Was ist Solidarität? – Für Lutz Landwehr von Pragenau

Lutz Landwehr von Pragenau

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Ja, was mag sie nur sein. Denke ich an sie, fallen mir nicht Komponisten, sondern zuerst Bilder aus den Achtzigern ein: Nicht die muskelbepackten Village People, davon einer mit Bauarbeiterhelm. Die streikenden Danziger Werftarbeiter mit ihren Helmen, ein Mann über das Eingangsgatter kletternd, wohl Lech Walesa. Solidarnosc! Jeder sollte wissen, wozu dies führte: Streiks gegen das herrschende kommunistische System, Verfolgung, Kriegsrecht, schließlich doch der unaufhaltsame Sieg all der verschiedenen Meinungen unter dem Dach der Solidarnosc, das Ende des Ostblocks, Mauerfall. Am Ende dann der Zerfall der Bewegung in all ihre Unterglieder. Man stand im richtigen Moment der Geschichte zusammen, ging dann wieder nach Erreichen des Hauptziels seiner eigenen Wege. Das war irgendwie traurig, aber doch auch Hoffnung aufbauend: Solidarnosc verband man immer mehr mit radikalkatholischen Werten denn mit dem Aufbruch in demokratische Toleranz. Was naturgemäß jene Konservativen wiederum anders sehen würden. Aber das gehört hier nicht her.

Solidarität unter Künstlern? Das scheint meist die Freude, Schadenfreude der Zukurzgekommenen zu sein. Lästern über den Erfolgreichen mag kurz das Gefühl von Trost spenden und Zusammengehörigkeit suggerieren. Doch wendet sich die Tuschelgemeinschaft schnell gegen ihre lautersten Charaktere, wenn man dabei davon überhaupt sprechen kann, sobald einer von ihnen Erfolg haben mag. Was Erfolg auch immer sein mag. Besser erscheint da die Cliquenbildung in ästhetischen Fragen. Das trägt weiter, kann im besten Fall ein gemeinsames Label erzeugen, sorgen die bekannteren Zugpferde auch für das Weiterkommen der Unbekannteren. Solange man sich in künstlerischen Fragen oder in Dingen der Verantwortung nicht in die Quere kommt, ist das tragfähig, bis die Zugpferde davongaloppieren. Hat der Apparat vorher einigermaßen gut funktioniert, verläuft die Stabübergabe reibungslos, können die Zurückgebliebenen vielleicht nun selbst stärker auf sich aufmerksam machen und bekannter werden. So kann dies eine Bank der Solidarität sein. Arbeitet die Maschinerie allerdings irgendwann nur noch zur Absicherung der Emporgekommenen, ist die Tuschelrunde schon am Horizont zu vermuten. Kommen die ästhetischen Haltungen abhanden oder dürfen die Nachfolger endlich mal Hardliner spielen, wird die Solidarität mit den Altvorderen unnötig aufs Spiel gesetzt.

Es ist schon oft eine Krux neben sich andere Künstler zuzulassen! Besonders schwierig liegt der Fall, wenn man der Ausbildung entronnen ist und nun loslegen darf und muss. Da muss man sich leider all zu oft gegen die eigenen Altersgenossen abgrenzen, seine Seilschaften bilden und diese durch weitere Abschottung sichern. Der Run an die Fleischtöpfe der Aufträge und Stipendien tut dann sein Eigenes und reibt diese Klettergemeinschaften auf. Die Hängenbleibenden oder Herabfallenden sind allerdings der Markstein der Fähigkeit zum Zusammenhalt: Wahre Größe oder weniger pathetisch richtige Geduld zeigt sich dann, wenn man die Anderen ihre wunderlichen Runden drehen lässt, ihnen die fürgeblich schlechten Stücke nicht negativ anrechnet. Weiß doch jeder selbst, wann er Mist gebaut hat und lieber beim nächsten Mal einen anderen, offeneren Weg nimmt oder Stücke schlichtweg überarbeitet. Denn der Ersteindruck ist für Beurteiler wie Beurteilten oft der ungünstigste. So wäre richtige künstlerische Solidarität, die Fehler des Anderen zuzulassen, ihm unendlich viele Chancen einzuräumen, vielleicht auch an dessen rückwirkende Kollegialität zu denken, die öfters schon im Geheimen geholfen hat, als man es je erwarten würde: Denkt man von jemand Schlechtes, glaubt man, dieser denke genauso das Übelste. Ja, und nicht zu vergessen, die graue Verbandsrealität: Dem über allen Dingen Schwebendem kommen die in Verbänden sich Engagierenden oft wie künstlerisch Zurückgebliebene vor, die ihre Defizite damit auszugleichen suchen. Da wird in Schriften ästhetische Härte oder Freiheit verkündet, wenn es um beinharte Politik geht, engagiert man sich nur unter Qualen oder lässt besser gleich die Anderen ihren  Kopf hinhalten. Im besten Falle wird man schon profitieren, im schlechtesten war man am Desaster nicht beteiligt. Ja, was sollten die „Zurückgebliebenen“ auch nichts anderes vermögen als Chaos und Untergang, wenn sie nach dem Großen greifen.

Solidarität fordert also den zum Neid Tendierenden wie den beruflich erfolgreichen Einzelkämpfer mit seinen ausgeprägten Mitnahmeeigenschaften. Mag Kunst von Stück zu Stück neu erkämpft und mittelfristig gelöst werden, ist Solidarität eher in kurzfristigen Zweckgemeinschaften zu finden, wie in jener eingangs genannten polnischen Bewegung. Langfristig funktioniert sie nur unter hoher Geduldsbreite, muss man ein Leben, eine Kollegenschaft lang darum ringen. Man muss sie immer wieder neu erkämpfen und sich erneut verdienen, besser, wieder in Erinnerung rufen. Es ist eine notwendige Noblesse all den Künstlern höchsten Respekt zu zollen, die maßgeblich ihre Zeit in Berufsverbänden verbringen und ihre Schaffenszeit dem Wohlergehen der Gemeinschaft opfern. Natürlich kämpfen sie dabei nicht immer um die Dinge, die dem Einzelnen gerade als wichtig erscheinen mögen. Über die Jahre betrachtet halten sie aber gesellschaftlich die Fahne für die Kollegen hoch und erinnern Politik und Finanz an deren Pflichten. Dazu ist die gleiche Beharrlichkeit erforderlich wie zum Durchhalten eines ästhetischen Weges. Man könnte fast sagen: Engagement ist Kunst!

Aber es gibt auch jene ganz persönliche Solidarität, die sich in Anteilnahme an Lebenswegen von Kollegen zeigen mag, von denen man aus verschiedensten Gründen lange nichts mehr gehört hat. In meinem Falle war dies gestern Abend, einen Tag nach Tutuguri, der Besuch eines Konzertes in Sankt Maximilian, dem Münchner „Notre Dame de Glockenbach“, meines Kollegen Lutz Landwehr von Pragenau. Dieses fand wiederum aus solidarischen Gedenken für eine Münchener Dichterin namens Marianne Hofmann statt, die im Frühjahr dieses Jahres verstarb. Ihr Werk, besonders der Roman „Es glühen die Menschen, die Pferde, das Heu“, wurde immerhin bereits mit „Herbstmilch“ verglichen. Lutz verlor ich irgendwann noch vor der Jahrtausendwende aus den Augen, obwohl ich ihn hier in München wusste. Ein wenig schien er sich aber auch selbst von dem Auf und Ab der Münchner Szene zurückgezogen zu haben. Über gemeinsame Bekannte bekam ich doch immer wieder einiges über ihn mit, begegnete ihm dann letztes Jahr wieder. Er steuerte zu jenem Konzert ein bezauberndes Duo für Violine und Tenorblockflöte bei, das zwar so gar nicht meiner momentanen musikalischen Welt entspricht, in seinen killmayerischen und doch stilleren Anwandlungen dennoch ein klares und überzeugendes Bild des Komponisten und seines Denkens aufzeigte. In Stille ging es dann mit „Klang Wort Klang“ für Violine, Schlagzeug und Sprecher über Assoziationen Marianne Hofmanns zum Begriff „Wort“ weiter. Der zerbrechlichste Moment war das Tam-Tam-Schlagen mit einem glasperlengefüllten Weinglas, was für ein weiterer Gegensatz zu Rihms schreienden Tam-Tam-Spielern im samstäglichen Tutuguri. Hier ging Lutz wesentlich abstrakter vor und ließ sich von den Buchstaben der Worte zu direkten Tönen und einer eigenen Morphologie inspirieren, die eine schlichte und doch eindrückliche Sogwirkung entfaltete.

 So wurde aus „C“ „C“, aus „Es“ „S“, etc. Das erinnerte mich an eigene Versuche, mit denen ich sogar jeden Buchstaben, der nicht als Tonname wiederzufinden war, durch Substitutionsverfahren in Klang umdeutete. Überhaupt wurde mir da erst wieder klar, wie viel ich Lutz verdanke! Einerseits erinnerte er mich am Anfang meines Studiums daran, nicht alles Gesagte der Professoren für bare Münze zu nehmen. Andererseits regte er mich zum genaueren Studium der Musik Morton Feldmans an, was mir Einblicke in saubere Tonhöhengestaltung gab. Darauf legte auch unser gemeinsamer Lehrer wert, mit Feldman hatten wir Beide aber eine Welt, die dem Professor Bose nicht ganz zu eigen war. Jahre später baute mir das eine Brücke zu Hans Zender, an der allerdings auf ganz andere Art und Weise Bose wiederum mitbaute, der sich eine Zeit lang für dessen Stephen Climax begeisterte und dies, so schien es mir, in seinen Schlachthof V einfliessen liess. Das machte mich nach der Münchener Meisterklasse um so neugieriger auf den damaligen Frankfurter. So mag ich Lutz zwar sehr lange aus den Augen verloren haben, dennoch erinnerte mich die gestrige Begegnung an unsere gemeinsame Studienzeit, ja, an die Grundlagen meines Schaffens, wofür ich ihm jenseits unserer heutigen verschiedenen Ansichten wohl mehr als danken muss.

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Alexander Strauch

KomponistIn