Off II

Frühstück in der Jugendherberge Villingen. Ich unterhalte mich mit zwei Gästen aus Minsk bzw. Kiew. Nach dem Essen lief ich an S. vorbei, der sagte, er habe auch so Ellbogenschützer auf seinem Pullover. Da hätten wir ja schon mal was gemeinsam, sagte ich.

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Transfer

zur Baarsporthalle. Im Bus las ich die Einführung zu Wolfgang Rihms „Séraphin-Symphonie“. Ich las, dass das Stück aus anderen Stücken besteht. Nach einem Drittel musste ich ein bisschen lachen, weil es mir irgendwie verrückt schien, so viel Selbstverwurstung.

In der Generalprobe, in der erst Rihm gespielt wurde, machte ich mir ein paar Notizen, die hier als Über-Schrift, oder Palimpsest wiedergegeben werden:

– überheblichkeit
– Selbstverwurstung
– Hit me Wo.
– Stream of c.

Nach der Symphonie kam ein Billone, ein völlig zerfasertes Stück mit kruder Stimmbehandlung und viel zu lang. Danach bei mir vollständige Ratlosigkeit.

Dann Mittagessen mit B., der heute seinen Geburtstag feiert. Alles Gute auch nochmal vom Bad Blog aus!

Nach dem Essen fand man sich im neuen Strawinsky-Saal ein, zu einem „Workshop“ mit Rebecca Saunders. Das war eine Veranstaltung, die mir gefiel. Rebecca Saunders war sehr kompetent, fokussiert, nett und humorvoll. Das Stück habe ich aber noch nicht gehört, kommt morgen.

Spaziergang

zur Eröffnungsperformance. Erwin Stache ließ darin Leute Fußball spielen, dabei entstand dann vermeintliche Klangkunst. Also irgendwelche Klänge, die dem Fußball weder was gaben noch nahmen und auch keinen offensichtlichen Bezug dazu herstellten. Man hätte nichts verpasst, wäre man nicht hingegangen, aber wenigstens war es irgendwie gut gemeint.

Dann rübergehastet in die Baarsporthalle, um den Rihm und den Billone nochmal zu hören. Es war anstrengender als in der Generalprobe. Bei der Beobachtung der hereinströmenden „Spezialisten und Liebhaber“ bekam ich erste Aggressionen. Es ist doch eine verdammte Hassliebe!

In der Pause besprachen wir, wie verzaubert und gerührt wir von Billones Privatkosmos waren. Er hatte uns in eine andere Welt entführt, und wir waren willig gefolgt.

Aber das übertraf Wolfgang Rihm nochmal. Mit seiner Überwältigungsästhetik ließ er unsere Kinnladen vor entzücktem Erstaunen runterklappen, unsere Augen sammelten sich mit wonnevollen, bitter-süßen Tränen vor Erschütterung, dann, bei den Tuttistellen, schauerte es uns, wir bebten am ganzen Körper, Gänsehaut, orgasmische Wellen strömten vom Podium in den Saal, der in Gedanken niederkniete vor des Meisters neuem Geniestreich.

Meine Sitznachbarin M. ließ nach dem Konzert ihre mit Senf eingeschmierte, angebissene Wurst zwischen den Stühlen liegen. Irgendjemand wird sie schon wegmachen. Beim Aufstehen fand ich auf dem Stuhl vor mir einen Flyer von der Universal Edition. Darin ist eine Übersicht über den „Korpus der mit Séraphin (1991 – 2011) verbundenen Werke von Wolfgang Rihm“. Ich möchte diese Liste hier, auf Grund ihrer immensen Relevanz für die Musikwelt im Allgemeinen und die Menschheit im Speziellen, noch einmal wiedergeben.

Étude pour Séraphin für zwei Tenorbaßposaunen, zwei Kontrabassposaunen, vier Kontrabasstuben und sechs Schlagzeuger (1991-92)

Séraphin, Versuch eines Theaters, Instrumente/Stimmen/… für Bariton-, drei Mezzosoprane- und drei Altstimmen sowie Instrumentalensemble und Tonband, 1. Zustand (1991-92/1993-94)

Séraphin, Versuch eines Theaters, Instrumente/Stimmen/… für Bariton-, drei Mezzosoprane- und drei Altstimmen sowie Instrumentalensemble und Tonband, 2. Zustand (1991-92/1993-94/1996)

Séraphin/Stimmen, Madrigal für sechs Frauenstimmen und sechs Woodblocks (1993-94/1996)

Séraphin-Spuren für Flöte, Trompete, Violoncello, Kontrabass, drei Schlagzeugspieler und Tonband (1993-94/1996)

Responsorium für Frauenstimme und Ensemble (1997)

Étude d’après Séraphin für zwei Harfen, zwei Kontrabässe, vier Posaunen, drei Schlagzeugspieler und Tonband (1993-94/1996/1997)

Echo-Schriftund Schattenschlag, Komposition nach Séraphin für Frauenstimme, Sprecherin, Harfe, Kontrabass und der Schlagzeugspieler (1998)

Form/zwei Formen für zwei Orchester, 1. und 2. Zustand (1993-94)

Trigon für Frauenstimme und Orchester (1993-94/1997/1999)

Fluß und Schrift für Harfe, Kontrabass und Schlagzeug, 1. Fassung (1999)

Kolchis für Harfe, Klavier, Schlagzeug, Violoncello und Kontrabass (1991)

In Frage für Ensemble (1999-2000)

Frage für Ensemble (1999-2000/2001)

Fluß und Schrift für Harfe, Kontrabass und Schlagzeug, 2. Fassung (1999/2002)

Nachstudie für Klavier (1992-92/1994)

Sphäre nach Studie für sechs Instrumentalisten (1992-93/1994/2002)

Sphäre um Sphäre für elf Instrumentalisten (1992-93/1994/2003)

Über-Schrift für zwei Klaviere (1992-94/1996/2003)

Séraphin-Sphäre für Ensemble (1992-94/1996/2003/2006)

Grund-Riß für Kontrabassklarinette, Kontrabassposaune und Kontrabasssaxophon (1993-94/2006)

Séraphin III – I – I am a mistake für zwei Baritonstimmen, Sprecherin und Ensemble (Text von Jan Fabre) (1992-94/1996/2003/2006/2007)

Concerto »Séraphin« für Instrumentalensemble (1992-94/1996/2003/2006/2007/2008)

Séraphin-Symphonie für Instrumentalensemble und großes Orchester (1992-94/1996/2003/2006/2007/2008/2011)

Man muss schon selbstbewusst sein, um seine Stücke alle für so relevant zu halten, dass man da noch mehr Stücke draus macht. Die Symphonie dauerte eine Stunde, in einem Satz. Manchmal schielte ich zu Wolfgang rüber, der sehr ernst mitwackelte.

Hinterher wollte ich gerne „Dekadent!“ rufen, aber ich traute mich nicht. Vor der Baarsporthalle traf ich M., die sagte, sie hätte gerne „Obsolet!“ gerufen, aber traute sich nicht. Ich mache dies nun nachträglich: „Dekadent! Obsolet!“

Transfer

zur Jugendherberge Villingen-Schwenningen. Mein asiatischer Zimmernachbar schläft schon, während ich dies schreibe. Morgen geht’s weiter.

Mit besten, Grüßen.

Die Laus (in Armin Köhlers Pelz)

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