Papstwahl

 

Am Dienstag ist es wieder so weit: Tausende von Jüngern werden sich auf dem Markusplatz versammeln um hoffnungsvoll auf ein Rauchzeichen aus einem kleinen Schornstein zu warten.

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Ein historisches Ereignis steht an, das nur alle Jubeljahre erlebt werden kann – im Vatikan wird der neue Kritikerpapst der Neuen Musik gewählt.

Wer wird von nun an die Millionen von treuen Schäflein in aller Welt zukünftig moralisch, ethisch wie auch inhaltlich belehren, aufklären und begeistern? Wer wird behutsam über die in Jahrzehnten gewachsene Festivallandschaft wachen, sie hegen und mit aufmunternden Worten pflegen? Wer den jungen und noch unbeholfenen Komponisten bei ihren ersten, zaghaften Schritten behilflich sein?

Aus allen Feuilletons der Welt sind sie angereist, in den verrücktesten und schrillsten Outfits, die ihnen ihre Redaktionen zur Verfügung stellen konnten. So schrill sind diese Outfits, dass manche sogar etwas anderes anhaben als den berufsüblichen schwarzen Rollkragenpullover, die schwarze Hose und die schwarze Jacke. Ja, manch ein Kritiker wurde sogar schon in einem gestreiften (sic!) Pullover gesehen (und von Gerhard Rohde wird gemunkelt, dass er sein Jackett vorsorglich schon mal zur Reinigung gebracht hat).

Oft werden sie gescholten, oft müssen sie schelten, doch wir brauchen sie, diese liebenswürdigen, selten verbiesterten, stets charmanten Schutzengel des Geschmacks, die es in diesen schweren Zeiten des nachlassenden Glaubens an das Gute in der Moderne nun wirklich nicht leicht haben. Nicht nur das – in ihren Zeitungen bekommen sie immer seltener Gelegenheit, von den wichtigen Symposien zu berichten, die sie weltweit besuchen, von den wichtigen Uraufführungen, die quasi täglich in irgendeiner Stadt dieses unseres Landes stattfinden. Stattdessen müssen sie unwichtigen Lokalnachrichten weichen, der Besprechung einer neuen unwichtigen Popplatte oder dem Bericht über den neuen unwichtigen Film von Sylvester Stallone, den man schon morgen wieder vergessen hat.

Während die Literaturkritik ganze Seiten für als Autorenbesuch getarnte Reiseberichte über die Dampfsaunen von Uckermärkischen Hotels  bekommt, muss sich die Musikkritik, pardon, die zeitgenössische Musikkritik, mit einer halben Spalte rechts am Rand zufrieden geben, bei der dann auch noch das Bild fehlt, weil man ja meistens Töne nicht fotografieren kann, uckermärkische Ödlandschaften mit bedeutungsvoll darin herumstehenden Großschriftstellern dagegen schon. Ja, und auch solche Sätze mit vielen Kommas, die man bei den tiefgründigen Gedanken über z.B. den Verfall der musikalischen Sitten in Witten, bei Klagen über „eclat“ oder das Banale bei der Biennale gerne verlieren würde, ja, auch diese wohlfeilen Sätze streichen die Redakteure böswillig ein.

Daher sind schon alle gespannt, wer der Nachfolger des amtierenden Kritikerpapstes werden wird (dessen überraschender Rücktritt vor allem deswegen so überraschend war, da  vorher auch schon niemand so genau wusste, wer es nun eigentlich ist). Wird es wieder ein Deutscher? Oder – wie von vielen gehofft – jetzt doch endlich mal ein Chinese, weil die ja schon längst mehr Komponisten in den letzten 10 Jahren hervorgebracht haben als Europa in den letzten tausend Jahren, nur dass man sich halt leider deren Namen nie merken kann?

Reinhard J. Brembeck (SZ) wirft sich auf jeden Fall schon einmal mächtig ins Zeug, wenn er in der neuen Mozartinszenierung von Michael Haneke in Madrid  dem darin „triumphierenden Eros“ eine gehörige Portion „Melancholie“ attestiert. Das würde sich zum Beispiel in einer Musikkritik über das neue Werk von DJ Ötzi, pardon, Mathias Spahlinger wohl auch sehr gut machen, denn wo Spahlinger ist, da ist wahrlich wohlfeil Eros und Melancholie, Mannomann! Und Gerhard Koch (FAZ) werden ebenfalls gute Chancen eingeräumt, vor allem nach seiner wundersamen Rettung beim Untergang der „Costa Concordia“: http://m.faz.net/aktuell/politik/ausland/unglueck-der-costa-concordia-was-vom-urlaub-uebrig-blieb-11617860.html die nur mit himmlischer Hilfe vonstatten gehen konnte.

Nicht zu unterschätzen ist aber auch die hübsche Gegenpäpstin Julia Spinola, deren kritischer Bericht über eine Aufführung von Wagners Jugendwerk „Die Feen“ sogar die ketzerische Formulierung des „dilettierenden“ Richard Wagner gebraucht. Einziges Problem: Bei Wagner handelt es sich gar nicht um neue sondern eher ziemlich alte Musik, und bei Christian Thielemann handelt es sich nicht bloß um einen Dirigenten, sondern um den fucking besten Dirigenten der Welt.

Oder wird der Titel nun doch Alex Ross (New York Times) verliehen, der mit seinem Buch „The Rest Is Noise“ weltweit Furore machte, weil er endlich mal feststellte, dass es sich bei Duke Ellington tatsächlich um einen gleichrangigen, wenn nicht sogar besseren Komponisten als z.B. DJ Ötzi, bzw. Mathias Spahlinger handelt?

Aber natürlich sind dies nicht die einzigen, die hier zur Konkurrenz stehen. Als Außenseiter steht definitiv auch ein Peter Handke als potentieller Nachfolger zur Debatte. Der ist zwar kein Kritiker und hat auch mit Musik nicht viel zu tun, bekommt aber eigentlich ständig irgendeine Ehrung, warum also nicht auch diese? Auch Hilary Clinton, die ehemalige Außenministerin der USA, wäre als Kritikerpäpstin der Neuen Musik zwar definitiv überhaupt nicht denkbar, aber da es in der Neuen Musik tatsächlich um das Unsagbare und damit eben auch Undenkbare bzw. Unmögliche geht, wäre auch das Undenkbare… letztlich denkbar! Hat nicht auch schon Adorno gesagt, dass „In jedem genuinen Kunstwerk etwas erscheint, was es nicht gibt“?

Oder wird man sich doch für das heilige Triumvirat der Bad Blogger Hahn/Strauch/Lücker entscheiden? Da wüsste man wenigstens was man hat und steht auch bei google immer ganz oben, wenn man seinen Namen sucht. Und was ist eigentlich mit Barbara Schöneberger? Das frage ich mich auch immer.

Wie auch immer die Entscheidung der Kurie ausfallen mag – bald werden wir wieder ruhig schlafen können. Denn irgendjemand wird wachen über uns. Und das wird uns ein unglaublich gutes und sicheres Gefühl geben.

“You’re here, there’s nothing I fear,
And I know that Donaueschingen will go on
We’ll stay forever this way
You are safe in my heart
And Donaueschingen will go on and on”

(Celine Dion, “My Donaueschingen will go on” aus dem Film “CSM Titanic”)

Moritz Eggert

Immer noch aktuell: Die Kampagne "Uwe Boll for Bayreuth"

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1 Antwort

  1. peh sagt:

    … leider kam die papstwahl nicht zustande, da weder in ausreichender zahl papstwähler noch potenzielle päpste (kurz: potpäpste) unter der altersgrenze von 95 jahren anwesend waren und auch aus der zahl der musikkritikleser keine erforderliche zahl an wählern oder potpäpsten rekrutiert werden konnte, was das amt eines kritikerpapstes endgültig in das 19. jahrhundert verwies und dem 21. jahrhundert die tür weit aufstieß zum konglomerat der mikrobeobachtungen, zur absentia sensus communis, dem holden irrsinn der dominanz der privatmeinung, der individualmythologie und der subjektivitätskanonade … die kurie hat geschlossen den rücktritt angekündigt …