Klimarettung in Sao Paulo Teil 6: Wir müssen den Strand bewahren, denn er bewahrt auch uns

Jetzt muss man schon differenzieren: Neueste Recherchen bei Brasilianern haben ergeben, dass das Applausverhalten sich hier doch sehr von dem in Europa unterscheidet. Der durchschnittliche Brasilianer besucht zum Beispiel gleich mehrere Kulturveranstaltungen pro Abend, daher klatscht er nie lang, denn er muss ja noch woandershin. Auch die Standing Ovation ist hier häufig verbreitet – man steht möglichst gleich nach Ende eines Stückes auf, um den Künstlern die nötige Reverenz zu erweisen. Dies will man dann aber auch schnell hinter sich bringen. Buhrufe gibt es nie, egal wie gräßlich etwas ist. Auch in Darmstadt sind sie ja inzwischen aus der Mode (siehe Patricks letzten Blogeintrag).

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Dies soll den Erfolg des Amazonas-Abends jetzt nicht nachträglich schmälern – dass das Publikum einheitlich sofort für die Standing Ovation aufsteht ist selten, ebenso, dass es auch wirklich alle im Publikum tun. Zusätzlich gibt es jeden Abend für uns auch deutliche Bravo-und Begeisterungsrufe, was hier überhaupt nicht üblich ist. Also immer noch ein Erfolg!

Copa Cabana 2

Gestern haben wir von der ganzen Metropole genug gehabt, und es gab das dringende Bedürfnis, an einen lauschigen Strand zu fahren, um dort etwas zu entspannen. Unsere liebe Sängerin Katia Guedes organisiert als Brasilianierin einen Bus, der uns außerhalb der Stadt bringen soll. Dies gestaltet sich erst einmal nicht so einfach, denn Sao Paulo ist die Stadt des ständigen Doppelstaus – in beide Richtungen, egal zu welcher Uhrzeit (außer zwischen 5 und 6 Uhr morgens, wo kurzfristig etwas Ruhe einkehrt). Stundenlang fahren wir durch bizarre Landschaften: erst häßliche Vororte, dann eine Art Industriegebiet das aussieht wie in Tarkowskijs „Stalker“, schließlich werden wir aus uns unerfindlichen Gründen in einen Konvoy aus Großlastern aufgenommen, der uns mehrere Kilometer in seiner Mitte gefangen hält, bis uns die Abgase fast erstickt haben. Schließlich kommen wir in einer Art Brighton an, eine häßliche Hotelburg am Atlantik, aber auch dieses ist noch nicht unser Ziel. Ganz plötzlich verschwinden die Hochhäuser und wir fahren durch angenehm dampfenden Dschungel, der immer wieder den Blick auf malerische Wasserfälle freigibt.
Katia erzählt uns, dass wir die Wahl zwischen drei Stränden haben – wir entscheiden uns natürlich für den schönsten. Es gibt nur ein Problem: Um zum Strand zu gelangen, muss man Privatgelände betreten. In Brasilien ist es verboten, Strand zu besitzen (der gehört immer der Regierung), aber man kann natürlich das an den Strand angrenzende Land besitzen. Gerne würde man dieses abriegeln, um seine Ruhe zu haben, aber es ist per Gesetz verboten, Menschen den Zugang zum Strand zu verweigern. Meistens schließen sich daher mehrere Hausbesitzer zusammen und engagieren eine Art Sicherheitstruppe, die potentiellen Besuchern den Zutritt zum Strand so unangenehm wie möglich macht.

So werden wir von einer Art Soldatentrupp empfangen, der uns zuerst einmal nicht erlaubt, mit dem VW-Bus die 4 Kilometer lange Straße zum Strand herunterzufahren. Als wir frustriert aussteigen um uns zu Fuß auf den Weg zu machen, erlaubt man es aber überraschend doch. Anscheinend ist die Vorstellung von 14 Europäern, die durch die Privatstrassen an den Häusern von Millionären vorbeimarschieren, zu unerträglich. Der Wagen darf uns aber nur zum Strand bringen, muss dann sofort zurückkehren und uns zu einem fest vereinbarten Zeitpunkt wieder abholen. Der Fahrer muss ein kompliziertes Formular ausfüllen und sein Ausweis wird kopiert. Ebenso muss eine komplette Passagierliste abgegeben werden.

Der Zugang zum Strand wird streng bewacht, wir dürfen aber passieren. Auch am Strand patrouillieren Sicherheitskräfte. Der von Katia angekündigte schöne Wasserfall ist tatsächlich sehr schön, leider darf man sich ihm aber nicht nähern – mehrere Verbotsschilder und eine Barriere verhindern dies. Der Strand selber ist sauber, ebenso das Wasser. Wir genießen die „winterlichen“ Temperaturen, die in etwa einem heißen Sommertag an der Nordsee gleichen (In Brasilien ist Winter, wenn bei uns Sommer ist) und angenehme Wellen. Allerdings dürfen wir uns nicht ZU wohl fühlen. Jedesmal wenn wir lachen oder uns irgendwie zu sehr freuen, kommt ein Sicherheitsmann vorbei und schaut streng.
Katia hat uns schon darauf hingewiesen, dass das Umziehen am Strand in Brasilien streng verboten ist. Hier herrscht eine seltsame Doppelmoral: Einerseits darf man an der Copa Cabana als Frau quasi nackt in „Arschseide“ gekleidet flanieren, sich aber keineswegs am Strand umziehen, das wäre ja unmoralisch. Einer von uns versucht es doch: heimlich wechselt er unglaubich dezent im Sitzen versteckt unter einem Handtuch seine Badehose. Sofort erschallt ein schriller Pfiff: Die Strandpolizei ist im Einsatz! Die brasilianischen Tugenden „Ordem ed Progresso“ (Ordnung und Fortschritt) müssen geschützt weden! Wir werden gezwungen, unsere Umziehaktionen vor einer winzigen Strandtoilette durchzuführen. Diese befindet sich direkt neben einer Strandbar (deren Zugang uns verboten ist), in der mehrere ältere Damen direkt neben uns einen Aperitif zu sich nehmen. Sie schauen uns mißbilligend an, da wir quasi vor ihrer Nase unsere Handtuchtänze vollführen.
Na ja, am quasi leeren Strand hätten wir bestimmt jemanden gestört.

Als wir nach langer Fahrt wieder am Hotel ankommen (wir fuhren 6 Stunden, um 2 Stunden am Strand zu verbringen) sind wir fast glücklich. Irgendwie hatte uns Deutschland ja schon ein bißchen gefehlt, aber jetzt wissen wir: hier ist es fast wie zuhause!

Moritz Eggert

Copacabana

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