Henze gestorben, Katerstimmung nach Donaueschingen

Hans Werner Henze (01.07.1926 – 27.10.2012) (Quelle nmz, Charlotte Oswald) 

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Wie man soeben erfahren kann, ist der Großmeister Hans Werner Henze gestorben. Damit bleibt von den jungen, namhaften Komponisten der 50er Jahre nur noch Boulez am Leben. Jetzt ist wahrlich eine grosse Zeit vorüber, die Neue Musik muss nun ohne ihre Gründerväter des zweiten Anfangs nach der Nazi-Zeit, die die erste Neue Musik der 10er, 20er und frühen 30er aus Deutschland vertrieb, auskommen. Natürlich tut sie das schon länger, seitdem schlichtweg jene Generation allmählich zu Rentnern wurde. Die lebendigen Heroen jener Zeit waren aber immer doch eine Art Beruhigungspunkt etlicher Kontroversen, so sehr sie selbst und sich an ihnen gerne Widerstreit erhob. Henze hat ja bekanntlich nach seinen Nachtliedern und Arien endgültig Donaueschingen den Rücken zugewandt, blieb dennoch immer wieder mit überraschenden Werken an der vordersten Front, sei es rein politisch das Floss der Medusa, sei es formal mit El Cimarron. Hauptsächlich schuf er ein Werk in klassischen Glanz, versuchte dies mit sozialkritischen Inhalten aufzubrechen, oder doch besser, eher anzureichern. Und er kämpfte immer unverdrossen für die politische, individuelle und künstlerische Freiheit. Unvergessen sein frühzeitiges Engagement in Montepulciano, um kulturferne Menschen mit eben seiner Kultur zu bereichern und das eigene künstlerische Potential der Bewohner dieser Stadt herauszufordern, heute würde man ihn als einen der ersten Musikvermittler bezeichnen. Genauso die Gründung der Münchener Biennale für zeitgenössisches Musiktheater, die immer wieder für Freude und herausfordernden Ärger auf allen ihren Ebenen sorgte.

Mit Spannung kann man nun erwarten, wie die Bayerische Staatsoper, selbst ein kleines Uraufführungshaus für Henze (Venus und Adonis), anlässlich Jörg Widmanns Babylon-Oper, einer der jüngsten und prominentesten Henze-Schüler, eine Schweigeminute einlegen wird. Wie das Stück auch immer über die Bühne kommen wird, könnte die Premierenfeier danach sehr kurz ausfallen. Es wäre zumindest angemessen. So würde sich die Münchner Kunstwelt schon ein paar Tage vor den Tanzverboten von Allerheiligen eine ernste Feiertagsstimmung auferlegen. Man hörte von der Generalprobe schon kontroverses von aufblitzenden, riesigen, kompositorisch virtuosen Tableaus bis hin zu Improvisationen, die ein wenig mit einer mehr als verspäteten Partiturabgabe zu tun haben könnten. Bleibt zu hoffen, dass das Inhaltliche des Librettos von Peter Sloterdijk nicht zu sehr im Spektakel von la fura dels baus verschwindet, wie es zuletzt mit den Katalanen in Turandot passierte, als man Puccini mit Lius Tod enden liess – wie man weiss und aus all den Vollendungen durch Alfano und Berio raushören kann, starb Puccini eben nicht an jener Stelle, wie Toscanini pathethisch in der Uraufführung dort abbrechend verkündete. Nicht zu vergessen die gnadenlos bildlich blendende, aber an der Musik vorbei zielende Ver-Nitsch-ung von Messiaens Franziskusoper oder der genauso unfertig wirkenden Tragödie des Teufels von Peter Eötvös an der Bayerischen Bachleroper.

Johannes Kreidler und das Fusionsinstrument (Quelle nmz, Autor Hans Kumpf)

Katerstimmung allerorten! In den sozialen Netzwerken streitet man sich gerade über die Protestaktion der GNM zu Fusion der SWR-Orchester, die Johannes Kreidler ausführte. Man sieht die grundsätzliche Richtigkeit dieser Handlung, mäkelt aber herum, dass nur ein Mensch, eben Johannes, dies auf der Bühne vollzog. Letztlich war es ja eine gemeinsame Entscheidung der GNM, es so durchzuführen, die zu zerstörenden Instrumente der Musiker zu organisieren, im Saal zu protestieren und Flyer herabzuwerfen. Wem das zu wenig ist, der schaue sich 1000mal die versteinerte Miene des SWR-Intendanten Boudgoust an. Für mich packend war die mediale Auseinandersetzung damit. Ich erfuhr zuerst über Facebook davon, hörte später den Audiomitschnitt, sah zwei Tage später endlich das Video. Ich kann nur sagen, Ihr dürft lachen: es rührte mich zu Tränen, wie Johannes mit der Zerstörung von Geige und Cello mahnte, bestehende Orchester zu retten. War „one“ for violin solo von Nam June Paik nicht dazu angetan, gerade diese Institution zu kritisieren? Was für ein Bedeutungswandel. Da sollte nun die echte Auseinandersetzung ansetzen: War dies Fluxus, wie jeder gleich zu sagen anhebt. Oder doch eher ein Happening, bezog es doch das Publikum mit ein. Es war für mich wie eine Kommunion, die durch diese Aktion an die Ursprünge von Künstler-Ritualen der Musik und bildenden Kunst der 60er Jahre erinnerte, es eucharistisch vergegenwärtigte. Das ist jetzt sehr hochtrabend! Dennoch glaube ich allmählich fast im religiösen Sinne, dass jene Performances der Urzeit der Neuen Musik nicht nur dokumentarisch oder erzählerisch auf uns Jüngere kommen müssen. Sie müssen schlichtweg wiederholt werden!

Ähnlich berührte mich dann das „Es lebe die Kunst“-Rufen nach Francois Xavier Roths Worten im Abschlusskonzert: „In was für einen Deutschland wollen Sie leben?“ Diese Aktionen überwölbten somit bei weitem all die Orchesterwerke, hatten es selbst die politischeren dieser oder der Ensemblekonzerte schwer dagegen anzukommen. Schade, dass dadurch z.B. kaum ein Wort über Klaus Schedls „Selbsthenker II“ verloren worden ist. Wie ich in meinem Livestreamtmitnotat sagte: Wir brauchen wohl wirklich eine Neue Musik, die inhaltlich agiert und sich nicht selbstverständlich formalen und strukturellen Abläufen, klassischen Dramaturgien hingibt, dennoch nicht die Wahrnehmungsfreude der Zuhörer negiert, wie es dann all die zu langen Stücke, wie leider auch Stefan Prins „generation kill“, taten. Die Zeitlichkeit eines Schlachtfelds ist doch was Anderes als die eines Musikstücks. Dennoch gefiel mir ausserordentlich die Gestaltung von Musikern und Projektion, wie man es im Video mitbekommen kann. Bis Mitte nächster Woche sind die Videos des Nadar-Konzerts und des Abschlusskonzerts online! Es bleiben uns wohl auf Dauer nur zwei Wege: Sinfonien wie Henze zu komponieren, richtig in die klassischen Genres eintauchen. Oder Formen doch erheblich stärker aufzustemmen als momentan möglich. Dies geht nur über Cage selbst. Macht dies ein Jüngerer, dürfte sein Stück selbst vom SWR-Orchester Freiburg und Baden-Baden zurückgewiesen werden. Erfüllte nicht Franck Bedrossians vom Orchester prämiertes Stück „Itself“ genau diese Parameter eines richtigen, Klangströme und Texturen abbildenden Opus? Das spannendste dieses Konzertes, neben den Protesaktionen, waren Probenausschnitte zu Ganders „hukl“, als mitten im rhythmischen Wüten Roth das Orchester laut Zählen ließ. Mehr davon! Wie gesagt, selbst Henzes Floss der Medusa verlangt mehr szenische Aktionen und inhaltliche Herausforderung auf der Bühne als ein heutiges Donaueschingen-Orchesterstück.

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6 Antworten

  1. Alexander, ich glaube Du wolltest doch eigentlich schreiben:

    „Bleibt zu hoffen, dass das Inhaltliche des Librettos von Peter Sloterdijk im Spektakel von la fura dels baus verschwindet…“

    oder? Zumindest ist es das, was ich für heute abend inständig hoffe :-)

  2. und für Hans schreibe ich in den nächsten Tagen noch einen Nachruf, bin im Moment noch zu verwirrt, obwohl man damit rechnen musste.

  3. Alexander Strauch sagt:

    a) bin auf deinen nachruf zu henze sehr gespannt, bist du ihm ja öfters persönlich begegnet.
    b) inhalt und sloterdijk und babylon: ich hoffe, dass allein jörgs musik da schon das ihrige tun wird. immerhin sagte der philosoph, dass der komponist von ihm vulventexte wollte… man sieht sich im nationaltheater!

  4. Bekehrter sagt:

    Ausgerechnet in Dresden, wo erst vor anderthalb Monaten beim River eine Tageszeitung (die nicht DNN heißt) regelrecht versuchte, eine Wiederholung des Konwitschny-Skandals von 1999 herbeizuschreiben; in einer Weise, bei der einem die Redewendung „sturmreif schießen“ in den Sinn kam. Hat nur leider so garnicht geklappt. Trotzdem möchte man dem Frieden immer noch nicht trauen. Nicht bei dieser ohrenbetäubenden Stille, was die Frage betrifft, wie es nun mit der Semperoper weitergehen soll.

    Und gleich um 20.04 Uhr gibt es eine Sondersendung. Nein, nicht von der Rundfunkanstalt, zu deren Sendegebiet Dresden gehört (es sei denn, sie haben’s nur nicht geschafft, das auch ins Internet zu schreiben), sondern vom RBB-Kulturradio.

  5. JJ sagt:

    zu Henze:
    Ich werde diesen großen Künstler, die schönen Gespräche, die ich mit ihm führen durfte und natürlich seine Werke immer bei mir tragen! (im besonderen: Floß, El C., 4. & 7. Symph.; GENIAL!)
    Aber auch darüber hinaus wird er mir fehlen: Hans hat in vielen Jahren, als er noch „rüstiger“ war, dem Kultur-Apparat vorgelebt, was „Veranstalter-sein“ eigentlich, bzw. wirklich bedeutet: in dem man auch Strömungen unterstützte, die überhaupt nichts mit der eigenen zu tun hatte; wo nach Inhalten programmiert und Aufträge vergeben wurden und nicht nach Seilschaften.

    zu Jörg’s „Babylon:
    Bin gespannt, was Strauch und Eggert zu dieser Oper(?), bzw. inszenierter Kantate sagen werden. (Ich nehme mal an, dass die beiden „Münchner“ Kollegen gestern im Saal waren) Wenn ich es richtig gelesen habe, erhoffte sich Strauch, dass das inhaltliche von Sloterdijk’s Libretto nicht allzu sehr im Spektakel von la fura verschwindet (worauf ich Strauch ausnahmsweise einmal für diese seiner Aussagen herzlichst applaudieren möchte; denn ich verstehe bis heute nicht, was an denen, mit ihrem Jahrmarkt-Mumpitz so toll sein soll, dass sie sich gerade an Opernhäusern so breitmachen konnte!?!
    Und Eggert hatte sich, wenn ich es richtig verstehe, das Gegenteil erhofft, dass Sloterdijk’s Inhalte von La fura verschluckt werden. Abgesehen einmal davon wer nun Sloterdeijk verschluckt; auch diesem Statement musste man im Vorfeld dieser Oper applaudieren. Als ich das hörte: Sloterdeijk als Librettist; wow? Nach außen hieß es, Jörg hätte sich Sloterdeijk als Librettist sogar „gewünscht“. So wie der Autor, der hier schreibt, den „Betrieb“ selber kennengelernt hat, kann ich das nicht glauben. Die Mischung: „Sloterdeijk-La-Fura-und dann irgendwann mal Widmann“; das klingt erstmal nach „Kuppel-Ehe“ eines gewieften Opernintendanten, der ein interessantes Gesamtpaket schüren will/muss/kann. Aber wenn’s stimmt: Das wäre ja geradezu paradiesisch, wenn sich junge Komponisten an den großen Opernhäusern ihre Texte und Texter „selber“ aussuchen dürften! Aber zurück zum Thema: wie gesagt, ich bin gespannt, wie es im Saal war. Ich hatte es nur im Radio verfolgen können; wobei ich sagen muss, dass ich auf dieses „nur im Radio hören“ recht froh war, lediglich einen „Hörplatz“ zu haben, denn die Lesart der La fura von Stockhausen’s Sonntag in Köln brennt mir noch heute in den Augen, so grauenhaft kitschig ließ sich das damals in Deutz ansehen. Was mal wieder zeigte, dass Opernveranstalter auch vom bildlichen her, von Tuten & Blasen keine Ahnung haben! Ich empfehle Intendanten und Operndirektoren, auch meinen Komponistenkollegen, mal einen Besuch von Galerien, um herauszufinden, wie es um die bildenden Künste besteht, was da passiert. Zur Sportveranstaltung bei der Olympiade in Barcelona war das mit La Fura vielleicht eine „erfrischende“ Sache. Aber schaut Euch doch mal deren Ring an; alleine das muss doch selbst jenem mit nur halbwegs gutem Verstand von bildender Kunst wie ein fetter „Burger“ unverdaulich im Magen hängen.

    Aber im Sinne von Henze, „auch Strömungen zuzulassen, die mit der eigenen Position nichts zu tun haben“, bin ich offen und gespannt, wie sich das ganze Widmann’sche Babylon im Saal gegeben hat.

    Im Radio, also nur als Höreindruck dachte ich mir zu Beginn, dass diese Eingangsmonodie ein stimmiger Einstieg war. Dann brach der Orchesterklang hinein und ich dachte mir: WAS WAR DENN DAS?? Schnell schoss mir der Beatles-Titel „HELP“ durch den Kopf; „zu Hilfe, zu Hilfe!! Was war denn das mit diesem Choral da am Anfang? Gut, im Vorgespräch mit den Compositeur bekam man gesagt: dass die Mehrschichtigkeit sprachlicher Einflüsse in Babylon nicht über den Text, sondern durch die Musik getragen wird: Polystilistik? Hä? Eh? What the f—?! Och nee? Dazwischen dann immer wieder eine fließende Harmonik-Süffisanz, die als Gerüst verbindlicher hätte nicht sein können. Wenn es mal Brechungen gab; waren es für mich (rein vom Höreindruck) stets sehr planmäßige, in der Art wie sie erschienen, bzw. auftauchten, aber hatten nicht wirklich die Kraft, auch als Brüche in the best Sense of the Word, standzuhalten. Wenn es sie gab; und zu Beginn gab es sie reichlich & die Karnevals-Szene zum Ende hin. Blieb eher beim „Stilbruch“ bzw. einer rein planbarer Unstimmigkeiten; nicht wirklich Brechungen, sondern eher nur stilistischer Dissonanz!

    Fazit: Es scheint so, als hat sich Jörg zu sehr an den Stil von La Fura angelehnt. Ja man muss es fast sagen, es hört sich stellenweise so an, als hätte Jörg diesem Jahrmarkts-Mumpitz der La Fura regelrecht „in die Hände gespielt/ komponiert“. Wo war an dem Abend jetzt der Komponist Widmann in dem Ganzen?? Was man da hörte klang, was man bei La Fura sieht: Kraut & Rüben-Ästhetik! Auch das ist etwas! Ich möchte mich nicht hier her setzen und sagen, dass das „NIX“ war! Ganz im Gegenteil: es war einfach mal wieder viel zu viel! Das ist aber das Grundproblem von La Fura, dass die einfach zu viel wollen! Schade, dass der Komponist da nicht in der Lage war, dem musikalisch-klanglich etwas entgegen zu setzen. Ich hatte das Gefühl, dass hier kein autarkes Bühnenopus vorgelegt wurde, sondern eher der „Soundtrack“ zu La Fura!

    Aber es liegt nicht so sehr an dem Compositeur; der hat sich wahrscheinlich bemüht. Und gerne würde ich mir das auch mal im Saal ansehen, bzw. anhören. Das ist immer noch mal etwas ganz anderes, das ist ganz klar!!
    Deshalb stoppe ich hier und freue mich auf die Kommentare des lieben Strauch und des lieben Eggert; wie es denn nun im Saal war; La Fura-Mumpitz hin oder her! Mit liebem Gruss aus der Hauptstadt, Euer JJ

  6. Alexander Strauch sagt:

    Ebenso Grüße in die Hauptstadt!! AJS