Un rêve d’automne (Donaueschingeneinschub)

Plötzlich, an diesem schönen Herbstmorgen, überkommt mich der Entschluss, einen Zug nach Doneaueschingen zu besteigen. Ich weiß auch nicht so recht, warum ich das bisher noch nie getan habe (außer einmal, mit 17, im Gefolge von Gerhard Müller-Hornbach und einigen Frankfurter Kons-Studenten). Aber inzwischen hat sich viel verändert in der Welt, und… ich werde dort natürlich viele Freunde treffen. Außerdem hat Patrick Hahn wie jedes Jahr ein Zimmer zu viel reserviert.

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Am Bahnhof begrüßt mich – überaus herzlich und freundlich – Armin Köhler persönlich. „Ich freue mich sehr, dass wir uns endlich mal kennenlernen“ sage ich und schüttelte ihm die Hand. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite“, sagt Armin Köhler, und es ist nicht die Spur von Häme in seiner Stimme. Gemeinsam schlendern wir durch die Neue-Musik-Stadt Donaueschingen, während der Herbstwind goldene Blätter aufwirbelt, die zart unsere Füße streicheln.

Ich frage Köhler, was sich in den letzten Jahren alles verändert hat, denn verändert hat sich viel, und vieles davon hat die Musikwelt zutiefst erstaunt. Mit dem zunehmenden Rückgang finanzieller Unterstützung waren die Donaueschinger Musiktage gezwungen worden, radikal umzudenken. Dies begreift Köhler aber als Chance.
„Wissen Sie, wir haben die Flucht nach vorne angetreten. Donaueschingen war immer ein Ort, an dem es vielleicht am wichtigsten war, dass sich die Szene trifft und zeigt. Manchmal fürchte ich war das viel wichtiger als die Musik, die gespielt wurde. Das wollten wir zuerst ändern.“
„Und wie?“ frage ich.
„Klaus Zehelein hat mal in den 70er Jahren ein Experiment in Oldenburg gewagt, bei dem Auszubildende und Jugendliche bei der Gestaltung der Konzertprogramme des Staatsorchesters beteiligt wurden. Das war sehr kontrovers, aber es hat für unglaublich interessante Programme gesorgt, die begeistert diskutiert wurden. Vor allem wurde man einmal mit ganz anderer Musik konfrontiert – vollkommen Unerwartetes traf aufeinander. Wir sind hier einen ähnlichen Weg gegangen. Vorher haben wir ja die Schulklassen immer in die Konzerte geschickt und sie vor vollendete Tatsachen gestellt, aber inzwischen interessiert uns auch der Blick auf Musik von einer ganz anderen, unvoreingenommenen Warte heraus. Daher haben wir sie diesmal in die Programmplanung miteinbezogen, wir sind selber gespannt, was dabei herauskommt.“
„Aber kann das hier funktionieren? Ist Donaueschingen nicht ein Ort allein für ambitionierte und vor allem neueste zeitgenössische Musik?“
Köhler seufzt. „Ach, mit keinem Begriff wird in der zeitgenössischen Musik so viel Schindluder betrieben wie mit dem Begriff neu. Ständig ist von „neuen Klängen“ die Rede, aber meistens sind die doch alles andere als neu. Und wer interessiert sich noch für Klänge? Das ist doch das Abgenutzteste überhaupt. Vieles ist doch unglaublich akademisch gedacht oder folgt überkommenen Idealen des 19. Jahrhunderts, während anderswo doch auch interessante Musik gemacht wird. Wir dürfen uns dem einfach nicht mehr verschließen. Wir wollen Musik, die aufregt, anregt, etwas zu erzählen hat“
„Ist das ein Aufruf zu mehr Zugänglichkeit?“
„Nicht im Sinne von kleinstem gemeinsamen Nenner. So kann keine Kunst entstehen, das ist gewiss. Weder Rückkehr zur Tradition noch Kommerz interessieren uns, wir wollen schon weiterhin das Besondere und vor allem Ungewöhnliche. Wir müssen nur darauf achten, dass das nicht nur eine Behauptung ist, sondern eine Tatsache. Die Frage ist doch: Findet nicht wahnsinnig viel Besonderes auch außerhalb unserer Neue Musik – Zirkel statt? Engen wir unseren Horizont nicht zu sehr ein? Dürfen wir überhaupt noch sagen „Neue Musik“, wenn wir nur einen kleinen Ausschnitt heutiger Musik präsentieren? Auch müssen wir unsere eigenen Klischees hinterfragen: warum soll man nicht auch etwas sofort begreifen können, direkt angesprochen werden anstatt lange Programmhefttexte lesen zu müssen, und das vor jedem Stück? Das muss doch gehen. Wir haben übrigens diesmal allen Komponisten verboten, langweilige Texte zu ihren Stücken zu schreiben oder ihre vielen immergleichen Preise und Stipendien aufzulisten. Stattdessen haben wir lebende Schriftsteller gebeten, sich mit der Musik der jeweiligen Komponisten zu beschäftigen und darüber zu schreiben. Dabei kamen viel interessantere Sachen heraus.“
„Das klingt ja schon mal vielversprechend“.
„Wir sind noch weiter gegangen. Morgen zum Beispiel haben wir unser „no name“-Konzert im Matthias Pintscher-Saal. In diesem Konzert werden einfach nur Stücke gespielt, aber man weiß nichts über die Komponisten, weder den Namen, noch ob sie berühmt sind oder nicht. Zum ersten Mal hört man wieder richtig hin, und dieses ewige Lästern fällt auch vollkommen weg. Endlich geht es mal wirklich um die Musik und nicht darum, wer wieder wo präsent ist. Ich halte das für sehr wichtig.
„Ich nicke, nicht wenig erstaunt. „Wie genau wird das Programm dieses Jahr aussehen, Herr Köhler?“.
„Zuerst einmal haben wir geschaut, ob es Musik ist, die uns in irgendeiner Form anspricht, vielleicht auch aufregt. Dann haben wir – vollkommen unabhängig vom Genre – einfach vor allem auf die Qualität geschaut. Und ich habe mir einen Wunsch erfüllt.“
„Was für einen Wunsch?“
„Ach, ich hasse diese vorhersehbaren Konzerte. Ich wollte, dass die Konzertbesucher nicht wissen, was auf sie zukommt. Warum muss immer alles in einem Genre sein? Wir haben ja auch nie Jazz und Neue Musik getrennt, aber wir müssen jetzt noch weiter gehen. Die Menschen wünschen sich doch, endlich mal wieder einen Überblick über alle Formen von Musik zu bekommen, dazu gehört doch auch Musik von Menschen, die nicht den immer gleichen akademischen Weg gegangen sind. Daher gibt es in den Konzerten sehr verrückte Mischungen von Dingen. Man weiß nie, was kommen wird. So einen Ort gibt es bisher nicht, alle sind immer unter sich in ihren kleinen Cliquen, das betrifft ja auch andere Formen von Musik, nicht nur uns. Und so ein Ort will Donaueschingen sein. Das ist unsere Chance für die Zukunft.“

Während wir durch die Straßen von Donaueschingen gehen, sehen wir tatsächlich überall Menschen, die begeistert über Musik reden. Sehr oft ist auch Lachen zu hören. Wir kommen an einem Café vorbei, in dem ein Publikum die amerikanische Band „Buke & Gass“ beklatscht. Vor dem Café sitzen Mathias Spahlinger und Arvo Pärt, sich angeregt unterhaltend. Plötzlich stehen sie auf und begrüßen aufs Herzlichste John Adams und Detlev Glanert, die gerade erst angekommen sind. Sie lachen und umarmen sich, wie alte Freunde. An der Wand eines Hauses klebt ein Plakat, auf dem die Aufführung sämtlicher Symphonien von Wilhelm Killmayer angekündigt wird, dargeboten durch die Bang-on-A-Can-All-Stars. Wir biegen in die Friedrichstraße ein, wo das italienische Ensemble „Sentieri Selvaggi“ ein wildes Straßenkonzert gibt. Ein paar Performer haben dazu eine Tortenschlacht begonnen, alle Tortenstücke tragen das Konterfei von Silvio Berlusconi. Einige Leute tanzen.

Etwas weiter die Straße entlang sehen wir Peter Michael Hamel, der mit einer Gruppe von Wall-Street-Kritikern diskutiert. „Ich schreibe euch ein politisches Lied, und wir führen es morgen in der Turnhalle auf“, ruft er. Daneben steht eine Gruppe von Teenagern und diskutiert den neuen Film von Tom Tykwer mit Musik von Arno Lücker.

In der Stadthalle gibt es einen Meisterkurs für Komponisten, vor dem Eingang hat sich schon eine kleine Schlange gebildet. Auf dem Plakat lese ich unter anderem die Namen Helmut Lachenmann, Claus-Steffen Mahnkopf und Wolfgang Rihm. „Also doch alles beim alten?“, frage ich Köhler. „Keineswegs. Dies ist nicht ein Meisterkurs von diesen Komponisten sondern FÜR diese Komponisten. Oft genug haben sie ja im Auftrag des Goethe-Instituts ihre musikalische Ästhetik im Ausland verbreitet. Jetzt waren sie einfach mal neugierig, selber mehr zu lernen, also eine ganz andere Art des Komponierens kennenzulernen. Sie wollen einfach ihren Horizont erweitern. Ich finde das toll!“

Ich öffne die Tür und werfe einen Blick in den Saal. Eine junge osteuropäische Komponistin zeigt gerade Helmut Lachenmann Techniken mongolischen Obertongesangs und wie sie diese in ihren eigenen Stücken verwendet. Claus-Steffen Mahnkopf diskutiert angeregt mit John Williams, der ihm Geheimnisse des Timings bei Filmmusik erklärt. Wolfgang Rihm sitzt mit einem großen Kopfhörer zusammen vor einem Computer und lässt sich von Snoop Dogg zeigen, wie er seine „Seraphin“-Gesänge vollkommen neu remixt hat. Ungläubig schließe ich die Tür wieder.

Wir gehen weiter.
Die Wiese beim Jägerhaus ist nun ein Campingplatz, auf dem es zugeht wie bei einem Open Air-Festival. Viele der vorwiegend jungen Camper haben Musikinstrumente dabei, manche proben eigene Stücke, andere wiederum studieren neueste Partituren auf ihren ipads. Plötzlich ist ein Kreischen einer E-Gitarre zu hören: ein rührender Anblick, Hans Zender versucht dem Gitarristen von Rammstein sein spezielles Stimmungssystem zu erläutern, heute abend wird ihre erste gemeinsame Rockoper erklingen.

„Ich sehe hier hat sich viel verändert“, sage ich zu Köhler, fassungslos. Er sagt erst nichts, nur seine Augen funkeln, von innen erleuchtet durch unbändige Neugier und ungebremsten Tatendrang. „Lieber Herr Eggert“, sagt er, „Das ist erst der Anfang“.

Und dann wachte ich auf.

Moritz Eggert

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Moritz Eggert

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11 Antworten

  1. Brillant! Und so lebensnah ;-)

  2. Ali N. Askin sagt:

    Wunderbar, Moritz!

  3. …nicht aufwachen, lieber Moritz, wach bleiben. sehr feine Science Fiction, Dein Text, Aber fast von der Realität überholt. Als frühstück um 11.31 im Bartok-Saal der Donauhalle ein herbharter Newski, vier doppelte Mokka mit ca. 100 cl Wodka, die „musikfabrik“ mit einem den Rotbausch nur nebenbei schüttelnden, unglaublich konzentrierten Enno Poppe auf Kometenkurs. Dann für mich der wahre Weltenklang. Wolfgang Mitterers “ Litlle Smile“. ein Prachtwerk. Durchgeschüttelt in die Rauchpause. Dann Thomalla/Lamsons Multimedia-Stueck “ The Brightes Form of Absence“ – tolle Bild-Composite, musikalisch nicht immer schlüssig gefördert. Dennoch gut. es tut sich was in DoE.

  4. wenn man eggys Traum etwas ausarbeiten und einen Kostenplan anhängen würde, hätte man ein gutes Festivalkonzept zusammen, das man einreichen kann.

    – wechselstrom –

  5. Florian Heigenhauser sagt:

    …man müsste weiterträumen…
    vortrefflich, Moritz
    Florian

  6. querstand sagt:

    1.) BR kauft Musiktage, 2.) wechselnde Intendanz nach 2 Jahren, 3.) TV-Aufzeichnungen, 4.) weniger Turnhalle, bessere Akustik, 5.) breiteres Spektrum an Persönlichkeiten, kein reines Nachbeten bereits bestehender Foren, 6.) wahnsinnigere und abgehobenere Musik als je zuvor gepaart mit breiteren Formaten, 7.) oder einfach nur mal wieder Namen, die schon lange nicht mehr oder noch nie auf den Musiktagen waren. Warum immer Rihm – warum nicht Glanert, Trojahn, Bose? Warum nicht Dieter Trüstedt, Zoro Babel mal wieder? Warum nicht mal komplette Kompositionsklassen, das gelingt spielend der Biennale? Warum spielte man nicht mal wieder Köszeghy? Warum lud man noch nie die Neue Musik Band pianopossibile ein? Warum verlässt sich das Konzertmachen nur auf Dinge, die es schon kennt? Warum nicht mal ein Harry Partch-Festival? Warum bis heute keine neuere holländ-skandinavische Musik? Und warum nicht andererseits wirklich mal eine Mahnkopf-Retrospektive? Noch härtere Werke?

    Warum sind Musikredakteure der Funkhäuser, der Festivals nicht vielmehr auf Achse, durchforsten die kleinen Festivals, Programme? Grosse Häuser verknüpft mit der Angst weniger Geld zu bekommen, macht wohl träger denn je zuvor…

    Fazit: im Vgl. zu 2010 schien es nur zu wabern und zu dümpeln! Eine reine akustische Enttäuschung am Äther. Wie wahnsinnig doch die letzte Musikwoche neuer Musik in München! Und es war nur einmal ein Ü-Wagen zu sehen, und nur einmal SZ-Prominenz… Wenn sich die fetten Medien nicht heraustrauen, von sich aus agieren, nur immer auf exklusive PR-Betreuung hoffen, das grösser machen, was es sowieso schon ist: wir sind mit guten Redakteuren und Journalisten masslos unterversorgt!

    Apropos: so sehr journalistische Leistung anzuerkennen ist, so sehr mancher Verwender von Kritiken seiner Auftritte auch über das Ziel hinausschoß: es ist nahezu unverschämt, wie einerseits die Ober-Brembecks die Münchner Freie Szene kleinmachen, andererseits die Rechtstabteilung der SZ KollegInnen abmahnen lässt, mit mittleren vierstelligen Beträgen, wenn sie Kritiken oder Auszüge daraus (einfache Lückenzitate) abdrucken. Selbst bei umsichtiger Betrachtung: 3 Jahre sind mit 150-300 Euro an die SZ zu berappen, Rabatte dabei miteingerechnet. Denkt man nun an die Freikarten für die Presse, hält man sich für die Ursache überhaupt dieser Kritik, denkt man an die alternativlos gehaltenen Abmahnungen: ich fordere den Ausschluss sämtlicher SZ-Kritiker! Dann kann man ja nix mehr falsch machen… Oder wäre das das Falscheste? Es wird Zeit zu einer Debatte zwischen den Fronten.

  7. andererseits die Rechtstabteilung der SZ KollegInnen abmahnen lässt, mit mittleren vierstelligen Beträgen, wenn sie Kritiken oder Auszüge daraus (einfache Lückenzitate) abdrucken. Selbst bei umsichtiger Betrachtung: 3 Jahre sind mit 150-300 Euro an die SZ zu berappen, Rabatte dabei miteingerechnet.

    Wäre eigentlich ein Fall für die Rechtsabteilungen der Komponistenverbände – Pressezitate sollten aber in einem bestimmten Rahmen möglich sein. Die Funkmedien zahlen ja auch nichts für die Übertragung kurzer Musikausschnitte.

    – wechselstrom –

  8. Video-Impressionen aus Donaueschingen – auf der nmzmedia-Webseite und für all die modischen i-Pad- und -phone-User unter

    oder

    oder

    oder

    oder

    Der SWR hat für sein drittes TV-Programm eine halbstündige Doku produziert, den Sendetermin teilen wir mit…

  9. querstand sagt:

    @ geissler: Eure Videos sind immer so schön emotional! Warum ist es dann so selten die dargestellte Musik? Was man so hörte, scheinen ja die Werke Thomallas und Nemtsovs sowie Newskijs ganz eindrucksvoll gewesen zu sein. Gibt es Filmbeiträge über die beiden letztgenannten? Nein – leider stürzt sich Alles auf die Primetime-Komponisten! Oder die Installationen, die Videos auch wahrlich verdient haben, da sie kaum radiogen sein dürften…

  10. …dass auch der grandiose Mitterer (noch) fehlt – und die superfabulösen Jazz-Ladys finde auch ich schade. Aber es gibt ja noch die Doku…

  11. swizard sagt:

    Lieber Moritz,

    als bislang „stummer“ Leser komme ich jetzt nicht länger umhin, hier endlich einen Kommentar abzugeben: Gratulation zum wunderbar geschriebenen Artikel!

    Ach wie schön wäre es, wenn wenigstens ein paar Deiner Ideen umgesetzt würden. Gerade die Idee mit den Konzerten ohne Nennung der Komponisten zum bewussten Hinhören wäre doch nun wirklich wert, realisiert zu werden.

    Dann werde ich auch wieder nach Donaueschingen gehen. War letztes Jahr zum ersten und letztem Mal dort: langweilig und schlechte Lage! ;)