Dido trifft Judith in Frankfurt: der Beginn einer wunderbaren Opernfreundschaft

Am Ende eines verkaterten Wochenendes der spontane Entschluss, in die Oper Frankfurt zu gehen. Dido and Aeneas und Herzog Blaubarts Burg. Da der Entschluss völlig spontan fiel, war mir entgangen, dass es sich um die Premiere handelte. Also fand ich mich in Mitten von pinken Satinjäckchen, dunkelblauen Zweireihern und funkelnden Perlenketten in der zweiten Reihe des Parketts wieder. Ein toller Platz zu einem noch tolleren Preis (weil Restkarte).

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Mit der Doppelaufführung von Purcell und Bartók ist die Oper durchaus ein Wagnis eingegangen. Und sie gewinnt doppelt, weil beide Inszenierungen, auf fast allen Ebenen schlagend sind. Zunächst zu Purcell: das verkleinerte Museumsorchester hat sich in ein erstklassiges Barockensemble verwandelt, das mit Bravour unter der stringenten Leitung Constantinos Carydis‘ absolut die Stilistik Purcells trifft. Und nicht nur das: es wurde experimentiert, der Notentext stets frei behandelt, und doch war jede Verzierung, jedes Glissando und jede Kunstpause geschmackvoll und der Inszenierung zum Besten dienend. Ebenso eindrucksvoll und wunderbar leicht der Chor der Oper, was für eine Flexibilität! Die Solisten waren mit Einschränkungen alle hervorragend, besonders die (nicht zum Ensemble der Oper gehörenden) Countertenöre Martin Wölfel, Dimitry Egorov und Roland Schneider überzeugten als groteskes (jedoch manchmal arg lächerlich inszeniertes) Hexentrio. Paula Murrihy war als Dido vor allem musikalisch eindrucksvoll, szenisch jedoch blieb sie schwach, ebenso wie ihr Gegenüber, Aeneas (Sebastian Geyer), der stimmlich und szenisch farblos erschien. Britta Stallmeister als Belinda vermochte es gut, ihrer Figur Tiefe zu verleihen, leider gelang es ihr nicht immer auch musikalisch, vor allem die Höhen gefielen selten. Bühne und Kostüme erschienen zunächst sehr reduziert, aber gerade in der Reduktion ist es der Regie gelungen, ein treffendes Konzept zu verwirklichen. So wurde der hochgefahrene Orchestergraben kurzerhand als Bühne mitverwendet, was angesichts der Intimität des Stoffs wunderbar funktionierte. Leider mussten noch zwei nahezu nackte Statisten (einzig die Scham blieb durch befremdlich wirkende Plastikfrüchte bedeckt) durchs Bild tanzen, die weder inhaltlich noch szenisch einen Sinn hatten. Dadurch und durch einmalig eingesetztes chorisches Flüstern, das nur bedingt einen dramatischen Effekt erzeugte, wirkten die Regieeinfälle im ersten Teil des Abends etwas unentschlossen. Schade auch, dass Dido ein klischeehaftes pinkes Barockkleid tragen musste. Weniger wäre hier mehr gewesen, denn Purcells Musik überzeugt, zumal so großartig dargeboten, eh.

In der Pause war ich mir nicht sicher, ob Bartók da mithalten konnte.
Das konnte er. Und wie. Eine treffendere, durch und durch zeitgenössische Inszenierung (Regie in beiden Werken: Barrie Kosky) hätte man sich nicht vorstellen können. Minimalistische Kostüme und ein Minimum an Bühnenbild, nur aus einer riesigen Drehscheibe im leeren Raum bestehend, diente als Schauplatz für Bartóks konzentriert-unheimliches Stück. Der Erzähler zu Beginn wurde von einer Kinderstimme auf Ungarisch geflüstert, was schaurig und schlüssig auf die grusel-und märchenhafte Atmosphäre der folgenden Musik vorbereitete. Und dann wurde gezaubert: Was für Effekte, die nie billig und immer wohldosiert und perfekt im dramatischen Verlauf eingesetzt wurden (welch ein Kontrast gegenüber der reaktionären Medea). Ich verrate die Effekte nicht, denn das wäre schade, nur soviel kann ich sagen: es bleibt immer minimalistisch aber trotzdem kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Fast hätte ich die Sänger vergessen: Claudia Mahnke gibt eine umwerfende Judith, Robert Hayward bleibt im Duett blass gegenüber ihrer großartigen Leistung. Das Orchester brilliert auch hier, mit Abstrichen bei den tiefen Holzbläsern. Wie ein Kind sitzt man da, überwältigt von den Möglichkeiten des Theaters. Für jeden in Frankfurt sollte dieser Abend ein Muss sein, ich muss etwas hymnisch werden: mit diesem Abend beweist die Oper Frankfurt, warum Oper heute noch sein muss.

8 Antworten

  1. Michael H. Gerloff sagt:

    Kleine Korrektur zu diesem lustmachenden Artikel: „Britta Stallmeier“ heißt Britta Stallmeister. Schau ich doch gleich mal, wann die nächsten Aufführungen sind.

  2. querstand sagt:

    Verständnisfrage: Was hat dies mit Neuer Musik zu tun? Ist man Weihnachten schon Neue-Musik-froh, wenn man einen Chor flüstern hört, wenn man Bartok hört? Nachdem dieser Artikel leider mich etwas an Lokalkritiken des Münchner Merkur erinnern, sei von dort ob des adventlichen Neue Musik Mangels eine Passage aus einem Interview mit Harnoncourt zitiert:“ ‚merkur: Bedeutet das im Umkehrschluss: Jede musikalische Tradition entleert ein Werk?‘ Harnoncourt:’Nein, die Hörer wurden längst durchs Kommerzdenken entleert. Mittlerweile ist es sogar schon wenig wahrscheinlich geworden, dass die Aufführenden das jeweilige Stück selbst ganz begreifen. Es ist doch auch erstaunlich, dass es kein Weihnachtsoratorium für das 21. Jahrhundert gibt. Dass man ständig auf ein Stück von 1734 zurückgreift. Wo gibt es jetzt denn ein musikalisches Äquivalent?‘ “

    Bleibt der Sinnschluss: Wer hat grad ein Wehnachtsoratorium in der Schublade und kann Herrn Harnoncourt das Gegenteil beweisen? Ich nicht! Wenn Geistliches, dann karge Mono-Messen oder Fasten-Messen oder gleich „Requiem für einen Dichter“. Also immer Untergang, Tod, Apokalypse – als sei man ein Zeuge Jehovas, der Alles schlimm in der Jetztzeit findet und mit Freuden auf das Ende wartet, nur das der Endzeitwecker falsch bimmelt.

    So verstehe ich den Artikel Herrn Møllers dann doch noch: Advent=Neue Musik Notprogramm. Oder zurück auf Bartok-Los? Reimann Ade? Man kann von Bartok wohl mehr lernen, als von Reimann, das mag sein, je nachdem wie man es nimmt. Wenn allerdings die Überwältigung neben den Holzbläsern der Regie zu verdanken ist, hat es damit wohl Reimann gemangelt? Ich verstehe nicht…

    Oder geht es um den dramaturgischen Entwurf Bartoks? Der ist tatsächlich moderner als der von Reimanns Medea. Doch Halt: das liegt einfach in der Form! Da merkt man mal wieder die gattungsgeschichtliche Inkompetenz unserer Zeit. Egal, was griechische oder gräzistische Tragödie und Märchen uns heute bedeuten mögen, so sind es auseinanderzuhaltende Möglichkeiten, worin ein auf die Bühne gebrachtes Märchen mit seinem Zauberrummel immer moderner oder erratischer, unerklärlicher, zauberhafter wirken mag, als eine gerade Tragödie, wo sich Menschen sehr real die Köpfe einschlagen, die Götter zwar gerne ein wenig nachhelfen, doch mehr beinharte Realität drinsteckt als in jedem Märchen, das immer stärker verklärt als klar aufhellt, mag noch soviel bittere Erkenntnis in ihm stecken. So wundert es mich nicht, dass man sich wohlig gruselt, wenn Judith im Blaubart erstarrt, das Mädchen mit den Schwefelhölzern erfriert. Das ist immer wunderschön, egal wie pathologisch z.B. die Person Blaubart dargestellt wird.

    Zugegeben, selbst Medea enthält was märchenhaftes als Zauberin. Wie sie allerdings ihre Kinder aus Rache an Jason und all den zivilisierten Griechlein im Drama tötet, das ist doch stärker, kräftiger als das typische Erstarrungsritual in der Neuen Musik. Das Problem ist nur, dass somit weder Reimann, Lachenmann und Konsorten wirklich ein Drama des 21. Jahrhunderts geschaffen haben, dass Bartok noch immer mehr erfreut, als die jüngeren Alten. Und so wie diesen und uns bisher wirklich ein dräuendes Stück gelang, gelingt uns erst recht nicht ein neues Weihnachtsoratorium, geschweige denn von dem zeitgenössischen kirchlichen Bedürfnis an diesem.

    Allerdings kann ich mit meinem kleinen unbedeutenden Geschmack behaupten: so wichtig Bartok war, als Freund des Zeitgenössischen ist mir allerdings jede x-mal aufgeführte Reimann-Note lieber als jede Bartok-Erweckung. So modern der Blaubart sein mag, Bartok ist bereits Klassik, Tradition, genauso wie dies Stockhausen ist, Messiaen, Ligeti. Lebende Komponisten sind irgendwie dann doch weniger Halbgötter als jeder leider verstorbene Kollege. So geziemt sich der Vergleich Reimann vs. Bartok nicht. Aber es mangelt adventlich an Material, so dass man Bartok sofort für einen weichen Keks hält, wo er aber ein trockener, alter Lebkuchen ist, in Glühwein und dessen Rausch aufgeweicht, so dass man das Splittern der eigenen Zähne nicht mal wahrnimmt…

    Gruss aus ZH, A. Strauch

  3. Mathias Monrad Møller sagt:

    @ Michael H. Gerloff: wird geändert.

  4. Mathias Monrad Møller sagt:

    @ querstand: Münchner Merkur ist natürlich schlimm, ich arbeite dran. Ich gebe auch zu, dass der Abend nichts mit neuer Musik zu tun hatte. Ich habe das nicht als „Weihnachtsoratorium“ verstanden und möchte auch nicht Reimann gegen Bartók ausspielen, das wäre naturgemäß unfair. Andererseits passiert genau das auch, wenn man sagt, „jede x-mal aufgeführte Reimann-Note sei einem lieber als jede Bartók-Erweckung“, denn da wird es umgekehrt ideologisch. Hauptsache zeitgenössisch – ehrlich gesagt, da möchte ich nicht mitgehen. Natürlich liegt auch mein Interesse gerade in der zeitgenössischen Musik, daher stört mich meistens auch die Oper mit ihren unzeitgenössischen Stücken und unzeitgemäßen Inszenierungen. Genau das war aber so spannend gestern Abend: dass hier geschafft wurde, die Traditionsstücke völlig unplakativ für unsere heutigen Augen und Ohren wirkungsvoll zu machen. Das hatte nichts verstaubtes und auch nichts von einem aufgeweichten Lebkuchen. Mag sein, dass ich da naiv bin. (Übrigens war meine Meinung im Publikum kein Konsens: die Satinjäckchenträgerin neben mir kam aus dem Fluchen nicht mehr heraus, am Ende wurde neben vielen Bravos auch viel gebuht). Was die Stoffwahl betrifft, so muss auch das eine Geschmacksfrage bleiben: entweder man mag einen lachenmannesken Märchenstoff wie bei Bartók (bei Helmut ja auch nur nett gemeint gebrochen), oder man will immer knallharte Realität (sicher, es gibt auch einen Mittelweg). Für mich kann die Stoffwahl allein aber kein Bewertungskriterium sein, von wegen „schon wieder n Märchen – das muss ich mir nicht antun“, sondern da muss das komplexe Zusammenspiel aus Stoff, Form, Inszenierung etc. kurz: die Umsetzung betrachtet werden. Und da konnte man als aufmerksamer Zuhörer bzw. Zuschauer der gestrigen Inszenierung wesentlich mehr Zeitgenössisches abgewinnen als dem Reimann. (Und sei es auch „einfach nur“ der dramaturgische Entwurf, der moderner ist).
    Ansonsten ist es natürlich die Frage, mit welcher Haltung man in die Oper geht. Möchte ich einen Erkenntnisgewinn oder vielleicht sogar die Erleuchtung oder möchte ich anspruchsvoll unterhalten werden oder möchte ich endlich mal gut schlafen? Ich weiß nicht, aber ich glaube weder daran, dass wir durch Oper klüger werden können noch dass wir durch sie klüger werden sollen. (Generell geht mir das Didaktische in der Kunst ab). Vielleicht bin ich auch hier naiv.

    Natürlich wäre mir eine Uraufführung lieber gewesen, nach der bösen aber berechtigten Reimannkritik (diese Produktion war übrigens auf allen Ebenen völlig daneben, von den Sängern mal abgesehen) war mir einfach danach, die Oper ein bisschen zu loben. Wenn dabei der zeitgenössische Bezug zu kurz gekommen ist, hoffe ich, dass ich das jetzt ein bisschen zurechtgerückt hab.

  5. querstand sagt:

    @ Møller:
    1.) Meine Selbstentlarvung:

    a) An Lokalnachrichten lese ich online am Liebsten: das KIZ der NMZ. Das erfasst nicht Alles, so Rückgriff auf die SZ, die sich im Netz allerdings zu klassischer und Neuer Musik weitestgehend totschweigt. Bleiben Merkur und Abendzeitung, die auf jenem leeren Feld alle 3 Wochen mal etwas Wesentliches beisteuern, so diese Harnoncourt Adventsrummel-Tirade. Eigentlich fade… Die Frage nach dem Weihnachtsoratorium des 21. Jahrhunderts finde ich allerdings berechtigt. Wie man sieht, herrscht an Bach momentan kein Mangel, Neue Musik scheint allerdings noch seltener als in den Sommerferien stattzufinden, wenn man nicht mit der Lupe hinsieht.

    b) Über Reimann kann man mit mir streiten. Seine Schwächen wie seine opernbetriebliche Konformität, der berechtigte Romantizismusvorwurf, die gesungenen, nur gekürzten, kaum veränderten Schauspieltexte, die verschraubte Chromatik seiner Linien, die altbackenen Cluster, all dies sehe ich, all dies teile ich. Dennoch fasziniert mich das unaufhörliche Brennen dieses älteren Mannes für seine Stoffe, seine neuere Kargheit hier und da, seine klassische Instrumentationskunst. Seit Bernarda Albas Haus bin ich ihm gegenüber geduldiger geworden, seine ätzende Kritik an meinem ersten Rheinsberger Beitrag ein Treffer ins Schwarze. Kurzum: gerade sein „Immer-Noch-Expressionismus“ wie seine starken Seiten lassen mich für ihn immer wieder eine Lanze brechen. Er wird immer noch gespielt, er hat sich fantastisch gehalten. Der Kritik ist allerdings ausser den o.g. Schwächen bis heute zu ihm nichts Neues eingefallen. Warum wird Reimann aber jenseits seiner Opernbetriebskompatibilität immer noch gespielt, gesungen, geschätzt? Er hätte allerdings wirklich mal eine minimalistische Regie nötig, nicht jene Harry-Kupfer-Ewigkeit oder diesen Wiener Staatsoperntingeltangel.

    2.) Was spricht nun gegen Bartoks Blaubart in Frankfurt/Main?

    Soviel ich weiss, ist Frankfurt DIE deutsche Stadt mit der Bartoktradition, kamen hier vieler seiner Werke zur Erst- oder gar Uraufführung. So spricht für Bartok dort soviel wie für Wagner in München, Strauss in Dresden. Meine Klassiker-Einordnung gewinnt im Grossstadt Vergleich Fleisch. Viel heftiger wiegt dagegen allerdings die Kombination Bartoks mit Purcell, so modern einem historisch informierte Aufführungspraxis mit dem formidablen Charydis (er war in seinen Anfängen der Korrepetitor meiner Studienabschlussoper…) auch vorkommen mag. Warum nicht die Kombination mit einer kleinen Opern-UA? Ohne diese UA, dafür mit nett entschlackten Purcell, dazu der prächtig gruslige Bartok, das ist doch Adventsmusik und Halloweenrückblick in einem! Mag Bartok in seiner Dramaturgie zeitgemässer sein, Reimann ist immerhin Moderne zum Anfassen, adventlich riskanter – da eher publikumsleer – als der purcellgezähmte Bartok. Warum nicht eine richtige neue Weihnachtsoper für Jung und Alt? Das wäre eine echte Herausforderung, wie auch ein neues Weihnachtsoratorium.

    Aber was soll es, ein sauber, innovtiv erzählter Bartok ist schon etwas, sogar was Schönes, das gefällt sogar mir, der ich die netten Märchenadaptionen, all diese Musiken mit Bildern und ohne handfeste Hadnlung unserer Zeit so geissele. Es geht mir v.a. darum, endlich wieder Musik zu haben, die nicht nur raunen und flüstern darf, die tatsächlich Harnoncourts Traum Wirklichkeit werden lässt. Natürlich ist mir Stille und Geräusch willkommen, es sollten aber nicht die einzigen Massstäbe für eine Traute des Schreibens von Neuer Musik sein, genauso wenig die totale Postmoderne. Solange dies so bleibt, ist für das breitere Publikum Bartok eher Neue Musik, die man sich zu Gemüte führt, sei es belehrungssüchtig oder unterhaltungsfreudig. Dass es allerdings doch eher ein alter Hut, ein schöner allemal, das zeigt gerade die Frankfurter Stückekombination, in der wohl wundervollen Regie, was dann das einzig Neue daran zu sein scheint.

    P.S.: Der vor Kurzem erst geschasste ehemalige Budapester Staatsopernoberspielleiter Balasz Kovalik kombinierte den Blaubart in seinem Münchner Hochschulabschluss mit Carl Christians Bettendorf ESCORIAL nach Ghelderode. Das war tatsächlich eine Moderne auf beiden Ebenen. Das war mutig, das finanzierte übrigens ein Privatmann der Automobilindustrie. Wie wüst könnte da das Neue in der Bankenstadt Frankfurt Urständ feiern.

    P.P.S.: In jener Blaubart-Produktion gab es übrigens eine kleine ungewollte Modernisierung. Kovalik hatte ein ungarisches Riesenorchester in die Stadt geholt. Nur die Orgel, an wenigen Stellen ja solistisch exponiert, war münchnerisch. Die spielte ein Hochschulklavierbegleiter, ein elektronisches Teil. Zuerst hörte man nichts, dann traf er statt des richtigen Knopfes die Demo-Taste, es ertönte kurz die Bachsche d-moll Toccata. Wenn da mal Harnoncort anwesend gewesen wäre…

    Gruß aus dem EC nach München mit Humperdincks Königskindern in den Ohren,

    A. Strauch

  6. Mathias Monrad Møller sagt:

    @ querstand

    Sicher, eine UA wäre auch eine schöne Kombination mit Purcell. (Oder mit Bartòk, je nach dem). Trotzdem ist mir ein gut gemachter, zeitgemäß inszenierter Traditioneller lieber als eine schlechte Uraufführung. Ich kann beim besten Willen mit Reimanns Musik nichts anfangen, bei allem Respekt vor dem Mann. Ich hab mir jedenfalls die Adventsmusik und Halloweenrückblick in einem gern gegeben. Quasi als Opernblockbuster (hohl war er trotzdem nicht). Ich ziehe vielleicht die Grenzen zwischen U und E nicht richtig?

    herzlich,
    MMM
    ps. Übrigens sei noch auf das Wortspiel Bar(t)ok hingewiesen. Höhö.

  7. querstand sagt:

    @mmm: wenns so gefiel und wir den ollen neue musik-kram beiseite lassen, was für schlüsse für das 21. jhd. sind dann aus bartok und purcell zu ziehen samt regie. ich meine wirklich vom standpunkt der lust ausgehend, reimann jetzt vergessend. was wären die konsequenzen für spannende ua’s, die sich theater zur adventszeit trauen würden, mal andre, lachenmann etc. beiseite gelassen, nachher ggf. wieder… ich brenne auf antwort aus berufenem munde. die frage des richtigen masses von inhalt, form und darbietung fiel ja schon, sie gaben da schon den hinweis – is ja auch logisch. wie könnte die musik dazu aussehen?

  8. Mathias Monrad Møller sagt:

    @querstand:
    wenn ich es richtig verstehe, lese ich zwei Fragen:
    1. Welche Schlüsse ziehe ich aus der Frankfurter Inszenierung für die Gegenwart?
    2. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus auf das zeitgenössische (Musiktheater-)Komponieren?

    Zu 1.
    Das man aus Werken der Vergangenheit für die Gegenwart schöpfen kann, ist keine neue Erkenntnis. Da kann man bei Pepusch anfangen (der seinerseits in London die „Academy of Ancient Music“ gründete) und bei der Traditionsversessenheit Schönbergs noch lange nicht aufhören. Ich plädiere nicht für Konservativität, sondern für inspiriertes Studieren der historischen Musik. Eine gut inszenierte historische Oper kann eine größere Relevanz besitzen als eine schlecht gemachte zeitgenössische. Letztlich ist es die Frage, woran wir die Relevanz festmachen. Ich erwarte, wenn ich in Bartók oder Purcell gehe, nicht ein provokantes Lehrstück über Kapitlismus oder den Neue-Musik-Diskurs. Trotzdem kann ich, wenn die Inszenierung (oder meine durch die Inszenierung beanspruchte Imagination) mich darauf bringt, dem alten Stoff Aspekte abgewinnen, die mich in meinem heutigen Denken und Schaffen weiterbringen.
    Was mich am Sonntagabend bewegt hat, war genau das: die Fantasie wurde angeregt. Nicht billig, sondern raffiniert. Es haben sich Imaginationsräume eröffnet, die weit über die bloße Erzählung eines Märchens oder eines Barockdramas hinausgingen.

    Zu 2. Aus 1. müsste sich ergeben, dass ich Musik möchte, die die „Fantasie“ anregt. Das meine ich aber nur bedingt. Wenn ich das schreibe, dann schreibe ich es natürlich vor allem als Komponist, denn es ist für mich einfach inspirierend alte Musik zu hören. Ich möchte schon denken, beim Musik hören, ansonsten bin ich gelangweilt, aber ich möchte auch unterhalten werden. Langeweile geht nicht! (Ein ambivalenter Begriff, ich weiß. Darüber lohnte sich eine eigene Diskussion.)
    Wie das Musiktheater heute sein muss, soll jeder Komponist für sich entscheiden. Was die Konsequenz aus einer guten Inszenierung sein sollte: weiterhin gute Inszenierungen machen!

    herzlich,
    mmm.

    ps. am ende der woche schreibe ich über wirklich Zeitgenössisches, versprochen!