Geständnis eins – mein erstes Streichquartett

Jetzt geht das schon wieder los! Ich möchte endlich ganz oft in einem Text das Wort Streichquartett bemühen. Prompt schreibe ich schon wieder „Strauchquartett“. (Das obere Bild ist übrigens aus Bergs Skizzen zur Lyrischen Suite, Link zur MuWi der LMU!!) Nimmt man an, dass die holzliefernden Gewächse klassischer Streichinstrumente auch mal nur strauchgross gewesen waren, steckt in meinem Verschreiber sich selbsteinlösende Prophetie. Immer dieser Weihrauch, der mit dem Thema „Oh Quartett“ einher geht. Als ich das letzte Mal hier im Blog öfters über Quartette kommentierte, unterlief mir auch das „Strauchquartett“. Es ging wohl um die Rihms. So ist eine Sache bereits sonnenklar: Ich schreibe nun auch Quartette, weil ich genauso in einer Performance zerrissen werden möchte wie es dem Badener just in einem rheinländischen Theater vor ein, zwei Jahren passierte? Kein guter Grund! Dennoch, man muss sagen, dass es eine Ehre wäre, von manchem Menschen eins auf die Mütze zu bekommen.

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Vulgäres Geschwafel! Aber Streichquartette lassen wohl nur zwei Betrachtungsweisen zu: Skrupel und auf hohe Sockel hieven. Verachtung und Verriss. Wie wir alle wissen, handelt es sich bei Streichinstrumenten um besonders teure Musikinstrumente, sind die ältesten erhaltenen Exemplare der Stradivari-Zeit manchem Sammler soviel Wert wie anderen ein mediokrer van Gogh. Und wie hübsch sind die bourgeoisen Kinderbilderbücher, die den Geigenbauer beim Holzsuchen, Feilen und Lackieren zeigen (ich finde gerade keinen Link, schwöre aber Stein und Bein als Youngster mal sowas gesehen zu haben…) als sei er ein Meister Eder. Wo blieb nur sein Kobold? Heute ist es natürlich allemal hipper, wenn man Steve Jobs Memorial-Videos von Apple-Produkt-Präsentationen posthum zusieht. Aber wer ist sein Kobold?

Jene Pumuckls sind somit wohl wir Komponisten, die diese filigranen Wunderwerke schaben und krächzen lassen. Allerdings soll Stradivaris Fast-Zeitgenosse Monteverdi auch schon das sul ponticello-Kratzen vorgeschrieben haben. So scheint „Streichquartett“ trotz der dicken Spieltechnikkataloge nichts neues dem Musikgeschehen hinzuzufügen, ja manchmal denkt man bei diesen dicken Spielanweisungslegenden an junge Epheben, die im Quellekatalog leicht bekleidete Damen bei der Unterwäsche durchblättern. So lassen sie den Leser ihrer Werke nach der Seidennaht des neuesten Bratschen-Ritschs als sei dies der wahre Klang von Kompositionsmasturabtion. Also ehrlich, warum dieses alte Genre? Hört man mal über die Strukturen hinweg, klingen selbst die gestrengen Quartettschreiber Xenakis und Lachenmann wie Beethoven, gibt es keine Soggetti von Tönen, sondern welche von Klangaggregaten, die genauso in Imitationstechnik wie anno dazumal durchgeführt werden.

Dennoch kann ich nicht anders, als endlich selbst dem Überflüssigen noch weiter Unbedeutendes hinzuzufügen! Eigentlich hätte ich längst Versuche in die Richtung unternehmen müssen. Immerhin spielt das Violoncello in jedem zweiten Werk von mir eine Rolle. Ja, ich komme von diesem Instrument. Aber gerade das Wissen um all die Möglichkeiten und die Lust, diese wenn überhaupt nur aus wichtigem Anlass dann erst Recht in einem Quartett einzusetzen, ließen mich zögern. Das klingt nun genauso, wie jeder Quartettentschuldigungstext. Was aber verschärft bei mir hinzukommt: Denke ich an Töne, dann spüre und sehe ich Griffe und Lagen am Violoncello, an der Bratsche, auf der Geige. Jeder tonhöhengebundene Imaginationsvorgang führt zu gedachten Streichinstrumenthaltungen. So ist es fast schon therapeutisch, mal mit dem Quartetteln loszulegen.

Unser Hauptproblem ist doch, dass jeder sofort Meisterwerke erwartet, wenn jemand ein Streichquartett zu Schreiben annonciert. Aber schrieb jeder Klassiker sofort ein Meisterwerk für jene Besetzung? Nein! Aber Ausprobieren gilt nicht. Das geht nur, wenn man noch dickere Legenden für die Ardittis verfasst als der letztjährige Jahrgang. Und heraus kommt selten mehr als knackendes Holz. Wie beneidet man dann in jenen Solitude-Konzerten Stradivari beim Holzbrechen während seiner Waldexkursionen! Nur raus hier! Aber es seien immerhin die Quartette von Georg F. Haas oder Bernhard Lang nicht vergessen. Oder Hurts „kleines“ Quartett, das Streichtrio „Frommers Dinge“. Es geht also doch. Ich höre zumindest den Bayerischen Hias beim robinhoodhaften durchs Unterholzbrechen und seine berühmte ihn tötende Knochenbrechmaschine vor den Toren Dillingens. Demnächst mehr! Ansonsten sei auch schmerzlich und selbstkritisch an die Diskussion unter „Institutionen komponieren“ erinnert.

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