Dosenschlagen in New York, Teil 5: ICE into Darmstadt!

Ubahnwald

Manchmal muß man diese typischen New Yorker Dinge machen: irgendeinen „angesagten“ Ort besuchen und danach durch irgendeine Art Gallery laufen.

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So schlendere ich mit der Flötistin Margaret Lancaster durch ein zum Park verwandeltes Hochbahngleis in Chelsea. In der Sonne brutzeln Gym-gestählte New Yorker und lauschen einer Klanginstallation, in der ein Künstler verschiedene Glockengeräusche aus New York gesammelt hat. Margaret erzählt mir, wie sie nach New York kam: „Ich war ein unschuldiges Mädel aus Kentucky, das keine Ahnung hatte, wo es „in“ war, zu studieren. Ich habe sicherlich einige falsche Entscheidungen getroffen und hätte es mir leichter machen können. Aber als ich einmal hier war wollte ich nie wieder weg.“
Margaret spielt nicht nur Flöte, sie tanzt, steppt, schauspielert und spielt mit den Füßen Gitarre. Vielseitigkeit ist Trumpf, vor allem wenn man in New York überleben will.

Später besuchen wir die obligatorische Galerie und schauen uns Arbeiten von Christian Marclay an. Er hat eine „4th of July“-Parade fotografiert, dann die einzelnen Bilder zerrissen und getrennt aufgehängt. Seine früheren Arbeiten gefallen mir besser: Dirigentenproträts von Covern der Deutschen Grammophon, collagiert mit den Beinen von Models. Umgekehrt wäre langweiliger.

Marclay

Am Abend dann besuch bei einer „Fundraising-Gala“ des ICE-Ensembles. ICE ist hier nicht etwa ein deutscher Schnellzug sondern eines der wichtigsten Neue Musik – Ensembles Amerikas, das „International Contemporary Ensemble“ aus Chicago. Eine Fundraising – Gala sieht so aus: Man nehme einen hippen Ort – in diesem Fall den wunderschönen Dachgarten des Gramercy-Parkhotels, einem Hotel das so angesagt ist, das noch nicht einmal „Hotel“ unten dran steht, sondern einfach nur „GPH“, und das es sich leisten kann, bei auf vollen Touren laufender Air Conditioning-Anlage (in New York herrscht eine Affenhitze) einen Kamin in der Lobby zu befeuern, damit die Gäste nicht frieren (!!!) – verkaufe dazu teure Tickets, deren Preis schon ein Teil des Fundraisings ist, und erfreue dann das erlesene Publikum mit einer kleinen Uraufführung, Drinks und der Versteigerung von diversen Dingen. So kann man zum Beispiel eine zerbrochene Geige aus einer Produktion von „Eight Songs For A Mad King“ von Peter Maxwell Davies, signierte Partituren oder eine musikalische Soirée mit den beiden Topflötisten des Ensembles, Claire Chase und Eric Lamb ersteigern.

What price Pintscher?

What price Pintscher?

Ich stehe neben einer signierten Partitur von Matthias Pintschers „Heriodade-Fragmenten“ und überlege mir gerade, wieviel ich dafür investieren würde, als Matthias auch schon neben mir steht. Kein Wunder – Matthias ist einer der Topkomponisten, mit denen das Ensemble arbeitet, die Anwesenheit bei diesem Event ist also Pflicht für ihn. „Ich musste einfach aus Deutschland weg – alles war mir zu eng und zu langsam. Jetzt bin ich hier und möchte nie wieder weg aus New York. Im Moment bin ich so glücklich wie noch nie in meinem Leben“ erzählt er mir. Zu uns stößt Andreas Waldburg-Wolfegg, ein hochsympathischer Gönner und Förderer der Neuen Musik, der sich für das ICE-Ensemble als „President of the Board“ stark macht.
Er ist hochzufrieden mit dem Verlauf der Gala – die richtigen Kritiker und Persönlichkeiten des Musiklebens sind gekommen. Auf Monitoren, die strategisch überall platziert wurden, sind die neuesten hymnischen Kritiken des Ensembles zu lesen. „Solche Galas gehören hier absolut zum Musikleben“ erzählt er mir. Dazu gehört auch das richtige Publikum: „Einige sind hier vor allem eingeladen, damit sie gut aussehen. Anders als in der bildenden Kunst können wir nichts Bleibendes geben wie ein Kunstobjekt, Musik ist flüchtig. Aber wir können dafür sorgen, dass es ein cooles Event, ein besonderes Erlebnis wird, über das man redet.“
Und er hat recht: Durch den Dachgarten flaniert schicke New Yorker junge Szene, nicht typisches „Neue Musik-Publikum“. Ich sehe wie zwei aufgedonnerte Mädels kichernd gemeinsam in der aus einem einzigen Raum bestehenden Damentoilette verschwinden. Vielleicht haben sie auch gleich ein besonderes Erlebnis.

Der Höhepunkt des Abends hat begonnen: eine kleine Komposition für wandernde Crotales und Glocken. Wer will, kann auch eine Handynummer anrufen, sein Handy auf „laut“ stellen und musikalisch Teil des Geschehens werden. Eine kleine, traurige Klarinettenmelodie erklingt: Das Stück ist schon wieder vorbei. Für einen kurzen Moment ist der Dachgarten durch Musik in einen magischen Ort verwandelt worden.

ICE Gala

Ich spreche mit Eric Lamb, dem Flötisten. Er spricht perfekt Deutsch, da er in Frankfurt studiert hat (was in gewisser Weise überrascht, denn dort spricht man diese Sprache ja gar nicht). „Ich habe Deutsch durch „Tatort“ gelernt – jede Woche ein neuer Dialekt“. Ei Gude, Wie! Eric erzählt mir, dass der eigentliche Grund für die Gala ICEs Reise nach Darmstadt ist – sie sind zu den Ferienkursen eingeladen. Auf einem Plakat sind verschiedene Aktivitäten aufgelistet, die man durch Spenden finanzieren kann. So kann man Eric Lamb für 50,-EUR ermöglichen, in Darmstadt ein Schnitzel zu essen (natürlich nur im übertragenen Sinne). Auf einer Promotionpostkarte hat der Grafiker des Ensembles Darmstadt so dargestellt, dass es aussieht wie Kalifornien. Ich verschweige den Ensemblemitgliedern, wie Darmstadt WIRKLICH ist, das wäre so als würde man auf einem Kindergeburtstag vor den Augen des Geburtstagskindes in den Kuchen treten.

Zum Abschied bekommen alle Besucher eine kleine Tüte mit Geschenken: CD’s, Streichholzschachteln sowie einen kleinen Button mit dem Konterfei von Matthias Pintscher. Der echte Hardcore-Bad Blogger wird diesen Button beim nächsten Donaueschingen-Besuch tragen, nicht wahr, Patrick und Arno?
Ich mache mich auf die lange Rückreise nach Brighton Breach, armes Viertel voller Exilrussen und das absolute Kontrastprogramm zu Chelsea. Auf den Stufen der Ubahn haust ein Obdachloser und bittet mich um Geld. Auch eine Form von Fundraising.

Moritz Eggert

Inhalt des Geschenketütchens

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2 Antworten

  1. peh sagt:

    freu mich auf den button – ist das nicht total 80ies? – und danke für den erneut sehr unterhaltsamen bericht. kritik hätte ich einzig am paparazzo eggert zu üben, der sich in sachen abendrobenbelichtung noch mehr trauen kann. die ersehnte henze-anekdote kriegen wir hoffentlich noch von einem hausbesuch – men at work 2? – nachgeliefert!?!

    vorerst bleibt die frage: wer zahlt mir ein plüschiges kopfkissen, damit ich mich in darmstadt mit eric lambs schnitzel unterhalten kann?

  2. querstand sagt:

    jetzt hält doch noch ein ICE in zukunft in darmstadt? kauft brav buttons, so hält wenigstens ein musik ICE hof. den restl. ICE’s und Darmstadt wird es wohl so ergehen…