Warum singt der Mensch? Über Kunst und Kultur von Mahlers 8.

Am vergangenen Sonntag war ich in Duisburg zu einer Podiumsdiskussion eingeladen – mit Norbert Abels, Steven Sloane und dem Moderator Holger Noltze. Es ging um die Kulturhauptstadt Ruhr.2010 und ihr „Sing!-Projekt“. Aufgrund meiner Kritik u.a. in der NMZ hatte man mich eingeladen. Norbert Abels kam beinahe zu spät, war viereinhalb Stunden unterwegs und brillierte selbst unter diesen erschwerten Bedingungen. (Ich bin da altmodisch, aber ich bewundere Menschen ein bisschen, die mitten im Gespräch zehn Zeilen aus dem Faust II einfließen lassen können.) Die lehrreichste Anekdote des Abends stammte folglich auch aus seinem Mund: der Einfall zum Finale der Achten muss Mahler auf dem Scheisshaus gekommen sein, er notierte den Einfall auf Klosettpapier: „Veni Creator Spiritus…“

Steven Sloane ging – verständlicherweise – irgendwann dazu über, meine Provokationen nur noch mit Geräuschen oder Schulterklopfen zu kommentieren. (Er klopfte meine, nicht seine.) Ich entschuldige mich, wenn ich zu schnell gesprochen haben sollte. Und danke für die sportive Auseinandersetzung und die Einladung zu der Veranstaltung, die mich wirklich sehr gefreut hat .

Zwischenzeitlich hatte ich zwar Angst, den Saal nicht lebend verlassen zu können, so viele Sloane-Fans waren anwesend. Doch für meine Invektive erntete ich auch dankende Blicke und manche ältere Dame, manch älterer Herr kamen anschließend zu mir und sagten: „Gut, dass Sie es gesagt haben. So war es damals im Dritten Reich, – wir haben ähnlich empfunden wie sie als wir die Bilder aus dem Schalker Stadion sahen.“

Weil ich ob solcher Gesellschaft auf dem Podium ganz aufgeregt vorher war, habe ich mir ein paar Gedanken über die Frage gemacht, die über der Veranstaltung schwebte, die da lautete:

Warum singt der Mensch?

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Eine überraschende Frage im Kontext einer Veranstaltung, die damit wirbt, dass mehr als 1000 Menschen ihre Stimme erheben um – ja, was eigentlich zu tun. Zu singen? Ja, auch zu singen. Aber vielleicht nicht zuletzt: laut singen um ein gewaltiges Ereignis zu schaffen, dass den Ruf der Kulturhauptstadt im wahrsten Sinne weit hinaus in die Welt tragen soll.

Warum singen wir? Wir wissen es nicht mehr. Die Situation des Singens ist doppelt prekär, darüber dürfen wir uns Mitgliederzahlen von Chorverbänden nicht hinwegtäuschen.

1. Das Singen ist aus dem Alltag verschwunden. Wo hören wir sie noch, die Mütter, die auf offener Straße ihrem Kind ein Lied singen? Die alten, die singend in ihren Erinnerungen schwelgen? Die Jungen, die mit ihren Songs aufbegehren? Alles wohlverpackt, wo es hingehört: Die Mütter im Babysingen, die Alten im Kirchenchor, die Jungen haben Stöpsel im Ohr oder lassen lieber ihre Handys kreischen statt selbst ihre Stimmbänder ins Schwingen zu bringen. Die einzigen, die hier noch Singen als einen natürlichen Ausdruck im Alltag begreifen, sind – meiner persönlichen Erfahrung nach – Menschen mit afrikanischem Ursprung. Ihnen begegne ich gelegentlich singend am Zülpicher Platz – unalkoholisiert, anders als die Karnevalisten, die einmal im Jahr das öffentliche Singen zum Volkssport erheben.

2. Losgelöst von jeglicher Reflexion produzieren Hochschulen und Kulturinstitutionen Sänger und reproduzieren eine Sangeskultur, ohne dass je auch nur die Frage gestellt würde, warum man eigentlich singt. Der Zugang zur Stimme ist ein technischer und die Frage, warum man eigentlich heute noch seine Stimme zu unnatürlichen Verrenkungen erziehen sollte, wird nicht einmal berührt. Darum ist dieses Modell auch zum Untergang verurteilt – was nicht heißt, dass es nicht den ein oder anderen Star hervorbringen wird, der auch in zwanzig Jahren noch auf einschlägigen Festwiesen benötigt wird.

Aus diesen beiden Gründen ist die Frage die hier gestellt wird, richtig und wichtig.

Auf der anderen Seite ist sie vollkommen hanebüchen, denn sie suggeriert, dass sich nun im Rahmen einer Podiumsdiskussion ansatzweise klären ließe, warum der Mensch singt. Es ist ja nicht so, dass nicht schon große Geister darum gerungen hätten, sich dieses Phänomen zu erklären. Und alle sind sie auf ihre Weise gescheitert. Am brillantesten in meinen Augen immer noch Jean-Jacques Rousseau, überhaupt ein König im Scheitern, der nicht nur eine Theorie Über den Ursprung der Musik verfasst hat, sondern sie auch als Komponist sogleich ins Werk gesetzt hat. Seine Vermutung war ja, dass die Melodie aus der Prosodie der Sprache hervorgegangen ist, eine Art der gesteigerten Deklamation. So ein Griechenmissverständnis halt, wie es alle mal hatte, die sich versuchten, den „Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ zu erklären.

Lustiger wird es dann, wenn man sich Herrn Darwins Position ansieht, der – „naturgemäß“, haha – das Thema aus der Perspektive der Evolution als „Vorteil“ interpretiert hat und aus der Sangeskraft die Manneskraft herauslas. Allein, diese Ergebnisse sind empirisch überholt. Dass Tenöre nicht die besseren Liebhaber sind, weiß schon ein Koloratursopran im zweiten Semester. (Im ersten ist er natürlich noch drauf reingefallen.)

Im Tierreich mag das anders sein – da hat man wohl durchaus Vögel gefunden, denen das Zwitschern zum Vögeln gereicht hat. Gleichzeitig findet man dort aber auch ganz andere Gebräuche des Singens: es wird ein Revier verteidigt, es wird gedroht, es wird gefightet – den lieblichen Vogelklang vernimmt bloß noch der Großstadtneurotiker, der, losgelöst von der Natur, zwar die Motorenklänge unterschiedlicher Automarken zu unterscheiden vermag, jedoch ansonsten den Schlachtruf eines Falken nicht vom Bettelzwitschern eines Spatzen zu differenzieren vermöchte. Ein befreundeter Musikredakteur hat es deutlicher formuliert: „Gesang dient immer der Abschreckung“. Wer es nicht glaube, möge bitte in die Oper gehen. (Sagt der Redakteur.)

Oder in ein Fußballstadion. Spricht man hier doch nicht umsonst von Schlachtengesängen. Eines der eindrücklichsten Gesangserlebnisse meines Lebens hatte ich während der Fußball-WM 2006. Englische und Schwedische Fans belagerten seit Tagen die Stadt und bereiteten den Gastwirten erfreuliche Umsätze. Eines Abends – es war bereits gegen 22 Uhr – trat ich aus dem Kölner Hbf und hörte ein ohrenbetäubendes Gebrüll. Nach kurzem Innehalten kristallisierten sich zwei gegenläufige musikalische Strukturen heraus, die allerdings gleichzeitig abliefen – wie in der vergessenen Komposition von Charles Ives „Cologne Central Station in the dark“. Neugierig näherte ich mich dem Getöse, das je näher ich kam, umso lauter wurde. Schließlich stand ich vor dem Kölner Funkhaus des WDR, mitten auf dem Wallraffplatz, den die englischen Fußballfans bereits seit Tagen okkupiert hielten. Offenbar hatten die schwedischen Fuß-, äh, Maultruppen einen Vorstoß in Richtung des „englischen“ Areals gewagt und nun standen sich zwei Gruppen gestandener englischer und schwedischer Fußballfans gegenüber und bekriegten sich auf schmalstem Raum zwischen hallenden Innenstadtwänden mit ihren Gesängen. (Die Briten gewannen am Ende – sie hatten Verstärker mit mobilen Stromerzeugern dabei.)

Im Fußballstadion findet man neben den Gesängen ja bezeichnenderweise auch immer Trommeln. Und man kann sich ja jetzt keine archaischeren Instrumente vorstellen als ein Korpus, das durch Schläge in Resonanz versetzt wird, Resonanzen, die sich ausbreiten und den Körper ergreifen, ob man will oder nicht. und die Stimme, der Hauch, der Volumen erhält, der im Körper schwingt und andere Körper zum Schwingen bringt. Hier rühren wir dann tatsächlich an die Wurzeln. Hier kommen wir in Bereiche, wo Musik schlicht und ergreifend in der Lage ist, Gemeinschaft zu konstituieren – und immer schon konstituiert hat.

Ob auf der Jagd oder im Alltag. „Wo man singt, da lass Dich nieder, böse Menschen haben keine Lieder“. Das ist so ein urzeitliches Rachenzäpfchen, was immer mal wieder gekitzelt wird. Erstaunlicherweise findet man in älteren Kulturen den Gesang neben den kriegerischen Momenten vor allem zu heilenden oder religiösen Zwecken eingesetzt.

Essen-Werden wurde im Rahmen der Veranstaltungen von Ruhr.2010 ja gewissermaßen zur Wiege der abendländischen Kultur verklärt. Aber wer oder was singt denn in der Kirche? Hildegard von Bingen nannte sich selbst die Posaune durch die das Wort Gottes erklingt. Papst Gregor zwitscherte nach, was ihm eine Taube eingab. Und moderne Menschen schließlich erkannten in der Unabhängigkeit der Stimmführung die Möglichkeit ihrer, besser: der Individualität des Menschen Ausdruck zu verleihen.

„Musik ist immer etwas Gemeinschaftliches, und gemeinschaftliche Aktivitäten stärken den Zusammenhalt einer Gruppe“, sagt der Neuroneurotiker Eckard Altenmüller. Singen beispielsweise sorge dafür, dass sich Menschen „emotional synchronisieren“ – eine unverzichtbare Voraussetzung für gemeinsames Handeln, das wiederum unabdingbar für das Überleben in schweren Zeiten war.“ Nicht umsonst hat auch Elias Canetto in seinem Buch Masse und Macht ein Kapitel dem Bürgerlichen Konzert gewidmet – er beschreibt anschaulich, wie sich dort die Massenbildung vollzieht und wie die „Entladung“ der Masse in ein Ritual gemündet ist.

Ja, Singen synchronisiert. Darum lässt es sich ja auch so hübsch vereinanhmen für furchtbare Zwecke. „Glück auf, Glück auf.“ Wer kommt denn da? Der Steiger? Oder der nächste Führer? Nein, wir dürfen nicht vergessen.
Wie soll man es auch mit der „Weisheit der Massen“ überein bringen, wenn 50.000 Menschen fähnchenschwenkend lauschen, als eine Gruppe weiblicher Teenies mit Betschwesternattitüde singt: „Mit deiner rauhen Engelszunge/ Dringst du in mich ein“? Diese Vorstellung erklärt den entrückten Gesichtsausdruck des Stabführers und Chorleiters.

Wie anders soll man Männerchöre mit Rotwein in der Hand bezeichnen, wenn nicht als „vulgäre Mittelmäßigkeit“ (Le Bon) ? Wie soll man empfinden, wenn der Schlusssatz aus Beethovens Neunter – gemeinsam mit Herbert Grönemeyers „Ruhrhymne“ im Programmheft als „Festivalmusik“ rubriziert – von 50.000 Menschen geschmettert wird, wenn man diesen einmal mit Michael Gielen gehört hat?

„Die Einmütigkeit zahlreicher Zeugen ist einer der schlechtesten Beweise den man zur Erhärtung einer Tatsache beibringen kann“, schrieb Le Bon. Man sich als Autor solcher Zeilen allein unter 50.000 Menschen, die das Erlebnis der „Massenseele“ miteinander geteilt haben.

[Ungefähr an dieser Stelle platzte einem alten Gewerkschafter der Kragen, er stellte sich hin und erzählte, dass er es war, der dieses Werk – nein, nicht Mahler, sondern das Duisburger Kraftwerk – gerettet habe und hielt einen Vortrag über Engel und über Gott – dem einzigen Grund, weshalb man singt und dass ich wohl der einzige Idiot bin, der anders gedacht hat. Große Zustimmung beim Nachbarn zu meiner Rechten, Steven Sloane, der seine beschwichtigende Hand irgendwann gar nicht mehr von meiner Schulter wegkumpeln wollte.]

Wie schon der belgische Komponist und Musikgelehrte Francois-Auguste Gevaert feststellte, ist Musik an und für sich eine Massenkunst. In jedem öffentlichen Konzert ist die gesamte Gesellschaft symbolisch anwesend, repräsentiert durch die Gemeinschaft der Hörer, die niemanden aufgrund seiner Herkunft oder seines Standes ausschließt. Es ist ein Irrtum, diese Erfahrung der Verschmelzung durch Masseninszenierungen zu ersetzen: Wo es darum geht, Bilder zu erzeugen, ist die Musik nur vorgeschoben.

Aber betrachten wir es noch einmal positiv. Musik ist immer schon ein wesentlicher Bestandteil von Identitätsbildung. Egal bei welchen Menschen, egal woher sie kommen. Das ist auch heute mit ipods nicht anders. „Zeig mir Deinen ipod und ich sag Dir, wer Du bist.“ Allein, die Rolle des Singens hat dabei keine sonderliche Bedeutung.

(Was ist in dem Zusammenhang DSDS? Geht es dort ums Singen? Oder ist das nur ein Medium um „Star“ zu sein?)

Die Stimmen nun zu instrumentalisieren, das Singen als Mittel einzusetzen, um eine Region, die keine Identität hat, beziehungsweise, die viele Identitäten hat und eigentlich keine Lust hat, sich „über einen Kamm scheren zu lassen“, zu missbrauchen halte ich dann in der Tendenz für faschistoid und die Inszenierungen wie im Schalke-Stadion halte ich für frevlerisch. (Die Zusammenstellung solcher Abende würde ich vergleichen mit einem WM-Endspiel im eigenen Land und Jogi Löw entscheidet sich, anstatt mit den elf besten, mit 33 anderen Spielern aus der Gegend aufzutreten. Warum behaupten alle immer, dass man solche Veranstaltungen machen müsse, damit hinterher mehr Menschen singen? Strahlt jemand Champions League-Spiele aus, damit am Ende mehr Menschen Fußball spielen?)
Auch die Sinfonie die wir heute hören werden, hat ja Kritik aufgrund ihres Monumentalismus auf sich gezogen.
In gewisser Weise ist die Achte Sinfonie natürlich in einer Halle wie der Duisburger Turbinenhalle gut platziert. Schon den Zeitgenossen war bewusst, dass für Mahler das „wackelige Prospekt des Grandiosen seiner Ära“, so Adorno „Hintergrund seines metaphysischen Elans sei“. Industriehallen wie jene in Duisburg verkörpern aufs Schönste, was mit dieser Aussage gemeint ist.

Was Adorno an Mahler geschätzt hat, war seine „Sentimentalität, die sich die Maske herunterreisst“, war „das Banale, das sich als Banales deklariert“. An der Achten mochte Adorno nicht, dass sie all dies nicht tut. Insofern passt Mahler zu Ruhr.2010 – denn hier feiert man das Banale als Apotheose seiner selbst.

Also noch ein Grund, die Achte hier zu spielen. Mit mehr als 1000 Mitwirkenden. Das ist dann jedoch nicht im Sinne historischer Aufführungspraxis zu verstehen, sondern letztlich als irregeleitete Wortwörtlichkeit, als Fundamentalismus. 1000 Sänger, 99 Jungfrauen – jedem Fanatiker sein Paradies.

Die Aufführung war dann übrigens besser als erwartet. Lorin Maazel pinselte den Abend leidenschaftslos herunter und hielt die Massen zusammen. Schwerhörig genug war er offenbar auch, um zunächst 40 min.-Dauerfortissimo an vorderster Front zu ertragen. Und am Ende hat ers uns allen noch einmal gezeigt, wie man so ein Stück beendet. Ein Abend, der doch vor allem vom Ereignis lebt, davon, wer hier zusammengekommen ist um diesen Moment zu zelebrieren. Was dann als Musikprogramm läuft war auch schon zweitrangig. Es ging um den Kult.

Und ums Protokoll natürlich. Ein Riesenpolitikerauflauf, angefangen beim Bundespräsidenten Wulff. Warum man solche großen Veranstaltungen macht, wusste vermutlich niemand besser als er, der sich fleißig im Kreise von Kinderchoristen ablichten ließ. Denn seit seiner Wahl zum Bundespräsidenten sagt er sich bereits morgens beim Aufstehen: „Jede Stimme zählt.“

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Musikjournalist, Dramaturg

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2 Antworten

  1. …“and in the end the love you take is equal to the love you make“ – (Josef Ackermann – 2011 oder „The Beatles“ ungefähr 1968) Als ersten Preis gibts einen doppelten Rohde-Bärwurz (Jahrgang 1929, Preis für 2 cl 600.0000.00,- Euro).

  2. Ergänzung: …Rohde singt am allerschönsten: „Drunt in der Wachau – hab ich ein Mädel geküsst…“ Knödel mit Steinpilzen inbegriffen…