Eine kleine Geschichte aus Malaysia

Kulturförderung wird nicht nur bei uns kontrovers diskutiert. Immer wieder heilsam ist es, über den eigenen Tellerrand zu schauen und die Situation in anderen Ländern zu analysieren.

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hier spielt die Musik. Oder vielmehr bald nicht mehr.

Gerade heute wurde ich durch mehrere Artikel auf die aktuelle Kontroverse um das MPO, das Malaysian Philharmonic Orchestra, aufmerksam gemacht. Dieses Orchester wird hier wenigen etwas sagen, es ist aber Malaysias einziges professionelles philharmonisches Orchester westlich-klassischer Prägung. Gegründet wurde es vor erst 14 Jahren von einem Liebhaber klassischer Musik in den Rängen einer der größten und mächtigsten Firmen der Welt, der Petronas Oil Company. Das Orchester spielt in einem enormen Konzertsaal mitten in den Petronas Towers, einem der höchsten Gebäude der Welt. Aktuell wird es geleitet von Claus Peter Flor.

Für viele Orchestermusiker gilt das MPO als Traumjob – relativ wenige Konzerte, sehr gute Bezahlung und der Aufenthalt in einem landschaftlich wunderschönen tropischen Inselreich. Dass hier Homosexualität nach wie vor illegal ist und allein der Besitz von Drogen schon zur Todesstrafe führen kann, dass politische Dissidenten streng verfolgt werden und religiöse Konflikte zwischen Moslems, Buddhisten und Hindus an der Tagesordnung sind, mag hier vielleicht nur wenig stören, denn im Orchester spielen praktisch keine Malaysier sondern allein Ausländer aus aller Herren Länder. Man ist unter sich.

Das Publikum besteht vornehmlich aus den Reichen und Schönen der Hauptstadt KL (Kuala Lumpur) und befindet sich nach wie vor im Aufbau – nicht alle Konzerte sind glänzend besucht und immer wieder muss man sich populistisch geben, um sich der weiteren Förderung zu versichern (so geht es aber vielen Orchestern auf der Welt). Bei den Empfängen wird kein Alkohol serviert, die Chefetage von Petronas gibt sich gerne streng gläubig. Und die Musiker des Orchesters müssen stets durch strenge Sicherheitskontrollen (die Petronas Towers gelten als potentielles Ziel für fanatische Terroristen) um überhaupt ihr Orchesterbüro zu besuchen oder den Dienstplan einzusehen.

Trotz dieser Umstände gab es schon in den Anfängen des Orchesters den Versuch, eine regionale Orchestermusikkultur aufzubauen. Junge malaysische Komponisten wie Kee-Yong Chong (wie quasi alle Musiker in Malaysia chinesischer Abstammung) wurden mit Kompositionen beauftragt und immer wieder wagte man ungewöhnliche Programmideen. Nun droht aber das Schiff zu kentern, wie man hier nachlesen kann. Die Gründe hierfür sind in der gerade verlinkten Blogdiskussion schwer durchschaubar, und man muss sich durch eine Menge Verleumdungen, Gerüchte und gegenseitige Beschimpfungen durcharbeiten, um zum Kern der Sache zu stoßen. Musiker sind entlassen und Persönlichkeiten beleidigt worden. Die Zukunft des Orchesters ist ungewiss.

Nun ist das kein ungewöhnlicher Vorgang – auch hierzulande sind immer wieder Orchester bedroht. Warum ich aber das Beispiel dieses Orchesters bringe ist folgender: zwischen den Zeilen wird nämlich klar, dass das MPO trotz seines jungen Alters keinen Rückhalt mehr in der Firma besitzt, die es einst gegründet ist, nämlich Petronas.

Malaysia kennt keine Kulturförderung durch die öffentliche Hand, im Gegensatz zur Situation bei uns ist Firmensponsoring also das einzige Mittel, um klassische Musik zu fördern (und daran gibt es in Malaysia wie auch in China ein wachsendes Interesse, wie die baldige Gründung eines nationalen Musikkonservatoriums – vorher gab es nur eine Musikabteilung an der Uni – beweist). Petronas ist eine sehr, sehr reiche Firma, und irgendwann kam einer der CEO’s auf die Idee klassische Musik in seinem Land zu fördern, sei es aus echtem Interesse oder Statusdenken sei dahingestellt. Aber es geschah.

Nun ist dies 14 Jahre her, und in der Geschichte einer modernen Firma sind 14 Jahre eine Ewigkeit – quasi alles wird sich in dieser Zeit geändert haben, der Aufsichtsrat, die Firmenleitung, die strategische Ausrichtung. Und es kann sehr schnell gehen – viel schneller als sogar in Holland, wo man klassische Musik scheinbar plötzlich abschaffen will – dass ein Paradigmenwechsel stattfindet, und plötzlich ist das hauseigene Orchester zu teuer und rentiert sich nicht mehr, und niemand ist mehr da, der den Zweck des Orchesters verteidigt.

Und diese harte Realität des täglichen Business ist der riesige Unterschied von gesponserter Kulturförderung zu Kulturförderung aus staatlicher Hand oder aus Stiftungskapital: sie kann jederzeit und vollkommen unerwartet enden, während Regierungen umgewälzt und Stiftungen ihr Vermögen verlieren müssen, bevor ihre Arbeit sich verändert.

Ein Argument für Spahlingers Kritik am privaten Sponsorentum? Ist aber zum Beispiel die Siemens-Musikstiftung überhaupt ein Firmensponsor? Nein, sie ist eine private Stiftung mit einer klaren und dauerhaften Förderungssatzung, und das ist ein großer Unterschied zu z.B. Petronas. Die Siemens-Stiftung ist schlichtermaßen gezwungen, möglichst breitenwirkend kontinuierlich zu arbeiten.

Tatsache ist: Förderung durch Sponsoren allein kann nie eine dauerhafte Förderung sein, weil es in ihrer Natur liegt flüchtig zu sein. Auf sie allein zu setzen kann nie ein gangbarer Weg für die Zukunft sein – Kultur braucht Konsistenz, Dauerhaftigkeit, Kontinuität.

Das ist die Moral meiner kleinen Geschichte aus dem fernen Land Malaysia.

Moritz Eggert

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2 Antworten

  1. Alexander Strauch sagt:

    @ eggy: Drücken wir dem Orchester die Daumen!! Man kann seinen Aktivitäten übrigens auf Facebook folgen. Ein wenig erinnert dieses junge Orchester in den Armen einer Firma an die professionellen wie semiprofessionellen Werksorchester, welche es zahlreich vor dem 2. Weltkrieg in Deutschland gab. Dass der Anspruch hier allerdings höher gelegt wurde, sieht man allein am Namen des Orchesters, das quasi-nationalen Philharmoniker-Anspruch erhebt, wie auch die berühmten Tower der Firma Petronas mehr oder minder das globale Erkennungsmerkmal für Malaysia geworden sind, wie es Dubai, Kuwait und Shanghai mit ihren Towern versuchen. Interessant ist dieses fernöstliche Experiment westlicher Orchesterkultur allemal, wohl auch für die Vereinigten Arabischen Emirate, die komplette Museen- und Opernstrukturen aus Amerika und Europa importieren bzw. es planen.

    In den Händen einer quartalsgebundenen Firma hat solch ein Orchester natürlich heute einen schweren Stand, gerade in den Tigersprungländern, die sich so schnell wie möglich internationalen Entwicklungen anzupassen versuchen, um ja nicht abgehängt zu werden. Bemerkenswert auch, dass v.a. Chinesen Musiker sind, wenn Nicht-Europäer in diesem Orchester wirken. Das verweist tatsächlich gen China, wo man von westlicher Orchesterkultur allgemein begeisterter zu sein scheint und wohl längerfristig auszubauen glaubt. Den Konflikt kann ich nicht ganz durchschauen, dem das Orchester jetzt ausgesetzt ist – ich hoffe nur, dass ethnische Fragen keine Rolle spielen, arbeitet sich die Indochina-Welt doch immer wieder sehr massiv an ihnen ab, was diesen starken Kontrast zur wirtschaftlichen Prosperität bildet, dessen Probleme und soziale Umwälzungen aber wohl auch nur zu deutlich abbildet.

    So könnte eine Stiftung tatsächlich dem Orchester einen anderen Rückhalt und Hafen bieten, als so ganz nahe an potentiell sehr harten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen wie firmeninternen Bruchzonen zu liegen. Stiftungen sind ja auch hierzulande mehrere Theater inzwischen geworden, ganz prominent die die Berliner umfassende Opernstiftung, mit wiederum ganz eigenen Problemen. In Bozen ist z.B. das Theater mit dem Orchester eine Stiftung, in Würzburg unterstützt flankierend eine Theaterstiftung, das Theater in Nürnberg ist wiederum eine eigene Stiftung, etc.

    Wie Du sagst, Moritz, befördern Stiftung langfristig und nachhaltig das Kulturleben, eher als einzelne, rein projektbezogene Sponsorenmassnahmen. Allerdings werden solche auch gerne mal auf Jahre angelegt, was dann seitens der Geldnehmer zu Problemen führt, wenn der Sponsor seinen Ausstieg ankündigt. Ganz anders die Stiftungen, die ja gar nicht Zweck ihrer Existenz ändern können, was stiftungsrechtlich allerdings nicht die Anpassung der Organe an neue Gegebenheiten ausschliesst, wenn die Latte dafür auch sehr hoch liegt.

    Ebenso ist natürlich zu unterscheiden, ob eine Stiftung nur eine enge Begünstigung vornehmen darf, wie eben jene Theaterstiftungen, wo die Geldnehmer auch in den Organen vertreten sind und so sinnvollerweise bei der zielgenauen Ausschüttung in ihre eigene Richtung mitwirken müssen und sollen. Oder ob eine Stiftung ein breiteres Umfeld lt. Willen des Stifters fördern soll, wie die Ernst-von-Siemens-Musikstiftung, die ja weltweit fördert und nicht nur Projekte hierzulande. Dennoch sind ihre Kuratoriumsmitglieder nicht Vertreter der zweckgemäß zu finanzierenden Einrichtungen, sondern sie sollen eben einen Bogen quer durch das Musikleben repräsentieren und entsprechend umschweifig und weitsichtig, was sie ja auch unternehmen, fördern. Aber eben nicht so ausschweifend ihre eigene Person, welche Institution sie auch unbedingt spielen und beauftragen möchte. Das fiel in den letzten Jahren bereits so manchen Verlagsprogrammleiter auf, mit denen ich sprechen konnte.

    Also – Stiftungen, wirkt weltweit, so eng am Zweck wie es nur geht und so weit dieser sinnvoll auszulegen ist. Gerade weil der Staat die Stiftungen fordert und auch fördert, sind zwar privat, je grösser sie aber auftreten doch auch in der Verantwortung im höheren Sinne gegenüber der Gesellschaft und nicht nur beleidigten Komponisten und Musikern, die natürlich sich dann in einem demokratischen Lande dazu auch äussern dürfen, was in Malaysia viel schwerer sein dürfte.

    A. Strauch

  2. Australier sagt:

    Also, es scheint ziemlich klar zu sein….die neun Orchestermusiker sind in Malaysien entlassen worden weil sie gegen die Verlaengerung des Vertrages von Herrn Flor und die entscheidungen der (furchtbaren) neuen Geschaeftsleitung gekaempft haben.

    Zur Folge duerfte man eher feststellen dass die Malaysier und ihr Orchester eine gute Gewerkschaft gebrauchen koennten. Die meisten grossen amerikanischen Orchester bekommen viel groessere Budgets zusammen als das MPO von verschiedenen Quellen….aber wie man in den USA in letzter Zeit sieht helfen auch viele Stiftungen nicht wenn sie nicht mehr zahlungskraeftig sind. Unter der Leitung von Petronas haben die Musiker keine Moeglichkeit ihre Meinung zu sagen, ohne Angst davor zu haben gefeuert zu werden. Scheinbar kann eine grosse malaysische Oel-Firma nur sehr schwer hoeren dass ihre Angestellten anderer Meinung sein koennten. Dies ist fuer mich das groesste Problem der jetztigen Sitauation dort, und nicht wo das Geld herkommt.