donauläuse – zugblatt

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Die Veränderungen, die Donaueschingen in diesem Jahr durchgemacht hatte – siehe Un rêve d’automne (Donaueschingeneinschub) – waren zu viel für mich. Ich sehnte mich danach, endlich wieder „unter uns“ zu sein, ohne alle diese szene-fremden menschen, die das Festival auf einmal für sich entdeckt hatten und offensichtlich fest entschlossen waren, es mit ihrem Stilpluralismus, ihrem Crossover und ihrem Pop zu okkupieren.

Da Moritz inzwischen auch mein zweites Zimmer in der Linde angemietet hatte, um mehr Platz für seine Textmatten zu haben, konnte ich getrost abreisen und im IC zwischen Rottweil und Horb in herbstfeuchtkalter Melancholie versinken.

Worüber sollte ich in Zukunft noch schreiben, wenn plötzlich Menschen bei einem Festival mitwirken, die ich noch nicht persönlich kenne, mit denen ich noch nie ein Glas getrunken, mich – im Geiste wenigstens – verbrüdert hatte.

Wen sollte ich in Zukunft hochleben lassen, weil er – äußerlich wenigstens – freundlich zu mir war? Wessen Musik schmähen, so wie ihr Schöpfer mich nicht beachtet hatte?

Ich sah, dass es wohl darauf hinauslaufen würde, sich echte Urteils- und Qualitätskriterien zulegen zu müssen, wollte ich weiter über diese Musik schreiben. Die Aussicht darauf verstellte mir die Sicht, auf das Unwesentliche wenigstens, in einer Mischung aus Verzweiflung und Übermut öffnete ich das Fenster und warf meinen Laptop hinaus.

Nur die Tastatur meines Smartphones ist mir geblieben und ein einzelnes Flugblatt, das ich eigentlich nach Athanasius Kyrshs Vortrag großräumig über der Stadt abwerfen wollte. Es ist nun ein Zugblatt geworden und fährt zwischen Rottweil und Horb hin und her. An seinen Inhalt kann ich mich nur schwach erinnern.

Wozu Neue Musik? Wer so eine Frage stellt, dem wäre zunächst die Frage zu stellen, ob und wie sich diese Frage unterscheidet von der Frage: Wozu Musik? Wer diese Frage stellt, stellt wiederum auch die Frage: Wozu Seele, Wozu Liebe, Wozu Gewissen, Wozu Mensch? Wer auf die Frage „Wozu Musik“ keine Antwort mehr kennt, der ist zu beglückwünschen, denn er ist auf dem besten Weg, einen wertvollen Beitrag zur demographischen Entwicklung zu leisten, denn wer keine Antwort mehr in sich spürt auf die Frage, wozu Musik, ist auf dem besten Weg, sich einsargen zu lassen.

Dass sich die Frage „Wozu Neue Musik“ nur um ein Wort und scheinbar doch so sehr von der Frage „Wozu Musik “ unterscheidet, ist nicht zuletzt jenen zuzuschreiben, die selbst gern Neue Musik machen. Sie schaffen aus einer permanenten Behauptung des Ausnahmezustands heraus. Sie müssen es, denn um das Attribut „neu“ zu erwerben – und es will offenbar immer noch immer neu errungen sein – sind sie gezwungen, den Normalfall absichtlich zu unterbrechen. Die Ökonomie des Neuen schreit permanent nach dem Anderen, dass sie ihrem gefräßigen Archiv einverleiben will, um die Illusion der Abbildbarkeit von „Welt“ zu erzeugen.

Abbildbarkeit von Welt? Neue Musik?

Wo immer Neue Musik erklingt, ist das Unheil dieser Welt nicht fern. Sei es im Assoziationsfundus des Hörers, der in Stockhausens Gesang der Jünglinge Atombombenmusik vernahm oder dem in einem Streichquartett von Rolf Riehm das Gefühl einer drosselnd-erdrückenden Staatsmacht suggeriert wird.

Nun schneidet ihr schon den erhobenen Zeigefinger ab, denn weder ist sie ihre Erfindung, die Suche nach dem Lebenskern, noch wird sie je darüber hinaus gelangen immer wieder neue, besondere Ausdrücke zu finden für die allgemeine Komplexität der Welt und des Lebens, das auf ihr stattfindet. Doch immerhin dies muss man ihr zugute halten, der Musik, die sich Neue Musik nannte und die innerhalb der Tradition dieses Neuen ihren Platz gefunden hat: Sie hat es sich in der Suche nach diesen Ausdrücken nie einfach gemacht. Und da, wo sie gut ist, hält sie auch heute noch einen Eindruck von Welt fest, der über das Grundraschauen einer Epoche hinaus weist.

Doch wo wäre man in der Lage, diese Musik, die sich die Neue nannte und die einzig eine Antwort auf die Frage geben könnte, wozu das alles?
Nie, denn über die Grenzen der Festivals für Neue Musik schafft sie es nicht hinaus. Daher rufe ich dazu auf:

Schließt die Festivals für Neue Musik, denn sie sind der Tod einer lebendigen Musikkultur. Reißt die Gartenzäune nieder, hinter denen sich die Pfleger einer Musikkultur verbergen, die sich die Schrebergärtnerei selbst verordnet haben, anstatt heimlich ihre Blumenzwiebeln in den öffentlichen Gärten zu vergraben, um sich im Frühling an ihrer anarchischen Blüte zu erfreuen.

Baut Schwimmbäder statt Philharmonien! Schließt die Kulturwellen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – und zwar rasch, bevor es ihm selbst gelingt, sich abzuschaffen. Beeilt euch, man ist weiter als ihr denkt. Sorgt dafür, dass in den Schwimmbädern echte Musiker die Strandbar bespielen. Stellt Hörfunkdirektoren ein, die bei Beethoven nicht an Kirche und bei Lachenmann nicht an ein Comedy-Programm denken. Gewährt jenen die Subventionen, die aus einer Intendanz nicht die Leitung eines Bestattungsinstituts machen.

Schluss mit dem Totenkult der Kulturindustrie. Die kanonbildende Funktion der Festivals hat sich erschöpft, es gibt keinen Kanon mehr. Suchen wir nach neuen Verbindungen, neuen Kurzschlüssen, bekämpfen wir die Epidemien der Vergangenheit und impfen wir uns gegen ihr infektiöses Gift mit den Laborprodukten der Gegenwart.

„Souverän ist, wer den Normalfall behauptet.“ (Bazon Brock) Gewöhnen wir uns daran, von Neuer Musik in der Vergangenheit zu sprechen. Und sprechen wir künftig nur noch von guter Musik, die heute entsteht.

Wozu Neue Musik? Weil sie noch nicht aufgehört hat zu brennen, die Frage: Wozu Musik!

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Musikjournalist, Dramaturg

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4 Antworten

  1. Die kanonbildende Funktion der Festivals hat sich erschöpft, es gibt keinen Kanon mehr.

    …nicht die Schuld der Festivals sondern die Folge gesellschaftlicher Entwicklungen, aber: absolut wahr und ein wichtiger Gedanke!

  2. strieder sagt:

    Wie schaut es denn mit den Fragen „wozu Pop-Musik“, „wozu Techno-Musik“ usw. usf. aus?

  3. Wie schaut es denn mit den Fragen “wozu Pop-Musik”, “wozu Techno-Musik” usw. usf. aus?

    Die verspüren anscheinend nicht die Motivation, sich rechtfertigen zu müssen.
    So wie wir.

  4. strieder sagt:

    http://www.cosmiq.de/qa/show/2403205/Wozu-Techno-mit-all-seinen-Subgenre-gut/

    Da mag ich Paraphrasieren: „Neue Musik hat so fette Dissonanzen, das die Konkurrenz weggeblasen wird!“