausknocken. Denn, völlig richtig: Wo ist da der Unterschied?: Regeln für ein Interpretations-SPIEL bzw. das Sprach- NotationsSPIEL (Wittgenstein) entwerfen, indem man eine Partitur komponiert, welche Interpreten umsetzen und Regeln für ein SPIEL entwerfen, bei dessen Umsetzung oft viel mehr Kommunikation und Freude für die Spielenden besteht als Stillsitzen und oft ein Stück schlechte Neue Musik herunter zu schrappen…?

    Piratenmentalitäten und deren breiter und schleichender juristischer Akzeptanz wären damit weiter Tür und Tor geöffnet, wenn wir Komponisten uns weiter auf der einsamen Insel der moralisch-künstlerisch „Wertvolleren“ wähnen oder gar setzen würden. Denn (Exempel Spiele-Industrie (nicht nur Umsatz sondern auch weil das oft deutlich mehr Kultur-oder Spaßfaktor der Gesellschaft bringt als sich ständig (naja zumindest Hardcore-Komplexismus) rein zu ziehen…):

    Denn, wehe wenn man von offizieller Seite sagt oder von oberer Stelle auf den Trichter kommt, „deren Autoren/Kreative überleben ja auch (bzw. muchsten sich (bisher) nicht…), dann könnt Ihr Komponisten doch auch auf Eure Rechte verzichten… “ Also, liebe Kollegen: auch unterzeichnen, teilen, es weiter „facebooken“ . Schönen Tag.