Von der Flatrate zur Fatrate

Immer wieder geistert ja das Wort „Kulturflatrate“ durch die Kulturlandschaft, nicht zuletzt auch dank unseres umtriebigen Kollegen Johannes Kreidler, der immer wieder ein solches Modell für das Internetzeitalter fordert. Die Diskussion darum dreht sich ein wenig im Kreis: zum einen befürchten die einen – nicht ganz zu Unrecht – den Verfall von Qualitätskriterien und einer generellen Verflachung des Angebots. Hierzu fällt mir immer mein Besuch einer Karaokebar in Kyoto ein, in der es eine Getränkeflatrate gab. Man durfte für einmal zahlen so viel trinken wie man wollte (deswegen war dieses Angebot gerade für junge Musiker sehr attraktiv). Allerdings stellte man schnell fest, dass das, was man trinken durfte, so furchtbar war, dass man es meistens bei einem Glas bleiben ließ. Ähnlich geht es bei den meisten Buffets zur „Flatrate“ zu – meistens bekommt man ziemlichen Abfall zu essen. „All you can eat“ ist im Restaurantgewerbe ein Schimpfwort geworden, wenn es um Qualität geht.

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Auf der anderen Seite hat man aber auch nicht ganz Unrecht, wenn man viele der heutigen Kulturbezahlmodelle als veraltet und unzeitgemäß kritisiert, vor allem wenn es darum geht, wie Urheberrechte im Internet abgerechnet werden (das ist ja Kreidlers Hauptkritikpunkt). Es könnte tatsächlich sein, dass manches (z.B.) youtube damit letztlich einfacher zu handeln wäre, sowohl für die Betreiber als auch die User. Hat das oft im Familienkreis vererbte klassische (und oft sehr teure und exklusive) Philharmonieabo also keine Zukunft mehr?

Eines ist auf jeden Fall sicher – bei den Kulturmachern geistert immer mehr das Schreckgespenst des „grauhaarigen“ Publikums umher, das immer kurz vorm Aussterben ist und immer weniger Lust auf Kultur hat. Wenn diese aber superbillig ist, kommt es vielleicht doch aus der Gruft gekrochen, das Publikum, so argumentiert Kelly Dylla vom renommierten Saint-Paul-Chamber-Orchestra (SPCO) in Minnesota:

“People decide that they can part with a small amount of their monthly earnings to have the opportunity to see art”,

Daher ist genau auch dieses Orchester Begründer und Verfechter eines inzwischen auch hierzulande immer beliebteren „neuen“ Bezahlmodells, das sich zum Beispiel an dem Bezahlsystem des Internetfilmproviders „Netflix“ orientiert:
man zahlt 5,-USD im Monat (wahrlich keine königliche Summe) und kann jederzeit und wann man will ins Konzert gehen, wie Christian Henner-Fehr vom Kulturmanagement-Blog unlängst berichtete. Natürlich hat man keine Ansprüche auf besondere Plätze und wer zuerst kommt mahlt zuerst, aber das ist ja am Buffet (wo sich jeder um die leckeren Sachen drängelt) auch so.

Funktoniert das denn? Oder ist es ein verzweifelter Versuch, Publicity zu erlangen? Schließlich scheinen 5,-USD schon verdammt wenig zu sein, und die Vorstellung, dass man Konzerte wie ein permanent verfügbares Angebot benutzt, bei dem man mal reinschneit wann man Lust hat, beraubt natürlich das Konzert jeglichen Rituals und Zaubers, dass es ja von Darbietungen aus der Konserve (z.B. Film) grundsätzlich unterscheidet. Oder anders ausgedrückt: dort wo der Laden wirklich brummt (wie zum Beispiel in den meisten unserer Fußballstadien) würde niemand auf die Idee kommen, eine solche Flatrate anzubieten, da es ja schon auf die normalen Dauerkarten Wartelisten mit tausenden von Namen gibt. Dem Ganzen haftet also schon ein gewisser Hauch des „letzten Versuchs“ an.

Meine persönliche Meinung hierzu: Eigentlich gibt es schon ein sehr gutes Modell einer Flatrate, die – zumindest in der Theorie – perfekt funktionieren könnte, da sie (und das kann keine Flatrate) stets an das aktuelle Einkommen der Betreffenden angepasst wird. D.h. arme Menschen bekommen eine ganz besonders billige Flatrate und reiche Menschen zahlen eben mehr. Alle dürfen aber zu gleichen Teilen am Kultur-und Bildungsangebot teilnehmen, keiner wird bevorzugt, keiner wird benachteiligt.
Diese wundersame und perfekte, immer gerechte Flatrate heißt – Steuern.

Ja, liebe Freunde – von unseren Steuern zahlt der deutsche Staat einen Großteil unseres Kulturangebots (und das ist in den meisten anderen Ländern nicht so!)- im Grunde ist das gut so. Wie gerecht und effizient diese „Steuer“-Flatrate ist – darüber bliebe zu diskutieren. Aber sie ist nach wie vor der beste und richtigste Weg allen Menschen je nach Möglichkeit ihres Einkommens ein möglichst qualitativ hochwertiges Kulturangebot zu gewährleisten. Insofern ist es auch nicht wirklich so schockierend wie immer getan wird, wenn man mal wieder die typische Anti-Kultur-Propaganda hört: „Jeder Platz in der Oper XXX wird mit XXXX-EUR unserer Steuergelder subventioniert!“. Denn genau das ist ja die Wirkung dieser Flatrate: Wir alle zahlen, damit es für alle erschwinglich wird. Und daher ist es nur gut und gerecht, wenn den Großteil der Kosten eines Operntickets für einen Arbeitslosen oder Azubi von denjenigen getragen wird, die wesentlich mehr verdienen. Es ist also eigentlich keine Flatrate, sondern eine Fatrate – die, die’s dick auf dem Konto haben, zahlen auch mehr. Absolut in Ordnung, oder?

Ob das Flatrate-Modell dem SPCO geholfen hat? Man kann es nicht beurteilen, denn kurz darauf trat das Orchester wegen massiver Probleme in den Streik. Und auf der Bestellseite für die Ticketflatrate steht inzwischen nur noch lapidar:

SPCO Memberships are not available for sale at this time.

War halt nur ein sehr kurzer Versuch.

Moritz Eggert

Das, was die auf dem Tisch stehen haben, will man nicht trinken, glaubt mir...

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2 Antworten

  1. Stefan sagt:

    Vielleicht will gar nicht jeder, dass durch seine Steuergelder Oper erschwinglich wird.

  2. Ja schade, dass wir nun nicht erfahren, wie das mit der Flatrate klappt. Wobei die Frage ist, was da denn klappen soll? Im Fall des SPCO ging es ja eigentlich nur darum, die Hürde des zweiten Besuchs herabzusetzen. Das kann bzw. konnte sich das Orchester leisten, weil es sich nur zu einem geringen Teil durch die Ticketeinnahmen finanziert.

    Bei uns stecken eher andere Ziele im Vordergrund, so sehen viele die Flatrate als Instrument gegen die sogenannte „Gratiskultur“ und hoffen, dass dadurch alle Künstler und Kreativen etwas vom Kuchen abbekommen. Während ich mir vorstellen kann, dass es das SPCO mit dem Experiment schafft, die Zahl derer, die nur ein einziges Mal Gast des SPCO sind zu verringern, sind die Vorstellungen hier eher unausgegoren. Ich glaube nicht an die Verteilungsgerechtigkeit mit Hilfe der Flatrate und mit dem Begriff der Gratiskultur, wie er in diesem Zusammenhang verwendet wird, kann ich nichts anfangen. Ganz im Gegenteil. ;-)