Wenn die Fleißigen dumm werden

Ich konnte nicht widerstehen, den Titel von Mathias‘ leider (vorläufig?) letztem Blogeintrag umzudrehen. Die ganze Thematik, die Mathias angerissen hat, hat auch sehr viel mit dem Konflikt Alt gegen Jung zu tun, oder vielmehr damit: Inwieweit kann es die „fleißige“ (=etablierte) Generation souverän mit Kritik und neuen (=anderen) Ansichten umgehen? Macht Etablierung dumm, oder zumindest blind?

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Anscheinend ist der Generationenübergang ein so schmerzhafter Prozess, dass schon die alten Griechen und Römer darüber schrieben, und jeweils den kompletten Sittenverfall durch die kommenden Generation anprangerten.
Die heile Welt der festen Strukturen – und das betrifft auch die Mechanismen der „Neuen-Musik-Szene“ – ist immer wieder aufs Neue zum Untergang verdammt, denn da kommen welche, die einen anderen Blick haben, vielleicht auch eine andere Attitüde haben, weniger Respekt, aber eben auch mindestens genauso viel Liebe zur Sache selber. Allem Anfang wohnt – frei nach Hesse – etwas Umstürzlerisches inne, aber eben auch ein Zauber.

Neulich saß ich mit einem hier nicht näher zu benennenden älteren Kollegen in einer Sitzung, bei der es um die Einführung einer großzügig gestifteten Konzertreihe ging, die unter der Bedingung stattfinden sollte, dass hier nicht nur junge Komponisten Aufträge bekommen, sondern auch selber mit über Folgeaufträge und Programmgestaltung entscheiden. Und zwar außerhalb der Kontrolle der Verantwortlichen.
Der nicht zu benennende Kollege regte sich hierüber über alle Maßen auf (so dass es in der Sitzung zu einer Art Eklat kam), denn er hielt das für unverantwortlich. „Als ich junger Komponist war, war ich so dumm, dass man mir eine solche Macht nie hätte geben dürfen. Wir müssen die Jungen schützen, indem wir Ihnen so etwas nicht erlauben“. Als man ihn darauf hinwies, dass diese Konzertreihe sonst einfach gar nicht stattfinden würde und die Gelegenheit weg wäre, änderte dies seine Meinung nicht im Geringsten. Er blieb hart: Die Jungen sollten durch die Älteren geleitet werden, da sie sonst Gefahr laufen, künstlerische Fehler zu machen. Wie können sie sich aber entwickeln, wenn ihnen noch nicht einmal das erlaubt wird?

Sein Argument klang sehr ähnlich wie der kolportierte Spruch „Man muss die Jungen vor sich selber schützen“, in Bezug auf Orchesteraufträge für Donaueschingen. Ein Zyniker könnte sagen: „Wenn sie bewiesen haben, dass sie sich dem System anpassen können, dürfen sie auch was Größeres schreiben.“.
Wäre es ein junger Zyniker, dürfte er noch nicht einmal das sagen.

Die Idee einer unahängigen jungen Konzertreihe war mir persönlich sehr sympathisch, denn aus genau dem selben Grund hatten wir gegen Ende der 80er Jahre das ADEvantgarde-Festival in München gegründet, eben um eine andere Programmgestaltung fern der etablierten Institutionen zu ermöglichen. Dies verstand Helmut Lachenmann – den wir damals als Podiumsdiskussionsgast eingeladen hatten – als Kritik an Darmstadt und Donaueschingen, was in dem an mich als Gesprächspartner dramatisch gerichteten Satz mündete: „Haben Sie Alpträume von Darmstadt???“. Nein, würde ich ihm heute antworten, seitdem nicht mehr.

Ermöglicht hatte unser Festival bei der Stadt München Wilhelm Killmayer, der damals Gelder für geplante Veranstaltungen zu seinem 60. Geburtstag einfach weiterleitete. „Lassen Sie lieber die Jungen was machen!“ sagte er damals dem Münchener Kulturreferat. Killmayer hat sich immer – ganz ähnlich wie sein Freund Günter Bialas – vehement für die Belange der Jungen eingesetzt. Für mich war das immer vorbildlich.

Das alles heißt nicht, dass man die junge Generation überschätzen oder auf ein Podest stellen sollte. Im Blog wurde zu Recht mehrmals angemerkt, dass die Jungen es im Vergleich zu den Mittelalten immer noch recht gut haben – nach 35, wenn die meisten Stipendien nicht mehr möglich sind, wird es deutlich schwerer, als Komponist zu überleben, das ist eine Tatsache.
Wenn aber das, was die junge Generation zu sagen hat, nicht ernst genommen wird, abgetan wird, sie – wie letztes Mal angemerkt – als Workshop- und Kursbesucher gesucht, als Kritiker und Aufmucker jedoch unerwünscht sind, dann ist definitiv etwas faul.

Die Jungen sind sorglos, leichtsinnig, frech, überschwänglich und ganz sicher auch größenwahnsinnig.
Und das ist gut so. Hören wir ihnen einfach zu.

Moritz Eggert

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4 Antworten

  1. Wenn relevante Kräfte in der „Neue Musik“-Szene tatsächlich der Meinung sein sollten, sie müssten „junge“, jedenfalls „jüngere“ Komponisten durch Marginalisierung „vor sich selber schützen“, so entspricht das ziemlich genau einer Situation, die durch folgende Sätze beschrieben werden kann: „Vati bestraft dich nicht, weil Vati böse ist, sondern weil du böse warst. Vati bestraft dich, weil er es gut mit dir meint.“ Unter derartigen Umständen ein stabiles Selbstwertgefühl aufzubauen ist – ganz vorsichtig ausgedrückt – schwierig. Statt mit musikalischen wird man es in der Folge wohl eher mit kognitiven Dissonanzen zu tun bekommen. – Ich spreche hier als autodidaktischer Komponist, der bisher ausschließlich außerhalb der von dir genannten Institutionen der „Neuen Musik“ „frei Schnauze“ gearbeitet hat und sich, wie du ja weißt, schon seit einiger Zeit hier umtut, um frischweg seine Meinung und seine Eindrücke zu äußern (worüber ich dankbar bin!). Ich kann mich wohl auch deshalb hier im wörtlichen Sinne „rücksichtslos“ äußern, weil ich den Weg von Charles Ives gehe und meinen Lebensunterhalt sei ca. 20 Jahren komplett „außermusikalisch“ verdiene. Warum tun das eigentlich nicht mehr KomponistInnen? Warum verharren sie stattdessen im eben skizzierten double bind? Denn so ist es doch: sie befinden sich „in einer abhängigen Position … , in der Anpassung geboten ist und in der sich berechtigte Interessen … an dominante Bezugspersonen richten, im Negativfall jedoch nicht angemessen befriedigt werden, ggf. mit Scheinalternativen beantwortet werden und ein Verlassen der Situation nicht möglich ist.“ (Wikipedia-Artikel „Doppelbindungstheorie“)

  2. Jungsein ist zwangsläufig gegeben.
    Altwerden auch, doch es ist ist keine Einbahnstraße.
    Ältersein gibt die Chance, in Gelassenheit von den Jungen zu lernen.

    Meine besten Erlebnisse als Lehrer waren, von und mit den Schülern Neues zu lernen. Ohne meine Schüler (und meine Kinder) wäre ich ein verknöcherter Alter geworden.
    Wäre diese Art, lernend alt zu werden, möglich gewesen, wenn die Schüler meine Konkurrenten beim Erwerb von Brot und Ansehen gewesen wären?

    Da scheint mir ein Knackpunkt zu liegen, der erklärt, warum der von Moritz nicht genannte „Kollege“ sich schützt, indem er vorgibt, die Jungen schützen zu müssen.

  3. querstand sagt:

    Ich befinde mich gerade an der Schallgrenze zwischen „noch jung“ und „nicht mehr ganz so jung“ alias „berufsjugendlich“: das dies z.B. Wettbewerbsschallgrenzen bedeutet und sonst noch mehr, das sei mal anheimgestellt.

    Was mich an der Frage alt/jung, dem Betonen des Abstands zwischen diesen Generationen stört, ist die Meinung, dass ältere zwangsläufig mehr wissen wollen als Jüngere, dass Jüngere die alten vom Sockel stossen sollen. Sorry, das sind so öde Dinge wie unsere hübschen Quart-Tritonus-Akkorde, das ist verknöcherter Neuer Musik Salat.

    Nun kann es sich nicht jeder Grandseigneur leisten, auf seine Beehrung oder seine Aufträge zu verzichten, wie es im o.g. Bsp. Killmayer vollzog. Viel wichtiger wäre heute doch, generationsübergreifend zu denken. Ich profitiere momentan immens von den Jungen, sehe mir an was sie tun, tue es ihnen gleich oder weiterhin anders. Ich sehe mir genauso aber auch die Steinalten an, bewundere ihre Strenge, ihren 12tel-Ton-Mut wo Jugendlichere dagegen Praktikabilität ins Feld führen. Ich staune über die Jüngeren, die es genau wie meine Generation für nicht mehr so wichtig hielten, die alten Säcke direkt als alte Säcke zu bezeichnen!

    Ein alter Mann, ein altes Weib kann genauso ein Orchester- und Operndilettant sein wie ein Jüngerer. Genauso kann natürlich auch ein Profiunternehmen in der Hand von älteren Jüngeren zurecht dilettantisch erscheinen.

    Man muss in alle Richtungen riskanter werden, die Generationengrenzen, die Preisschallgrenzen vermehrt einreissen. Ein 25, 30, 40 Jähriger hat genauso Chancen, nicht nur eine, verdient, wie ein 60, 70, 80, etc. Jähriger. Aber altbackene, ewige Festivalmacher wie Opernintendanten heutzutage haben mehr denn je Schiss vor der Jugend oder zu Alten – dem eigentlich Unbekannten also, wenn man das generalisieren würde. So wundert es nicht, dass ältere Opernintendanten vor den 70er Jahrgängen erschaudern, Köhler ihnen keine Orchesteraufträge gibt, genauso wenig wie hierzustadte Hopp bzgl. des Orchesters auch nur auf Ü40 zu setzen scheint. Dabei würde das Publikum immer mitspielen. Man muss ihm eben nicht immer nur das Übliche zwischen Darmstadt, Donaueschingen, Ultraschall, Wien modern und Märzmusik vorsetzen. Das dies mit alt wie jung geht, zeigen viel Beispiele.

    Oder: jetzt müssen die Alten sich wirklich nicht vor den Jungen früchten, die anerkanntermassen sie nicht stürzen wollen. Also hält man sie erst recht aussen vor, da sie so aus dem alten Verhaltensmuster des Stürzers purzeln, dass man sich erst Recht vor ihnen fürchten muss…

    Also: reisst die Generationengrenzen ein! Aber dies ist ja ein allgemeines Sozialproblem… Aber warum muss es die Neue Musik mal wieder betonieren? Mich kotzt deren gesellschaftspolitischer immer stärker vorauseilender Gehorsam immer mehr an. Ihr Risikovermeider und dessen Einforderer – IHR SEID DAS WAHRE RISIKO!! Wir haben eigentlich keinen Grund, uns Euch länger zu leisten. Als Hintern hoch, und in jedem Konzert eine U40 und Ü-Methusalem-UA…

    Gruß,
    A. Strauch

  4. Bravo Bravissimo, querstand,
    für diesen aus dem Herzen sprechenden Comment. Das sehe ich genauso. Und: [@ „allgemeines Spzialproblem“): Ist es nicht heutzutage – generell, auch in der übrigen Arbeitswelt, der Wirtschaft, der gesamten Arbeitsmarktpolitik, in der Rentenpolitik etc. so, dass zunehmend immer die „alten“ gegen die „jungen“ oder die jungen gegen die alten ausgespielt werden? Und dies immer mit dem (Schein-)argument dass nie für beide genug Geld da sei?

    In wieviel Talkshows etc. kommt nicht dieses Thema immer mal wieder auf´s Tapet: „Generationengerechtigkeit“, und wie oft vertritt nicht da einer entweder die Extremposition, dass die älteren oder die Extremposition, dass die jüngeren kürzer treten müssten. Wir im Kulturbereich, besonders in der Neuen Musik sollten uns nicht auf dieses Talkshow-Niveau und dieses Jung versus Alt einlassen und auch weder dem Jugendwahn frönen (die vielen Deadlines) ohne dass wir zu „Opa“-Förderern zu werden brauchen.

    Angesagt ist ein Schulterschluss, ein durchlässigeres, transparenteres für alle die Chancen erhöhendes Förderssystem bzw. eine Kulturpolitik und ein allg. Denken, welches dafür die Weichen stellen kann.

    Und: Dabei/dazu fehlt ja nicht viel Geld. Steuerschätzungen für die Zukunft sehen nicht schlecht aus, und dies, wo noch nicht mal Vermögenssteuer und Finanztransaktionssteuern (die sicher auf kurz oder lang kommen werden, kommen müssen) eingerechnet sind. Und ab und zu werden auch mal eben Minus-Einnahmen mit PLUS verwechselt, wie man hört.

    Also: Das Geld verschwindet nur permanent in den schwarzen Löchern unserer europäisch-transatlantischen DAUERKRISE. Unser aller Chancen, ob jung oder alt, werden von Spekulanten, von dem unstillbaren Hunger und der Diktatur der Märkte schrittweise zerstört.

    Und, ja Alexander: wer erwartet, dass wir in der Neuen Musik ausgerechnet die Beton-Mischmaschinen erfinden würden, welche den trostlosen Status Quo aufmischen, der sieht sich vermutlich enttäuscht.

    Buona notte, Erik