In der Fremde (4b): Benjamin Schweitzer in Finnland

Und hier der zweite Teil des Interviews mit Benjamin Schweitzer:

Komponisten und Förderung

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Der schwedische Komponist Gunnar Bucht sagte mal zu mir, um mir den Unterschied zwischen Schweden und Finnland zu verdeutlichen: „In Finnland ist jeder Komponist ein potenzieller Nationalheld.“ Das war zwar vielleicht etwas polemisch-ironisch überzogen, aber der Satz hat einen wahren Kern. Ein Land mit so einer kleinen und entlegenen Sprache hat ja im Grunde nur ganz wenige Möglichkeiten, sich international ohne „Übersetzung“, zu präsentieren, darunter ist die Musik (neben dem Sport) vielleicht die unmittelbarste. Mit Jean Sibelius hat ein Komponist in der Ausformung der finnischen kulturellen Identität eine wichtige Rolle gespielt hat, der schon zu Lebzeiten weltberühmt war (nicht nur eher ein „local hero“ wie in vielen anderen kleinen Nationalstaaten) und weit ins 20. Jahrhundert hinein gelebt hat, also keine ferne historische Gestalt ist. Das wirkt sich, im Zusammenhang mit einer generell musikbegeisterten Kultur, bis heute dahingehend aus, dass – unabhängig davon, ob man für ihre Musik selbst so viel Interesse oder gar Verständnis hat – Komponisten eine spezielle Wertschätzung zukommt, vor allem natürlich, wenn sich erste Ansätze einer internationalen Aufmerksamkeit für sie zeigen. (Dass die meisten international erfolgreichen finnischen Komponisten sich einer eher gemäßigten Klangsprache bedienen, macht das natürlich leichter – ob der Erfolg die Voraussetzung für die Mäßigung war oder umgekehrt, ist hier wie andernorts eine Henne-oder-Ei-Frage.)

Der prozentuale Anteil aktiver Komponisten an der Gesamtbevölkerung Finnlands dürfte international auf Rekordniveau liegen. Zeitgenössische (finnische) Musik wird systematisch gefördert; vereinfacht gesprochen, könnte man sagen, dass in der Förderpolitik eher dem „Gießkannen-“ als dem „Leuchtturmprinzip“ gefolgt wird: Neben wenigen repräsentativen Großprojekten existiert ein recht breites Spektrum an oft auch regionalen/lokalen Strukturen.

Die Fördermaßnahmen ermöglichen trotz der hohen Lebenshaltungskosten einer beachtlichen Zahl von Komponisten eine weitgehend freischaffende Existenz – es gibt z.B. ein- und mehrjährige Arbeitsstipendien und ein dichtes System von Projektförderung. Anders als in Deutschland ist dabei die zentralstaatliche Förderung stärker ausgeprägt, aber auch jede der 17 „Landschaften“, in die das Land unterteilt ist, hat ihren eigenen Stiftungsverbund, und dazu gibt es noch zahlreiche weitere private Stiftungen. Es ist schwierig, das präzise auszurechnen, aber meiner Einschätzung nach wird in Finnland pro Kopf mindestens ebensoviel Geld in zeitgenössische Musik investiert wie in Deutschland – die finnischen Komponisten sind also auch immer fleißig mit Anträgeschreiben beschäftigt. Dabei scheint der Zwang, irgendwelche inhaltlichen Besonderheiten oder besonders innovative Züge an einem Projekt hervorzuheben oder zu konstruieren, den man in Deutschland bei vielen Fördermaßnahmen zusehends spürt, in Finnland (noch) nicht so stark zu sein. Andererseits fehlt es etwas an innovativen Formaten und Projekten mit Perspektiven, die über ein solides Konzert- oder Festivalprogramm hinausgehen. Die Gruppe konzeptionell und dramaturgisch tätiger Akteure, die selbst keine Komponisten sind, ist in Finnland im Verhältnis deutlich kleiner als in Deutschland.

Für finnische Komponisten ist ihr Land ein (fast schon zu) gemütlicher Ort, denn einer der entscheidenden Unterschiede zu Deutschland liegt sicher darin, dass die Förderstruktur im Grunde auf einem protektionistischem Konzept basiert und es im Land wenig Konkurrenz von außerhalb gibt. Auch die Promotion finnischer Musik im Ausland wird massiv unterstützt, sowohl in Form von Stipendien für Auslandsstudien-/Aufenthalte als auch mit Fördermitteln für Projekte, bei denen finnische Komponisten von in- oder ausländischen Ensembles international aufgeführt werden.

Das Problem liegt in der sehr realen Gefahr, dass diese Förderpolitik im Land selbst einen nahezu geschlossenen Kreislauf generiert: es spielen überwiegend finnische Musiker mit finnischem Geld finanzierte finnische Musik vor finnischem Publikum. Vom internationalen Schaffen kommen fast nur moderne Klassiker, die „Altmeister“ unter den noch Lebenden oder die absoluten Hypes unter den Jüngeren zu Gehör; ein Stück eines jüngeren, eher unbekannten ausländischen Komponisten in Finnland live zu hören, hat Seltenheitswert. (Eine gewisse Ausnahme hiervon bilden etwa Veranstaltungen im Rahmen der nordischen Kulturkooperation wie „Ung Nordisk Musik/Young Nordic Music“ oder die „Nordic Music Days“ sowie die als „Stammesbrüder“ angesehenen Esten und – in zweiter Linie – Ungarn.)

Zwar wurden seit den 1960er Jahren verstärkt auch viele wichtige internationale Persönlichkeiten nach Finnland eingeladen, aber fast immer in „hit-and-run“-Zusammenhängen – kaum jemals so, dass sich daraus ein kontinuierlich prägender Einfluss und Austausch (und eine Konkurrenz für die eigenen Leute) hätte ergeben können wie bei Boulez, Nono, Cage, Yun, Ferneyhough etc. in Deutschland. Soweit ich weiß, hat – jenseits von Gastauftritten – kein Komponist je an der Sibelius-Akademie unterrichtet, der nicht auch dort studiert hat.

Die meisten jungen finnischen Kollegen, die ich kenne, sehen diese Tendenz zur „Monokultur“ inzwischen auch zusehends kritisch, und es scheint, dass man langsam die Problematik erkannt hat und diese Geschlossenheit in den kommenden Jahren vorsichtig aufgebrochen werden wird. Ein so fruchtbares Feld für die internationale Szene, wie es Deutschland derzeit ist, dürfte in Finnland aber in absehbarer Zeit nicht entstehen.

Stile

Die Bandbreite an Stilen in der finnischen zeitgenössischen Musik erscheint vergleichsweise klein – oder vielleicht könnte man auch sagen, dass sich eher feine Abstufungen innerhalb einiger weniger Stilrichtungen finden. Im Grunde kann man zwei große Ausprägungen unterscheiden: Die Orientierung der meisten Komponisten in der mittleren und jüngeren Generation ist von einer Haltung geprägt, die ich, bei aller Vorsicht mit solchen Schlagwörtern, als postseriell-abstrakt modernistisch bezeichnen würde. Das beinhaltet eine Abgrenzung von der anderen Richtung, jenem postmodernen, bisweilen sogar neoromantischen Stilsurrogat, mit dem die älteren Komponisten wie Rautavaara oder Sallinen bekannt geworden sind und die Wahrnehmung finnischer Musik nach Sibelius im Ausland stark geprägt haben. Allerdings gab es in der älteren Generation einige konsequente Modernisten (Paavo Heininen, Erik Bergman), und es gibt auch ein paar Jüngeren, die sehr „popular“ schreiben; dazwischen einige erratische Gestalten, die sich schwerer einordnen lassen. In den 1960ern und 1970ern gab es einige Ansätze zu Avantgarde-„Bewegungen“ und Gruppenbildungen, aber diese sind entweder kurzlebig geblieben (wie die sogenannten „Kinderzimmerkonzerte“, deren Programme bisweilen experimentell waren), oder bald in institutionalisierte Routine übergegangen (wie die von Saariaho, Salonen und anderen gegründete „Korvat auki!“-Gruppe, die sich zunächst gegen den als „Pelzmützenopern“ ironisierten, in den 1970ern in Finnland sehr prominenten neoromantischen Mainstream positionierte).

Die finnische Avantgarde erschien in ihrem Umfeld als radikal, aber verglichen mit den jeweils avanciertesten Komponisten in Mitteleuropa sind auch die Mutigeren in Finnland meistens noch recht maßvoll gewesen, und das gilt im Grunde bis heute. Über die Stilgrenzen hinweg bleibt der Eindruck, dass handwerkliche Präzision einen ungebrochen hohen Stellenwert hat, während man vor radikalen Lösungen eher zurückschreckt. (Man darf nicht vergessen, dass selbst recht brave Zwölftonmusik im Finnland der 1950er Jahre auch bei Fachleuten noch als schwierig, gar experimentell galt; dafür wurden bis weit in die 1980er Jahre hinein immer noch fleißig Sinfonien komponiert, was keineswegs als antiquiert angesehen wird.) Cross-over-Tendenzen, insbesondere in Tuchfühlung mit der kleinen, aber lebendigen Szene avancierter und innovativer sogenannter „U“-Musik (man denke etwa an Leute wie Jimi Tenor), sind noch eher eine Randerscheinung. Elektronik/Elektroakustik haben in Finnland eine kleine experimentelle Gruppe schon lange fasziniert (Erkki Kurenniemi war einer der Pioniere auf diesem Gebiet), auch computergestütze Kompositionsmethoden. PWGL (früher Patchwork) wurde beispielsweise maßgeblich an der Sibelius-Akademie entwickelt. Allerdings habe ich den Eindruck, dass die klang(sinnlich)en Möglichkeiten dieser Technologien wenig Auswirkungen auf die instrumentale Schreibweise der Komponisten hatten. Viele auch jüngere finnische Komponisten verwenden weitgehend chromatisches Tonmaterial ohne mikrointervallische Erweiterungen, traditionelles Instrumentarium ohne radikale Klangverfremdungen und geschlossene Werkkonzepte. Der „Grad“ der Avanciertheit sagt allerdings natürlich nicht viel über die wirklichen Qualitäten von Musik aus. Das ist weitgehend eine Geschmacksfrage, in der man sich sein eigenes Urteil bilden kann, was angesichts der weiten Verbreitung neuer Musik aus Finnland ja auch hierzulande gut möglich ist.

Grundsätzlich scheint es jedenfalls, als ob jene fundamentale Erforschung, Kritik und Infragestellung des musikalisch-klanglichen Materials, seiner Implikationen und seiner Entstehungs- und Aufführungsbedingungen, wie wir sie aus unterschiedlichen Richtungen in Deutschland als quasi selbstverständlichen Aspekt der ästhetischen Debatte und kompositorischen Reflexion kennen, in Finnland auch in den avancierten Kreisen nicht vergleichbar intensiv diskutiert wurde und wird. Es hat für mich den Anschein, als sei der Diskurs vorrangig positivistisch geprägt: Materiell-kompositionstechnische Befunde werden vorrangig betrachtet, im weiteren Sinne ästhetische Phänomene schon weniger, und politisch-gesellschaftliche Implikationen nur sehr am Rande.

3) Lässt Du Dich selber von musikalischen Erfahrungen in Finnland (oder auch anderen Ländern) beeinflussen, oder gibt es einen Teil von Dir, der vollkommen unabhängig agiert ?

Ich glaube, dass unmittelbare äußere Einflüsse meines jeweiligen Wohn- oder Aufenthaltsorts sich gar nicht oder nur sehr punktuell in meiner Musik wiederfinden. Dazu sind die Ideengebiete und Themen, mit denen ich mich musikalisch befasse, einfach zu abstrakt, zu „übergeordnet“ und entwickeln sich über viel zu lange Zeiträume, um unmittelbar auf einen kurzfristigen Ortswechsel zu reagieren. Teilweise bin ich dann auch viel zu abgelenkt und beschäftigt mit neuen Eindrücken, um in Ruhe zu arbeiten; d.h das Erlebte fließt dann vielleicht irgendwann viel später und sehr stark gefiltert und verdünnt in meine Arbeit ein.

4) Wie hat sich Dein Blick auf die musikalisch/ästhetische Diskussion in Deiner Heimat (D) durch Deine Zeit im Ausland verändert?

Ich habe relativ schnell registriert, dass in Finnland große Teile von meiner Ansicht nach ganz wichtigen musikästhetischen Entwicklungen und Diskussionen kaum oder nur sehr aus der Distanz rezipiert werden. Von daher gesehen geht es mir also eher so, dass ich gerade, wenn ich in Finnland bin, oft daran erinnert werde, wie reichhaltig unser zeitgenössisches Musikleben ist, trotz mancher bekannter Defizite. Es ist ja kein Wunder, dass man zumal in Berlin unter den vielen ausländischen Komponisten auch ständig auf finnische Kollegen trifft, die die Breite, Tiefe und Vielfalt dessen, was hierzulande alles unter zeitgenössische Musik rubriziert wird, schätzen und bei sich zuhause vermissen. Dafür fällt, von einem eher durch Zurückhaltung geprägten Land wie Finnland aus betrachtet, natürlich auch deutlicher auf, dass in Deutschland die Bandagen etwas härter sind, sowohl in der Art, wie Debatten geführt werden, als auch in der Konkurrenz um Aufmerksamkeit und Förderung.

5) Würdest Du Deine Zeit im Ausland als „karriereförderlich“ bezeichnen? Oder eher als persönlichkeitsbildend (was für Musik natürlich wichtiger sein kann)?

Definitiv letzteres. Ich habe zwar auch einige Kontakte, die noch auf meine Studienzeit zurückgehen, und ab und zu mal eine Aufführung oder Rundfunksendung in Finnland, aber in dieser kleinen und geschlossenen Szene kann man als Ausländer wenig erreichen – es sei denn, man entschließt sich, seinen Lebensmittelpunkt dorthin zu verlegen. Und in Deutschland gibt ein finnisches Auslandsstudium ja auch wenig Punkte: die Sibelius-Akademie ist ja weder eine der einschlägigen internationalen „Karriereschmieden“, noch ist Finnland exotisch genug, als dass man damit Aufmerksamkeit erregen würde, weil erwartet wird, dass man irgendwelche neuen, unerhörten Ideen aus fernen Kulturen zur Erfrischung müder Mitteleuropäer mitbrächte.

Solche Überlegungen waren aber ja auch nicht vorrangig bei meiner Auswahl dieses Studienortes. Zu der Zeit befand ich mich ohnehin in so einer Art Orientierungsphase, da war für strategische Karriereplanung nicht der richtige Zeitpunkt. Trotzdem oder gerade deswegen war das eine sehr erfrischende Zeit, aufgrund derer mir das Land endgültig zu einer „zweiten Heimat“ geworden ist, auch wenn ich dort wohl nicht ständig leben wollte (was ja auch ein Charakteristikum von „Heimat“ ist, wenn man der Definition von Herta Müller folgt).

6) Wo möchtest Du selber am liebsten dauerhaft leben und arbeiten? (Dies können auch zwei verschiedene Orte sein)

Die Kombination, in der ich mich jetzt befinde – Berlin und Helsinki – ist schon ganz gut, in beiden Städten fühle ich mich auf je eigene Art zu Hause. Manchmal denke ich aber, dass ich irgendwann auch nochmal in Mecklenburg auf dem Land oder in einer von den alten Hansestädten an der Ostseeküste leben möchte.

Das Ganze ist immer verbunden mit einer kleinen Vorstellung Deiner Person und Links zu Websites oder ähnlichem – wenn Dir da etwas wichtig ist, weise mich bitte darauf hin!

Fällt mir nichts Besonderes ein, du kennst ja meine Biographie und Arbeit gut genug, um da die entscheidenden Punkte rauszupicken.

Vielleicht dazu noch ein paar Links:

Wer sich für finnische Musik interessiert, dem sei die Seite www.fimic.fi empfohlen, das finnische Musikinformationszentrum. Da findet man wirklich (fast) alles & auf Englisch.

Der finnische Orchesterverband hat ebenfalls eine englischsprache Website: http://www.sinfoniaorkesterit.fi/en/

Das Finnland-Institut in Deutschland findet man unter http://www.finnland-institut.de/

(Das Interview mit Benjamin Schweitzer führte Moritz Eggert)

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