Holly Golightlys Großvater

Afdera Franchetti, Enkelin von Alberto Franchetti

Afdera Franchetti, Enkelin von Alberto Franchetti, mit Henry Fonda

Helmut Krausser hat sich  über die Jahre nicht nur als einer der großen deutschen Schriftsteller sondern auch als ein Musikkenner und -liebhaber erster Güte erwiesen. Zum ersten Mal zeigte er dies in seinem Bestseller „Melodien„, der den Leser plötzlich mit einer feinen und detaillierten Biographie des frauenmordenden Komponisten Gesualdo überraschte, die man locker auch als einzelnes Buch hätte herausgeben können, so liebevoll und kenntnisreich ist sie geschrieben. Auch in späteren Romanen schien immer wieder besonders der Opernliebhaber Krausser durch, so zum Beispiel in seinem teuflischen Callas-Trip „Der große Bagarozy“, einer so verrückten Geschichte, dass selbst Till Schweiger sie nicht in der gleichnamigen Eichinger-Verfilmung kaputtspielen konnte.

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Die Liebe zur Musik ist bei Krausser eine aus seiner Lebensgeschichte gewachsene Passion – als Sänger und Komponist einer Band sammelte er frühe musikalische Erfahrungen und begeisterte sich für unterschiedlichste Musik – von Philip Glass bis zu den Einstürzenden Neubauten. In einer frühen Erzählung beschreibt er, wie er dann in seinen Jahren als Obdachloser einmal auf dem Dach der Bayerischen Staatsoper ein Stück Fleisch briet, während er andächtig der von unten kommenden Musik lauschte. In die „Kleinen Gärten des Maestro Puccini“ feierte er jüngstens die bisher unerforschten Liebesverstrickungen seines großen Lieblingskomponisten, was um so faszinierender zu lesen ist, da Puccini von der „seriösen“ Musikwissenschaft nach wie vor sträflich unterschätzt und vernachlässigt wird. Als Resultat dieser Arbeit erfolgte seine Beschäftigung mit einem Komponisten, den es tatsächlich wiederzuentdecken gilt: Alberto Franchetti, zu Lebzeiten Rivale von Puccini und über viele Jahre hinweg genauso berühmt wenn nicht sogar erfolgreicher als sein aus ärmeren Verhältnissen stammende Kollege Puccini.

zwei ungleiche

Die Lebensgeschichte dieser beiden unterschiedlichen Genies hat Krausser in seinem gerade erschienenen Buch „Zwei ungleiche Rivalen“ beschrieben, herausgegeben durch die neue Musikedition von Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann. Krausser hat diesem Projekt viel Energie gewidmet und intensives Quellenstudium von Briefen und Aufzeichnungen betrieben. Herausgekommen ist ein spannendes literarisches Sachbuch, das vor allem als authentische Darstellung der Musikwelt des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu faszinieren weiß. Baron Alberto Franchetti, aus reichstem italienischen Adelshaus stammend, ist ein Lebemann erster Güte, dem vor allem durch seinen Vater vieles ermöglicht wird, sogar ganze Opernaufführungen samt den damals unerlässlichen Bestechungsgelder für Clacqeure (ohne die keine Opernpremiere erfolgreich werden konnte). Dagegen steht Puccini, der sich alles hart erarbeiten muss und tatsächlich teilweise das Leben der „Bohème“ lebt, das er später in seiner berühmtesten Oper beschreibt. Zuerst hat Franchetti die Nase vorn während Puccinis erste Opern grandiose Mißerfolge sind, doch dann wendet sich das Blatt langsam.

Krausser ist kein selbstgefälliger Moralist, der diese beiden Positionen gegeneinander ausspielt, tatsächlich gelten seine Sympathien mindestens genauso dem musikalisch Puccini absolut ebenbürtigen aber eben durch seine Herkunft ehrgeizloserem Franchetti. Beiden Komponisten gemeinsam ist aber ein Traum von großer Oper, und Franchetti gelingt hier genauso Meisterhaftes wie Puccini. Als Franchettis größter internationaler wie auch musikalischer Erfolg gilt seine Oper „Germania“, die dem intern zerstrittenen Italien die Vision eines mit Mühen geeinten Deutschlands gleichsam lustvoll pädagogisch vorexerziert. Ausgerechnet diese Oper scheitert aber in Deutschland, da man dort nicht von der „falschen“ Seite bewundert werden will und vor allem nicht von einem jüdischen italienischen Komponisten. Die Nazis schließlich geben Franchettis Musik den Rest und belegen seine Musik mit ihrem Bann, der auch das Aus für seinen gerechten Nachruhm bedeutet.

Dieser Bann ist – wie man vor kurzem in Berlin erleben konnte – heute noch gültig, denn so nannte z.B. „Welt“-Kritiker Manuel Brug nach der Berliner Aufführung der lange vergessenen „Germania“ Franchetti einen „Stümper“ und seine Oper einen „zu Recht vergessenen Schmachtfetzen“. Dies ist natürlich für den Kenner eine ganz dringende Aufforderung, sich mit der Musik von Franchetti zu beschäftigen, und tatsächlich, man ist erstaunt, hier eine gültige und eigenständige Opernsprache zu vernehmen, die in vielen Details auf zukünftige Tendenzen in der Musik verweist, obwohl Franchetti eher die Erdung in der Tradition suchte. Und natürlich auch eine dringende Aufforderung dazu, Kraussers Buch zu lesen, das vor allem eines vermag: Künstler authentisch und ohne Verkitschung zu schildern und dabei einfühlsam ihre Motivationen zu durchleuchten.

Und wenn man fertig ist hat man eines gelernt: so wahnsinnig anders wie heute waren die Zeiten auch nicht, zumindest was eine Karriere in der Musikwelt angeht. Und man hat Erstaunliches gelernt: so diente zum Beispiel Franchettis wilde und heute noch lebende Enkelin als direktes Vorbild von Truman Capotes berühmter Holly Golightly, was Franchetti also quasi zu Audrey Hepburns Großvater macht.
Auch keine so schlechte Leistung.

Moritz Eggert

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1 Antwort

  1. Dennis Kuhn sagt:

    Vielen dank lieber Moritz Eggert für diesen informativen Artikel.

    Die „kleinen Gärten“ von Krasser waren nicht nur sehr unterhaltsam, sondern man konnte auch einiges (neues) über Puccinis Leben erfahren. Dann muss ich mich ja bald mal über die zwei ungleichen Rivalen hermachen :P

    Was übrigens unser Welt-Kritiker Burg so alles erzählt, nehme ich schon lange nicht mehr wahr.

    Gruß und Dank
    Dennis Kuhn