Wir müssten mal miteinander reden – GEMA und youtube haben sich (noch nicht) lieb

Als ich heute in Köln an einer Baustelle vorbeiging, lief dort das Radio und es war plötzlich laut und deutlich das Wort „GEMA“ zu vernehmen. Das liegt daran, dass heute in Hamburg ein Urteil im Rechtsstreit der GEMA mit youtube gefällt wurde, das nun in aller Munde ist, und irgendwie sind beide Seiten gleichzeitig glücklich und unglücklich und müssen vor allem mal wieder miteinander reden und verhandeln. Eine riesige Baustelle also.

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Hier kurz die Vorgeschichte – es gab schon mehrere Anläufe, aber GEMA und youtube konnten sich bisher nicht über die Lizenzgebühren im Internet eignen. Während andere Verwertungsgesellschaften youtube eher entgegenkommen, bleibt die GEMA – auf gründlich deutsche Art – hart, was nicht ganz falsch ist angesichts der großen Einnahmen von youtube bzw. google , die ja zu einem großen Teil durch geschützte Werke generiert werden. Als youtube vor einigen Jahren anfing, waren dort vor allem Home Videos und Kurzfilme zu sehen, inzwischen ist es zum MTV von heute geworden, eine gigantische Marketingmaschine, auf der bewusst Trailer, Clips und Werbefilme platziert werden, aber eben auch die populären „Lieblingslieder“ von tausenden von Fans.

Wie schnell das gehen kann, habe ich selbst erfahren können, als ich mit der Band 2raumwohnung letztes Jahr ein Projekt mit dem HR machte – quasi Sekunden später waren die ersten bootlegs bei youtube zu sehen, vom Radio aus aufgenommen.

Nun ist ja nicht unsympathisch, wenn es ein Medium gibt, in dem sich Menschen gegenseitig ihre Lieblingsmusik zeigen können, und für viele Fans Neuer Musik ist youtube inzwischen eine wunderbare Fundgrube von seltenen Aufnahmen obskurster Werke geworden, die liebevoll mit gescannten Partiturseiten präsentiert werden. Wenn ich ehrlich bin, ist youtube inzwischen für mich ein wertvolles Werkzeug im Kompositionsunterricht, da man ganz schnell etwas zeigen kann, was ansonsten nur verbale Anmerkung bliebe. Aber die Frage ist natürlich schon, wer hier mit was Geld verdient.

Um bei dem Beispiel von letzter Woche mit den Brötchen zu bleiben: Wenn jemand ganz viele Brötchen aufkauft, sowie weggeworfene Brötchen aufsammelt und sie umsonst an eine große Menge von Menschen verteilt, stellt das nicht die Tatsache in Frage, dass die Herstellung der Brötchen einen Arbeitsaufwand bedeutet, Geld kostet und entsprechend vergolten werden muss. Sprich: wenn es etwas umsonst gibt, ist es nicht plötzlich wertlos geworden.

Dies fordert die GEMA seit längerem bei youtube ein, was in den imageschädigenden „Blockiertes Video“- Nachrichten resultiert. Wenn ich die GEMA wäre, würde ich bei youtube übrigens sofort einklagen, dass youtube sich hier zumindest auch selber als Mitschuldigen der Videoblockierung nennt oder diese affige „ätschibätschi“-Tour ganz lässt.

Wie auch immer, die GEMA hat sich nach dem Scheitern der Lizensierungsverhandlungen 2009 entschlossen, 12 exemplarische Titel im Jahre 2010 einzuklagen (noch nicht einmal die allerpopulärsten Titel) und deren Sperrung oder Löschung zu beantragen. Die zentralen Fragen beim Prozess in Hamburg waren nun: ist youtube gezwungen, illegal hochgeladene Titel sofort zu erkennen (was einen immensen Datenaufwand und eine bisher noch nicht durchgeführte Kontrolle hochgeladener Videos bedeuten würde) oder ist es ok, wenn sie sie auf Aufforderung nachträglich sperrt oder löscht. Youtube tat es auf jeden Fall zu spät, so entschied das Gericht (Monate später).

Das Landgericht gab hier aber gewissermaßen beiden Recht: der GEMA, weil die Klage an sich als gültig anerkannt wurde, aber auch youtube, weil festgestellt wurde, dass es einem „Hosting“-Provider nicht möglich ist, den „Content“ stets zu kontrollieren.

Interessanterweise arbeitet youtube an genau an einem solchen Verfahren – nicht aber etwa im Dienste der Musiker, sondern …. um noch mehr Geld zu machen. Mit dem Verfahren „content-ID“ (bei dem Titel aufgrund ihre akustischen Fingerabdrucks sofort erkannt werden können) ist es möglich, geschützte Titel sofort zu erkennen, vorausgesetzt, dass die Rechteinhaber die Fingerabdruckkartei mit Informationen versorgen. Dann bietet youtube bei der Erkennung solcher Videos erweiterte Werbemassnahmen an, an denen dann wiederum die Rechteinhaber beteiligt werden sollen. Was natürlich, liebe Freunde der Neuen Musik, nicht heißt, dass plötzlich beim Anschauen eines Ferneyhoughvideos Werbung für Martini gemacht werden wird und Ferneyhough damit viel Geld verdient.

Da aber „content-ID“ zum Beispiel nicht ausreicht, um andere (zum Beispiel live gespielte) Versionen von Titeln zu erkennen, werden nun zusätzlich Wortfilter eingeführt, die Titel an Wörtern erkennen sollen. Es macht ja auch wenig Sinn, zum Beispiel einen Song von Lady Gaga unter einem anderen Titel hochzuladen, denn dann findet man ihn nicht.

All diese Technologien werden mit ziemlicher Sicherheit weiterentwickelt werden, da ein enormes kommerzielles Interesse dahintersteckt. Daher ist es vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis „content bots“ unsere „clouds“ durchsuchen, und dort nach „illegal content“ suchen. Oder bis – wie tatsächlich schon vorgeschlagen – auch innerhalb von Songs Werbung eingesetzt wird, um diese zu finanzieren. Da hört man dann den neuen Song von Bruce Springsteen und zwischendrin kommt dann Werbung für Jeans.

Womit wir spätestens beim Punkt wären, an dem Egbert Tholl von der SZ – wie neulich bei einer Pressekonferenz in München – aufspringt und schreit: „Kann denn hier niemand mehr a gscheits Deutsch reden!?????!!!!“.

Und den Piraten und Konsorten ist das alles eh egal, denn die werden immer Mittel und Wege finden, Musik in wesentlich höherer Qualität als bei youtube an den Mann bzw. Frau zu bringen. Und selbst Steve Jobs, MIterfinder von itunes, hasste bekanntlich das Format .mp3 und hörte am liebsten analoge Schallplatten.

Aber wichtig ist vor allem: GEMA und youtube reden wieder miteinander. Und vielleicht finden sie eine Lösung, die in irgendeiner Form Musiker und Komponisten auch gerecht entschädigt. Wenn sie sich plötzlich mal ganz, ganz lieb haben.

Moritz Eggert

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2 Antworten

  1. Da in der Diskussion um diese Thematik immer wieder der Brötchen/Brot-Vergleich kommt, möchte ich mir hier erlauben eine Lanze für den Lebensmittel-Handel zu brechen.
    Es gibt dort einen Ehrenkodex, den ganz ähnlich/analog auch Künstler unterschreiben:
    Wenn jemand ein Brot klaut, und er wird erwischt, dann drückt man ihm ein zweites Brot kostenlos in die Hand.

    Nur ….

    … alle Statistiken über Warenschwund in Kaufhäusern zeigen es auf ….




    .







    in den letzten 50 Jahren ist in ganz Deutschland kein einziges Brot geklaut worden.


  1. 21. April 2012

    […] dazu auch Wir müssten mal miteinander reden, Vorläufige Stärkung, Gema nicht zu […]