Die 10 häufigsten Klischees in (Neue) Musik-Kritiken

Die 10 häufigsten Klischees in (Neue) Musik-Kritiken

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1) „Erstaunlich gut besucht….“

Obwohl es ja eigentlich vollkommen unerheblich für die Qualität eines Konzertes ist:  der Report über die Besucherzahl ist ein stetes Faszinosum für Kritiker, vor allem im Bereich der Neuen Musik. Da wird zeilenlang darüber geschwärmt, wie ungewöhnlich gut ein Konzert mit z.B. späten Nono- Quartetten besucht ist. Ist ja auch schön, schade ist nur, dass genau diese Betonung eines vollen Konzertsaales eher vermuten lässt, dass es tatsächlich relativ selten ist, dass der Laden mal brummt mit dieser Musik. Man kommt also der Kritik mangelnden Publikumsinteresses eilfertig zuvor, die gerade Kritikern Neuer Musik im Nacken sitzt (wenn sie wieder mal Platz für eine „seriöse“ Musikkritik erkämpfen müssen, wo doch die Redaktion lieber etwas über Lady Gaga hätte).

2) schwer=gut

Sehr oft liest man über den Schwierigkeitsgrad Neuer Werke als einen durchweg positiven Aspekt. „An Vertracktheit nichts zu wünschen übrig ließ…“ zeigt, dass der Kritiker genau diese Vertracktheit besonders beeindruckend fand. Wie überall in unserer Gesellschaft gibt es also einen Leistungsdruck – Komponisten haben gefälligst hochkomplexe und von Noten nur so wimmelnde Partituren zu schaffen (das wird ihnen bei Kompositionswettbewerben schon von der Pike auf beigebracht), und die großen Neue Musik – Virtuosen haben diese Partituren dann perfekt zu bewältigen – je scheinbar müheloser desto besser. Nicht nur in Musikkritiken, auch in anderen Texten über Musik scheint immer wieder diese Begeisterung für Hochleistungssport auf, die letztlich nichts, aber auch gar nichts über die Qualität der Musik aussagt. Man könnte genauso gut in einer Restaurantkritik darüber sprechen, wie viele Zwiebeln der Küchenchef mit eigenen Händen geschnitten hat.

3) Schwärmen für junge Virtuosen

Jung und schön müssen sie sein, das galt schon zu allen Zeiten als wichtige, wenn auch flüchtige Qualität. Gerade in der oft vergreisten klassischen Musik herrscht aber eine solche Anbetung von jugendlicher Dynamik, dass es schon wie eine Parodie wirken kann. Wenn die Jungstars sich dann auch noch „hochkomplexer“ Musik annehmen, ist es um die Kritiker geschehen. Martin Grubinger könnte wahrscheinlich auf die Bühne kacken, und es wäre immer noch „zart, leise und melodisch“. Und nicht vergessen, „ Schon in Urzeiten trommelten sich die Leute von Dorf zu Dorf lautstark zu“.

4) „Interessante“ Programmkonzeption

In Zeiten stets gefährdeter Kulturetats ist es inzwischen zur Ehrensache geworden, ganz besonders zu betonen, wie verantwortungsvoll das jeweilige Festivalteam/die jeweilige Intendanz ihre Sache aktuell macht. Selten liest man „hier wurde Geld verschwendet“ (das ist dann meistens politisch gemeint), sondern stattdessen ist immer alles ganz wunderbar in der deutschen Festivallandschaft. Das ist zwar nett gemeint, aber manchmal scheint die im Grunde noble Motivation dieses Lobs so sehr durch, dass das Lob selber etwas Schales bekommt.

5) das gut platzierte Zitat

Wir sind alle Bildungsbürger, und wollen auch als solche gelten. Daher wird immer wieder gerne ein Zitat platziert, auch wenn es vielleicht mal gar nichts mit dem Beschriebenen zu tun hat. Und ja, auch wenn ihr mich schlagt: sehr, sehr oft ist es nach wie vor ein Adorno-Zitat, wenn es um Neue Musik geht. Man will ja nicht umsonst studiert haben.

6) Kritikerlyrik

Beispiele gefällig? „subtile Ausformung der Klangstruktur“. (oder „Klanglich subtil ausgeformte Strukturierung“? “Klanglich subtil strukturierte Ausformung“? Wahrscheinlich egal…). „Scheinbare Distanz durch bewusste Abstraktion“. „Keine Schicht bildet den Vorwand zur Entfaltung der jeweils anderen“.  „Die Musik entsteht in mitempfindender Abhängigkeit“. Häh?

Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt von dem, was heute in der FAZ stand…

7) Affirmation des Sinnlichen

Sehr viele Neue Musik ist eher unsinnlich und auch nicht so gemeint. Ist ja auch ok, nicht jede Musik muss schwitzen. Aber in den letzten Jahren ist zu verspüren, dass das fehlende Sinnliche in Kritiken oft durch feurige Beschreibungen künstlich herbeibeschworen wird. Da werden dann aus furztrockenen und spröden Werken durch die „richtige“ Interpretation eben doch hochsinnliche, ja erotisch stimulierende Musiken…zumindest für den Kritiker selber.

8) „hochqualifizierte“ Interpreten

Ja, hochqualifiziert müssen sie sein, die Interpreten, man gönnt sich ja sonst nichts. Man trinkt ja auch nicht irgendeinen Wein, sondern nur den besten. Ich weiß nicht, wie oft ich schon in diesem Leben in Kritiken von der „hohen Qualifikation“ oder der „bedingungslosen Meisterschaft“ des Arditti-Quartetts oder des Ensemble Modern gelesen habe, oft sogar auf Kosten der Musik, die sie gespielt haben, die daneben fast unwichtig scheint. Die sind so gut, die machen sogar aus Scheiße noch Gold, so steht es zumindest manchmal geschrieben, wenn auch in anderen Worten. Es stimmt ja, aber müssen wir das wirklich immer wieder lesen? Brauchen die das noch? Manchmal hat man den Eindruck, man vergewissert sich unter Pferdezüchtern, dass die aktuelle Zucht nach wie vor „top“ ist und es noch so richtig bringt.

9) deskriptive Platzhalter

Ganz besonders spannend werden Kritiken immer dann, wenn es darum geht, das eigene Nichtgefallen, Desinteresse oder – kann ja auch mal vorkommen, wenn man ehrlich ist – Nichtverstehen eines gehörten Werkes möglichst geschickt zu verpacken, sodass einem genau dies nicht vorgeworfen werden kann. Beispiel:

„Feine Klangwirkungen erzeugt John Coriglianos Konzert „Conjurer“ für Schlagzeug und Streichorchester, eine stilistische Erkundung betreibt Avner Dorman in „Frozen in Time“, die Japanerin Keiko Abe führt in „Prism Rhapsody“ Marimba und Orchester zu einem intensiven Dialog, und Bruno Hartl, selbst auch Solo-Pauker bei den Wiener Philharmonikern, montiert in seinem Konzert sozusagen „Lesefrüchte“ zu einem farbigen Klangteppich. Sehr professionell.“

Ich bin sicher, keines dieser Stück gefiel dem Kritiker. Vom Lesen her gefallen sie mir auch nicht.

10) Die Moderne ist unantastbar

Eins ist sicher: die Großväter der Moderne sind unantastbar. Es sind allesamt Genies. Cage, Boulez, Nono, Stockhausen, usw. : Sie können nicht fehlen, sie können nicht irren. Alles was sie schrieben, gehört zu den größten Meisterwerken in der Geschichte der Menschheit. Und wer etwas anderes behauptet, ist ein Schwein. Kritik wird nur hinter vorgehaltener Hand geübt. Ganz offen dagegen darf man aber die unsäglichen Epigonen (sprich: die jungen Komponisten) schelten, die es wagen, dieser bedingungslosen Meisterschaft ihre erbärmlichen kleinen und nichtswürdigen Werke entgegenzustellen.

Vielleicht stimmt es ja auch – vielleicht gab es einen Moment der Perfektion durch die Moderne, der nie wieder erreicht werden kann. Vielleicht stimmt es aber auch nicht, und vielleicht tut es den Unantastbaren auch mal ganz gut, auch mal wieder etwas kritischer gesehen zu werden, denn erst dann kann man ja wirklich von ihnen lernen, sie wirklich lieben und bewundern.

Eine Freundin von mir – große Mahler-Verehrerin – behauptete mal, dass die ganze Musikgeschichte vor Mahler zu Mahler hinführt, aber noch nicht dessen Meisterschaft hat. Bach, Beethoven, Brahms, sie sind alle nur auf der Suche gewesen, haben es einfach noch nicht geschafft. Und nach Mahler? Da ging es ihrer Meinung nach nur den Bach runter. Aber so was von. Nach Mahler konnte halt nichts mehr kommen.

Ist natürlich Quatsch.

Genau wie der Gedanke, die Moderne habe alles richtig gemacht. Wir machen doch auch nicht alles richtig, wäre ja schrecklich…

Moritz Eggert

(PS: Die Zitate stammen aus den Kritiken von Wolfgang Sandner („Die Geometrie des Liebeswahns“)und Gerhard Rohde („Wenn das Schlagzeug zu singen beginnt“), beide aus der FAZ vom 29.8.2011. Beide Kritiken sind übrigens vollkommen ok und dienen hier nur – man möge mir verzeihen – als Fallbeispiele für Klischees, denen ich wahrscheinlich selber anheim fallen würde, wäre ich Kritiker. Zumindest vermute ich das, denn ich bin keiner.)

(PPS: Noch ein Zitat, von W.Sandner: „Anja Kampe war dabei eine bis in berückende Tiefen wohlartikulierende Isolde…“. Honi soit qui mal y pense.)

William_Henry_Fry

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6 Antworten

  1. Moritz, der Merker, leuchtet den Beckmessern heim…

    Als Kritiker fühle ich mich natürlich angesprochen und zur Antwort provoziert, was nicht ganz einfach ist. Ich schalte nicht auf Selbstverteidigung und will auch keine Kollegenschelte machen. Aber ich muss gestehen, Du hast mit sicherem Instinkt eine Reihe neuralgischer Punkte herausgegriffen, die das Elend unseres Metiers sehr schön illustrieren. Und ich bin froh, dass Du das nicht einfach personalisierst, sondern auch die grundsätzlichen Probleme des Metiers im Blick hast. Sie hängen wesentlich mit den miserablen ökonomischen Bedingungen zusammen. Ich glaube, das wissen die meisten Kritiker selbst auch und versuchen sich irgendwie durchzumogeln zwischen Zeitdruck, Platzmangel, geringem Honorar und manchmal auch dem Gefühl, dass man jetzt über etwas schreiben muss, was einem nicht nur emotional gegen den Strich geht, sondern auch objektiv vielleicht gar nicht viel taugt. Dann wird eben in die Routinekiste hineingelangt.

    Und dann taucht auch das Problem auf, das typisch ist für die Kritik der neuen Musik (überhaupt für alle, die sich als Sprachrohr irgendeiner Minderheit verstehen), und das in den obigen zehn Punkten auch angesprochen wird. Das möchte ich kurz kommentieren. Der Kritiker schreibt in so einem Fall wider besseres Wissen positiver als angemessen (oder er verschweigt taktisch die Negativpunkte, oder er übertreibt die Wichtigkeit des, sagen wir mal, Mittelwichtigen), denn es geht ja schließlich um den öffentlichen Status der neuen Musik, um Subventionen, Sponsoren, Kampf gegen reaktionäre Meinungen etc. etc… Und schon sitzt der Kritiker in der Falle und ist Lobbyist einer „guten Sache“, die nicht angezweifelt werden darf. Eigentlich ziemlich unangenehm, für den Leser, der das spürt, aber noch vielmehr für den Kritiker in der Zwickmühle, der in der Regel nicht blöd ist und das auch spürt. (Ich könnte mir vorstellen, dass es bei den Komponisten auch solche neuralgischen Punkte gibt, etwa was die Kompromisse bei den Aufführungsbedingungen angeht: wenn sich der Komponist auf der Bühne artig bei den Interpreten bedankt, obwohl er die Aufführung beschissen fand.)

    Wie auch immer, Du hast wieder einmal etwas angestoßen, Moritz. Ich nehme mir jetzt diskret meine Texte vor und klopfe sie auf die in Punkt 1-10 inkriminierten Mängel ab…

  2. @Max: vielen Dank für diesen offenen Kommentar! Ich hoffe ich habe klar gemacht, dass ich mir absolut bewusst bin, dass ich selber diese Klischees verwenden würde, wenn ich Kritiken schreiben würde, denn sie haben ja – wie Du richtig bemerkst -mit den Zwängen und der Situation der Szene zu tun. Ich bin auch sicher, dass viele Kritiker es auch wirklich gut meinen damit!

    Ich fände es auch ganz gut, wenn Kritiker mal umgekehrt die größten Klischees in der Neuen Musik auflisten würden. Arno hat das ja mal in dem unvergessenen „Neue Musik Bingo“- versucht, aber man könnte das noch ausbauen…Klischees sind ja auch nicht nur schlecht und nie perfekt zu vermeiden, sie haben ja auch mit Kommunikation zu tun, die eben nur auf diese Weise funktioniert…
    Moritz Eggert

  3. Sehr wahr und sehr lustig, Moritz.

    Zu Punkt 10 hat ja schon Klarentius Baerloff ( a.k.a Barlomew Clarifier)1998 in einem herrlich-satirischen Aufsatz mit schönen mit wissenschaftlichen Index-Tabellen nachgewiesen, dass in den 1950er Jahren grossartige Werke von den 20-30jährigen verfasst werden konnten, während in den 1990er Jahren nur die 60-70jährigen wirklich wesentliche Werke schreiben konnten – womit natürlich dieselben Personen gemeint waren… Siehe unter http://kalvos.org/barless1.html

    Aber, als ein kleiner Kontrapunkt: Seid froh, dass es in der FAZ (und anderswo in der deutschsprachigen Presse) überhaupt so relativ viele Konzertkritiken Neuer Musik gibt. In Kanada, den hiesigen sog. „Qualitätsblättern“ (und auch im staatlichen CBC Rundfunk) kommt Neue Musik gar nicht mehr vor, weder vor „erstaunlich gut besuchten Sälen“ noch überhaupt…

    Wie so oft in den Medien ist wohl auch hier die reine Präsenz im Feuilleton der FAZ die eigentliche gesellschaftliche Botschaft: Neue Musik ist kulturell keine quantité negligable – und was dann da geschrieben steht, ist dann schon irrelevant: denn für die in der Szene ist es viel zuwenig Info, und für die ausserhalb meist schon ein wenig zuviel….

  4. Zum Punkt 2), Hochleistungssport und „technische Komplexität“, hätte ich noch eine Bemerkung: Wenn Technik nicht nur beschrieben wird (was manchmal ja durchaus informativ sein kann), sondern zum Argument für ästhetisches Gelingen gemacht wird, so bietet sich mehr noch als der Vergleich mit der Zwiebel der mit den Küchengeräten an, nach dem Muster:
    – „Diese Suppe wurde mit einem Bosch-Gerät mit 2000 Umdrehungen pro Minute gequirlt.“
    – „Dieses Schnitzel wurde in einer Pfanne mit 24 cm Durchmesser gebraten und anschließend mit einer Metallkelle von 25 cm Länge dreimal gewendet.“
    So etwas setzt man ja nicht auf die Speisekarte, doch in der neuen Musik geistern entsprechende alt-Darmstädter Küchenweisheiten noch immer durch manche Kritiken und Werkkommentare, nach dem Muster: „In dieser Komposition wurden die konstituierenden Intervalle der um ein halbes Cent verkleinerten großen Terz und der dreifach verminderten Sekunde in mehreren Durchgängen um den Faktor 2,44 multipliziert und innerhalb eines in 24 Segmente unterteilten Tonraums dreimal um ihre Längsachse gewendet.“ Undsoweiter. Manchmal kommt auch noch etwas digitaler Senf dazu.

  5. Es ist doch ganz einfach: da kann Moritz so viel verbalen Geist verspritzen, wie er ihn übrig hat, letztlich kommt es doch darauf an, ob jemand gepackt wird von seiner Musik. Kritikergeschreibe hilft dazu nix, höchstens zur Chance, die Musik auch bei Unbeleckten zu vermarkten. Kulturmanagement scheint mir da hörig oder zumindest oft genug zu blenden zu sein.

  6. peh sagt:

    lieber bad boy, das habe ich wieder gerne gelesen. gut gezielt. max nyffeler ist nicht viel hinzu zu fügen, aber zu punkt 9): hier bin ich als auf vertrauenswürdige berichterstatter angewiesener leser dankbar zu erfahren a) was das für musik war, b) ob sie was taugt und dass ich als leser, der die schreibe eines autors kennt, darauf komme, dass er die musik gehasst hat, auch wenn es sich auf den ersten blick nicht so liest, ist doch auch ein schönes moment der klandestinen kommunikation. „eine flaschenpost“, hätte ich jetzt beinahe mit adorno geschrieben, aber ich habe ja auch gerade mein bafög abbezahlt, da nehme ich mir das noch mal heraus. ;-)