Tutuguri Wolfgang Rihms zur musica viva Saisoneröffnung – totale Sexualisierung

Heute, oder gestern? Bin ganz aus der Zeit geraten. Bisher kannte ich Wolfgang Rihms „Tutuguri – Poeme danse für grosses Orchester, Chor vom Tonband und Sprecher“ nur aus youtube-Ausschnitten und einem vor 20 Jahren gelesenem Rihmbuch (Der Komponist Wolfgang Rihm. Schott Verlag, Mainz 1985). Ob man nun Antonin Artaud oder lieber Jean Genet mag, sei einem selbst überlassen.

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Ob man auf expressionistisch deklamierende Sprecher oder neutrale Computerstimmen abfährt, sei genauso offen gelassen. Wie es aber zur musica-viva-Saisoneröffnung im Gasteig tobte und stob, im Orchester während der Aufführung und danach im Publikum, wie differenziert, sehr leise akkurat und im richtigen Augenblick fett hineinhauend durch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks musiziert wurde, fantastisch dirigiert durch Kent Nagano, blieb einem die Spucke weg, die wiederum André Willms – zuletzt in Aki Kaurismäkis Film „Le Havre“ gesehen – dazu einsetzte, um den Text zu schreien, zu fauchen und zuletzt zu stöhnen. Dachte man in den ersten drei Teilen in Vollbesetzung an eine Welt zwischen Nono und Xenakis, unkonstruiert herausgeschleudert wie eine unverfrorene Massierung von Alban Bergs drei Orchesterstücken mit allen Nebenwirkungen, erinnerte der vierte Teil nur für die sechs Bühnenschlagzeuger wie vier im Raum verteilte brachiale Tam-Tam-Spieler und die sinngemäßen „hek-pek-ti“-Choreinspielungen – wirkungsvoll in der Klangregie von Zoro Babel – an kräftemässig fünffach übersteigerten Orff. Man sah die Musiker das Pferd aus Artauds Text im Saal herumtreiben und darauf den nackten Jüngling auch ohne Bühne: totale Sexualisierung in der Philharmonie! Wie meinte ein Musiker nach der vollbrachten Schwerstarbeit: Jetzt ginge es ihm unglaublich gut, nicht weil es vorbei sei, nein, weil er eben insbesondere durch dieses Riesenwerk musste, das so einen viel grandioseren Rihm offenbart als all seine heutigen virtuosen und klang- wie formschönen Kompositionen. So rufe ich Rihm zu: „Ach Wolfgang, nimm mich auf Deinem Pferde mit! Dein Tutuguri, einfach nur saugeil!!!“

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