NYC – composing america

Hat hier jemand Vorurteile? Gegenüber amerikanischer Musik? Ich muss ja hier kein Fulbright-Stipendium bekommen. Darum darf ich meine Vorurteile gern haben. Und pflegen. Vorurteile sind ja auch per se nichts schlechtes. Man muss sie sich nur immer wieder bestätigen! Damit sie es irgendwann aus dem Vorhof der Vermutung in den Hochsicherheitstrakt der Gewissheit schaffen.

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Zu diesem Zweck allein habe ich also heute das Konzert des American Composers Orchestra’s besucht, eines Vereins, der sich rühmt, „the only orchestra in the world dedicated to the creation, performance, preservation, and promulgation of music by American composers“ zu sein. Gratulation. Schon seit 33 Jahren. Warum sich Dirigenten wie Dennis Russell Davies und Steven Sloane als Conductor Laureate und Principal Guest Conductor dafür hergeben, bleibt schleierhaft. Dass es aber eines Vereins bedarf, der sich dieses Anliegens gesondert annimmt – anders kämen solche Programme wohl nicht zustande.

Mein Nachbar verbarg unter seinem Stuhl eine große Chipstüte. Wenn man genau hinsieht, kann man sehen, wie er ein besonders schönes großes Chip nicht in seiner knisternden Tüte sondern in seiner Backentasche bewegt. Weil seine Rascheltechnik mich beeindruckt hat, sei er hier mit seiner Kunst vorgestellt.

Mein Nachbar verbarg unter seinem Stuhl eine große Chipstüte. Wenn man genau hinsieht, kann man sehen, wie er ein besonders schönes großes Chip nicht in seiner knisternden Tüte sondern in seiner Backentasche bewegt. Weil seine Rascheltechnik mich beeindruckt hat, sei er hier mit seiner Kunst vorgestellt.

Standesgemäß wird der Abend mit Musik von Charles Ives eröffnet. Ives. Aber wie! Dear Mr. President, solche Aufführung ist ein Fall für das Heimatschutzministerium! Save your Saints! Rettet Ives vor dem American Composers Orchestra!

Nach dieser Schändung tritt der „Artistic Director“ vor das Publikum, „ladies and gentlemen, welcome to the orchestra underground.“ orchestra underground? stop. dieses konzert war so underground, dass die karten 48 dollar gekostet haben – ich weiß nicht, ob ich jemals so viel geld für so viel schlechte musik bezahlt habe -, zweitens war es so alternativ, dass der saalordner den security rief um den chefeinlasser zu holen um mir auf meine frage zu antworten, ob ich mich denn wohl mit einem bekannten cellisten zusammen setzen könnte. (um unsere vorurteile auszutauschen, ist ja klar!)

Ab in die Unterwelt der Oberwelt

Ab in die Unterwelt der Oberwelt

underground ist natürlich in der zankel hall, dem kammermusiksaal der carnegie hall, der aber bereits recht groß ist, eine doppeldeutige sache, man hört nämlich an leisen stellen, die es an diesem abend natürlich kaum gibt, gerne mal die underground, die in new york – anders als in london – subway oder train heißt. und auch als zuschauer wird man hier ja erst mal drei etagen unter straßenniveau befördert. in diesem fall war das mit dem künstlerischen niveau gleich bedeutend.

weiter im text. des artistic director. „wir spielen gerne komponisten, die man noch sehen kann. (bis auf ives, haha!) darum kommt gleich jeder komponist auf die bühne und gibt seiner musik seine stimme.“ sehr schön. was das bei erin gee heißen kann, wissen wir schon aus europa. was aber werden curt cacioppo, huang ro und donal fox anstellen?

Man muss sich die dramaturgischen und organisatorischen gedankenspiele für dieses konzert vermutlich ungefähr so vorstellen:
1. wir brauchen komponisten, die auch selbst was performen.
2. wir brauchen auch eine komponistin!
3. dann brauchen wir auch einen schwarzen.
4. dann dürfen wir aber auch die native americans nicht vergessen.
5. und die asian americans!
6. aber mehr stücke können wir in zwei stunden wirklich nicht proben.
7. okay. dann spielen wir noch zwei stücke von ives. die gehen so.

das resultat war dann so verheerend, wie diese schilderung vermuten lässt. die komponisten waren so etwas wie kleine superheldenfiguren, die alle mit einer besonderen eigenschaft ausgestattet auf die bühne kamen. curt cacioppo, hatte sich ein paar trommeln mitgebracht. immer wieder durfte er sich eine nehmen, haute drauf und rief etwas, das wie schina-schina-schina klang. (asien kommt doch erst später?) immerhin die musik klang nach cowboy und indianern, die schleife um seinen hals kannte ich sonst nur von gefallenen rodeoreitern oder aus filmen der coen-brothers. die amerikanische flagge, die am linken bühnenrand zu sehen ist, steht dort angeblich bei jedem konzert.

music spanked banner

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huang ro kam im schlafanzug, vermutlich war seine waschmaschine kaputt gegangen und er war knapp dran, er hatte sogar noch den abwasserschlauch in händen, als er die bühne betrat. er hatte ein stück geschrieben, dass auf einem text aus dem 4. Jahrhundert beruht, auch wenn die worte von ro persönlich stammen. (das muss an der chinesischen alternativmedizin liegen, denke ich mir, während ich im programmheft weiterblättere.) ro singt seine countertenorpartie auch noch selbst und klopft sich dabei manchmal lustig auf den mund. so, wie mein kleiner sohn irrtümlich annimmt, dass es die apatschen machen, wenn sie an die lippen tatschen. offenbar haben die musiker sein stück noch nicht fertig geprobt, denn am ende nimmt er sogar seinen schlauch und wedelt ihn in der luft um sie zum weiterspielen anzutreiben. als das fruchtlos bleibt, gibt er auch und legt seinen schlauch hin.

erin gee im konzert im video

erin gee im konzert im video

könnt ihr noch? erin gee, die nie ohne zwei mikrophone in der hand auftritt und sie dann immer vor ihrem mund hin und her schüttelt – vielleicht sollte ihr jemand sagen, dass das keine rasseln sind und dass es ausreichen würde, wenn sie ein mikrophon still hielte – hatte ihren bruder zur verstärkung mitgebracht. er machte auf der gegenüberliegenden seite der bühne seine faxen – ohne mikro – und erinnerte mich dabei stark an eine der lebenden statuen, die vor dem kölner dom auf münzzuwurf von touristen arhythmische körperkoordinationsübungen vollführen. „das ist schlimmer als eurhythmie“, sagte mein nachbar, der es wissen muss.

twittering my prejudice

twittering my prejudice

damit so viel underground den geneigten zuschauer nicht überfordert, wurde mitten im konzert ein film gezeigt, der die hintergründe von gees arbeit verunklarte. muss man schon sagen: in der medialen aufbereitung ist dieses orchester weit vorne: videoclips von den uraufführungen auf der homepage, ältere konzerte kann man vollständig nachhören und in der konzertpause darf man als zuschauer seinen kommentar twittern. (wer meinen findet, kriegt eine flasche crémant!)

twittern mit beistand

twittern mit beistand

ich kürze hier ab, es ist schon halb zwei und ich muss eigentlich noch ein programmheft schreiben. also: keine exkurse mehr zu peter gelb und dem opernkinozeigen der metropolitan opera und diesem im konzert kino spielen etc.

donal fox hat sich wohl gedacht, dass rhapsody in blue eigentlich viel zu häufig gespielt wird und sich die menschen freuen würden, wenn mal ein anderes stück gespielt wird, das so ähnlich klingt, aber eben auch ein bisschen nach free jazz. und es hielt niemand mehr auf den sitzen. mich auch nicht.

standing ovations mit kopftuch

standing ovations mit kopftuch

den höhepunkt des konzerts habe ich mir aber natürlich für den schluss aufgehoben. das war der auftritt eines vertreters der luxusgüterfirma LVMH, die „emerging american composers“ mit Aufträgen fördert und offensichtlich mit dem ACO im Bunde steht. Er hat sich auch schon ein ganz tolles neues Projekt ausgedacht, zu dem nun Kompositionen eingereicht werden können, die – in sieben bis neun minuten und für ein preisgeld von 7000 Dollars – folgendes abhandeln: „capture and reflect the sound, feeling and vibrancy of hundreds of neighborhoods within the five boroughs of New York City and anticipates a brighter, more sustainable, greener world.”

ist das nicht toll? den französischen akzent hättet ihr hören sollen, den hat er sich vermutlich antrainiert um in new york würdig den champagner vertreten zu können. kann man jemandem den sieg wünschen? american composers: mit solchen anwälten braucht ihr keine feinde. freunde: pflegt eure vorurteile.

Sebastian Currier lässt sich dann lieber direkt vom echten American Composers Orchestra spielen: Sir Simon führt am kommenden Wochenende in Berlin sein Harfenkonzert urauf.

Sebastian Currier lässt sich dann lieber direkt vom echten American Composers Orchestra spielen: Sir Simon führt am kommenden Wochen sein Harfenkonzert urauf.

Musikjournalist, Dramaturg

3 Antworten

  1. hufi sagt:

    I don’t have prejudices about American Music -Audience Member

  2. phahn sagt:

    Oh. Das ging aber schnell. Ich hätte aber Verwandte und Mitarbeiter der nmz von der Teilnahme ausschließen sollen, sonst heißt es jetzt wieder: die gönnen uns nicht einmal einen Tropfen Schaumwein. Aber es stimmt: Rätsel gelöst. Kannst Du noch den Link auf die Twitter-Geschichte setzen? Das wäre toll!

  3. hufi sagt:

    Hier der Link zum Eintrag. Und noch einer zum entsprechenden Twitteraccount. Die Vorwürfe gibt es so oder. Warte ein paar Minuten ;-)

    Ich habe viel Freude gehabt beim Lesen übrigens.